Mittwoch, 3. März 2021

Reduktionsphilosophie

Platoniker


Die Philosophie nahm ihren Beginn nicht in Seminarräumen, sondern unter freiem Himmel, vorzugweise unter dem Himmel über Athen. Nicht wenige der frühen Vertreter des Fachs waren Exzentriker, denen die Liebe zur Weisheit auf den ersten Blick nicht anzusehen war, man denke etwa an Diogenes. Auch in unseren Tagen ist kein Ort von der Möglichkeit einer philosophischen Begegnung ausgeschlossen, am wenigsten die Bahnhöfe. Ein Dutzend Sandler und eine Sandlerin waren im Innsbrucker Bahnhof versammelt. Sie bildeten eine bewegte Gruppe um einen Kasten Gösser-Bier, der wundersamerweise, gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, auf einmal in ihrer Mitte stand. Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. Nicht auszudenken, welche Gedankenperlen uns auf diese Weise entgangen sind. Konstantin Lewin stellt sich der philosophischen Frage auf aufwendige Weise, er liest, so ist es belegt, Platon, Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und Schopenhauer, die von ihm als materialistisch eingestuften Philosophen liest er nicht. Bei all dem geht es ihm weniger um die Philosophie als solche oder das Ding an sich, sondern um Hinweise für das eigene Leben. Er experimentiert mutig, indem er bei Schopenhauer den Willen durch die Liebe ersetzt, aber auch dieser Versuch nimmt einen enttäuschenden Verlauf. Die Erlösung findet er nicht bei den großen Philosophen. Für die Familie leben, so wie die Väter und Großväter gelebt haben, das ist ein notwendiger, aber auch nicht hinreichender Ansatz. Erlösung bringt das aufgeschnappte Wort eines Muschiks: Für die Seele leben, Gott wird es vergelten. Pierre Besuchow scheint weniger anspruchsvoll als sein Nachfolger Lewin, auf Platon und seine Nachfolger, auf umfängliche Lektüre läßt er sich nicht ein, zunächst, wenn auch nicht auf Dauer, befriedigt das Freimaurertum seine philosophischen Ansprüche. Aber auch nach der Ernüchterung erklimmt er nicht die Leiter der großen Philosophie. Schon das übliche Treiben der Menschen, zumal in den Städten, ist ihm, wie dann auch Lewin, unverständlich, vollends verwirrt bis zur Orientierungslosigkeit läßt ihn das Kriegsgeschehen dastehen. Da begegnet ihm als ein Geschenk des Himmels Platon leibhaftig, ein Platon, der sich als ein entschiedener Vorplatoniker, ja, als ein prähistorischer Prävorsokratiker erweist. Platon Karatajew redet nur in festen Wortgefügen, ohne Aussage, ohne Ziel. Widersprüche fallen ihm nicht auf, bekümmern ihn nicht. Er läßt den Worten freien Lauf, bedenkt nicht weiter, was er sagt. Für Besuchow führt die Begegnung mit Platon K. zu einem, wie man heute sagen würde, Reset des Weltverständnisses. Er findet zurück zur Nichthinterfragbarkeit der Quelle des Lebens, zum philosophischen Nullpunkt, von dem alles ausgeht, zu Menschen, die nicht den Weg genommen haben, den die Menschheit genommen hat und den sie nicht hätte nehmen sollen. Hundert Jahre später notiert Cioran in der verschärften Nachfolge Tolstois, die Menschheit hätte nie über den Status eines Hirtenvolks hinauswachsen dürfen.

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