Dienstag, 23. Mai 2017

Moustache

Aufatmen

Als vor Jahren der deutsche Politiker Trittin sich den Oberlippenbart, der als sein unverzichtbares Attribut, ja als eine Charaktereigenschaft galt, abrasierte, lief ein Schauder durch die Wählerschaft. Noch heute geben ihm nicht wenige in Gedanken, vor ihrem inneren Auge den Bart zurück. Emmanuel Carrère erzählt die gegenläufige Geschichte eines Mannes, der nach zehnjähriger Trägerschaft seinen Schnauz entfernt, und niemand, beginnend mit seiner Frau, bemerkt es und, schlimmer noch, rundum wird behauptet, er habe nie einen Bart gehabt. Die daraus erwachsende Identitätskrise - um diesen inzwischen ein wenig überholten Begriff neu zu beleben - ist leicht zu ermessen, wenn auch nicht unbedingt in der von Carrère unterbreiteten Wucht bis hin zur Selbstverstümmelung mit wahrscheinlich letalem Ausgang. Der zu Schwindelgefühlen neigende Dichter hat sich wohlweislich auf Experimente nicht eingelassen, kaum dem Kindesalter entwachsen, sehen wir ihn mit Moustache, etwaige spätere bartlose Phasen sind nicht dokumentiert. In seiner Prosa wird der Bart nicht thematisiert, in der die Prosa begleitenden Photoausstellung ist sein Personal bartlos. Es wäre auch unverantwortlich, die ohnehin labilen Gestalten, die sein Werk bevölkern, zusätzlich den Gefahren auszusetzen, die Carrère so eindrücklich schildert, Gefahren und Risiken, die allenfalls ein so robuster Mensch wie Trittin eingehen kann. Von Austerlitz haben wir kein deutliches Photo, das ihn im Mannesalter zeigt, sein Aussehen wird aber unmißverständlich dem des Siegfried in Fritz Langs Film verglichen und der ist, wie sich jeder leicht überzeugen kann, bartlos. Und doch bleibt ein Unbehagen. Auf einem der Photos, die Austerlitz vom Antikos Bazar in Terezín macht, sehen wir umrißhaft in der Schaufensterscheibe das Antlitz des Photographen, also sein eigenes, gespiegelt, und da scheint er dem Dichter ähnlicher als dem Siegfried. Die untere, bartverdächtige Gesichtshälfte ist allerdings zum einen durch die vorgehaltene Kamera und zum anderen durch die lichtstarke weiße Reiterfigur hinter der Scheibe verdeckt. Wir können vorsichtig aufatmen und uns weiter an den Siegfried halten. Endgültig verscheucht das versöhnliche Ende des Buches mit einem Austerlitz, der sich, mit oder ohne Bart, auf die Suche nach Marie de Verneuil begibt, unsere Ängste.


Donnerstag, 18. Mai 2017

Se equivocaba

Gebrochener Flügel

Die Stellung der Taube ist ambivalent, auf der einen Seite ist sie das Transportvehikel des Heiligen Geistes und des Friedens obendrein, auf der anderen Seite ist sie in vielen Gegenden zur Landplage geworden. Alles Schlechte aber, was man über die Taube denken mag, ist verweht, wenn die ersten Zeilen nur des Gedichts über die verirrte Taube aufgerufen werden:

Se equivocó la paloma,
se equivocaba.
Por ir al norte fue al sur,
creyó que el trigo era el agua,
se equivocaba.

Die Taube täuschte sich,
sie hat sich getäuscht.
Um nach Norden zu kommen flog sie nach Süden,
das Korn hielt sie für Wasser,
sie hat sich getäuscht.

Jede Zeile nimmt den Atem, bereitet ein wohliges Entsetzen. Es ist nicht eine einfache Kursabweichung, fünf Grad Nordnordost, die korrigiert werden könnte, die Taube fliegt aus unerfindlichen Gründen in die genaue Gegenrichtung. Se equivocó, se equivocaba, mehr weiß man nicht, und die Bestätigung der Täuschung in einer zweiten Tempusformen läßt die Lage als unabänderlich erscheinen, als niemals gutzumachen, so als sei die Taube dem Fehlläuten einer Nachtglocke gefolgt. Was wollte sie im Norden, warum und von wo aus hatte sie die Flugreise angetreten, was ist die Ursache dieser massiven Fehlorientierung, wie konnte es zu dieser Täuschung, dieser Selbsttäuschung kommen? Hatte sie auf ihrem vermeintlichen Flug nach Norden schon bald mit einem See oder einem anderen Gewässer als Orientierungsmal gerechnet und hält nun, da sie nach Süden fliegt, zur Aufrechterhaltung der Selbsttäuschung das Kornfeld für ein Gewässer, oder hat sie einfach Durst oder aber Hunger? Eins nur sie sicher, sie hat sich getäuscht. Hatte sie ihre Heimat im Norden und war im Süden ausgesetzt worden, um dann, anstatt zurückzukehren, erfaßt von einer unerklärlichen Verwirrung weiter noch nach Süden zu fliegen? Einiges spricht dafür, daß es sich bei der Verirrten um Tilly, die schneeweiße unter den drei Brieftauben gehandelt hat, Tilly, die gegen Ende des Sommers weit über die Zeit ausgeblieben war, nachdem sie nur ein paar Meilen südlich, talaufwärts auf einen Probeflug geschickt worden war. Se equivocó la paloma, se equivocaba. Als man die Hoffnung bereitshatte  aufgeben wollen, war sie endlich zurückgekommen, zu Fuß über die Kiesbahn der Einfahrt herauf, mit einem gebrochenen Flügel. Gerald Fitzpatrick mag Alberti die Geschichte erzählt haben, sicher ist das alles aber nicht und wer will auch schon, daß das Rätsel der verirrten Taube restlos gelöst wird. So oder so vermag niemand zu sagen, wie weit Tilly - die womöglich den Frieden bringen wollte im Norden und im Süden und den heiligen Geist in alle Himmelsrichtungen tragen, zweifellos eine die Sinne trübende Überforderung - wie weit also sie in die falsche Richtung geflogen und warum und wann sie schließlich doch umgekehrt war und wo und auf welche Weise sie sich den Flügel gebrochen hatte.

Freitag, 12. Mai 2017

Trendsetter

Goldminen der City


Szczepan Twardoch gibt in Sztuka życia dla mężczyzn (Lebenskunst für Männer) einen Überblick über die derzeit tonangebenden Formen fortgeschrittener Männlichkeit in Polen und anderswo. Er unterscheidet zwischen Gentlemen, Yuppies, Yeppies (young experimenting perfection seekers) Hipsters, Dandys, Geeks und Survivalists. Ein tonangebendes Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gruppen ist die Kleidung, ein allerdings nicht einfach zu handhabendes Merkmal, da die Kombination T-Shirt und Jeans die Unterschiede verwischend bei fast allen einen guten Ruf hat, wenn auch nicht bei den gleichen Gelegenheiten. So verzichtet der Hipster bei Beerdigungen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen in der Regel auf sein Lieblings-T-Shirt mit der Aufschrift Sexinstructor, first lesson for free. Auch Twardoch selbst, dessen Kenntnisse ganz offenbar nicht allein theoretischer Natur sind, ist nur schwer einer der von ihm genannten Gruppierungen zuzuordnen.

Pauschal von den Arbeitern in den Goldminen der City spricht der Dichter, dem auf dem Gebiet des Trendsettings ein Distinktionsverlangen und damit auch ein Distinktionsvermögen fehlt, wie es Twardoch auszeichnet. Zur frühen Abendstunde haben sie sich eingefunden an ihrem gewohnten Trinkplatz, alle einander ähnlich, in ihren nachtblauen Anzügen, gestreiften Hemdbrüsten und grellfarbenen Krawatten. Schwer ist es, die rätselhaften Gewohnheiten dieser in keinem Bestiarium beschriebenen Tierart zu begreifen, ihr enges Beieinanderstehen, ihr halb geselligen, halb aggressives Gehabe, das Freigeben der Gurgel beim Leeren der Gläser, das immer aufgeregter werdende Stimmengewirr, das plötzliche Davonstürzen des einen oder anderen.

Wenn der Dichter die Goldminenarbeiter in die Tierwelt verbannt, will er sich wohl nicht näher mit ihnen beschäftigen. Das muß uns aber nicht hindern, sie mit Twardochs Lupe genauer zu betrachten. Offenbar sind die Minenarbeiter unmittelbar vom Arbeitsplatz in den Pub und hatten noch nicht die Gelegenheit, ein für den Betrachter aufschlußreiches Outfit ihrer persönlichen Wahl anzulegen. Ein Gentleman im anspruchsvollen Sinn ist sicher nicht unter ihnen, aber den hat Twardoch auch nicht im Auge, ihm geht es um Poseure, die sich als Gentlemen darstellen. Deren bevorzugte Anzugsfarbe sei aber nicht nachtblau, sondern grau mit dazu passenden auf keinen Fall grellen Krawatten. Es ist nicht auszuschließen, daß sich unter den zahlreichen nachtblauen Anzügen auch der eine oder andere graue befunden hat, der im Interesse eines einheitlichen Gesamtbildes unerwähnt geblieben ist. Wahrscheinlicher ist aber, daß die Gentlemen um ihr Image rein zu halten, auf den Barbesuch verzichtet haben. Yuppie ist fast schon, wie Minenarbeiter, ein Oberbegriff, unter den, wenn nicht alle, so doch die meisten zu fassen sind, hilfreich wäre es, könnte man die in ihrem jeweiligen Appartement eingetroffenen nachtblau Gekleideten beim synchronen Wechsel hin zu Shirt und Jeans beobachten. Wer, vom Regelverhalten abweichend, den blauen Rock lediglich gegen einen gelben austauscht, wäre als Dandy einzuschätzen. Survivalists können wir unter den Blaumännern nicht vermuten und auch Yeppies und Geeks könnten sich wohl nur unter Androhung von Gewalt mit einem nachtblauen Anzug abfinden. Gleiches gilt im Grunde auch für die Hipster, die allerdings zu Ironie und Satire neigen, es kann daher nicht ausgeschlossen werden, daß sich der eine oder andere zu ironischen und satirischen Zwecken eines Blaurocks bedient.

Der Erzähler wirft nur einen kurzen Blick voller Verwunderung und Abneigung auf die Blauröcke, ein Blick, der sich kaum eignet für eine Gegenüberstellung mit Twardochs leidenschaftsloser und differenzierter Untersuchung. Hätte der Erzähler seine Beobachtungen ausgeweitet, wäre sein Augenmerk nicht unversehens in Anspruch genommen worden von einem Rucksack gleicher Machart, wie Wittgenstein ihn immer mit sich getragen hatte? Austerlitz hatte die Blauröcke offenbar gar nicht beachtet und im gleich einsetzenden Gespräch zwischen den beiden ist kein Platz für sie.

Samstag, 6. Mai 2017

Quelle der Weisheit

Sage Ernest

Jeden Neuankömmling unter der Friedhofserde überfallen die Alteingesessenen mit Fragen zu den aktuellen Entwicklungen oberhalb der Erdoberfläche, der gerade eingetroffene Tomás Rua unterläuft jede Frage. Wie es dem Postmeister gehe, möchte man gern wissen, ist er gesund, oder ist mit seinem baldigen Eintreffen hier auf dem Friedhof zu rechnen? Darauf Tomás Rua: Es werde viel geredet, die einen sagen, der Postmeister sei kerngesund, die anderen sagen, er werde die Friedhofsbewohner wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen, nur ein Weiser könne die Wahrheit sagen, is críonna an té a dearfadh. Und so, nach dem gleichen Muster, bei allen Fragen, allenfalls ein Weiser hätte die Wahrheit parat. Aus welchen Quellen aber soll der Weise die diesbezügliche Wahrheit schöpfen, und wie soll sie aussehen. Die Weisheit ist ins Absurde gestürzt, in einen tiefen Schacht, den Luhmann mit den Instrumenten der Theorie erkundet hat.

Weisheit werde gewonnen auf der Ebene der Beobachtung erster Ordnung, also der unmittelbaren, einsamen Beobachtung eines Sachverhalts. Weisheit ist insofern demodiert, da sich in der Moderne alles Maßgebliche auf der Ebene von Beobachtungen zweiter und dritter Ordnung abspielt, also der Beobachtung eines Beobachters, wenn nicht gar der Beobachtung eines Beobachters einer Beobachtung. Unter Beobachtung schmilzt die Weisheit schnell dahin, wer dem Weisen über die Schulter schaut merkt bald, daß der gegenteilige Weisheitsspruch oft nicht weniger einleuchtend ist als die Ausgangssentenz. Alte Weisheiten, bevorzugt Bauernweisheiten, mögen in mumifizierter Form überdauern, neue kommen nicht hinzu. Cioran ist um einiges impulsiver und spürbar weniger kontrolliert als Luhmann, wenn er den Tag über in den Büchern der Weisen gelesen habe, überkomme ihn, so läßt er wissen, der kaum zu zügelnde Drang, auf die Straße zu laufen, um dem Erstbesten in die Fresse zu hauen.

Die Weisen haben es heutzutage ähnlich schwer wie die Heiligen. Nicht daß sie einander besonders ähnlich wären, die Heiligen neigen mehr zur Tollheit als zur Weisheit und gleichzeitig haben sie den Vorteil, daß sie ihr besonderes Merkmal als Namensteil mit sich tragen. Der heilige Franz mag mit dem Gesicht nach unten im Sumpfwasser treiben, der in der Höhe des Schulterblatts auf die Kutte genähte Namenszug Sanctus Franciscus Assisiensis gibt ihn gleichwohl für jedermann leicht zu erkennen als der Heilige, der er ist. San Giorgio hat allerdings seinen Namen in Giorgio Santini geändert und würde er nicht leichtsinnig den Strohhut in der Hand halten, den Pisanello ihm geschenkt hatte, bliebe seine Identität im Dunkeln.

Die Weisen verfügen über keine Institution, die ihnen ihre besondere Eigenschaft als festen Namensteil zuerkennen könnte, Sage Ernest etwa. Wir haben Jaroslaw den Weisen, aber hier handelt sich um die Hervorhebung der individuellen Eigenschaft eines Herrschers, die Jaroslaw nicht einem Kollegium der Weisen zuweist, sondern in ihn eine Reihe stellt mit anderen Herrschern mit anderen Auffälligkeiten wie Bolesław dem Kühnen oder Karl dem Kahlen. Bei der Suche nach einem Weisen im Werk des zu Schwindelgefühlen neigenden Dichters kann uns also kein Namenzusatz leiten und wir können auch nicht auf auffällige Weisheitssprüche im traditionellen Sinne hoffen, eher schon gilt es Ausschau zu halten nach mehr oder wenig auffällig als Unweisheiten getarnte Weisheiten wie: England ist bekanntlich eine Insel für sich. Wenn man nach England reisen will, braucht man einen ganzen Tag. Von dieser klaren, unaufdringlichen, nicht parfümierten Weisheit ist der rasende Cioran nicht nur entwaffnet, er ist erlöst. Oder: Die Zigarette ist ein Monopol und muß geraucht werden. Auf Dassie in Flammen aufgeht. Diese Weisheit enthält einen heilsamen Kern der Destruktion und ist dem Dichter daher besonders angenehm. Ihm ist, als habe er das Fliegen gelernt, zumindest was man braucht für einen anständigen Absturz. Zu rauchen nur des Feuers und der Flammen wegen, zu fliegen nur um abzustürzen. Auf Dassie in Flammen aufgeht: Eine gewisse Tollheit ist zu spüren, Weiser und Heiliger in eins, Sage Ernest, San Ernesto.


Mittwoch, 19. April 2017

Argumente

Distanz

Was geschieht, fragt Luhmann sich und uns, wenn das bessere Argument gesiegt hat und die Diskursteilnehmer auseinandergegangen sind. Kaum werden sie alle dauerhaft in einem einheitlich erleuchteten Zustand verharren, in die Köpfe kann man nicht schauen, die eine hat vielleicht nur zugestimmt, weil sie das Gerede leid war, und der andere hatte von Anfang an nicht recht verstanden, worum es geht, wieder andere haben bald vergessen, worüber und worauf man sich geeinigt hatte. Wurde der Konsens nicht protokolliert, hat er sich schon bald verflüchtigt.

Von Jahr zu Jahr fällt es Selysses schwerer, sich unter ein Publikum zu begeben, offenbar fallen Diskussionsforen zum Austausch von Argumenten auch unter das Verdikt. Auch in seinen vielen Zwiegesprächen wird nicht gestritten, meist hört er nur zu, und was er hört, gibt ihm zu denken. Nach Beendigung des Gesprächs zieht Selysses weiter, selten sehen wir ein zweites Mal im Gespräch mit der selben Person. Das Gespräch kann noch nachhallen in ihm, ci vediamo a Gerusalemme, was mag Malachio mit seinem Abschiedsgruß gemeint haben. Die meisten Gesprächspartner trifft Selysses nur einmal, Austerlitz zu wiederholten Malen, aber in größeren Abständen und immer an einem anderen Ort. Man spricht miteinander und trennt sich, legt eine Strecke zwischen sich, das ist einer der Rhythmen, die den Erzählvorgang bestimmen.

Wenn das Konklave zur Papstwahl mit dem weißen Rauch zum Abschluß bereits ein starker Einwand ist gegen die Vorstellung, nach hinreichend langem Zusammensein im Gespräch würde sich das bessere Argument, gleichgesetzt mit der Wahrheit, durchsetzen, so ist es Máirtín Ó Cadhains Roman Cré na Cille (Friedhofserde) umso mehr. Der Schauplatz ist ein kleiner Ort im Westen Irlands, unweit von Galway. Man ist immer unter sich, immer die gleichen Gesichter und Gesprächspartner, auch wenn die eine oder der andere schon mal nach Dublin fährt oder gar nach England zum Geldverdienen und mancher Verwandte in Amerika hat. Reisen können aber nur die Lebenden und die redenden Figuren des Buches sind ausschließlich die Toten auf dem Friedhof, die zwar jede körperliche Bewegungsfreiheit, nicht aber die mentale Präsenz und das Sprachvermögen eingebüßt haben. Immer beieinander und nur untereinander zum Redeaustausch fähig, versagt die konsensstiftende Macht der Sprache völlig. Bald schon hat man sich festgeredet im ewigen Dissens, um es milde auszudrücken.

Für den vorgeblich auf dem besseren Argument beruhenden Konsens ist das Auseinandergehen essentiell. Zwar setzen sofort Zerfall und Vergessen ein, gleichwohl kann das protokollierte Ergebnis durch ein Ritual, eine feierliche Bekräftigung, einen gemeinsamen Schwur, ein Edikt oder ein Gesetz wirksam mumifiziert werden. Die Sebaldmenschen leben in paradiesischen Verhältnissen, unter denen es Dissens nicht gibt und Konsens nicht notwendig ist. Das rechtzeitige Auseinandergehen scheint für die Aufrechterhaltung des glücklichen Zustands unerläßlich. Máirtín Ó Cadhain ist ein Pionier auf dem ansonsten noch wenig erforschten Gebiet der untergründigen Friedhofsgespräche, die Allgemeingültigkeit seiner Ergebnisse bedarf noch weitere Bestätigungen. L'enfer c'est les autres, darauf scheint es hinauszulaufen, wenn die anderen immer da sind und nie den Mund halten. Ganz am Schluß des Buches keimt Hoffnung, einer der Diskursteilnehmer scheint sich in heilsames Schweigen zu verabschieden: Jetzt, wo du reden könntest, schweigst du - tá cead cainte anois agat ach is cosúil gur binne leat an béal marbh. - Leat an béal marbh, dein Mund bleibt tot, eine wunderliche Bemerkung bei einem Gespräch unter Toten.

Samstag, 15. April 2017

Écriture cruciverbiste

Kein Feldrand

Angeregt von der rätsellösenden Penelope Peacefull in Austerlitz diagnostiziert Yahya Elsaghe* für den Roman und damit wohl auch für das Prosawerk insgesamt eine Écriture cruciverbiste. Er kommt dabei zu überzeugenden Ergebnissen, unterschlägt allerdings, daß Austerlitz selbst sich als unfähig bekennt, auch nur das einfachste dieser verdrehten englischen Kreuzworträtsel zu lösen. Da sich Austerlitz und der Erzähler immer in allem einig sind, dürfte das für beide gelten und in letzter Instanz auch für den Autor.

Es geht um Penelope Peacefulls letzte Rätseleintragung, One way to live cheaply and without tears war die Frage, Rent free ist die Antwort, das Rätsel ist gelöst, am nächsten Tag gibt es ein neues. Penelope bewegt sich damit in einem ähnlichen Rhythmus wie ihre antike Vorläuferin, die tagsüber ein Tuch webt, das sie in der Nacht dann wieder auflöst. Tägliches Weben und Auflösen, das ist, für sich betrachtet, noch unsinniger als das tägliche Lösen eines Kreuzworträtsels, hat in diesem Fall aber den bekannten handfesten Sinn, die Freier in Schach zu halten. Weben und Spinnen sind als Motiv im Prosawerk weitaus dominanter als das Lösen von Kreuzworträtseln, aber auch in dieser Disziplin ist der Erzähler nicht als Meister vom Himmel gefallen. Mit Hingabe füllte er seine Schulhefte mit einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen, in welches er das Lehrerfräulein Rauch auf immer einzuspinnen und zu verstricken suchte mit dem Ziel, bereits im Sommer mit ihr vor den Traualtar zu treten. Daraus ist nichts geworden und vermutlich hat ihn die Enttäuschung dann all die Jahre zögern lassen, der Berufung zum Sätze verwebenden Dichter zu folgen.

Bei Schach und Billard, die auch im Werk häufiger erscheinen als das Kreuzworträtsel, geht es wie bei diesem um die Lösung einer kniffligen Aufgabe auf einem kleinen Feld. Auch hier zählen sich weder Austerlitz noch der Erzähler zu den Champions. Bei allem Reiz des Spiels auf engem Raum, Austerlitz‘ sportliches Talent beweist sich auf dem weitläufigen Rugbyfeld. Vielleicht wegen eines ihm damals noch gar nicht bewußten dumpf in ihm rumorenden Schmerzes durchquerte er in einer Art Furor und ohne Bewußtsein von der Begrenzung des Feldes mit gesenktem Kopf die Reihen der Gegner wie kein anderer.

Eine dichterische Anleitung ergibt sich aus dieser rauhen Sportart unmittelbar nicht, die wichtigsten Richtungsweise wurden vielmehr, wie Sebald in einem Gespräch einräumt, keine der genannten Spiel- und Sportarten, sondern dem Lauf du chien à travers les champs abgewonnen. Der Hund in den Feldern, das ist ein Bild begeisterter Vergeblichkeit, die Nase stets nah am Boden folgt er, keinen Feldrand wahrnehmend oder gar beachtend, den seltsamsten Linienführungen und erweckt doch den Eindruck, als wisse er genau, was es will. Was geschieht, wenn es ernst wird, hat Thomas Mann mustergültig festgehalten. Der Hase ist aufgesprungen, Bauschan ist ihm auf den Fersen, der Beobachter wünscht den Hasen alles Gute und zugleich Bauschan den Jagderfolg. Bauschan ist auf einen halben Meter herangekommen, da schlägt der Hase seinen verflixten Haken, Bauschan schießt ins Leere, statt gerade noch einem knappen halben sind es nun gleich wieder an die hundert Meter Abstand. Wahrhaft vorbildlich sind aber Hunde mit einem höherer Grad der Domestizierung, die, so wie Proust sich seine Lieblingsspeisen lieber vorstellte als vorsetzen ließ, vom realen Hasen eher verstört wären, sich mit dem Hasen im Kopf begnügen und sich ansonsten in reiner Kunstausübung dem Genuß tausender olfaktorischer Details widmen. Das olfaktorische Moment wird für den Lauf der Erzählung in Eindrücke anderer Art transformiert, der Leser der Prosa wird zum begeisterten Kyniker.

*Neue Zürcher Zeitung 10.3.2007

Dienstag, 11. April 2017

Lüge

Sprachvermögen

He asked me no questions, I told him no lies

Kant war ein entschiedener Freund der Wahrheit und der Lüge abhold. Fragt dich ein Mordlustiger, durch welche Tür der Gesuchte verschwunden ist, mußt du ihm die richtige Tür weisen und nicht, um das Opfer zu retten, die falsche. Da ist es schwer, Kantianer zu sein und nicht allein Dirty Harry wird Vorbehalte formulieren. Die Antwort zu verweigern, zu schweigen, wäre doch wohl das Mindeste, oder besteht über die Vermeidung der Lüge hinaus eine moralische Auskunftspflicht? Im Rahmen der bestehenden Rechtsordnung macht sich Kants Wahrheitsfreund zudem womöglich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. - Wie auch immer, Kant gründet seine Überlegungen allein auf der Morallehre, neuzeitlichere Fragestellungen auf der Grundlage von Anthropologie und Evolutionslehre waren ihm noch verschlossen. Ein Insekt nimmt die Form eines welken Blattes an, verbringt sein kurzes Leben in der Lüge und fährt gut dabei. Utilaristische Erwägungen dieser Art hätten Kant, für den die Sonderstellung des Menschen in jeder Hinsicht außer Frage stand, nur noch zusätzlich beflügelt, mehr noch allfällige Hinweise auf unsere nächsten Verwandten, die Affen, die einander auf die manninfaltigste Weise hinters Licht führen. Genau da, wird es heißen, tut sich die tiefe Kluft auf zwischen ihnen und uns, die wir dem gestirnten Himmel hoch oben und dem moralischen Gesetz tief in unserem Innern verpflichtet sind.

Der Mensch ist als Lügner nicht allein, aber nur er kann mit Worten lügen. Welchen Weg hätte wohl die Entwicklung genommen, wenn der Herr bei der Erschaffung der Sprache in Erfüllung des Traums der Philosophen nur wahre Sätze zugelassen hätte, wäre unsere Erkenntnis ins Unermeßliche gewachsen, oder wäre unser Erkenntnisvermögen alsbald aus Freudlosigkeit verdorrt und mit ihm die gerade erst erschaffene Sprache; aber waren dem Herrn nicht ohnehin die Hände gebunden, nachdem er die Lüge bereits in der sprachlosen Welt der Tiere zugelassen, vielleicht gar gefördert hatte? Ist das Vermögen zu lügen nicht geradezu eine Gabe Gottes, die wir nicht brach liegen lassen dürfen, oder ist die Lüge Teil des Bösen, das uns gegeben wurde, ihm zu widerstehen, um unsere Kraft und Freiheit zu dokumentieren?

Läßt sich aber bei der Anwendung der Sprache die Lüge überhaupt vermeiden, trägt nicht schon jede Übertreibung um der Deutlichkeit willen, jede Ausschmückung der Schönheit halber den Hauch der Lüge in sich, und nun gar erst die fiktionale Kunst. Die alten Mythen der Vorzeit lesen sich für uns wie unverhohlene Lügengeschichten und doch tragen sie Wahrheiten in sich, die auf anderem Wege nicht zu erreichen waren. Den von Schwindelgefühlen geplagten Dichter kann man als besonders perfid bezeichnen, tarnt er seine Erzählungen doch als dokumentarische Berichte, er war in Italien und im Allgäu und berichtet davon in planen und klaren Worten, wen immer das interessieren mag, so denkt man. Er berichtet aber auch von dem Hotel in Verona, wo er sich ohne ersichtlichen Grund als Jakob Philipp Fallmerayer einträgt, er wird also nicht als Lügner ertappt, sondern stellt sich plakativ als Lügner dar, was mag ihn da geritten haben: eine zweckfreie, sozusagen selbstlose Lüge, die niemandem schadet, eine schöne Lüge. Gerade erst waren ihm neue Nachweise seiner alten Identität ausgestellt worden, aber die polizeiliche Bestätigung des Paßverlustes gilt ihm als Heiratsurkunde und im Konsulat zu Mailand beeindruckt ihn die Gauklerfamilie weitaus mehr als der Konsularbeamte. Wir haben keinen Anlaß, an seinen Schwindelgefühlen zu zweifeln, gleichzeitig haben wir zunehmend das Gefühl, er schwindelt. Sollen wir ihm abnehmen, daß der Gaukler auf den Namen Giorgio Santini hört und zugleich den Hut des San Giorgio in der Hand hält, den wir aus Pisanellos Gemälde kennen, und was ist mit den undurchsichtigen Jägergeschichten, der Jäger Gracchus, dann der Jäger auf dem Dachboden der Mathild, der haargenau das Erscheinungsbild des Jägers Schlag bei Kafka hat, und schließlich der Jäger Hans Schlag im Dorf, der sich durch die eintätowierte Barke am Oberarm wiederum mehr oder weniger unstrittig als Gracchus zu erkennen gibt. Am Ende traut man keinem Satz, keinem Wort mehr und fühlt sich, befreit von der Wahrheitspflicht, froh und unbeschwert. Solange die Lüge die Wahrheit aufmuntert, kann sie ihr nicht schaden.