Freitag, 6. Juli 2012

Verdi

Tonausfall

In den Moments musicaux feiert Selysses Brahms und macht kein Hehl aus seiner Abneigung gegenüber bayerischer Volksmusik und Zitterspiel. Die Einstellung zu weiteren Formen und Gebieten der Musik wie der Oper und insbesondere auch die Einstellung zu Verdi bleiben unklar.

Für eine Bregenzer Aufführung der Oper Nabucco hatte Selysses als Dank für die Teilnahme an einer Veranstaltung des Rahmenprogramms Freikarten erhalten und steht nun unschlüssig mit den Karten in der Hand auf dem Vorplatz, unschlüssig, weil es ihm mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu mischen und unschlüssig, weil er den Chor der gemäß einem genialen Regieeinfall in richtige Juden mit KZ-Zebraanzügen verwandelten Sklaven nicht sehen will. Er verzichtet letztlich auf das Klangtheater und versenkt sich stattdessen vor dem Einschlafen an jenem Bregenzer Abend in ein Bild der Stille: Als der Maestro im Januar 1901 im Sterben lag, hatten die Mailänder vor seinem Haus Stroh in die Straßen gestreut, damit die Hufschläge der Pferde sich dämpften und er hinübergehen könnte in Ruhe. Im Traum dann sieht Selysses diese strohbedeckte Mailänder Straße und Kutschen und Droschken, die lautlos hin und her fuhren auf ihr.

Eine weitere Möglichkeit der Auseinandersetzung mit Verdi ergibt sich in Verona. Den Tag über hat Selysses in der Biblioteca Civica Veroneser Zeitungen aus den August- und Septemberwochen des Jahres 1913 studiert. Als er Abend Salvatore vor einer Bar auf der Piazza Bra gegenüber der Arena trifft, liegt auf dessen Tisch Sciascias Buch mit dem Titel 12 & 1. Auch die Oper ist nicht mehr, was sie einmal war, urteilt Salvatore. Dabei hätte er beim Besuch der Aufführung keineswegs Choristen in Zebraanzügen zu befürchten, die Bühnenbilder und die Kostüme für die Aida, die heute gegeben wird, sind vielmehr exakte Nachschöpfungen der im Jahre 1913 für die Eröffnung der Veroneser Festspiele von Ettore Fagiuoli entworfenen. Aber die Vergangenheit läßt sich weder mit dummer Gewalt und gestreiften Kitteln in die Gegenwart befördern, noch unberührt in ihr verwahren. Zumal das Jahr 1913 war ein ganz besonderes Jahr, die Zeit wendete sich, und wie ein Natter durchs Gras lief der Funken die Zündschnur entlang. Nichts ist seither mehr das, was es einmal war. Obwohl ihm die Oper alles bedeute, fährt Salvatore fort, habe er in den dreißig Jahren, die er lebe in der Stadt, nie eine Aufführung gesehen in der Arena. Er sitze hier draußen auf der Bra, wo von der Oper nichts zu hören ist, nicht der Orchesterklang, nicht der Chor, nicht die Stimmen der Sänger, kein Ton. Er höre gewissermaßen eine lautlose Oper. 

La spettacolosa Aida, als säße die ganze Gesellschaft immer noch zur Feier des unaufhaltsamen Fortschritts im Operhaus in Kairo bei der Uraufführung im Jahre 1871. Die Wälder wirst du wiedersehen, lautet das Versprechen Amanorosos. Und jetzt bricht ein Feuer aus im Opernhaus. Durch die Rauchschwaden unter der Decke senkt sich eine unbekannte Figur herab, di morte l’angelo a noi s’apressa. Das Kairoer Opernhaus ist aber nicht 1871, sondern 1971 niedergebrannt, der Todesengel senkt sich nicht auf Aida und Radames herab, sondern, ohne Gesang, auf uns. Die Geschichte geht jetzt ihrem Ende zu. Wir erleben sozusagen die Generalprobe der Abschlußszene der Schwindel.Gefühle, die aus dem Brand Londons hinleitet zum Weltende im Jahre 2013.

Salvatore ist längst gegangen und Mitternacht längst vorbei, als Selysses, der immer noch auf der Piazza Bra sitzt, glaubt, den Hufschlag eines Pferdes zu hören auf dem Pflaster des Platzes und das Rollen einer Kutsche, für ihn offenbar das Sinnbild der Verdizeit, der Zeit, als alles noch hätte ganz anders kommen können, als es dann gekommen ist. Die Kutsche bekommt er nicht zu Gesicht, stattdessen taucht vor seinem inneren Auge eine Freilichtaufführung der Aida auf, die er als Kind in Begleitung der Mutter gesehen hatte. An nichts kann er sich erinnern und schon gar nicht an die Musik, nur an den Triumphzug bestehend aus einem armseligen Reiterkontingent und einigen gramgebeugten, vom Zirkus Krone entliehenen Kamelen und Elefanten.
Die Erzählung All’estero schließt mit einer Szene am Sterbebett Kafkas, des frühen Sängers vom Scheitern der Neuzeit. Werfel überreicht dem todkranken Freund ein Exemplar seines Verdibuches, das Kafka wohl kaum noch hat lesen können. Vielleicht nicht der größte Verlust, den Kafka verschmerzen mußte, urteilt Selysses. Er selbst jedenfalls habe in dem immerhin gut sechshundert Seiten starken Roman nichts Bemerkenswertes gefunden außer dem Exlibris eines Dr. Samson, der die Aida so geliebt haben muß, daß er das Todesbildnis der Pyramiden zu seinem Insignium wählte. Kafka selbst, so mutmaßt der Dichter, habe im übrigen die Gelegenheit, bei der Eröffnung der Veroneser Festspiele im Jahre 1913 dabei zu sein, nur knapp verpaßt und noch an allen Ecken und Enden die vom August herrührenden Anschläge der spettacoli lirici all’Arena gesehen, ganz besonders aber und in Großbuchstaben: AIDA. Verdis Musik aber war unwiderruflich verklungen.

Die Frage, wie Selysses zu Verdis kompositorischen Leistungen steht, hat sich nicht erhellen lassen, da kein einziger Ton erklingt. Verdi erscheint als Tonmeister der Lautlosigkeit. Inwieweit dieser Ansatz für die Musikwissenschaft als wegweisend gelten kann, muß dahingestellt bleiben. Tatsächlich wird Verdi gar nicht als Tondichter gesehen, sondern als der italienische Notenfürst des neunzehnten Jahrhunderts, als Sinnbild des Glanzes und der Herrlichkeit, den die Menschen dieses Jahrhundert selbst über ihren Köpfen sahen. Das Jahr 1913 aber war ein ganz besonderes Jahr, die Zeit wendete sich, und wie eine Natter durchs Gras läuft seither der Funken die Zündschnur entlang. Wäre nicht der schreckliche Lärm überall, die Brandung des Verkehrs, die Stunde um Stunde über uns hinweggeht, würde man das leise Knistern hören zwischen den Halmen, die Musik jedenfalls schweigt.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Zum ewigen Frieden

Fragen der Strategie

Sebald ist in der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren, mehrfach erzählt er von der Überzeugung seiner Kindheit, Trümmerfelder seien feste Bestandteile eines jeden Stadtbildes, ähnlich wie, könnte ein anderer ergänzen, Bombentrichter als unverzichtbare Ausstattung der allen nach pädagogischen Gesichtspunkten angelegten Spielplätze weit überlegenen natürlichen Spielareale in den Waldungen galten.

An die Stelle dieser gleichsam ruhenden, dem Auge des Kindes unverfänglichen Kriegsspuren, treten für den Heranwachsenden schon bald die lebendigen Verheerungen und die sich nicht schließenden Wunden. Dabei sind es eher Spuren aus dem entsetzlichen Weichbild der Kriege als unmittelbare Folgen der Kampfhandlungen, die Selysses fortan nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Im Barrestaurant des Crown Hotels sitzt er bei der Teestunde, der Perpendikel der Standuhr bewegt sich gleichmäßig hin und her, Ruck für Ruck geht der große Zeiger durch seine Runde, und eine Weile schon fühlt er sich WIE IM EWIGEN FRIEDEN, als er bei der eher achtlosen Durchsicht des Independent auf einen langen Artikel über die wohl kaum als Kriegshandlung zu bezeichnenden Greueltaten der kroatischen Ustascha stößt. Auch die in den Ausgewanderten und dann naturgemäß in Austerlitz virulente Judenverfolgung und -vernichtung kann nicht als Kriegshandlung angesehen werden, auch wenn sie nur, wenn man so sagen kann, im Schutze des Krieges möglich wurde. Verschiedentlich aber wird auch der Krieg in dem Sinne, wie er Gegenstand der Militärwissenschaften ist, behandelt, Krieg zu Land (in den Überlegungen zum Festungsbau), zu Wasser (in der Schilderung des Battle of Sole Bay) und in der Luft, im Bericht William Hazels, Gärtner in Somerleyton, von den über seinen Kopf hinwegziehenden Bombergeschwadern.

Zusätzlich wird ein Blick auf Gattung des Kolonialkrieges geworfen, dadurch gekennzeichnet, daß zwischen den Kriegsparteien keine auch nur annähernd ausgewogene Waffengleichheit besteht. In China, im Vierten Teil der Ringe des Saturn, beschränkt sich die taktische Aufgabe der Engländer im wesentlichen darauf, geeignete Anlässe zu finden für die Attacke. Der strategische Grund steht mit der Öffnung des Marktes für die englischen Baumwollprodukte ohnehin fest, ebenso mit der christlichen Missionierung die vorgeschobene hehre Begründung. Im belgischen Kongo, im Fünften Teil, ist angesichts der Wehrlosigkeit der autochthonen Bevölkerung kein einleitender Krieg vonnöten, die Massakrierung der Schwarzen in den Rohstoffminen kann ohne militärische Präliminarien beginnen.
Bei innereuropäischen Kriegen waren die Verhältnisse herkömmlich anders. Das Emblem des Mittelalters ist die Burg, die für ein ausgeglichenes Verhältnis von kriegerischen Angriffs- und Abwehrmöglichkeiten stand. Mit Beginn der Neuzeit konnten die auf baulichen Vorkehrungen gründenden Abwehrmaßnahmen mit der rasante Fahrt aufnehmenden Entwicklung der Waffentechnik nicht mehr mithalten. Mit dieser Lage beschäftigt sich Austerlitz zu Beginn des Buches. Um gegen jeden Einbruch der Feindesmächte gewappnet zu sein, so führt er aus, waren wir gezwungen, in sukzessiven Phasen uns stets weiter mit Schutzwerken zu umgeben, so lange, bis die nach außen sich verschiebenden konzentrischen Ringe an ihre Grenzen stießen. Und auch dabei war die Waffentechnik immer einen Schritt voraus. Bei der Belagerung von Antwerpen wurden aus gerade erst erfundenen Riesenmörsern an die siebzigtausend tausendpfündige Bomben auf die Zitadelle geschleudert worden, und der greise Feldherr Baron de Chassé hatte schon Anstalten getroffen, sich mit dem Denkmal seiner Treue und seines Heldenmutes in die Luft zu sprengen, als ihm gerade noch rechtzeitig die Erlaubnis zur Kapitulation übermittelt wurde. Fest in ihren Gleisen können die Festungsbaumeister allerdings nur die eine Lehre ziehen, daß man nämlich die Ringanlagen um die Stadt um vieles mächtiger wieder aufbauen und weiter noch nach draußen verschieben mußte. Nach verschiedenen Erweiterungen hätte das Wachstum Antwerpens letztendlich erfordert, die Linie des Forts um weitere drei Meilen nach außen zu verlegen, womit sie freilich mehr als dreißig Meilen lang geworden wäre, mit der Folge, daß die gesamte belgische Armee nicht ausgereicht hätte, um eine adäquate Besatzung für die Anlage zu stellen. – Austerlitz’ Überlegungen dienen insgesamt als Beleg der These, daß gerade unsere gewaltigsten Pläne nicht selten am deutlichsten den Grad unserer Verunsicherung verraten.
Ähnlich wie bei der Belagerung von Antwerpen mit dem greisen Baron de Chassé tritt uns auch beim Battle of Sole Bay als einziger unter allen Kombattanten in Gestalt des drei Zentner schweren Earl of Sandwich ein an sich kriegsuntauglicher Schlachtenteilnehmer vor Augen. Von Flammen umzingelt sieht man ihn wild gestikulierend auf dem Hinterdeck und Wochen später dann als bei Harwich an den Strand gespülte Leiche. Die Nähte der Uniform waren geplatzt, die Knopflöcher ausgerissen, aber der Hosenbandorden strahlte noch in unverminderter Pracht.

Das Besondere am klassischen Seekrieg war, daß er auf engem Raum wie auf einer Schaubühne ablief. Wahrscheinlich sind damals die Bewohner von Southwold, sowie die ersten Kanonenschüsse gefallen waren, hinausgeeilt vor die Stadt und haben das seltene vom Strand aus verfolgt. Wahr an der Zuschauerperspektive ist aber nur, daß die Darsteller nicht die geringste Möglichkeit hatten, die Bühne zu verlassen, während die erlittene Pein, das gesamte Werk der Zerstörung nicht nur den Betrachtern verborgen blieb, sondern auch jedes Vorstellungsvermögen um ein Vielfaches überstieg, ebenso wie es nicht auszudenken ist, was für ein enormer Aufwand an Arbeit – vom Schlagen und Zurichten der Bäume, von der Gewinnung und der Verhüttung des Erzes und dem Schmieden des Eisens bis zum Weben und Vernähen der Segel – vonnöten gewesen sein muß, um die ja von vornherein größtenteils zur Vernichtung bestimmten Fahrzeuge zu bauen und auszurüsten.

Es ist nie richtig klar geworden, welche der beiden Parteien des Seegefechts am Ende siegreich gewesen ist, der holländische Niedergang hat mit einer kaum tarierbaren Verschiebung der Kräfte hier seinen Anfang genommen, während andererseits die nahezu bankrotte englische Seite trotz eines scheinbar völligen Mangels an Strategie und einer am Rande der Auflösung sich befindenden Marineverwaltung, dank vielleicht allein des damaligen Spiels der Winde und der Wellen ihre so lange ungebrochene Vorherrschaft über die Meere einleiten konnte. Wer will, mag hier eine gewisse Nähe zur Tolstoischen Geschichts- und Militärphilosophie, zur von ihm gestalteten Kutusowschen Strategie des Nichthandelns heraushören.

Tolstoi tritt in Sebalds Prosawerk nicht auf, gleich die erste Gestalt aber, der wir überhaupt begegnen, ist mit Stendhal ein anderer Stratege, der nach Einschätzung von Kennern des Kriegsfaches mit dem über das Schlachtfeld von Waterloo irrenden Fabrizio del Dongo die Wirklichkeit des Kampfgeschehens in unübertrefflicher Weise eingefangen hat. In den Schwindel.Gefühlen allerdings wird Stendhal bald klar, daß er selbst sein Glück im Dienst der Armee nicht würde machen können, so daß er den Entschluß faßt, der größte Schriftsteller aller Zeiten zu werden, ein sehr weit gestecktes Ziel, das er dann nicht ganz erreichen konnte. Der Geschichtslehrer André Hilary jedenfalls kommt bei der Analyse der Napoleonischen Schlachten und insbesondere der bei Austerlitz zu Ergebnissen, die Fabrizios Eindrücken entsprechen. Zuletzt bliebe, führt er aus, ungeachtet der penibelsten Detailkenntnisse, nichts übrig, als das, wovon man nichts wisse, zusammenzufassen in dem lachhaften Satz: Die Schlacht wogte hin und her. Die Beschäftigung mit der Geschichte sei immer eine Beschäftigung mit vorgefertigten Bildern, während die Wahrheit irgendwoanders, in einem von keinem Menschen noch entdeckten Abseits liege.

Wenn also schon in den historischen Schlachten das wahre Geschehen sich hinter dem Rücken der Menschen abspielte, so geht der moderne Luftkrieg im wahrsten Sinne über unsere Köpfe hinweg. Abend für Abend, so Hazel, sah ich die Bombergeschwader über Somerleyton hinwegziehen, und Nacht für Nacht malte ich mir vor dem Einschlafen aus, wie die deutschen Städte in Flammen aufgingen. Ich kann heute noch kein Auge zutun, ohne die Formationen der Lancaster- und Halifax-Bomber, der Liberators und sogenannten fliegenden Festungen über die graue Nordsee hinweg nach Deutschland einfliegen und im Morgengrauen weit auseinandergezogen wieder heimkehren zu sehen. Neben dem unvorstellbaren Grauen in den deutschen Städten, die in Flammen aufgingen, die Feuerstürme in den Himmel lohten und die Überlebenden in den Trümmern wühlten, erklingt erneut das Motiv des wahnwitzigen Aufwands. Die achte Luftflotte allein hat im Verlauf der eintausendundneun Tage eine Milliarde Gallonen Gasolin verbraucht, siebenhundertzweiunddreißigtausend Tonnen Bomben abgeworfen, nahezu neuntausend Flugzeuge und fünfzigtausend Mann verloren.

Mit den Flugzeugen ist der Krieg zu dem geworden, was über unsere Köpfe hinweggeht, ohne daß wir uns noch sinnvolle Bilder davon machen könnten in der Art Tiepolos. Mit aufheulenden Motoren jagen die Maschinen der Flight Officers Russel P. Judd und Louis S. Davies hinter- und nebeneinander her durch die glänzende Frühlingsluft, bis sich die Tragflächen in einem Aufschwung berühren. Weder Stichflammen noch Rauchwolken steigen auf, die See hat sie lautlos verschluckt. Jahre später hat man sie hervorgeholt und die Gebeine begraben. Himmel, Wasser und Erde, die drei Elemente des Lebens und Tötens waren involviert, bevor die beiden zum Ewigen Frieden gefunden haben.

R.I.P.

Kaum ein Prosawerk atmet inniger die Sehnsucht nach dem ewigen Frieden, und kaum eins ist weiter entfernt von der beliebten Königsberger Schrift über die Möglichkeiten seiner Herbeiführung mit den Mitteln der Vernunft.

Montag, 2. Juli 2012

Ferienvolk

Verkleidete Hunde und Lemurengesichter
 
Quand on observe des humains en vacances, on se demande s'ils méritent d'être sauvés.

Ohne Mitreisende wäre nicht nur die Erlebenswelt des Selysses, sondern auch Sebalds Literatur ärmer. Die Mitreisenden mögen abstoßend sein wie der Brotzeiter im Zug nach Kissingen, sie mögen sich einer ungerechten Abneigung des Selysses ausgesetzt sehen, wie die Tiroler Weiber im Bus von Innsbruck nach Schattwald, sie mögen trostreich sein wie die Mutter mit ihrem Sohn im Zug von Rovereto nach Bozen oder beglückend wie die Franziskanerin und das Mädchen im Zug nach Mailand oder gar die Winterkönigin im Zug rheinabwärts bis Bonn: die Mitreiseden sind in keinem Fall Touristen. Sie sind aus einem bestimmten, wenn auch unbekannten Grund unterwegs, meist nur für eine eher kurze Strecke, und sie haben ein Gesicht und eine Gestalt. Die Touristen dagegen sind ein gesichtsloses fremdes Volk auf dem Weg durch die Wüste, die sie selbst hervorgerufen haben. Die Schwindel.Gefühle sind das Buch der Touristen, die Ringe des Saturn, genauer der Zweite Teil, sind das Buch der Wüste, die sie hinterlassen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren im Südosten Englands Seebäder entstanden, die den Ansprüchen der vornehmsten Londoner Kreisen gerecht wurden. Neben den Hotels errichtete man Wandelhallen und Pavillons, Kirchen und Kapellen für jede Denomination, baute eine Leihbibliothek, einen Billardsaal, ein tempelartiges Teehaus und eine Straßenbahn mit einem prunkvollen Terminus. Heute nun verbiegt Selysses als einsamer Gast im Hotel Victoria die Gabel an der legendären Fischschnitte und der jetzige Lord Somerleyton steuert eigenhändig ein Miniaturbähnchen durch die Felder, auf dem eine besichtigungserprobte Anzahl von Menschen hockt, die an verkleidete Hunde erinnerten oder an Seehunde im Zirkus – eine Bestialisierung, die über die bloße Gesichtslosigkeit der modernen Touristen noch hinausgeht.

In der wissenschaftlichen Betrachtung wird man die Reiseaktivitäten zumal der vornehmsten Kreise in vergangener Zeit unterscheiden vom Massentourismus, wie er nach dem letzten Großen Krieg aufgeblüht ist, und auch für den Dichter fallen Adelwarths Reisen als Begleiter von Cosmo Solomon nicht in die Rubrik Tourismus. Die Vergangenheit des Reisens bleibt, nach dem kurzen Blick auf die Verhältnisse in Südostengland, in der Folge von der Betrachtung ausgeschlossen.
Anders als die Hundsmenschen auf dem Bähnlein in Somerleyton gewinnt der steinalte Cicerone in der Arena zu Verona ausdrücklich Gestalt. Da er bucklig war und stark vornübergebeugt ging, reichte sein um vieles zu großes Jackett mit dem vorderen Saum bis an den Boden. Die Gruppe später Ausflügler aber, denen er mit einer dünn und brüchig gewordenen Stimme die Einzigartigkeit des Bauwerks beschrieb, zeigte sich wenig beeindruckt von seiner Architektur- und Opernbegeisterung. Ähnlich durchwandern die Besucher mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle der Nationalgalerie in London. Man stellt sich nichts anderes vor, als daß Selysses erst, nachdem der letzte Schritt verklungen ist, sich in die Betrachtung von Pisanellos San Giorgio con cappello di paglia vertieft.

Am wohlsten aber fühlt Selysses sich in jedem Fall ganz ohne konkurrierende profane Besucher, wie es ihm im Giardino Giusti oder in der Chiesa Sant’ Anastasia in Verona widerfährt. Wie oft auch in Landschaftsgemälden akzentuiert jeweils nur eine einzige menschliche Gestalt die Bildfläche, einmal die Pförtnerin, die ihm beim Verlassen des Gartens aus dem dunklen Gehäuse zunickt, und dann die Mesnerin, die ihm das schwere eisenbeschlagene Hauptportal der Kirche aufschließt und wortlos vor ihm, dem einzigen Besucher, schattengleich durch das Kirchenschiff herschwankt. Die unbeachtet im Verborgenen wirkenden Diener des Tourismus, eher seine Opfer als Mittäter, der Cicerone, die Pförtnerin, die Mesnerin, sind es, die ihm einen Rest von Menschlichkeit verleihen.

Nicht besser als der Besichtigungstourismus schneidet der Festivaltourismus ab. Nach Bregenz reist Selysses nicht als Tourist, sondern aufgrund einer Einladung zum Beiprogramm. Daß er die Einladung angenommen hat, reut ihn noch Jahre später. Die Aufführung der Oper Nabucco besucht er nicht, unter anderem, weil es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu begeben, zumal wenn das Publikum aus Touristen besteht. Auch der Aufführung der Aida in der Veroneser Arena bleibt er, anders als die scharenweise aus den Reisebussen herausgelassenen Festspielbesucher, fern.

Schließlich ist der Blick ist zu werfen auf den gemeinen Tourismus mit den Spielarten des Erholungs- und des sogenannten Erlebnistourismus. Als Selysses in Limone gegen Mitternacht zum Hotel zurückgeht, ist auch das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Schlimmer noch als in Limone ist es naturgemäß in Venedig. Auf seiner ersten Venedigfahrt hatte Selysses Gestalt einer neuseeländischen Lehrerin nur eine einzige Mitreisende, beim der zweiten Reise, in den Ferialmonaten, ist der Zug überfüllt mit Touristen, die er aber keines Blickes würdigt. Auch in der Bahnhofshalle lagert hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf dem Vorplatz liegen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Wider Erwarten erhebt sich der eine oder andere und wandert herum zwischen den noch an der Erde liegenden Brüdern und Schwestern, als müßte er sich einüben in die Mühseligkeiten der nächsten Etappe einer endlosen Reise.

Das spezielle Grauen des Kreuzfahrttourismus erspart uns der Dichter. Als die Augen sich an das sanfte Zweilicht gewöhnten, konnte man das weiße Schiff sehen, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Knapp war sie an der Grenze zum Stillstand und rückte doch so unaufhaltsam vor wie der große Zeiger der Uhr. Das Schiff fuhr, sozusagen, entlang der Linie, die das, was wir wahrnehmen können, trennt von dem, was noch keiner gesehen hat. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis, als warte sein Kapitän auf die Erlaubnis, einlaufen zu dürfen in den hinter den Calanches verborgenen Hafen. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon. Der Kapitän, auch er imgrunde nur ein Postulat, scheint einsam und allein, ein gnädiger Gott hat uns behütet vor dem Anblick der Menschen an Bord.

Ein noch nicht eingeweihter Leser der Schwindel.Gefühle wird den fortwährend reisenden Selysses wohl als Touristen sehen und ihn damit einer vom Dichter selbst tief und durchaus im Stil Bernhards verabscheuten Spezies der menschlichen Gattung zuordnen. Selysses selbst gesteht sich ein, daß er viel besser zu Hause geblieben wäre da er wie Grillparzer an nichts Gefallen findet und von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht ist. Zu Hause aber treffen wir Selysses nie an. In den Ringen des Saturn wandert er durch Gegenden ohne besondere Sehenswürdigkeiten, in den Schwindel.Gefühlen ist er im Grunde auf der Flucht und zum anderen sucht er bestimmte Bilder von Pisanello oder Giotto auf, die er, wie wir wissen, nicht mit den Augen eines Feriengastes betrachtet, so wenig wie der Maler Aurach, der seine Reisephobie einzig der Altarbilder Grünewalds wegen überwindet.

Was Selysses aber radikal von uns Touristen unterscheidet, sind die Bücher, die er über seine Wanderungen und Reisen schreibt, und so dämmert dem fortgeschrittenen Leser die Einsicht, daß er den eigenen Anspruch auf Reise nur durch die Ablieferung ähnlicher Bücher aufrechterhalten könnte und daß er, da ihm das naturgemäß nicht möglich ist, den Anspruch also verwirkt hat. Er müßte von Rechts wegen zuhaus bleiben und sich bis an sein Lebensende mit nichts beschäftigen als mit dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann, lösen wir, dem Zorn des Selysses trotzend, schon bald wieder einen Fahrschein und finden uns, kaum daß wir es wissen, in der Eingangshalle eines Museums, dessen Säle wir dann mit dem Ausdruck weitgehender Verständnislosigkeit durchwandern werden.
 

Donnerstag, 14. Juni 2012

Holland

A la recherche des Néerlandais

In jedem Kapitel der Ringe des Saturn legt Selysses eine mehr oder weniger großzügig bemessene Wegstrecke auf seiner Wanderung durch Südostengland zurück, seine Gedanken tragen ihn währenddessen aber immer wieder bis an das Ende der Welt, nach China oder nach Afrika. Da ist es mehr als zurückhaltend, wenn er zu Beginn des Vierten Teils von Southwold aus zur gar nicht weit entfernten holländischen Küste hinüberschaut, nicht weit entfernt, aber doch nicht zu sehen, wohl zu sehen aber die holländische Flotte, die am 28. Mai 1672 auftaucht in der Bucht vor Southwold, um mit den Engländern den Battle of Sole Bay auszufechten. Die Holländer werden bei dieser historischen Gelegenheit allerdings ebensowenig sichtbar wie die Engländer, eingesperrt wie sie allesamt sind in die geteerten Schiffsleiber, von denen nicht wenige bis an die Wasserlinie herabbrannten.

Im Jahr zuvor aber war Selysses, wie er sich erinnert, nach einer bösen, in der Schweiz verbrachten Nacht, über Basel und Amsterdam nach Den Haag gefahren. Wir erinnern uns wie es in seinen Augen den Belgiern ergangen ist, bei denen ihm eine in einer verbreiteten Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit aufgefallen war, wie man sie anderwärts nur selten antrifft, und sind besorgt, welcher Fluch die Holländern treffen mag. Wenn sie besser abschneiden als die Belgier, so vor allem deswegen, weil mit Ausnahme von Rembrandt Harmenszoon van Rijn und Jacob Isaackszoon van Ruisdael, beide aller Kritik enthoben, kaum zweifelsfrei autochthone Holländer auftreten. Holländerinnen fehlen ganz, wie im übrigen Frauen jeglicher Art. Bei den beiden nicht mehr ganz jungen, offenbar seit langem vermählten Herren in der Rezeptionsnische des Hotels, mit ihrem an Kindesstatt angenommenen aprikosenfarbenen Pudel, wird der landsmannschaftlichte Hintergrund nicht offengelegt. Atmet schon die Homosexuellenszene nicht den Geist höchstmöglicher politischer Korrektheit, so wird es bei den Islamiten, unter denen Selysses sich in der Folge überwiegend bewegt, nicht besser. Wir alle wissen, daß es sich dabei nach offizieller Berechnung zu exakt neunundneunzig Prozent um friedliche und nette Menschen handelt, Selysses aber gerät offensichtlich in die Nähe des verbleibenden einen Prozent. Wahrscheinlich gehe er, so gibt er selbst zu bedenken, in fremden Städten oft auf den falschen Wegen, insgeheim denkt er aber wohl, daß die richtigen Wege immer seltener werden. Nichts ist einzuwenden, wenn vor den Eingängen der diversen Unterhaltungs- und Eßlokale sich kleine Gruppen morgenländischer Männer versammeln, von denen die meisten stillschweigend rauchen, während der eine oder andere ein Geschäft abwickelt mit einem Klienten, wenn auch aus der mitteleuropäischen Sicht Geschäftsabwicklungen außerhalb der dafür vorgesehenen Büroräume immer etwas Anrüchiges haben. Der in einem chromglänzenden amerikanischen Limousine mit offenem Verdeck vorbeigleitende Zuhälter, den ein lachhafter Tirolerhut nicht unbedingt als Österreicher aber ebensowenig zweifelsfrei als Holländer ausweist, kann die bürgerlichen Standards der Szenerie nicht anheben, und als dann ein dunkelhäutiger Mensch auf Selysses zustürzt, das blanke Entsetzen im Antlitz, verfolgt von einem seiner Landsleute dessen Augen geradezu glänzten vor Mordlust und Wut, ein langes, blitzendes Messer in der Hand, ist Selysses’ für das friedliche Zusammenleben der Völkerschaften erforderliche Kraft erschöpft, verstört von den Nachwirkungen des Erlebnisses liegt er lange schlaflos auf dem Bett in seinem Hotelzimmer.
Die Betrachtung des schon im Ersten Teil vorgestellten Rembrandtbildes der Anatomischen Vorlesung kann am nächsten Tag nicht beruhigen, und so flüchtet er sich zu Ruisdaels Haarlem mit Bleichfeldern. Er sieht das Bild, das ein in seiner Zeit zugleich reales und ideales Holland zeigt, vorwiegend unter dem technischen Gesichtspunkt der Perspektive und bricht ab, als eine sich hingebende Versenkung in das Bildwerk stattfinden könnte, wie wir das vor allem in den Schwindel.Gefühlen aber auch an anderen Stellen erleben. Diderot hatte wohl das reale Holland erlebt so als sei es von Ruisdael gemalt, als ein Ägypten Europas, wo man mit einem Boot über die Felder dahinfahren kann und wo, soweit das Auge reicht, kaum etwas über die überschwemmten Ebenen hinausreicht. Es sei nicht leicht, diese Ansichten nachzuvollziehen, notiert Selysses trocken, als wahrnehmbares Relikt der idealen Zeit bleibt ihm nur ein realer Reiher, den er, unbeirrt von dem dahinkriechenden Autoverkehr, mit gleichmäßigem Flügelschlag knapp über der blanken Fläche des Wasser fliegen sieht. Diderots Vergleich mit Ägypten aber gerät ihm offenbar in eine ganz andere Richtung. Nicht nur, daß er sich überwiegend unter morgenländischen Männern bewegt, gleich beim Eintritt in die Stadt hatte er eine islamitische Metzgerei bemerkt, das primitive vierteilige Fresko einer durch die Wüste ziehenden Karawane und schließlich auch ein Minarett. Als er am Strand von Scheveningen ausruht, ist ihm, als halte rings um ihn sein Volk (welches, wessen Volk?) Rast auf dem Weg durch die Wüste. Die Fassade des Kurhauses ragt vor ihm auf wie eine große Karawanserei. Im Massada-Grill trinkt er, sozusagen zur Abrundung der semitischen Verhältnisse, vor der Rückfahrt noch eine Tasse Tee.

Amsterdam, wo er die nächste Nacht verbringt, scheint völlig menschenleer zu sein. Nur ein Entenpaar in einem breiten Graben und im Schutze einer Trauerweide, reglos auf der von grasgrüner Grütze ganz und gar überzogenen Fläche des Wassers, leistet ihm Gesellschaft. Schiphol dann, von wo aus er zurückfliegt nach England, ist naturgemäß kein holländischer, sondern ein exterritorialer und internationaler Ort. Die Frauen immerhin sind zurück, in Gestalt der offenbar körperlosen Ansagerinnen, die engelsgleich ihre Botschaften intonieren, Mr. Freeman to Lagos, La señora Rodrigo, por favor.

Dienstag, 12. Juni 2012

Kreaturen

Wasser, Luft, Erde

Besy, wysschedsi is tscheloweka, woschli w swinjej; i brosilos stado s krutisny w osero i potonulo.

 
Seid fruchtbar und mehrt euch und Machet Euch die Erde untertan – diese letztlich fatalen göttlichen Aufforderungen – so harmlos sie zur Zeit menschenleerer Landschaften klingen mochten - sind in den Augen Ciorans nur damit erklären, daß nicht ein nur schlechter (mauvais), sondern ein unumwunden bösartiger (malin) Demiurg, Satan also, an dieser Stelle des Wortes Gottes sich bemächtigt hat. Sebald hat im Gespräch bestätigt, daß es für die Annahme einer Sonderstellung des Menschen unter den übrigen Geschöpfen der Erde keine rationale Grundlage gebe. Populären Ausprägungen des Humanismus, die kaum hinausgehen über eine Selbstvergötterung des Menschen, neigt er nicht zu. Im Dritten Teil der Ringe des Saturn, in denen die Anteile auch eines denkbar anspruchsvollen Humanismus, gemessen an den Ausgewanderten, zugunsten einer kosmologisch-naturgeschichtlichen Sichtweise noch einmal deutlich zurücktreten, betrachtet Selysses, neben anderem, die Tiere des Wassers, der Luft und der Erde.

Der Dritte Teil eröffnet in einer Endzeitszenerie, Überreste eines wandernden Volkes lagern am äußersten Rande der Erde, vor sich nichts mehr als Leere; Überlebende eines Kampfes, der zunächst der des Menschen mit der Übermacht der Natur zu sein schien, dessen Fronten inzwischen aber ganz anders verlaufen. Die Entwicklung wird exemplarisch am Schicksal des Herings demonstriert. Nach einer Berechnung Buffons würde die Menge der Heringe, könnten sie sich nur ungestört vermehren, bald das zwanzigfache Volumen der Erde ausmachen, da konnte Fischerei nicht anders denn als Weltenpflege verstanden werden. Zur Schonung etwaiger zartfühlender Gemüter wurde zudem die Lehrmeinung entwickelt, die physiologische Organisation der Fische schütze sie vor der Empfindung der Angst und der Schmerzen. Hier aber meldet der Dichter offenen Zweifel an: In Wahrheit wissen wir nichts von den Gefühlen der Herings. Ob Angst und Schmerz oder nicht, die Zeiten furchterregenden Überflusses sind längst vorbei. Vom Ufer aus wird kaum noch etwas gefangen, auf hoher See geht die Fischerei zwar vorderhand weiter, wenngleich die Ausbeute immer geringer wird und die gelandeten Fänge oft nur für Fischmehl zu brauchen sind. Den Tausenden von Tonnen schwerer Metalle und anderer toxischer Substanzen ist auch die erstaunliche Lebenskraft des Herings langfristig nicht gewachsen. Erstaunlich ist sie allerdings, hatte doch ein gewisser Neucrantz in Stralsund mit großer Genauigkeit die letzten Zuckungen eines vor einer Stunde und sieben Minuten aus dem Wasser geholten Herings registriert, ein Franzose namens Noel Marinière hatte eines Tages gar staunend wahrgenommen, wie ein paar Heringe, die schon zwei bis drei Stunden auf dem Trockenen lagen, sich noch rührten und hatte, um die Lebensfähigkeit dieser Fische genauer zu erkunden, ihnen die Flossen abgeschnitten, eine von unserem Wissensdrang inspirierte Prozedur, die auf geradem Wege das Gemälde von der anatomischen Vorlesung des Dr. Nicolaas Tulp aus dem Ersten Teil in Erinnerung ruft, das, so der Dichter, in der Pracht und Schönheit der Rembrandtschen Malkunst das archaische Ritual der Zergliederung und die Peinigung des Fleisches bis über den Tod hinaus verwahrt.

Für die augenfällige Schönheit des Herings hat kaum jemand Sinn. Über den Rücken hin ist er bläulich-grün gefärbt, gegen das Licht gehalten, scheinen die hinteren Partien auf in einem Dunkelgrün von solcher Schönheit, wie man sie sonst nirgendwo sieht. Der Umstand, daß das Leuchten der Fische erst Tage nach ihrem Tod seinen Höhepunkt erreicht, hat sogleich anstelle der ästhetischen Betrachtung den Nutzen- und Verwertungsgedanken auf den Plan gerufen und die Hoffnung, aus der von den toten Heringen ausgeschwitzten luminösen Substanz möge sich eine Formel ableiten lassen zur Erzeugung einer organischen, sich fortwährend generierenden Lichtessenz. Das Scheitern dieses exzentrischen Projekts, so bilanziert der Dichter, war insgesamt aber ein kaum nennenswerter Rückschlag in der unaufhaltsamen Verdrängung der Finsternis: eine Feststellung ganz im Ton von Becketts knapper Zusammenfassung des Aufklärungsverlaufes: C'est de cette facon que l'homme se distingue des primates et va, de découverte en découverte, toujours plus haut, vers la lumière.
Frühe eigene Erfahrungen mit dem Hering verdankt Selysses einem im Jahre 1936 gedrehten Schulfilm. Man hört den scharrenden Kommentarton der Hitlerzeit, wenn es heißt, Güterwagen der Eisenbahn nähmen schließlich den ruhelosen Wanderer des Meeres, Clupea Ahasverus, auf, um ihn an die Stätten zu bringen, an denen sich sein Schicksal auf Erden endgültig erfüllen wird. Die Anklänge sind nicht nur dem deutlich, dem die Verarbeitung des Eisenbahnmotivs in Austerlitz gegenwärtig ist. Dabei ist die Heringsvernichtung nicht als Metapher des Holocausts zu lesen, und das eine wird auch nicht mit dem anderen verglichen, beides geht aber zurück auf eine grundlegend schlecht eingerichtete Welt, die sich aus der Sicht des Dichters auch nicht grundlegend zum Besseren hin verändern läßt, es sei denn für flüchtige Augenblicke in der Kunst.

Im folgenden Abschnitt tritt das Thema der Judenvernichtung, wenn auch nur kurz, an die Erzähloberfläche, Le Strange hatte in dem Panzerabwehrregiment gedient, das am 14. April 1945 das Lager von Bergen Belsen befreite. Seine spätere Lebensgestaltung ist, ohne das das ausdrücklich gesagt würde, von diesem Erleben her bestimmt. Er verabschiedet sich aus der am Logos, sowohl im Sinne von Sprache als auch im Sinne von Rationalität, orientierten Welt. Einzig die Haushälterin Florence Barnes teilt seine Einsiedlerexistenz, kocht die Mahlzeiten und nimmt sie gemeinsam mit ihm ein unter der Auflage absoluten Stillschweigens. Über den Gartenzaun hinweg erleben wir Le Strange in wenigen exzentrischen Augenblicken mal in einem kanarienfarbenen Gehrock und mal in einer Art Trauermantel aus verschossenem veilchenfarbenen Taft. Umgeben ist er immer von den Tieren des Himmels, die teils am Boden um ihn herumlaufen, teils in der Luft umfliegen, Perlhühner, Fasanen, Tauben, Wachteln und die verschiedensten Garten und Singvögel. Gleicht er so im Erscheinungsbild dem Heiligen Franz, so gräbt er später eine Erdhöhle aus, in der er tage- und nächtelang gesessen ist gleich dem Heiligen Hieronymus in der Wüste. Es ist aber Selysses selbst, der im wiederum folgenden Erzählabschnitt auf die Tiere der Erde trifft.
Hinter einem niedrigen Elektrozaun lagerte eine an die hundert Stück zählende Schweineherde, und ich näherte mich einem der schweren, bewegungslos schlafenden Tiere. Ich fuhr ihm mit der Hand über den staubbedeckten Rücken, strich ihm über den Rüssel und das Gesicht und kraulte ihm die Kuhle hinter dem Ohr bis es aufseufzte wie ein von endlosen Leiden geplagter Mensch – ein Augenblick innigen Einverständnis zwischen zwei Erdkreaturen unterschiedlicher Gattung. Wenn es allerdings im Fall von Le Strange so aussehen mochte, als fände eine Rückkehr aus der logozentrischen Moderne in die gottgeleitete Welt statt, so zeigt sich, daß diese nicht weniger mit Mängeln behaftet ist. Selysses erinnert all das an die Geschichte, die der heilige Evangelist aus der Gegend der Gadarener erzählt, als der Herr den bösen Geistern befiehlt, herauszufahren aus dem Tobsüchtigen und hinein in die Säue, die, zweitausend an der Zahl, sich von dem Abhang hinabstürzen und ersaufen in der Flut. Bedeutet das nicht, so fragt sich Selysses, daß unserem Herrn bei der Heilung des Gadareners ein böser Kunstfehler unterlaufen ist. Ähnliche Gedanken waren Dostojewski wohl nicht in den Sinn gekommen, als er die Geschichte von den Schweinen seinem Roman über die Dämonen vorangestellt hat, sie führen vielmehr zurück zu den eingangs vorgestellten Überlegungen Ciorans zu einer schlecht, wenn nicht gar bösartige entworfenen Welt. Selysses läßt allerdings die Tür auf für eine Schonung der Gestalt Jesu, indem er eine vom Evangelisten nur erfundene Parabel nicht ausschließt, die  nur von seinem, des Evangelisten, und von unserem kranken Menschenverstand zeugen würde.

Dienstag, 5. Juni 2012

Mailand

Una guida sicura

 
Nie hat sich Selysses einer Stadt in angenehmerer Weise genähert als der Stadt Mailand in trauter Lesegemeinschaft mit der Franziskanerin und dem in Brescia zugestiegenen jungen Mädchen. Nie aber auch ist er in häßlicherer Weise empfangen worden als in der Stadt Mailand, noch auf dem Bahnhofsgelände. Gerade noch hat er in die schönsten Worte und Sätze gefaßten träumerischen Gedanken nachgehangen betreffend den Zusammenhang zwischen den beiden liebreizenden Leserinnen und der riesigen, alles bislang in Europa Dagewesene übertrumpfenden Konstruktion des Mailänder Bahnhofsgebäudes aus dem Jahre 1932, zwischen den sogenannten steinernen Zeugen der Vergangenheit und dem, was als eine undeutliche Sehnsucht über unsere Körper sich fortpflanzt, um sie zu bevölkern, die staubigen Landstriche und die überschwemmten Felder der Zukunft; gerade noch hatte er sich beglückwünscht zum Kauf des Stadtplans, der auf der Vorderseite zwar ein Verderben versprechendes Labyrinth zeigt, auf der Rückseite aber beruhigt mit der Versicherung: Una guida sicura per Milano, als zwei junge Männer auf ihn zukommen. Schon spürt er ihre Hände unter seiner Jacke, und erst als er die Schultertasche mit einem Schwung in sie hineinfahren läßt, gelingt es ihm freizukommen. Der Taxifahrer, als er ihm von dem Vorfall erzählt, antwortet nnur mit einer Geste der Hilflosigkeit.

Das Hotel Boston hat Selysses für die Übernachtung offenbar mit bewußtem Masochismus ausgewählt. Die Empfangsdame, ein fast völlig ausgetrocknetes Wesen von sechzig oder siebzig Jahren, mustert ihn mit skeptischem Vogelblick, und der Schlüssel wird ihm schließlich auf eine halb mitleidige, halb verächtliche Weise ausgehändigt. Die Nacht verläuft gewohnt ungut, unterbrochen am frühen Morgen von einem Duschbad in dem hinter einem stockfleckigen Plastikvorhang verborgenen Brausebecken.

Mailand stand nicht auf dem Reiseplan des Selysses für Oberitalien, falls von einem solchen Plan überhaupt gesprochen werden kann. Der Besuch hat einen unvorhergesehenen und pragmatischen Grund, es geht um ein Ersatzdokument für den in Limone abhanden gekommenen Reisepaß. Der Schengenraum bestand anno 1987 noch nicht und Großbritannien, wo die Reise enden soll, liegt bis zum heutigen Tag ohnehin außerhalb seiner Grenzen. Trotz des geschäftsmäßigen Besuchsanlasses verläuft der Aufenthalt in Mailand nicht schwindelfreier als in Venedig oder Verona. Der sichere Führer durch Mailand hält nicht, was er verspricht, und auch das bunte Medaillon Unserer Lieben Frau im Taxi verscheucht nicht das Dunkel. So wie Selysses in Venedig im leichten Schlaf den heiligen Franz in einem schwankenden Schilfbeet mit dem Gesicht nach unten im Wasser sieht und die heilige Katharina über die Sümpfe schreitend, so sieht er jetzt im morgendlichen Halbschlaf die ihm aus seiner Kindheit vertraute Klosterfrau Schwester Mauritia mit ausgebreiteten Armen über einem Maisfeld schweben. Bei derartiger Einstimmung in den heiligen Bezirk verwundert es kaum noch, wenn er am folgenden Morgen im Wartesaal des deutschen Konsulats in der Via Solferino auf den Heiligen Georg trifft. Der hat seinen Namen in Giorgio Santini verwandelt und damit den Bedingungen der bürgerlichen Welt angepaßt und trägt noch immer den wirklich wunderbaren formvollendeten weitkrempigen Strohhut, den Pisanello ihm aufgesetzt hatte. Ob Selysses den Hochseilartisten als San Giorgio erkennt, mag dahingestellt bleiben, Sebald hat den nur leichten Schleier der Tarnung ohne Frage durchschaut.

Eine  heilsame Wirkung auf den verwirrten Selysses geht auch vom Namenspatron nicht aus. Ein kleiner, ja zwergwüchsiger Konsulatsbeamter - der Gegenentwurf zum grandiosen Brigadiere, der das erste Notdokument für den verlorenen Paß ausgestellt hatte - stellt die verlorengegangene Identität des Selysses fest und mit der Aushändigung eines neuen Passes auch wieder her, kann sie aber dem Eigentümer nicht wirklich zurückgeben, und der weiß bald nicht einmal mehr, ob er noch in der Landschaft der Lebendigen oder bereits an einem anderen Ort weilt.
 
Der soweit durchlaufene Heiligenparcours führt Selysses folgerichtig in den Mailänder Dom und dort hinauf bis in die oberste Galerie. Bedeutsames oder gar Rettendes über den Köpfen stellt sich aber nicht ein. Als drohendes Sinnbild steht im Westen eine ungeheurere Wolkenwand. Rettung, wenn auch nur auf der Ebene der allersparsamsten Realitätsversicherung, kommt von unten: Ihm kam der rettende Gedanke, daß es sich bei den dort unten über das Pflaster hastenden Gestalten um nichts anderes handeln konnte als um lauter Mailänder und Mailänderinnen. Die notdürftig wiedergewonnene Fassung reicht hin, um noch am Abend nach Verona weiterzureisen und dort die ausgehenden Sommermonate in einigermaßener Ruhe zu verbringen, allerdings weiter unter Verzicht auf die eigene Identität als Jakob Philipp Fallmerayer, Historiker von Landeck. 

Freitag, 1. Juni 2012

Oraisons funèbres

Heimliche Trauung

Eingangs der Ringe des Saturn gedenkt Sebald zweier jüngst verstorbener Kollegen an der Universität von Ostengland und hebt sie damit, wie wir inzwischen wissen, auf eine höhere Stufe der Unsterblichkeit als sie die aus eigener Kraft hätten erreichen können. Das hat aber, da Unsterblichkeit im ernsten Sinne aus dem Leben der Menschen verschwunden ist, weiter keine Bedeutung. Es bleiben zwei Totenreden, die sich nicht nur entschieden abheben von der auf den Metzgermeister Michael Schultheis, von dem es hieß, er habe sich großer Beliebtheit erfreut, sei dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen und habe seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet, - ganz andere Totenreden sind es, die auch Jacques-Bénigne Bossuets kunstreiche Oraisons funèbres noch in den Schatten stellen.
Es geht um Michael Parkinson und Janine Rosalind Dakyns. Beide litten im Leben an einer, wenn auch vergleichsweise gelinden Form der Monomanie Bernhardscher von einer Studie besessener Geistesmenschen. Im Falle Parkinsons ist das Studienobjekt der Welschschweizer Autor Ramuz, bei Janine Dakyns ist es Flaubert. Die monomane Ausrichtung ist die Grundlage ihrer Absonderlichkeit und Beschlossenheit, die es zu feiern gilt. Auch in der Sommervakanz machte Parkinson regelmäßig lange, mit seinen Ramuzstudien in Verbindung stehende Reisen zu Fuß durch das Wallis und das Waadtland. Mehr als alles andere aber zeichnete ihn aus eine Bedürfnislosigkeit, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. Ganz und gar unberührt gehrt er durch den mit großen Namen wie Freiheit und Persönlichkeitsentfaltung ausschilderten Bezirk der Warenwelt. In einer Zeit, wo die meisten Leute zu ihrer Selbsterhaltung in einem fort einkaufen müssen, ist er praktisch überhaupt nie zum Einkaufen gegangen. Dem Dichter erscheint er als einer der unschuldigsten Menschen, die ihm jemals begegnet sind.
Mit Michael Parkinson tauscht sich Selysses nicht aus über dessen Studienobjekt Ramuz, dem Verfasser dunkler Romane aus der Gebirgswelt, wohl aber mit Janine Dakyns über Flaubert. Aus der Tausende von Seiten umfassenden Korrespondenz Flauberts hat sie bei den verschiedensten Gelegenheiten lange Passagen zitiert, wobei sie oft in Zustände einer fast besorgniserregenden Begeisterung geriet. Ihre Forschungen über die Tausende von Seiten hatten in ihrem Büro ihrerseits zu einer wundersamen Papiervermehrung geführt, und im Verlaufe der war eine richtige Papierlandschaft mit Bergen und Tälern entstanden, die Sebald wiederum zu einer mit dem schönsten Lächeln niedergeschriebenen Seite veranlaßt hat. Es ist das Lächeln der geteilten conditio humana, ein Lächeln, das immer die Absonderlichkeit des Einzelnen zur Voraussetzung hat, fast schon seine Vergrabenheit, so wie sich der absonderlichste Heilige in Sebalds Welt, der Major Le Strange, auf dem Zenith seiner Laufbahn eingräbt in eine Höhle, in der er dann tage- und nächtelang gesessen ist gleich dem heiligen Hieronymus in der Wüste. Gegenüber uniformierten Menschengruppen wie den Touristen oder den Goldgräbern in der City in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten, mit ihrem engen Beieinanderstehen, ihrem halb geselliges, halb aggressiven Gehabe, dem Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, - bleibt Selysses schmallippig und ohne Gemeinschaftsgefühl, selbst wenn sie, wie das Heer von Touristen hingestreckt von der Pestkrankheit auf dem nackten Steinboden liegen, erkennbar dem Tode geweiht.

Ein durchaus heiteres Begräbnis also, vor allem auch wenn man sich vorstellt, daß der Engel, der, wie auf jedem anderen Friedhof auch, aufgestellt wird, als derjenige der Dürerschen Melancholie, zunächst zwar Janine Dakyns zugedacht ist, dann aber doch beiden Toten. Selysses hat sich wiederholt als Freund heimlicher Trauungen bewiesen, in eigener Angelegenheit bereits in W. mit dem Fräulein Rauch, später dann in Limone mit Luciana Michelotti, und auch Florence Barnes und dem Major hat er seinen Segen erteilt. Trauung hat den Klang des Vertrauens, die furchtbaren Separation der Geschlechter ließe sich aufheben, und sei es im Reich der Toten.

Sebald ist Herr in seinem eigenen Buch und er nimmt sich die Freiheit, zwei ihm teuren Verstorbenen eingangs der Ringe des Saturn ein Denkmal zu setzen. Die Totenreden sind aber keineswegs unverbunden mit dem Textganzen. Janine Dakyns findet über die von ihre erkannte Bedeutung des Staubs Anschluß an das Staubmotiv, und Parkinson erweitert mit seiner Bedürfnislosigkeit die Gilde wittgensteinesker Gestalten. Mit seiner Unschuld setzt er den Kontrapunkt in einem Buch über die unaufhebbare Schuld der Menschen untereinander und vor der Welt. Unschuld wird nur sichtbar, wo Schuld ist, und umgekehrt gilt das gleiche.