Donnerstag, 24. Oktober 2013

Vom Himmel gefallen

Leselücken
Die Großmutter hat das Buchgeschenk mit größter Sorgfalt und unter diffiziler Abwägung verschiedenster pädagogischer Gesichtspunkte ausgesucht, dem Beschenkten scheinen die Bücher wie vom Himmel gefallen. Schon der Titel des einen, François le Champi, läßt ihn etwas Unbestimmbares und Köstliches erwarten. Die Handlung erscheint ihm umso dunkler und schöner, als er in jenen Kindertagen beim Vorlesen oft ganze Abschnitte und Seiten verträumt. Die durch Unaufmerksamkeit verursachten Lücken werden noch dadurch vermehrt, daß die Mutter zur Schonung des Knaben alle Liebesszenen überspringt. Die bizarren Bewegungen, denen das Geschehen auf diese Weise unterworfen war, schienen die tiefsten und erregendsten Geheimnisse zu bergen. - Die Zensur der Mutter wird bald entfallen, die Konzentrationsfähigkeit wird steigen, sollen wir aber hoffen, daß die Lücken sich vollends schließen? Vieles in der Recherche geht auf eine aufmerksame Lektüre von Balzac, Ruskin und anderen zurück, der endlose Strom der Worte aber steigt auf aus den Bereichen des Verträumten, endlose Wortfolgen, die ihrerseits auf Lückenlosigkeit bedacht scheinen und uns, die Leser, doch nicht daran hindern können, in Träumereien zu verfallen.
Für jeden obsessiven oder professionellen, Leseprogramme abarbeitenden Leser ist es eine Wohltat, wenn ihm durch einen Zufall ein Buch in die Hand kommt, auf das er von sich aus nie verfallen wäre. Ein solches Buch kann lebensrettend sein. Marie de Verneuil hat Austerlitz als Berufsleser in der Nationalbibliothek in der rue Richelieu kennengelernt, wo er meist bis in den Abend hinein in stummer Solidarität mit den zahlreichen anderen Geistesarbeitern an seinem Platz beschäftigt mit seinem Lesepensum gesessen ist. Als Austerlitz nach Verlassen des Veterinärmedizinischen Museums in Paris zusammengebrochen ist, bringt Marie bei einem ihrer regelmäßigen Besuche am Krankenbett aus der Bibliothek ihres Großvaters ein altes Arzneibüchlein mit, pour toutes sortes de maladies, internes et externes, invéterées et difficiles à guérir. Eine jede Zeile des schönen Vorworts hat er mehrfach gelesen und desgleichen die Rezepturen für die Herstellung von aromatischen Ölen, Pulvern, Essenzen und Infusionen zur Beruhigung der kranken Nerven, zur Reinigung des Blutes von den Säften der schwarzen Galle und Austreibung der Melancholie, und wirklich hatte er über der Lektüre dieses Büchleins sein verloreneres Selbstgefühl und seine Erinnerungsfähigkeit wieder erlangt. - Austerlitz liest das Arzneibüchlein sicher nicht in der Hoffnung, die richtige Rezeptur für ein sein Leiden heilendes Medikament zu finden, die Lektüre selbst ist das Remedium, er läßt sich von ihr aus der Welt tragen, in der ihm der Aufenthalt zu schwer geworden ist. In dem Büchlein trifft er sich mit Marie de Verneuil, die es ihm nicht ohne Bedacht geschenkt hat und die, so kann er annehmen, den gleichen Sätzen gefolgt ist. Oft wird er die Zeit beim Lesen verträumt haben.

Die Schwindel.Gefühle und die Ringe des Saturn sind Bücher einer Lesepause, das heißt nicht, Bücher würden ganz aus dem Blickfeld geraten, sie werden aber nur beiläufig erworben und zur Hand genommen. Die Memoiren des Duc de Sully hat Selysses vor Jahren auf einer Auktion in dem nördlich von Norwich gelegenen Landstädtchen Aylsham erworben, und seither gehören sie zu seiner liebsten Lektüre. In einer Bar an der Riva blättert er in Grillparzers Tagebuch auf der Reise nach Italien. Auf einem Dachboden in W. dann stößt er in einem Regal, in sich zusammengesunken, wie es den Anschein hatte, auf die bald an die hundert Bände umfassende, ihm in der Folge in zunehmenden Maße wichtig werdende Bibliothek der Mathild. Neben Literarischem aus dem letzten Jahrhundert und einem türkischen Lexikon samt kleinem Briefsteller gab es zahlreiche religiöse Werke spekulativen Charakters, Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein. Zum anderen fanden sich mit den geistigen Schriften vermischt mehrere Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer sowie der biographische Roman von Lily von Braun.

Jeder wahre Leser ist überzeugt, den anderen Menschen nicht besser erkunden und verstehen zu können als durch das Studium des Bücherregals. Findet er nichts vor als vielleicht Kochanleitungen und andere praktische Ratgeber, ist er hilflos. Wenn Selysses die in seinen Besitz gelangte Bibliothek der Mathild immer wichtiger geworden ist, so nicht so sehr des zusätzlichen Lesestoffs wegen. Vielmehr steigt ihm aus den Büchern das Leben der Mathild auf, die unmittelbar vor dem ersten Krieg in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten war, das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten hatte, von wo sie in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand nach Haus zurückgekehrt ist. Jeder Blick auf die Bibliothek der Mathild ist Anlaß für neue Fragen und Überlegungen. Man möchte meinen, aus der Beschäftigung mit der Bibliothek der Mathild heraus habe Selysses seinen Meister Sebald angeregt zu dem Plan, ein Buch über die Münchener rote Zeit zu verfassen.
In der Prager Wohnung Věra Ryšanovás sind es die in einem verglasten Bücherschrank verwahrten fünfundfünfzig kleinen karmesinroten Bände der Comédie humaine, die ins Auge fallen. Věras Verhältnis zu Balzac ist weniger durchsichtig als das der Mathild zu der bunten Mischung aus Gebetsbuch und Sozialutopie, aber es ist das Dunkel, das Austerlitz zur Lektüre des Colonel Chabert anregt. Seine geraffte Wiedergabe des Buchinhalts könnte auf eine ähnlich lückenhafte Lektüre schließen lassen wie im Fall des François le Champi, Lücken, die auch hier, wie der eine oder andere urteilen mag, dem vorgefundenen Lesestoff nur guttun konnten.

Auf seiner Reise durch Oberitalien hat Selysses nicht nur Grillparzers Tagebuch dabei, auf der Fahrt nach Mailand zieht er den Beredten Italiener aus dem Reisegepäck hervor, ein praktisches Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache. Er greift zu dem Hülfsbuch, als er seine Reisegefährtinnen, die eine in ihr Brevier und die andere in ihren Bilderroman, versunken sieht. Die schönen und weitreichenden Gedanken zu einer harmonischen Welt wären ihm wohl nicht durch den Sinn gegangen, hätte er ernsthaft studiert und es in der reizenden Lesegemeinschaft nicht beim bloßen Blättern belassen. Im weiteren Verlauf der Reise stößt Selysses auf die Winterkönigin, auf das tiefste versenkt in ein Buch, welches den Titel Das böhmische Meer trug und verfaßt war von einer ihm unbekannten Autorin namens Mila Stern. Vergeblich hat er in der Folge geforscht nach dem Buch, das sie in der Hand gehalten hatte, das aber, obschon für ihn von größter Wichtigkeit, in keiner Bibliographie, in keinem Katalog, ja, absolut nirgends verzeichnet war. – Wohl jeder Leser kennt die Sehnsucht nach dem einen, wahren, über alle anderen Bücher hinausgehenden Buch, das jede denkbare Sehnsucht stillt. Dieses Buch scheint auf in den François le Champi transzendierenden Leselücken, und es ist beglückend, wenn auch ein so unerhörtes Buch wie die Schwindel.Gefühle noch das Verlangen nach dem ganz und gar unerhörten Buch sozusagen offiziell aufrecht erhält.

Die Großmutter hat das Buch für Prousts jungen Erzähler ausgewählt, die Mutter liest es ihm vor, der Vater ist kaum beteiligt. Auf der Vaterseite ist die Situation für Selysses ähnlich: Im Aufsatz des Schranks hatten nebst dem chinesischen Teeservice eine Reihe in Leinen gebundener dramatischer Schriften ihren Platz, und zwar diejenigen Shakespeares, Schillers, Hebbels und Sudermanns. Es waren dies wohlfeile Ausgaben des Volksbühnenverbands, die der Vater, der gar nie auf den Gedanken gekommen wäre, ins Theater zu gehen, und noch viel weniger auf den, ein Theaterstück zu lesen, in einer Anwandlung von Kulturbewußtsein eines Tages einem Reisevertreter abgekauft hatte. Nicht krasser dagegen könnte der Unterschied auf der Seite der Mutter sein, die bei Selysses gar nicht in Erscheinung tritt, geschweige denn mit einem Buch in der Hand. Da mag es kaum verwundern, wenn später ein Großteil der wie vom Himmel gefallenen Bücher, wie um den Schaden wieder gut zu machen, aus Frauenhand stammen, die Bibliothek der Mathild, Maries Arzneibüchlein, Věras karmesinrote Balzacbände, der Beredte Italiener, den erst die Reisegefährtinnen hervorzaubern, das unerhörte Buch der Winterkönigin. Es könnte scheinen, als würden wahre Leser nur à l’ombre weiblicher Fürsorge gedeihen.
Weibliche Fürsorge hält die Kindheit wach, und bei genauerem Hinsehen zeigt sich, daß auch das Kind Selysses nicht ohne diese Fürsorge auskommen mußte. Da ist einmal die in drei großen Folianten untergebrachte Ansichtskartensammlung, die er sich immer wieder bei der trunksüchtigen Engelwirtin Rosina Zobel anschaut, und zum anderen der alte Atlas, den die Mathild bei seinen Besuchen in der Begleitung des Großvaters jedesmal für ihn bereitlegt, und in dem ihn jedesmal das Blatt mit den größten Strömen und den höchsten Erhebungen in ein wohliges Grübeln versetzt. Ähnlich vertieft sich Austerlitz in der kymrischen Kinderbibel, die ihm Miss Parry geschenkt hat, nahezu ausschließlich in das Studium des großformatig abgebildeten Heerlagers in der Wüste Sinai. Von diesen frühen, eher von den Bildern als von den Worten geprägten Eindrücken her läßt sich erahnen, warum noch die Prosabücher, durch die sich Selysses später bewegt, in so auffälliger Weise mit Bildern durchsetzt sind.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Siebenundneunzig Stufen

Dorfkirchen
Das Großartigste an der Kirche von Combray, so der Curé, sei der Ausblick vom Glockenturm. Quatre-vingt-dix-sept marches müsse man überwinden, um nach oben zu gelangen, juste la moitié du celèbre dôme de Milan. Selysses hat die doppelte Anzahl von Stufen nicht gescheut und ist bis auf die oberste Galerie des Mailänder Doms aufgestiegen, ohne sich einen die Mühe lohnenden Aussichtserfolg einzuhandeln. Das vom Dunst verdüsterte Panorama einer ihm vollends fremd gewordenen Stadt nimmt er in Augenschein, und weit unten auf der Piazza bewegen sich die Menschen in seltsamer Neigung vor dem starken Wind dahin, als stürze jeder einzelne von ihnen seinem Ende entgegen. Weder die spirituelle Kraft des Kirchengebäudes noch die Weite des Ausblicks jedoch können die Schwindelgefühle lindern.
Es war der Glockenturm von Saint-Hilaire de Combray, qui donnait à toutes les occupations, à toutes les heures, à tous les points de vue de la ville, leur figure, leur couronnement, leur consécration. Auf dem Ölbild der Ortschaft W., das die Wand über dem Sofa der nach Amerika ausgewanderten Verwandten schmückt, ist die Kirche in ähnlicher und selbstverständlicher Weise das Zentrum, außer ihr und umgebender Gegend vermag das unbewaffnete Auge kaum etwas erkennen. Selysses aber gelingt es, von Oberjoch herab den Sebaldweg entlang auf W. zuzuhalten, ohne daß ihm der Kirchturm ins Gesichtsfeld gerät. Schon als Kind konnte er in nächster Nähe an der Kirche des Ortes vorbeigehen, ohne sie auch nur wahrzunehmen. Mein Weg ging am Lehrerhaus und am Kaplanhaus vorbei und die hohe Kirchhofsmauer entlang. Dann mußte ich den Kirchberg hinunter und durch die obere Gasse, und dann ist er schon bei der Schmiede angelangt. Nachweislich aber hat er die Kirche von innen gesehen, sonst hätten die Kreuzigungsbilder und das große Gemälde von der Schlacht auf dem Lechfeld nicht den vernichtenden Eindruck auf ihn machen können, den sie tatsächlich auf ihn gemacht haben. Auch die kirchenmusikalischen Erlebnisse waren zwiespältig. Der Chorregent, der das vom Geheul der Gemeinde begleitete Abspielen der ewigselben zwei Dutzend Lieder mehr oder weniger im Schlaf absolvierte, kam jedesmal erst am Ende der Messe wieder zu sich, wenn er die Herde der Gläubigen mit einem von ihm in freier Phantasie auf der Orgel entfesselten Sturm gleichsam beim Kirchentor hinausfegte.

Ganz anders ist das Erleben des noch kindlichen Erzählers bei Proust. Que je l’aimais, notre Église! Le doux effleurement des mantes des paysannes entrant et de leurs doigts timides prenant de l’eau bénite. Die Kirchenfenster, deren Licht nie schöner ist je weniger draußen die Sonne scheint. Die Tapisserien, die die Krönung Esthers in der Gestalt einer Dame aus dem Hause Guermantes zeigen, die vielen anderen Spuren der Geschichte, die der Kirche eine vierte Dimension verleihen, die der in ihr verwahrten Zeit. Anders als in Chartres oder Reims hat der glaubenslose Gläubige Proust, der sein eigenes Werk einer Kathedrale verglichen hat, sich in der schlichten Dorfkirche von Combray nicht gefragt, auf welche Weise und mit welcher Kraft hier das Gefühl der Religiosität zum Ausdruck gebracht werde. Aber auch die Großmutter, entschiedene Vertreterin des Natürlichen, spricht den Glockenturm von Combray frei von allem Vulgären, von Anmaßung sowohl wie von kleinlichem Wesen.
Hätte die Großmutter auch die, wie wir sie kennen, barock ausgestattete Kirche von W. freigesprochen, hätte der heilige Ulrich auf dem Lechfeld Prousts jungen Erzähler auf gleiche Weise ins Träumen versetzt wie die als Esther verkleidete Dame de Guermantes? Das ist schwer vorstellbar. Schmerzlich mußte Selysses überdies die auf den Kirchgang einstimmenden paysannes belles et timides vermissen, da die Weiberschaft von W., wie dem Leser mit Bernhardscher Entschiedenheit vor Augen geführt wird, ausnahmslos fast aus kleinen, dunklen, dünnzopfigen und bösen Bäuerinnen und Mägden bestand. Befreit aber von jeglicher Gemeinde, vom Pfarrer, vom Organisten und dem heiligen Ulrich, kommt Selysses schließlich doch zu Empfindungen, die denen des Proustschen Erzählers nicht unähnlich, wenn auch weniger eindeutig sind, und zwar in der Krummenbacher Kapelle, die so klein ist, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche um W. herum, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. So ist er auch erfüllt von ungewohnter Milde gegenüber dem Maler, der die Kreuzwegstationen mit ungeschickter Hand zwar aber vielleicht mit nicht geringerer Mühe zustande gebracht hat als in den gleichen Tagen Tiepolo sein großes Deckengemälde in der Würzburger Residenz. Von Krummenbach zu Tiepolo, das ist ein fast noch weiterer Weg als von Combray nach Chartres oder Reims.

Die Neben-, wenn nicht gar die Hauptbeschäftigung des Curé de Combray ist die Etymologie, und wie alle Anhänger dieser schönen Wissenschaft ist er gesegnet mit Unverständnis und Rücksichtslosigkeit in seinen Vorträgen gegenüber dem Teil der Menschheit, der seine Vorliebe nicht teilt. In gewisser Weise ähnelt er dem Reverend Ives. In seinem Pfarrhaus in Ilketshall St. Margaret bekommt er in den Sommermonaten des Jahres 1795 öfters Besuch von einem jungen französischen Adeligen, der vor den Schrecken der Revolution nach England geflohen ist. Reverend Ives ist ein Mann der Aufklärung und der Mathematik und Hellenistik womöglich enger verbunden als der Theologie. In seinem wahren Leben kommt Selysses in Berührung mit dem Pfarrer Wurmser, einem Gottesmann anderen Schlags, Doppelgänger oder Schattenreiter des gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Arztes Piazolo. Seine Versehgänge macht Wurmser die längste Zeit schon wie dieser mit dem Motorrad, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führt.  Wurmsers theologische Ausrichtung wird nicht greifbar. In der Schule wird der für den katholischen Religionsunterricht vorgesehene Katechet Meier mit Duldung, wenn nicht mit Hilfe des Dichters gemobbt. Ein neben der Türe angebrachtes, das flammende Herz Jesu darstellendes Weihwasserbehältnis wurde von Bereyter rechtzeitig vor jeder Religionsstunde mit der sonst zum Gießen der Geranienstöcke verwendeten Kanne bis zum Rand gefüllt. Nie ist es darum dem Benefiziaten gelungen, die Weihwasserflasche, die er stets in seiner Aktentasche bei sich führte, zum Einsatz zu bringen. Tiefe Zuneigung dagegen empfindet Sebald für den von ihm als katholischer Strafprediger erlebten Thomas Bernhard, und seine stille Achtung hat auch der kalvinistische Prediger Elias, der am Sonntag der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen führte. Strafpredigten sind angesichts des vom Dichter diagnostizierten Zustands der Menschheit angemessen, naturgemäß aber ohne heilsame Folgen.

Selysses besucht nicht Reims oder Chartres und auch nicht das Baptisterium des Markusdoms, mit Prousts Erzähler trifft er sich aber in Padua, in der Cappella degli Scrovegni, einer von Giotto ausgemalten Königin unter den Kapellen der Welt. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit freilich ganz auf die obere Bildhälfte der Beweinung Christi. Die dem Charakter der Frohen Botschaft näher stehenden Bildwerke bleiben unbeachtet. Am meisten erstaunt ihn die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. Und sind nicht, dachte ich mir, die weißen Flügel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde das weitaus Wunderbarste von allem, was wir uns jemals haben ausdenken können? - Man vermag eine religiöse Stimmung auszumachen, die aber ganz auf den Ton der Weltklage eingeengt und, wie bei Proust, allein ästhetisch verankert ist.

Ähnlich wie Selysses auf seinen Wegen durch die Städte Dante, dem Bayernkönig Ludwig und anderen üblicherweise Verborgenen begegnet, findet sich kaum eine Gestalt in Prousts Werk, die sich nicht irgendwann und zumeist für kurze Zeit nur in einen Heiligen oder eine Heilige verwandelt. Durch Sebalds Werk ziehen die Heiligen wie entlaufene und schuldlose Sträflinge, der heilige Franz treibt mit dem Gesicht im venezianischen Sumpfwasser, die heilige Katharina geht mit ihrem Marterrädchen an ihm vorbei, der heilige Hieronymus gräbt sich eine Grube im Garten eines englischen Gutshofes, Mrs. Ashbury, von der es heißt, sie werde immer unschuldiger, heiliger noch, bleibt ihm Plafond stecken, als sie zum Himmel auffährt. Die lautlose Klage der Engel Giottos wird nicht leiser.

Freitag, 11. Oktober 2013

Heilende Hand

Gesundheitsfürsorge
Selwyn und Bereyter gehen aus dem Leben, bevor noch die Medizin Anlaß hat, eine heilende Hand nach ihnen auszustrecken. Aurach hat den rechten Augenblick verpaßt, er liegt, bevor er dem vorbeugen konnte, im Withington Hospital, einer ehemaligen Besserungsanstalt für Obdach- und Beschäftigungslose, in einem Männersaal mit weit über zwanzig Betten. Medizinisches Personal begegnet uns nicht. Seinen Zustand empfindet Aurach als schandbar und er hat den Vorsatz gefaßt, ihm möglichst bald zu entkommen auf die eine oder die andere Weise. Der Richter Farrar bringt es auf seinem morgendlichen Rundgang fertig, mit dem Feuerzeug, das er immer in der Tasche trug, seinen Schlafrock in Brand zu stecken. Seinen schweren Verbrennungen erliegt er noch am selben Tag, über Art und Umfang der ärztlichen Rettungsbemühungen werden wir nicht unterrichtet. Der Major Le Strange ist, einer Zeitungsnotiz zufolge, ohne Vorwarnung im Hallway seines Gutshauses in Henstead, Suffolk, zusammengebrochen und gestorben, jede ärztliche Hilfe kam zu spät, er hätte sie sich auch verbeten.

Als Kind war Selysses in seinem Heimatort W. schon früh mit Vertretern des ärztlichen Standes in Kontakt gekommen. Die Patienten, die die Praxis des Dr. Rambousek aufsuchten, waren nur um ein Geringes zahlreicher als die Besucher des von den Schwestern Babett und Bina betriebenen Café Alpenrose, das nie ein Gast betreten hat. Als Selysses den Dr. Rambousek aufsucht, nicht in eigener Sache, sondern in der des an einer sich nicht schließenden Wunde leidenden Engelwirts, findet er den Mediziner seinerseits tot am Schreibtisch. Die Hilfe des Kollegen Dr. Piazolo hatte er nicht mehr in Anspruch nehmen können und auch nicht wollen. Piazolo ist von weitaus robusterer Natur. Zu jeder Tages- und Abendstunde sah man ihn auf seiner Zündapp im Dorf herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Ortschaften hin und her fahren. Winters wie sommers trug der Dr. Piazolo, der in Notfällen ohne weiteres auch Veterinärgeschäfte zu übernehmen bereit war und der offenbar den Vorsatz gefaßt hatte, im Sattel zu sterben, eine Fliegerhaube mit Ohrenklappen, eine ungeheure Motorradbrille, eine lederne Montur und lederne Gamaschen. Dem verunfallten Jäger Schlag kann er nicht mehr helfen, Selysses’ Diphtheritis behandelt der Großvater nach Piazolos ärztlichen Anweisungen erfolgreich. Der Dr. Piazolo hatte einen Doppelgänger oder Schattenreiter in dem gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Pfarrer Wurmser, der seine Versehgänge auch die längste Zeit schon mit dem Motorrad machte, wobei er das Versehgerät, das Salböl, das Weihwasser, das Salz, ein kleines silbernes Kruzifix sowie das Allerheiligste Sakrament in einem alten Rucksack mit sich führte, der dem des Dr. Piazolo bis aufs Haar glich, weshalb die beiden, als sie einmal beim Adlerwirt beieinandergesessen sind, auch verwechselt haben, so daß der Dr. Piazolo mit dem Versehgerät zu seinem nächsten Patienten und der Pfarrer Wurmser mit dem Arztwerkzeug zum nächsten im Erlöschen liegenden Mitglied seiner Gemeinde gekommen sein soll. – Die slapstickartige Anlage der Szene darf über den Ernst der Lage nicht hinwegtäuschen, überkommene Seelenheilkunde und neuzeitliche Körperheilkunde sind durcheinandergeraten und haben sich gegenseitig lahmgelegt, der heilige Georg mit dem Strohhut und der heilige Antonius haben ihre Plätze verlassen, das von Pisanello festgehaltene wohl austarierte Verhältnis von Alt und Neu ist zerstört. Oder bringt das Vertauschen der Rucksäcke nicht vielmehr an den Tag, daß beider Inhalt unzureichend und unangemessen ist und auch nicht hinreichend und angemessen sein kann. Möglich ist aber auch die Lesart, in der zu der fraglichen Zeit die Institutionen des Landarztes und des Dorfpfarrers noch so solide installiert waren, daß selbst der versehentliche Austausch des Arbeitsgerätes ohne nennenswerte Folgen blieb.

Zu Beginn der Ringe des Saturn treffen wir Selysses in einem Zustand gänzlicher Unbeweglichkeit im Spital, ein behandelnder Arzt ist nicht in Sichtweite. Mit literarischen Mitteln nimmt Selysses seine Heilung selbst in die Hand. Indem er sich in Kafkas Käfer verwandelt, gelingt es ihm immerhin, sich am Fenster aufzurichten und, ähnlich wie Gregor in die stille Charlottenstraße, hinauszublicken über die Stadt, die sich bis weit gegen den Horizont sich erstreckte. Gleich anschließend erfahren wir von zwei Todesfällen, in denen weder die ärztliche Kunst noch die Selbstheilungskräfte etwas auszurichten vermochten. Michael Parkinson, den seit ein paar Tagen niemand gesehen hatte, wird in seinem Bett tot aufgefunden. Die gerichtliche Untersuchung ergibt that he had died of unknown causes. Rosalind Dakyns, seine Kollegin, erliegt in der kürzesten Zeit einer ihren Körper zerstörenden Krankheit.

Der Erste Teil der Ringe verharrt dann weiterhin bei der Medizin, indem er sich dem Arzt und Prosakünstler Thomas Browne zuwendet, Arzt in der Zeit, als sich die moderne Medizin, ähnlich wie die Astronomie von der Astrologie, von der mittelalterlichen Heilkunde befreit. Browne war, wie der Dichter vermutet, anwesend bei der öffentlichen, von Rembrandt im Bild festgehaltenen Prosektur des Stadtgauners Aris Kindt. Die Leichensektion war das Kernstück der medizinischen Grundlagenforschung, und als solches wollte sie gesehen werden. Zweifellos auch handelte es sich bei der Prosektur einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Daß es bei der Amsterdamer anatomischen Vorlesung um mehr ging als um die gründliche Kenntnis der inneren menschlichen Organe, dafür spricht der an Rembrandts Darstellung ablesbare zeremonielle Charakter der Zerschneidung des Toten. Die unförmige Hand ist das Zeichen der über Aris Kindt hinweggegangenen Gewalt. Mit ihm, dem Opfer, und nicht mit der Gilde, die ihm den Auftrag gab, setzt der Maler sich gleich. Er allein hat nicht den starren Blick, er allein nimmt ihn wahr, den ausgelöschten, grünlichen Leib, sieht die Schatten in dem halboffenen Mund und über dem Auge des Toten. – Mit den Mitteln der Kunst erkennt Rembrandt die Medizin als Wissenschaft nicht des Lebens, sondern des Todes.

Als Austerlitz nach Verlassen des Veterinärmedizinischen Museums in Paris zusammengebrochen ist, kommt er in der Salpêtrière wieder zu sich, einem ein eigenes Universum bildenden Gebäudekomplex, in welchem die Grenzen zwischen Heil- und Strafanstalt von jeher unsicher gewesen sind, wo er in einem der oft mit vierzig Patienten und mehr belegten Männersälen lag. Die Unterbringung ähnelt der Aurachs, Foucault ist in seinem philosophischen Werk ähnlichen Eindrücken nachgegangen. Vertreter der Heilkunst lassen sich nicht blicken. Hätte nicht der Krankenpfleger Quentin Quignard im Notizbuch des Kranken die Adresse M. de V., 7 Place des Vosges gefunden, weiß man nicht, was aus ihm geworden wäre. Bei einem ihrer regelmäßigen Besuche bringt Marie aus der Bibliothek ihres Großvaters ein altes Arzneibüchlein mit, pour toutes sortes de maladies, internes et externes, invéterées et difficiles à guérir. Die Lektüre dieses Büchleins, von dem er bis zum heutigen Tag noch ganze Passagen auswendig weiß, läßt Austerlitz, ohne sonstige heilkundliche Maßnahmen, sein verlorenes Selbstgefühl und seine Erinnerungsfähigkeit wiedererlangen.

Selwyn und Bereyter haben die Fürsorge des Gesundheitswesens vermieden, Aurach will ihr entkommen, Adelwarth liefert sich ihr aus, have gone to Ithaca. Anstelle eines Heilers findet er, wohl seinem geheimen Wunsch entsprechend, seinen Henker. Die Diagnose lautete auf schwere Melancholie im Senium, verbunden mit stupuröser Katatonie, doch stand hierzu im Widerspruch die Tatsache, daß der Patient keine Anzeichen der gemeinhin mit diesem Zustand einhergehenden körperlichen Verwahrlosung zeigte. Bemerkenswert war auch, mit welcher Bereitwilligkeit er sich der Schockbehandlung unterzog, die in dieser Zeit wahrhaftig an eine Folterprozedur oder ein Martyrium heranreichte. Zum anberaumten Zeitpunkt saß er jedesmal schon auf dem Hocker vor der Türe und wartete, den Kopf an die Wand gelehnt, die Augen geschlossen, auf das, was ihm bevorstand.

Nach Rembrandts gültigen Einsichten in das Wesen der Prosektur war Gutes nicht mehr zu erhoffen. Halbgötter in Weiß, die sich auf die Stelle des toten Gottes drängen mit dem Anspruch, über den Verlust des versprochenen Ewigen Lebens hinwegzutrösten, indem sie dem begrenzten irdischen Dasein die größtmögliche Ausdehnung verleihen, sind in Sebalds Werk nicht anzutreffen. In den Krankensälen sind die Moribunden allem Anschein nach sich selbst überlassen. Besser, man geht ohne ärztliche Hilfe aus dem Leben. Rambousek gilt bei den wenigen, die seine Praxis aufsuchen, als guter Arzt, einen Einfluß auf die Gesamteinschätzung der Lage hat das nicht. Wenn Farrar auf sein Berufsleben als Richter mit einigem Befremden zurückblickt, so Abramsky auf das seine als Arzt mit schierem Entsetzen. Der Folterknecht Professor Fahnstock muß nicht ausdrücklich erwähnt werden. Die überwiegend dem Großvater obliegende Heilung des Schülers Selysses von der Diphtherie ist weithin der einzige zu vermeldende medizinische Erfolg, Piazolos gleichsam nomadenhafte Ausübung der ärztlichen Kunst im ländlichen Terrain vom Krad aus mag noch angehen. Austerlitz gesundet nicht dank der modernen Medizin, er kuriert sich durch die bloße Lektüre eines heillos veralteten Arzneibüchleins.

In dem Augenblick, als Luciana Michelotti möglicherweise seine Schulter berührt, erinnert Selysses sich an einen Besuch in einem Brillengeschäft in Manchester. Neben ihm stand eine chinesische Optikerin, die, wie ein kleines Schildchen an ihrem Berufskittel anzeigte, wunderbarerweise Susi Ahoi hieß. Wiederholt rückte sie die schwere Testbrille zurecht, und einmal rührte sie sogar, viel länger, wie ich mir einbildete, als nötig gewesen wäre, mit ihren Fingerkuppen wie mit einer heilenden Hand an seine wie so oft vor Schmerzen klopfenden Schläfen, wenn auch wahrscheinlich bloß, um mir den Kopf etwas besser auszurichten. Da die Erinnerung an sie unmittelbarer von der Limoner Wirtin abzweigt, ist die optische Fachkraft gleichsam deren Schwester, und sicher ist es auch nicht ohne Bedeutung, daß es eine Chinesin ist. Es gibt keine Hinweise, der Dichter habe der europäischen Medizin die chinesische gegenüberstellen wollen, die Suche nach einem anderen Denken als dem in Europa nicht nur in der Medizin eingeschlagenen gilt ihm aber als unerläßlich wenn wohl auch aussichtslos. Auch unser Herr, wenngleich ihm bei der Behandlung des wahnsinnigen Gadareners zweifellos ein schwerer Kunstfehler zuungunsten der zweitausend Exemplare starken Sauherde unterlaufen war, setzte für gewöhnlich ganz auf die Heilkraft der unbewaffneten Hände.

Dienstag, 1. Oktober 2013

Menschenrassen

Race de Combray

Dem mit dem Rassismusverbot noch nicht vertrauten Proust zerfällt die Menschheit in zwei Rassen, so unterschiedlich wie in der Vorzeit Cro-Magnon und Neandertaler. Auf der einen Seite haben wir la race de Combray, bestehend aus der Mutter und der Großmutter des Erzählers, mit Einschränkungen ferner dem Vater, der Tante Leonie und, in spezieller Weise, auch Françoise, und auf der anderen Seite alle anderen. Was die einen ausmacht, fehlt den jeweils anderen völlig. Der Leser wundert sich, daß diese beiden Abteilungen die gleiche Welt teilen sollen und noch mehr, daß vermittels des Mediums der französischen Sprache eine Verständigung möglich sein soll; sie besteht aber wohl auch nur zum Schein. Während des Aufenthalts in Balbec nimmt denn die Großmutter die mondäne Welt des Grand Hotels so gut wie nicht wahr, sie geht an ihr vorüber. Et depuis que la race de Combray, la race d’où sortaient des êtres absolument intacts comme ma grand-mère et ma mère semble presque éteinte, verbleibt der Erzähler in einer ihm gänzlich fremden Menschenwelt, die er, als sei er auf einem fremden Stern ausgesetzt und ohne andere Wahl und Beschäftigung, umso penibler mit dem Blick eines Humanethologen erforscht, im Hinblick auf die im Werk dominante mondäne Welt möchte man im Hinblick auf die dort vorgefundenen bizarren Formen vom Humanentomologen sprechen.
So rein und unvermischt die Rasse von Combray ist, in so viele Sphären zerfällt der Rest der Menschenwelt, Sphären die nach der Annahme des jungen Humanentomologen klar und unaufhebbar voneinander geschieden sind. Bald schon muß er aber erkennen, daß sein Forschungsansatz nicht hinreicht, daß er den moderneren eines Beobachters der zweiten Ordnung annehmen muß. Die Sphären stellen sich ganz anders da, ob sie nun von Mme Verdurin, dem Baron Charlus, Saint-Loup, der Großmutter oder Françoise wahrgenommen werden. Erst als es dem Erzähler gelingt, alle Blickwinkel nachzuvollziehen, klärt sich ihm das Bild. Erst jetzt hat er den Blick frei für die realen Übergänge zwischen den Sphären, die am leichtesten auf der Seite der Frauen zu verfolgen sind, da hier in der Regel jeder Sphärenwechsel mit einem Namenswechsel verbunden ist. So wird aus Miss Sacripant Odette de Crécy, dann Mme Swann, dann la Comtesse de Forcheville und schließlich die Maitresse des Duc de Guermantes. Beim letzten großen Empfang des Prince de Guermantes im Temps retrouvé  ist der Erzähler nach langer Abwesenheit einer Fülle solcher zum Teil unglaublicher Szenenwechsel ausgesetzt, am verstörendsten die Verwandlung von Mme Verdurin in Mme de Guermantes. In gewisser Weise werden die Aufsteiger aber um die Früchte ihres Erfolgs gebracht, da die für die Würdigung unerläßlichen Kenntnisse der Sphärenordnung beim Publikum drastisch zurückgehen. Noch verstörender als die gesellschaftlichen Bewegungen sind die bei allen zu beobachtenden biologischen Spuren, mit denen das Leben den Eintritt des Todes schon vorbereitet hat. Die Race de Combray, die Mutter und die Großmutter, ist dagegen keinerlei Veränderungen unterworfen mit der einzigen Ausnahme der des Todes, und selbst der trifft bei ihnen, bevor er eintritt, keine sichtbaren Vorbereitungen.

Wegen der prominenten Bedeutung verschiedener Formen des Erinnerns in beider Werk werden Proust und Sebald häufig in einem Satz genannt. Die Unterschiede sind aber kaum weniger auffällig als die Ähnlichkeiten, und der nicht geringste Unterschied ist das entschiedene Fehlen der Race de Combray bei Sebald. Combray ist als die Ortschaft W. vorhanden - hier die Ach und dort die Vivonne -, aber der Platz der Mutter und Großmutter ist sorgfältig herausgeschnitten. Der Großvater steht an der verlassenen Stelle, zieht aber keine bedeutenden Erzählstrecken auf sich. Mit dem Fehlen der Race de Combray rückt auch der Rest der Menschheit in ein anderes Licht.

Prousts Werk bewegt sich auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu, den der Dichter in einer sehr unaufgeregten Art kommentiert. Den Niedergang der Gesellschaft, von der er sein Leben lang umgeben war, beobachtet der Erzähler beim Empfang der Guermantes im Temps retrouvé ohne sichtbare Zeichen von Wehmut oder gar Trauer. Wenn Sebalds Werk gleichfalls um das Jahr 1913 kreist, so in einem Rückblick über zwei Generationen hinweg. Die gegenwärtige Menschengesellschaft ist es nicht wert, betrachtet zu werden, wenn es eine Barbarei ist, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, so kann es umso weniger einen poetischen Soziologen wie Proust noch geben. Die Menschen, die Selysses trifft, sind keiner gesellschaftlichen Sphäre zuzuordnen, am sogenannten gesellschaftlichen Leben nehmen sie nicht teil, ob Protagonisten oder Komparsen, es sind allesamt Emeriten wie Selwyn und Bereyter oder Eremiten unterschiedlich strenger Observanz wie Garrad und Le Strange.
Die größte und wohl nicht zufällige Nähe zu Proust erreicht Sebald in seiner, Austerlitz mitgezählt, wohl schönsten Langen Erzählung: Ambros Adelwarth. Das Erzählen beginnt mit einem Familienfest in W./Combray, sogar die Mutter wird kurz erwähnt. In Newark wird der Erzähler von der Tante Fini und dem Onkel Kasimir schon fast wie ein Sohn empfangen. Cosmo Solomon, reich, homosexuell und todesgeneigt, hat das Format eines Prousthelden. Er teilt Züge der Ähnlichkeit mit Swann, Charlus und Saint-Loup, ohne aber einem der drei zu gleichen. Zum Ende aber wird er ein Eremit nach Sebalds Maß, ein Eremit aber auch wie Proust schließlich selbst, im Haus n°102, Boulevard Haussmann. Im Deauviller Hotelzimmer, unweit Balbec, schleicht Selysses sich dann im Traum ein in Prousts Welt und lernt la race du côté de Guermantes kennen, die Welt, in der Saint-Loup, Swann, Montgomery, Fitz James, d’Erlanger, de Massa und Rotschild sich bewegen. Ganz zuletzt erscheinen die schönsten der jungen Damen, les jeunes filles en fleurs, in Spitzenkleidern, durch die die seidene Wäsche hindurchschimmerte, nilgrün, crevettenfarben oder absinthblau. In kürzester Zeit sind sie umgeben von schwarzen Männerfiguren von denen einige besonders verwegen ihre Zylinder auf Spazierstöcken in die Höhe hielten. Am Morgen dann der Blick vom Hotelfenster aus auf eine auf das geschmackloseste zusammengerichtete Person, die ein weißes Angorakaninchen an der Leine spazieren führt. Ein giftgrün livrierter Clubman hält ihm immer dann, wenn es nicht weiter will, ein Stückchen Blumenkohl vor. Proust wäre sicher von diesem, so wie er es verstanden hätte, letzten Blick auf Leben und Werk der Mme Verdurin entzückt gewesen.

Noch von einer anderen Rasse - flüchtig haben wir sie schon erblickt - ist zu sprechen, eher ein Stamm, ein tribu, la petite bande de jeunes filles en fleurs auf der Promenade von Balbec, composée d’êtres d’une autre race, Prousts wohl schönste poetische Kreation. Die Illusion einer fremden Rasse oder auch nur eines besonderen Stamms verfliegt aber schnell. Die einzelnen Mitglieder der petite bande, die, wie sich zeigt, wenig miteinander verbindet, treten hervor, Andrée, Gisèle, Rosemonde und schließlich Albertine, die, als Gefangene und als Flüchtige, titelgebend für zwei Bände der Recherche wird. Der petite bande de jeunes filles am nächsten kommt bei Sebald die Gruppe weiblicher Mitreisender, nicht weniger bezaubernd als die petite bande das junge Mädchen und die Franziskanerin im Zug nach Mailand und die transzendente Erscheinung der Winterkönigin im Zug rheinabwärts. Wir lernen die schönen Reisenden nicht näher kennen, ihren Namen erfährt weder der Erzähler noch einer von uns.

Dienstag, 24. September 2013

Wenn es aufklart

Quatorze Juillet

Sebalds frühe literaturwissenschaftlichen Arbeiten lassen sich gedanklich und sprachlich von Adorno leiten. Die dichterische Prosa dann steht dem Sprachduktus Adornos so fern wie nur denkbar, gedanklich und motivisch aber bewegt sie sich weiter um einen philosophischen Angelpunkt der Frankfurter Schule, der als dialektisch erlebten Aufklärung, einer Illumination, die das Dunkel nur immer klarer beleuchtet, ohne es zu erhellen. Der Quatorze Juillet, an dem nach allgemeiner Übereinkunft die Vernunft die Macht übernahm und umgehend die Guillotine anwarf und auf Betriebstemperatur brachte, wird von Sebald nicht behandelt, seine Zahl ist die Dreizehn. Auf einige Spuren des großen Ereignisses stoßen wir gleichwohl.
Im Pfarrhaus Ilketshall St. Margaret kommt in den Sommermonaten des Jahres 1795 öfters ein junger französischer Adeliger zu Besuch, der vor den Schrecken der Revolution nach England geflohen ist. Sein Gastgeber, der Reverend Ives, ein Mann der Aufklärung, war der Mathematik und Hellenistik womöglich enger verbunden als der Theologie. Als Chateaubriand 1822, nunmehr Botschafter des Königs, nach England zurückkehrt, hatte die hellsichtige Vernunft ihren triumphalen Auftritt im Bereich der Macht fürs erste abbrechen müssen.

Rousseau hat den Quatorze Juillet nicht mehr erlebt aber auf seine Weise maßgeblich auf ihn hingearbeitet. Als er 1765 auf der Peterinsel im Bieler See für eine Weile Zuflucht findet, ist er bereits arg mitgenommen von den Auseinandersetzungen mit den dunklen Mächten der Reaktion zum einen und den konkurrierenden Matadoren der Vernunft, vor allem Voltaire, zum anderen. Tatsächlich ist Rousseau die bunteste Blume im neugepflanzten Beet der Vernunft, allesamt fleurs du mal, wie es scheinen mag, niemand hat zu seiner Zeit, die Frankfurter Schule fast schon vorwegnehmend, den pathologischen Aspekt des Denkens schärfer erkannt als er.
Auf der Peterinsel hat Rousseau auch an seinem Projet de constitution pour la Corse und dabei notiert, qu’un jour cette petite île étonnera l’Europe, wenn er auch nicht wissen konnte, in welch schreckenerregender Weise diese Prophezeiung sich binnen fünfzig Jahren erfüllen würde. Napoleon, einen der ganz großen Synthetiker von Vernunft und Vernichtung, mit einer, aus der Sicht der Vernunft, alles in allem etwas günstigeren Bilanz als Stalin oder Hitler, sehen wir mit den Augen seines Verehrers Stendhal. Der beschäftigt sich dann aber in der Folge stärker mit Fragen de l’amour und reist in Begleitung der imaginären Mme Gherardi an den Gardasee, wo er Kafkas Jäger Gracchus begegnet. Bei seinem Besuch der Casa Bonaparte in Ajaccio wird klar, daß Selysses Stendhals positive Einschätzung des letzten Endes dann doch gescheiterten Empereurs im auf Leichenbergen gegründeten, dem Code Napoléon unterworfenen Reich der Vernunft nicht uneingeschränkt teilt. Schon der extrem händelsüchtige, ständig in Streitereien verwickelte Knabe Ribulione im heimischen Ajaccio ließ wenig Gutes erwarten und angesichts der Unwirklichkeit der späteren Entwicklung ist nicht einmal die gewagte These eines belgischen Forschers einfach von der Hand zu weisen, die von dem Franzosenkaiser bewirkten Umwälzungen seien allein auf seine Farbenblindheit zurückzuführen. Je mehr das Blut floß auf dem Schlachtfeld, desto frischer schien ihm das Grün zu sprießen. Austerlitz freilich hat in jungen Jahren an der Napoleonbegeisterung seines Lehrers Hilary nicht auszusetzen.
 
Der philosophische Begriff der Dialektik der Aufklärung, wachgerufen durch die Schrecken der jüngeren Vergangenheit, zielt über den Quatorze Juillet und seine zeitliche Nachbarschaft hinaus auf den Urbeginn des menschlichen Denkens, da ist es nicht weiter auffällig, wenn Sebald auf ältere Formen des Aufklarens schaut, wie sie nicht zuletzt in der ins Werk eingeschriebenen Bildgeschichte seines Namenspatron sichtbar wird. Zunächst begegnet uns der Heilige Georg bei Grünewald, auf der linken Tafel des Altarbildes tritt er uns entgegen, zuvorderst steht er am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich aus dem Verband der Heiligen und über die Schwelle des mittelalterlichen Rahmens treten. Als er uns bei Pisanello in Verona wiederbegegnet, hat er die Gesellschaft der Heiligen gegen die sieben verwegener Reiter eingetauscht, unter denen sich ein kalmückischer Bogenschütze befindet mit einem schmerzhaften Ausdruck der Intensität im Gesicht. Es gilt nun, das Untier zu erlegen, das wir zur Linken sehen mit zwei noch flügellosen Jungen aus seiner Brut. Einiges an Knochen und Gebein, Überreste der zur Befriedigung des Drachens geopferten Tiere und Menschen, liegen verstreut umher. Auf dem kleinen Bild in der Londoner Nationalgalerie schließlich steht zur Linken der heilige Antonius in einem tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang. Mit strengem Blick sieht der Eremit auf die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gerade gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein, der dunkle Wald im Hintergrund erscheint umso dunkler, по мере смены освещенья и лес меняет колорит. Nicht der geringste Schatten der Schuldhaftigkeit fällt auf das jugendliche Gesicht Georgs. Schutzlos sind Nacken und Hals dem Betrachter preisgegeben. Das ganz Besondere aber an diesem Bild ist der außergewöhnlich schön gearbeitete, weitkrempige und mit einer großen Feder geschmückte Strohhut, den der Ritter auf dem Kopf hat. San Giorgio con cappella di paglia - sehr verwunderlich. Die Jungfrau mit dem Erlöserkind, die vor einer aus dem Himmelsblau hervorstrahlenden goldenen Scheibe über allem schwebt, scheint rundum zufrieden mit dem harmonischen Verhältnis von alter und neuer Welt unter ihr. Aber muß nicht einerseits die Schutzlosigkeit des Ritters mit dem Strohhut Befürchtungen erwecken, und kann andererseits ein Zustand, der aus einem blutigen Geschäft resultiert von Dauer sein, auch wenn es einen schlimmen Drachen getroffen hat?
Was bei Pisanello nur eine bange Ahnung ist, wird bei Rembrandt zur Sicherheit. Wenn Pisanello einen mythischen, zeitlosen Augenblick der Erhellung verklärt, so erforscht Rembrandt die verborgene und dunkle Seite des neuzeitlichen wissenschaftlichen Denkens. Zweifellos handelte es sich bei der Prosektur einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Daß es bei der Amsterdamer anatomischen Vorlesung um mehr ging als um die gründliche Kenntnis der inneren menschlichen Organe, dafür spricht der an Rembrandts Darstellung ablesbare zeremonielle Charakter der Zerschneidung des Toten. Die unförmige Hand ist das Zeichen der über Aris Kindt hinweggegangenen Gewalt. Mit ihm, dem Opfer, und nicht mit der Gilde, die ihm den Auftrag gab, setzt der Maler sich gleich. Er allein hat nicht den starren Blick, er allein nimmt ihn wahr, den ausgelöschten, grünlichen Leib, sieht die Schatten in dem halboffenen Mund und über dem Auge des Toten.

Im neunzehnte Jahrhundert, im alemannischen Eck, mag es dann für einen Augenblick so scheinen, als könne sich die von Pisanello gemalte Situation wiederholen, als hätte alles noch anders kommen können, als es dann tatsächlich kam, als könne die Idee von einer im Gleichgewicht gehaltenen Welt ihren Sinn haben, als ließe sich dem blind und taub fortwälzenden Prozeß der Geschichte Begebenheiten entgegen halten, in denen ausgestandenes Unrecht entgolten wird, und als ließe sich im Buch der Natur blättern, in dem selbst die kuriosesten Kreaturen wie zum Beispiel die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische ihren Platz haben in der aufs sorgfältigsten austarierten Ordnung. Nachdem sich 1913, im letzten Jahr des neunzehnten Jahrhunderts, die Zeit gewendet hatte und der Funken der Zündschnur wie eine Natter durchs Gras gelaufen war, besteht keine Hoffnung mehr. Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, hatte Adorno notiert und Sebald stimmt zu. Die weitaus größere, umfassende Barbarei aber sei, daß die Gesellschaft überhaupt weitermacht. Nun hat sie aber wohl keine andere Wahl als auf die eine oder andere Weise weiterzumachen, bevor sie sich nicht aus eigener Kraft auslöscht hat oder aber von einer höheren Macht aus der Welt befördert wurde, und genau danach sehnt sich Selysses. Immer wieder sucht er den Blick von der Höhe, aus der die Menschen gar nicht und ihre Artefakte nur spielzeuggroß zu sehen sind. Er geht nicht nur durch leere Landschaften, sondern auch durch menschenleere Großstädte. Er schreitet vorbei an maroden Heiligen wie dem heiligen Franz, der mit dem Gesicht nach unten in den Sümpfen von Venedig treibt, oder wie Mrs. Ashbury, die bei ihrer Himmelfahrt im Plafond stecken bleibt, und verstrickt sich in Koinzidenz- und Zahlenmystik, um so auf seine Art die Verschlingung von Mythos und Aufklärung zu demonstrieren. Das sogenannte neue Europa beeindruckt ihn nicht, in Brüssel, der europäischen Hauptstadt, laufen ihm in einem Monat mehr Bucklige und Irre über den Weg als anderswo in einem ganzen Jahr. An den reinigenden Sprachregelungen nimmt er nicht teil, Neger bleiben ihm Neger und Zigeuner Zigeuner. Gern auch würde man wissen, was Adorno von den kurz nach seinem Tode in Vogue kommenden sprachlichen Kunststücken zwecks dauerhafter Einrichtung einer perfektionierten Welt gehalten hätte.
Die Leser lieben Sebald nicht allein und vielleicht nicht einmal vorzugsweise dafür, daß er sie aus der Welt wünscht. Im Zug nach Mailand liest Selysses im Beredten Italiener, einem schweizerischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache aus der Zeit Kellers und Hebels, in dem alles aufs beste geordnet ist, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Worten zusammen. Im Warteraum des deutschen Konsulats zu Mailand dann sitzt er neben dem Hochseilartist Giorgio Santini, der am Namen und mehr noch an dem Strohhut, den er in der Hand hält, als die Reinkarnation des San Giorgio zu erkennen ist. Vielleicht ist dem Dichter hier klar geworden, das Lyrik oder Prosa zu schreiben noch die geringste Barbarei ist, daß es gilt, in einer heillosen und unbewohnbaren Welt ein Hülfsbuch, einen bewohnbaren Raum in den Worten zu schaffen. Wie Dante werden wir durch eine Welt des Dunkels und des Schreckens geführt und fühlen uns doch im milden Taghell der Prosa behütet wie in den alten Bildern vom Stecken und Stab oder von Abrahams Schoß. 

Dienstag, 17. September 2013

Sightseeing

Basse porte, porte d’or, porte fermée

Die Touristen im Bahnhof Venedig wüßten selbst nicht zu sagen warum sie unterwegs sind. In der Halle lagerte hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Reisenden in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf dem Vorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Wider Erwarten erhob sich der eine oder andere und wanderte herum zwischen den noch an der Erde liegenden Brüdern und Schwestern, als müßte er sich einüben in die Mühseligkeiten der nächsten Etappe einer endlosen Reise. Die Feriengäste in Limone nehmen offenbar an, sie seien zu ihrem Vergnügen hier und machen, zu fortwährendem Frohsinn verdammt, auch noch die Nacht zum Tag. Eine einzige buntfarbene Menschenmasse schob sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Lauter Lemurengesichter waren es, die verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwankten. Die sogenannten Kulturreisenden schneiden kaum besser ab. In Verona zeigte sich die Gruppe später Ausflügler, denen der Cicerone mit einer dünn und brüchig gewordenen Stimme die Einzigartigkeit des Bauwerks beschrieb, wenig beeindruckt von seiner Architektur- und Opernbegeisterung, und in der Londoner Nationalgalerie durchwandern die wenigen Besucher mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle.
Für seine Reisen in Oberitalien sucht Selysses sich Gefährten aus der vergangenen, vom Massentourismus noch verschonten Zeit. Aber auch schon unter den günstigen Bedingungen tut Grillparzer sich schwer. Er findet er an nichts Gefallen und ist von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht. Selbst dem Dogenpalast zollt er nur eine sehr bedingte Hochachtung. Trotz aller Zierlichkeit der Kunst in seinen Arkaden und Zinnen habe, so schreibt er, der Dogenpalast einen unförmigen Körper und erinnere ihn an ein Krokodil. Wie er auf diesen Vergleich kommt, weiß er nicht. Kafka dagegen zeigt bei seinem Aufenthalt in Venedig einen gesunden Besichtigungswillen. Nun wolle er sich hineinwerfen in die Stadt und in das, was sie einem Reisenden zu bieten habe. Wie schön alles sei und wie sehr man es bei uns unterschätze! Über Einzelheiten aber schweigt er sich aus, wir wissen nicht, was er in Wirklichkeit alles gesehen hat. Der anschließende Aufenthalt in Riva steht im Zeichen der Wasserkur und ist besichtigungsfrei. Dann aber, rückblickend auf die Tage am Gardasee, ersinnt Kafka den Jäger Gracchus und sein unvergeßliches Schiff, einen schweren alten Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte.
Stendhal betritt italienischen Boden nicht als Tourist, sondern als Soldat. Der verbliebene militärische Realitätssinn ruft auch Jahre später eine schwere Enttäuschung hervor, als er bei der Durchsicht alter Papiere auf eine Prospetto d’Ivrea untertitelte Gravure stößt und sich eingestehen muß, daß sein Erinnerungsbild von der im Abendschein liegenden Stadt nichts anderes vorstellte als eine Kopie von ebendieser Gravure. Man solle sich darum, so rät er, keine Gravuren von schönen Ansichten kaufen, mit anderen Worten: nicht photographieren, denn das Abbild besetze nicht nur den Platz der Erinnerung und zerstöre sie. Die Erinnerungsbilde seiner Geliebten aber fließen ihm zusammen zur dichterischen Gravure der Mme Gherardi, und an ihrer Seite unternimmt er seine imaginäre Reise an den Gardasee, wo er folgerichtig Kafkas imaginäre Barke zu Gesicht bekommt.

Der noch junge Erzähler der Recherche kennt die Kirche von Balbec bislang nur als Gravure, von der leibhaftigen Besichtigung verspricht er sich eine immense Vertiefung seiner Freude. C’est ici, c’est l’église de Balbec. Cette place qui a l’air de savoir sa gloire, c’est le seul lieu du monde qui possède l’église de Balbec. Ce que j’ai vu jusqu’ici, c’était des photographies de cette église. Maintenant c’est l’église elle-même, c’est la statue elle-même, elles, les uniques: c’est bien plus. C’était moins aussi peut-être. Die auf den Photographien zur Ewigkeit erhobenen Skulpturen müssen sich hier einer banalen Umgebung erwehren, einem Wahlplakat, einem Café, dem Licht der Straßenlaterne, das sie sich mit einer Sparkasse teilen müssen. In einem anderen Zusammenhang weist der Dichter wenig später die Realität vollends in die Schranken: Comment aurais-je pu croire à une communauté d’origine entre deux noms qui étaient entrés en moi, l’un par la porte basse et honteuse de l’expérience, l’autre par la porte d’or de l’imagination? – Das ist naturgemäß nur Selbstspott, niemand kann immer nur durch die goldene Tür gehen, und sei sie auch aus reinem Gold.

Auf die Besichtigung der Lagunenstadt Venedig ist der gereifte Erzähler bereits besser vorbereitet, er läßt die Dinge, oft nur Details in der Art des kleinen gelben Mauerflecks in Vermeers Gemälde, auf sich zukommen. Quand à dix heures du matin on venait ouvrir mes volets, je voyais flamboyer l’Ange d’or au campanile de Sain-Marc. Rutilant d’un soleil qui le rendait presque impossible à fixer, il me faisait avec ses bras grands ouverts la promesse d’une joie profonde. Er begnügt sich mit dem zufällig von seinem Zimmer aus erblickten Ange d’or und macht auch keine Anstalten die Glanzpunkte der Stadt, an denen bereits Grillparzer gescheitert war, aufzusuchen, sondern begibt sich in das Gewirr der calli in der inneren Stadt. L’extrême proximité des maisons faisait de chaque croisée le cadre ou rêvassait une cusinière qui regardait par lui, d’une jeune fille qui, assise, se faisait peigner les cheveux par une vieille femme; faisait comme une exposition de cent tableaux hollandais juxtaposées.

Auch Selysses zieht es in das Gewirr der Gassen, auf Prousts Genreszenen stößt er zwar nicht, und doch hat man den Eindruck, er könne, auf eine weit dramatischere Weise, seinen Spuren folgen. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Diese kurzen Expositionen sind von einer geradezu theatralischen Obszönität und haben zugleich etwas von einer Verschwörung an sich, in die man ungefragt und unwillentlich einbezogen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen und umgekehrt wird man leicht selbst zum Verfolgten. Verwirrung und eisiger Schrecken wechseln einander ab.

Wenn beide Dichter in Venedig eine Besichtigungsvermeidung betreiben, so machen sich beide auf den Weg nach Padua, um Giottos Fresken in Augenschein zu nehmen. Sollte Selysses auch hier Prousts Spur folgen? Beide haben die gleichen Einzelheiten im Auge, Farben und Engel, und sehen doch ganz Unterschiedliches. Le fond des fresques est si bleu qu’il semble que la radieuse journée ait passé le seuil elle aussi avec le visiteur. Selysses fragt sich, ob die weißen Flügel der Engel mit den wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde nicht das weitaus Wunderbarste von allem sind, was wir uns jemals haben ausdenken können? Auf Reproduktionen sind die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde so schwer zu entdecken wie Prousts gelber Mauerfleck auf dem Gemälde Vermeers und nicht weniger geheimnisvoll.
Die Engel betrachtet Prousts Erzähler vorwiegend unter formalen und flugtechnischen Gesichtspunkten. Les anges sont représentés comme des volatiles d’une espèce particulière. Ces petits êtres ne manquent pas de voltiger devant les saints, quand ceux-ci se promènent. Selysses hingegen ist am meisten erstaunt über die lautlose Klage, die seit nahezu siebenhundert Jahren von den über dem unendlichen Unglück schwebenden Engeln erhoben wird. Wie ein Dröhnen war diese Klage zu hören in der Stille des Raums. Die Engel selbst aber hatten die Brauen im Schmerz so sehr zusammengezogen, daß man hätte meinen können, sie hätten die Augen verbunden. – Eine komparatistische Untersuchung der beiden Dichter, die ihren Ausgang nähme von den Engelsbildern, könnte recht weit führen.

Dann trennt Selysses sich von Prousts Erzähler und folgt seinem Namenspatron dem heiligen Georg. In Verona ist die Mesnerin, eine kummervolle und von langen Jahren des Schweigens und der Einsamkeit fast schon vergangene Frau, nachdem sie kurz nach vier Uhr das schwere eisenbeschlagene Hauptportal aufgesperrt hatte, und einem Schatten gleich durch das Kirchenschiff vor ihm, dem einzigen Besucher, hergeschwankt war, wortlos wieder in ihrem Verschlag verschwunden. Das Bildwerk zeichnet sich nur schattenhaft es sich über dem Torbogen ab. Vermittels eines münzbetriebenen Illuminationsapparates kann es für eine kurze Zeit ins Leben zurückgeholt werden. In der Londoner Nationalgalerie wartet Selysses ab, bis die wenigen Besucher, die mit einem Ausdruck völliger Verständnislosigkeit die Säle durchwandern, verschwunden sind, bevor er sich in das Georgsbild versenkt. In der Abgeschiedenheit sind die beiden Türen, la porte basse de l’expérience, et la porte d’or de l’imagination, für den einsamen Betrachter einander recht nah, fast schon wie die beiden Flügel einer einzigen großen Pforte.

Alle kennen die japanische Touristen, die, Stendhals Warnung vor der Gravure auf radikale Weise mißachtend, wie rasend alles photographieren, so als ließe sich mit einer Unzahl von Lichtbildern das im Dunkel der besichtigten Dinge verborgene Geheimnis ans Tageslicht zerren. In Deauville stößt Selysses auf eine Reisegruppe, die sich zutiefst von der Vergeblichkeit dieses Tuns hat überzeugen lassen. Die Reisegruppe befindet sich auf einer Globusglücksreise, die von Las Vegas und Atlantic City über Deauville, Wien, Budapest und Macao wieder zurück nach Tokio führt. Gleich nach dem Frühstück gehen die Weltreisenden in das neue Casino hinüber, wo sie bis zum Lunch in den in allen Kaleidoskopfarben funkelnden und von dudelnden Tongirlanden durchwobenen Automatensälen spielen. Auch den Nachmittag und die Abendstunden verbringen sie bei den Maschinen, denen sie mit stoischer Miene ganze Hände voll Münzgeld opfern, und wie wahre Festtagskinder freuen sie sich, wenn es klirrend endlich wieder aus den Kästen springt. Porte fermée. Auf vielfältige Art läßt sich die Welt erleben, und viele Wege führen zum Reiseglück.

Mittwoch, 4. September 2013

Meinungsfreiheit

Amische Leute

Die eingeforderte und in der westlichen Welt kaum in Frage gestellte Hochschätzung der Meinungsfreiheit krankt gleichwohl daran, daß es oft schwerfällt, ihren Inhalt, das heißt die jeweilige Meinung, ernst zu nehmen und zu schätzen. Gern wird Voltaire zitiert: Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können: eine Kampfbereitschaft, die, wenn sie denn gefordert würde, bei der großen Mehrheit der tatsächlich auftretenden Meinungen, einschließlich der eigenen, vernünftigerweise sich nicht ausleben sollte, sie sind es nicht wert. Das Zitat wurde denn auch Voltaire fälschlich zugeschrieben, er selbst äußert sich ganz anders: Les opinions ont plus causé de maux sur ce petit globe que la peste et les tremblements de terre. Besser also, so kann man Voltaire verstehen, es gäbe keine Meinungen oder sie wären allesamt verboten. Habermas geht einen sanfteren Weg und setzt ganz auf den unter idealen Bedingungen gewaltfrei und endlos sich dahinziehenden Dialog der Meinungen, von denen, ähnlich wie sich die Parallelen im Unendlichen schneiden, zuguterletzt nur eine einzige und zwar, so die Hoffnung, die richtige, gemeinhin Wahrheit genannte, übrig bleibt.

So steht es um die jeweils gegenwärtigen, aktiven Meinungen, anders mag es aussehen, wenn sie in der Zeit gestaffelt sind und sich beruhigt haben. Meinungen, die uns als gegenwärtige nicht mehr als ein Achselzucken abfordern würden, können unsere Achtung finden, wenn sie sich in der Vergangenheit realisiert und eine uns beeindruckende Lebensform begründet haben. Der eine oder andere wird bei einer Amerikareise amische Leute in ihrem Wägelchen haben vorbeifahren sehen, wie die Vergangenheit auf einer Reise durch die Gegenwart, allen sind sie uns aus Peter Weirs Film Witness vertraut. Ihre Überzeugungen und ihre Lebensweise erscheinen uns als ebenso outlandish wie bewahrens- und schützenwert, und so sind denn auch alle mehr als zufrieden mit der Szene, in der Harrison Ford, der vorgeblich eine andere, gegenüber der in Pennsylvania etwas rauhere, in Ohio verbreitete Strömung des Amischen vertritt, der Devise des Pseudovoltaires folgend, dem Hooligan die Nase bricht, und auf diese Weise das Recht auf Meinungsfreiheit hochhält.
Erlebnisse wie die mit dem amischen Leuten sind Anlaß, auch mit gegenwärtigen Meinungen achtsamer umzugehen, als es auf den ersten Blick vielleicht notwendig scheint, eine Haltung, die Selysses fast immer vorbildlich an den Tag legt. Harrison Fords zupackende Art bei der Verteidigung der Meinungsfreiheit ist ihm naturgemäß fremd, zwar weiß er sich zu wehren, als er in Mailand Opfer eines Raubversuchs wird, als Zeuge einer handgreiflichen, messerbewehrten Meinungsverschiedenheit zwischen zwei morgenländischen Männern in Den Haag aber hält er sich aus dem Zwist heraus. Auch läßt er sich nicht auf jede Art von Meinung ein. Im Kissinger Tagblatt liest er das Nachwort für den Metzgermeister Michael Schultheis, der, so hieß es, sich großer Beliebtheit erfreut habe, dem Raucherclub Blaue Wolke und der Reservistenkameradschaft eng verbunden gewesen sei und seine Freizeit im wesentlichen seinem treuen Schäferhund Prinz gewidmet habe. In der Zeitung Alto Adige liest er von einem Ehepaar aus Lünen, das seit 1957 jedes Jahr seinen Urlaub am Gardasee verbracht hat. Die hier erahnbar werdenden Meinungsbilder lassen jedes transzendente Element vermissen, das eine Achtung wie im Fall der amischen Leute hervorrufen könnte, sie werden mit einem gewissen Befremden beiseite geschoben. Außerhalb von Zeitungsnotizen begegnet Selysses Meinungsträgern dieser Art nicht oder kommt jedenfalls nicht mit ihnen ins Gespräch. Er unterhält sich nahezu ausschließlich mit amischen Leuten in dem hier verfolgten erweiterten Sinn: aus Meinungen sind bei ihnen Lebensformen geworden, die zu denken geben.
Der Venezianer Malachio, Astrophysiker von Beruf, sieht alles, nicht nur die Sterne, aus der größten Entfernung. In der letzter Zeit hat er viel nachgedacht über die Auferstehung und zumal über den Satz, demzufolge unsere Gebeine und Leiber von den Engeln dereinst übertragen werden in das Gesichtsfeld Ezechiels. Antworten habe er nicht gefunden, aber es genügten ihm eigentlich auch schon die Fragen. Selysses scheint sich zu der couragierten Verbindung von Sternen- und Engelskunde keine Meinung zu bilden, oder wir erfahren sie nicht. Salvatore Altamura beschäftigt sich mit der Geschichte der Festspiele in der Veroneser Arena seit ihrer Eröffnung im Jahr 1913 und insbesondere mit der Oper Aida. Di morte l’angelo a noi s’appressa, mit diesen Worten steht Salvatore auf und verabschiedet sich. Selysses aber ist noch lange sitzen geblieben auf der Piazza mit dem Bild des hereinbrechenden Engels, das Salvatore ihm hinterlassen hatte. Zu welchem Ergebnis sein Sinnen führt, wird nicht gesagt.

Erdverbundener sind die Überlegungen des Niederländers De Jong. Er trägt sich mit dem Gedanken, in Suffolk eine der riesigen, oft mehr als tausend Hektar umfassenden Liegenschaften zu erwerben, wie sie dort nicht selten von den Immobilienagenturen ausgeschrieben werden. Aufgewachsen in der Nähe von Surabaya, will er nun die Familientradition als Zuckerrübenbauer in England fortsetzen. Zusammenhängende Güter von der Größe, wie sie in East Anglia immer wieder zum Verkauf stünden, gelangten zu Hause überhaupt nie auf den Markt, und Herrenhäuser, wie man sie hier bei der Übernahme einer Domäne praktisch umsonst mitgeliefert bekomme, seien in Holland auch nicht zu finden. Selysses, trotz ländlicher Herkunft und, anders als die amischen Leute, dem Landbau wenig zugetan, hört aufmerksam zu. Der Gärtner William Hazel erzählt, während der letzen Schuljahre und der nachfolgenden Lehrlingsjahre habe seinen Kopf nichts so sehr in Angriff genommen wie der Luftkrieg, der von den in East Anglia gelegenen Flugfeldern, über seinen Kopf hinweg, nach Deutschland getragen wurde. Immer wieder habe er auf einer Karte die verschiedenen deutschen Regionen studiert, das ganze Land habe er so auswendig gelernt, ja, es habe sich ihm eingebrannt. Obwohl Selysses, nach allem was wir wissen, Überlegungen ähnlicher Art auf diesem Feld nicht fremd sind, enthält sich auch hier des Kommentars. Alec Garrad hat die Landwirtschaft im Lauf der Zeit mehr und mehr eingeschränkt, um sich ganz dem Tempelbau widmen zu können. Es vergeht jetzt kaum ein Tag, an dem er nicht zumindest einpaar Stunden an dem Tempel arbeitet. Der einzige Vorteil, den das von seiner Arbeit inzwischen erregte Aufsehen für ihn selbst mit sich gebracht habe, bestehe darin, daß seine Nachbarsleute ebenso wie diejenigen Mitglieder seines eigenen Familienkreises, die mehr oder weniger offene Zweifel an seiner Zurechnungsfähigkeit geäußert hätten, sich mit dergleichen abschätzigen Bemerkungen nun etwas zurückhielten. Frederick Farrar hatte auf Wunsch seines Vaters in Cambridge und London Rechtswissenschaften studiert und in der Folge, wie er mit einem gewissen Entsetzen sagte, mehr als ein halbes Jahrhundert in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen zugebracht. Er war in den Ruhestand eingetreten, um sich der Zucht seltener Rosen und Veilchen zu widmen. Die Entfremdung gegenüber der Jurisprudenz ist umso bemerkenswerter, als dem Recht, nach allgemeiner Überzeugung, vor dem Erreichen des umfassenden Konsenses am Ende aller Diskurse und dem Eintritt in das wahre Tausendjährige Reich die Aufgabe des geregelten Meinungsausgleichs zufällt.

Luhmann hatte sich besorgt erkundigt, was den mit denjenigen passiert, die an Habermas’ schlichtenden Diskursen partout nicht teilnehmen wollen, und aus dem Kreis der Habermasjünger war in der Tat die Lehrmeinung vorgetragen worden, daß auf Meinungen, die in den Diskurs nicht eingebracht werden – und das sind die weitaus meisten -, auf dem langen Weg zum Konsens weiter keine Rücksicht zu nehmen ist. Sebalds Helden würden philosophische Überlegungen dieser Art, kämen sie ihnen denn zur Kenntnis, wenig beunruhigen, sie leben, je nach Sichtweise, in einem Cis- oder Transhabermasien. Farrar würde nicht versuchen, Garrad für die Rosenzucht zu begeistern und dieser ihn seinerseits nicht zum Tempelbau bekehren. Das Projekt Europa, für Habermas die makropolitische, wenn auch nicht ideale Umsetzung seiner Diskursethik, stößt auf wenig Begeisterung: Es habe ihn nie gekümmert, was seine an der aberwitzigen Brüsseler Landwirtschaftpolitik immer fetter gewordenen Nachbarn von ihm gehalten hätten, so Garrad. Anders als im Stammland Pennsylvania leben Sebalds amische Menschen separiert, jeder in seiner eigenen Denomination. Die Prosa legt den Gedanken, sie könnten einander begegnen, nicht nahe. Und doch scheinen sie sich in gewissem Sinn nach Erlösung aus ihrem jeweiligen Ghetto zu sehnen. Selysses wird zum Erretter für den Augenblick, er hat die notwendige Leere und Konturlosigkeit, tritt selbst nicht mit einer eigenen Lebensform hervor, sondern sammelt, ähnlich wie Proust beim Verlieren der Zeit, Eindrücke, um auf dieser Grundlage seiner Berufung als Dichter nachkommen zu können. Besonders deutlich wird das Verlangen nach Erlösung im Fall des Jacques Austerlitz, der Selysses zunächst mit architekturtheoretischen Ansichten geradezu überfällt, um ihm dann, in mehreren Schüben, über das gesamte Buch hin seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Sebalds amische Leute leben nach den Massakern, die immer wieder am Horizont der Prosa auftreten, die Massaker am Kongo, die Massaker der Ustascha, das große Massaker der Deutschen, die Massaker aus der Luft. Auch Habermas’ auf Konsens und Frieden zielender Gesellschaftsentwurf endlosen Meinungsaustausches ist ein theoretischer Entwurf nach dem Massaker, Sebalds Helden aber sind diskursunwillig und verfallen zunehmend in Schweigen. Austerlitz durchlebt eine Phase des Sprachverlustes, Bereyter beschäftigt sich je länger desto lieber mit schweigsamer Gartenarbeit, zudem droht ihm Blindheit, Sebalds Figuren sind von denen Becketts weniger entfernt, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Aurach arbeitet täglich zehn Stunden in seinem Atelier, und wenn er die Abendmahlzeit regelmäßig im Wadi Halfa unter den Wüstensöhnen einnimmt, so auch, weil dort von ihm Meinungsaustausch nicht verlangt wird. Die Ashburys sind weitgehend verstummt nach ihrem Schicksal in Irland, die drei Schwestern Catherine, Clarissa und Christina verbringen jeden Tag ein paar Stunden damit, vielfarbige Kissenbezüge, Bettüberwürfe und dergleichen mehr zusammenzunähen. Wie von einem bösen Bannspruch getroffene Riesenkinder sitzen sie auf dem Fußboden zwischen den Bergen ihres Materiallagers und arbeiten, selten nur ein Wort miteinander wechselnd, in einem fort. In Selysses’ Augen werden die Ashburys in ihrem sich verdichtenden Schweigen immer unschuldiger. Le Strange, heimgekehrt aus Bergen Belsen - home is the sailor, home from sea, and the hunter home from the hill - schweigt strenger als ein Trappist. Cosmo Solomon steht stumm auf seinem Schemelchen. Wort- und klaglos läßt Adelwarth das Martyrium in der Nervenheilanstalt Samaria über sich ergehen. Im deutsche Konsulat zu Mailand aber sitzen die beiden Künstler Giorgio Santini und Georgios Selysses, Hochseilartist und Levitationszauberer, schweigend beieinander, die nordländisch wirkende junge Frau ebenfalls wortlos und unbeweglich, die Nonna mit einer Häkelarbeit beschäftigt, von der sie nur ab und zu aufblickt, die drei Mädchen in Sommerkleidern aus feinstem Batist einmal still zusammensitzend und dann wieder zwischen den Sesseln und Stühlen einhergehend. Schwerelos vergeht Selysses in der Gesellschaft dieser Leute die Zeit.