Samstag, 13. März 2021

Durch’s Gebirge

Auf dem Kopf
 
Den 20. ging Lenz durch’s Gebirg, auf der Liste der gelungensten Eingangssätze sollte dieser ganz oben stehen. Die Schwindel.Gefühle sind ein Gebirgsbuch beginnend mit dem Satz: Mitte Mai des Jahres 1800 zog Napoleon mit 36 000 Mann über den großen St. Bernhard. Zweimal, auf dem Weg von Wien nach Venedig, überwindet der Erzähler selbst das europäische Hochgebirge, im Zug und bei Nacht, so daß er sich nicht anstrengen muß und auch wenig zu sehen bekommt. Die erste Fahrt hatte, wie er sagt, kaum eine Spur in seinem Gedächtnis hinterlassen, die zweite noch weniger, geschwinder als er es je für möglich gehalten hätte verging ihm über seinen Aufzeichnungen die Zeit, und er kam erst wieder zu Bewußtsein, als der Zug von Mestre aus auf dem Eisenbahndamm die Lagune überquerte. Das sah für den Maler Tiepolo sicher anders aus, als er in bereits vorgerückten Alter 1750 von Venedig über den Brenner gezogen ist, um dann über Tels hinter den Salzfuhrwerken her den Weg über den Fernpaß, den Gaichpaß, durch das Tannheimer Tal, über das Oberjoch und durch das Illertal ins Unterland zu nehmen. Tiepolos Reise geht dem Erzähler durch den Sinn, als er sich selbst, nachdem er die Höhe von Oberjoch mit dem Bus erreicht hatte, auf den Abstieg nach W. begibt, zunächst den Alpsteigtobel hinab nach Krummenbach. Im Tobel standen gut siebzig- bis achtzigjährige Fichten die Hänge hinauf. Immer wieder, wenn die Luft droben etwas in Bewegung geriet, regnete das Tropfwasser in Güssen herunter. Ähnlich erlebt Lenz den Gang durch’s Vogesengebirge. Das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel hingen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Erleben ist nicht das richtige Wort, er geht gleichgültig dahin. Es war ihm unangenehm, daß er nicht auf dem Kopf gehen konnte. Das geht, man spürt es gleich auf dieser ersten Seite, über bloße Schwindelgefühle weit hinaus.

Freitag, 12. März 2021

Beresina

Was sich tut


Die Geschichte des Franzosenkaisers Napoleon, vor allem aber die Schlacht bei Austerlitz war das Spezialgebiet der Lehrers André Hilary, auf dem ihn kaum jemand übertraf. Alle Episoden der Schlacht, alle maßgeblichen Gestalten waren ihm bis in die letzten Einzelheiten vertraut, Kolowrat und Bagration, Kutusow, Bernadotte, Miloradovich, Soult, Murat und andere mehr und doch, mußte er bekennen, im Fazit lief die bleibende Erkenntnis auf die Feststellung hinaus: Die Schlacht wogte hin und her. Zu einem ähnlichen Resultat war bereits Tolstoi gelangt. In Moskau allerdings räumte man die Niederlage der Österreicher, nicht aber die der russischen Armee ein. Im März organisierte der Graf Ilja Rostow im Englischen Klub einen Empfang zu Ehren Bagrations, der den Russen als der eigentliche Sieger von Austerlitz galt. Fürst Andrej Bolkonski, der sich während der Schlacht in der Nähe Bagrations aufhielt, hatte allerdings andere Eindrücke. Unbestritten machte Bagation zu Pferd eine gute Figur, daß er einen Überblick über des Geschehen hatte oder es gar dirigierte, davon aber konnte nicht die Rede sein. Militärische Planungen wurden noch nie auch nur in einer einzigen Detail erfüllt. Kutusows Genialität besteht darin, abwarten zu können und ein Gespür dafür zu entwickeln, was sich unbemerkt tut, und was man aktiv besser nicht tut. Seine große Stunde schlägt, als er Napoleons Rückzug soweit wie möglich tatenlos nur zuschaut. Der aufklärende Ansatz, menschliches Denken könnte den Verlauf der Dinge klären, ist längst versickert. Der Mensch denkt zwar verstärkt, lenkt aber weiterhin nicht. So wie Niels Bohr zufolge nur der die Quantentheorie versteht, der verstanden hat, daß sie nicht verstehbar ist, versteht nur der die Menschheit, der, ohne zu verstehen, ein Gespür dafür entwickelt, was sich tut. Tolstoi kann auf das wenn auch blasse und schwankende Bild eines im Verborgenen aktiven Gottes nicht verzichten, Luhmann rühmt die Kunst des Blindflugs. Im zweiten und letzten Epilog von Krieg und Frieden verläßt Tolstoi die Erzählung und betreibt über fünfzig Seiten hin eine Kritik der Geschichtswissenschaft, die Gesellschaftswissenschaft war noch nicht geboren. Tolstoi hantiert naturgemäß ein wenig ungeschickt an der noch verschlossenen Tür.

Samstag, 6. März 2021

Volle Züge

Zurück

 
Der Nachtzug von Wien nach Venedig war diesmal, mitten in den Ferialmonaten, dermaßen überfüllt, daß er die ganze Fahrt über stehen oder zwischen den sich türmenden Koffern kauern mußte mit der Folge, daß er nicht in den Schlaf, sondern in die Erinnerung versank, Erinnerungen an die erste, sieben Jahre zurückliegende Italienreise. Geschwinder als er es je für möglich gehalten hätte verging ihm über seinen Aufzeichnungen die Zeit, und er kam erst wieder zu Bewußtsein, als der Zug von Mestre aus auf dem Eisenbahndamm die Lagune überquerte. Alles in allem war die Fahrt kommoder als die im fast leeren Nachtzug sieben Jahre zuvor. Der Zug, der Jan Pradera an seinen neuen Arbeitsplatz bringen soll, ist sicher nicht weniger überfüllt. An einem Sitzplatz im Abteil, sofern es Abteile gibt, ist Pradera auch nicht gelegen. Er sitzt im Gang auf seinem Rucksack und raucht Zigaretten, mit aller Vorsicht, um niemanden Textilschäden oder gar Brandwunden zuzufügen. Auch Praderas Sinnen ist auf die Vergangenheit gerichtet, von Erinnerung an vergangene Zeit kann aber nicht gesprochen werden, eher von einem noch nicht abgeschlossenen, noch fortwährenden Augenblick am 8. Januar des Jahres 1967, den es gilt rückgängig zu machen. Dostał się pod koła, pokatulkało go i kaput, er geriet unter die Räder, wurde zerquetscht und kaputt. Alle Passagiere reden von dem Vorfall auf den Gleisen des Breslauer Bahnhofs, vom Unfalltod Zbigniew Cybulskis, der versucht hatte, auf den schon fahrenden Zug aufzuspringen, wie er es schon hunderte Male getan hatte, eigentlich immer, wenn sich die Gelegenheit ergab, es war sein Markenzeichen. Pradera beteiligt sich nicht an dem Palaver der Reisenden. Er hat zwei das Geschehene auslöschende Szenarien vor Augen. Einmal ist er selbst gerade auf den Zug aufgesprungen und reicht Cybulski die helfende Hand. Dann wieder sieht er sich mit ausgebreiteten Armen auf dem Bahnsteig, und verhindert lachend, daß Cybulski den Zug noch erreicht. Przeklęty bądz, żegarze, w którym czas nie może być cofniony, verflucht sei die Uhr, die die Zeit nicht zurücklaufen läßt. Für einen kurzen Augenblick, für wenige Stunden, für einen Tag, wenn es hoch kommt, das muß doch möglich sein. Maßlos aber wäre die Erwartung, die Uhr könne sieben Jahre zurücklaufen. Salvatore Altamura unterrichtet Adroddwr über das Treiben der GRUPPE LUDWIG, an eine rückwirkende Löschung der sinnlosen Taten der beiden jungen Leute denkt niemand.

Mittwoch, 3. März 2021

Reduktionsphilosophie

Platoniker


Die Philosophie nahm ihren Beginn nicht in Seminarräumen, sondern unter freiem Himmel, vorzugweise unter dem Himmel über Athen. Nicht wenige der frühen Vertreter des Fachs waren Exzentriker, denen die Liebe zur Weisheit auf den ersten Blick nicht anzusehen war, man denke etwa an Diogenes. Auch in unseren Tagen ist kein Ort von der Möglichkeit einer philosophischen Begegnung ausgeschlossen, am wenigsten die Bahnhöfe. Ein Dutzend Sandler und eine Sandlerin waren im Innsbrucker Bahnhof versammelt. Sie bildeten eine bewegte Gruppe um einen Kasten Gösser-Bier, der wundersamerweise, gewissermaßen aus dem Nichts hervorgezaubert, auf einmal in ihrer Mitte stand. Verbunden untereinander durch die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht, verbreiteten sich diese teils kaum erst aus dem bürgerlichen Leben ausgeschiedenen, teils ganz und gar zerrütteten Tiroler Sandler, die durch die Bank einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische hatten, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug oder aber sie winkten voller Verachtung ab, weil sie den Gedanken, den sie gerade noch im Kopf gehabt hatten, nicht mehr in Worte fassen konnten. Nicht auszudenken, welche Gedankenperlen uns auf diese Weise entgangen sind. Konstantin Lewin stellt sich der philosophischen Frage auf aufwendige Weise, er liest, so ist es belegt, Platon, Spinoza, Kant, Schelling, Hegel und Schopenhauer, die von ihm als materialistisch eingestuften Philosophen liest er nicht. Bei all dem geht es ihm weniger um die Philosophie als solche oder das Ding an sich, sondern um Hinweise für das eigene Leben. Er experimentiert mutig, indem er bei Schopenhauer den Willen durch die Liebe ersetzt, aber auch dieser Versuch nimmt einen enttäuschenden Verlauf. Die Erlösung findet er nicht bei den großen Philosophen. Für die Familie leben, so wie die Väter und Großväter gelebt haben, das ist ein notwendiger, aber auch nicht hinreichender Ansatz. Erlösung bringt das aufgeschnappte Wort eines Muschiks: Für die Seele leben, Gott wird es vergelten. Pierre Besuchow scheint weniger anspruchsvoll als sein Nachfolger Lewin, auf Platon und seine Nachfolger, auf umfängliche Lektüre läßt er sich nicht ein, zunächst, wenn auch nicht auf Dauer, befriedigt das Freimaurertum seine philosophischen Ansprüche. Aber auch nach der Ernüchterung erklimmt er nicht die Leiter der großen Philosophie. Schon das übliche Treiben der Menschen, zumal in den Städten, ist ihm, wie dann auch Lewin, unverständlich, vollends verwirrt bis zur Orientierungslosigkeit läßt ihn das Kriegsgeschehen dastehen. Da begegnet ihm als ein Geschenk des Himmels Platon leibhaftig, ein Platon, der sich als ein entschiedener Vorplatoniker, ja, als ein prähistorischer Prävorsokratiker erweist. Platon Karatajew redet nur in festen Wortgefügen, ohne Aussage, ohne Ziel. Widersprüche fallen ihm nicht auf, bekümmern ihn nicht. Er läßt den Worten freien Lauf, bedenkt nicht weiter, was er sagt. Für Besuchow führt die Begegnung mit Platon K. zu einem, wie man heute sagen würde, Reset des Weltverständnisses. Er findet zurück zur Nichthinterfragbarkeit der Quelle des Lebens, zum philosophischen Nullpunkt, von dem alles ausgeht, zu Menschen, die nicht den Weg genommen haben, den die Menschheit genommen hat und den sie nicht hätte nehmen sollen. Hundert Jahre später notiert Cioran in der verschärften Nachfolge Tolstois, die Menschheit hätte nie über den Status eines Hirtenvolks hinauswachsen dürfen.

Dienstag, 9. Februar 2021

Anfänge

Welten


Im August 1992, als sie Hundstage ihrem Ende entgegen gingen, machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere zu entkommen. (Sebald, Ringe des Saturn)

Arrivai a Torino sotto l’ultima neve di gennaio, comme succede ai saltimbanchi e ai venditore di torrone. (Pavese, Tra donne sole)

Call me Ishmael. (Melville, Moby Dick)

Nichts ist einfacher als ein Buch zu schreiben, so Pavese, man schreibt den ersten Satz  und muß dann nur noch die Folgerungen aus ihm ziehen. Kein  Autor aber wird wohl einen ersten Satz hinschreiben, ohne zumindest schemenhaft eine weiterreichende Vorstellung seiner Arbeit im Sinn zu haben, den Leser hingegen trifft der erste Satz ohne Vorbereitung. In den drei gewählten Beispielen hat er es jeweils mit einem Icherzähler oder auch einer Icherzählerin zu tun. Nicht einsehbar ist zunächst die Stellung des Icherzählers, agiert er als Protagonist oder als Komparse wie Anton Lawrentjewitsch G-w in Dostojewskis Dämonen, tritt er vielleich nur zeitweise auf? In zwei der drei Beispiele wird eine Jahreszeit genannt, eine tiefgreifende Verwandtschaft ergibt sich daraus aber nicht. Wenige Sätze weiter, noch auf der ersten Seite, heißt es in den Ringen des Saturn: Mich beschäftigte in der nachfolgenden Zeit das lähmende Grauen, das mich verschiedentlich überfallen hatte angesichts der selbst in dieser entlegenen Gegend bis weit in die Vergangenheit zurückgehenden Spuren der Zerstörung. Offenbar handelt das Buch vom Menschen in der Welt und weniger von der Welt des Menschen. Wie das expandierende All könnte das Buch sich endlos erweitern, schon jetzt, so wie das Buch vorliegt, erleben wir China und Afrika, die Fische und die Seidenraupen, warum nicht auch Australien, Südamerika, die Raubvögel und die Echsen. Tra donne sole handelt, wie sich schon bald zeigt, ausschließlich von der Welt der Menschen und folgt einem schmalen Pfad, der von Rosettas Selbstmordversuch zum gelungenen Suizid wenige Monate später führt. Der Pfad ist asphaltiert mit Nichtigkeiten, Zeitvertreib, Lebensvertreib möchte man sagen, der Autor verweigert jede Skizzierung einer irgendwie gelingenden Lebensform. Es gibt keinen parallel verlaufenden und besser ausgebauten Weg, so als gebe es über die Welt der Menschen neben Tod und Nichtigkeiten nichts zu sagen.

Call me Ishmael. Einer der kürzesten Eingangssätze überhaupt und für viele der konkurrenzlos schönste. Wenn auch mit einem Handlungsverlauf versehen, ist Moby Dick zweifellos ein Buch über den Menschen in der Welt. Bücher dieses Genres haben oft eine mehr oder weniger ausgeprägte misanthropische Grundhaltung. Die Menschheit schrumpft zusammen auf die Mannschaft der Pequod, und am Ende ist Ishmael gar der einzige Überlebende. Der siegreiche Wal taucht ab in die Tiefe, er wird die Harpune abschütteln und fortan unbehelligt eins sein mit der Welt.

Montag, 8. Februar 2021

Niall

Tot und lebendig

Ende September 1970 fährt der Erzähler mit Clara erfolgreich auf Wohnungssuche nach Hingham hinaus, Mitte Mai 1971 dann verlassen sie die Mietwohnung wieder, Clara hatte eines Nachmittags kurzerhand ein Haus gekauft. Das läßt auf eine tatkräftige junge Frau schließen, über die man in den folgenden Jahrzehnten, den achtziger und neunziger Jahren, gern noch einiges mehr erfahren hätte. Abgesehen von zwei, drei kurzen Bemerkungen aber ist von Clara nicht mehr die Rede, und doch ist es viel, vergleicht man Clara mit der Frau, deren Tod das Buch Die Asche des Tages, die ein wenig freie Übersetzung des originalen Titels Fuioll Fuine, einleitet und im weiteren Verlauf bestimmt. Von ihr erfährt man rein gar nichts, nicht ihren Namen, nicht von ihrem Leben und nicht von ihrem Tod. Ihr Ehemann wird als N. eingeführt, die Zahl der männlichen gälischen Namen, die mit N. beginnen, ist begrenzt, nennen wir ihn Niall. Das Tor zur Vergangenheit ist geschlossen, wir bekommen die Frau nicht zu Gesicht, weder lebendig noch tot, wir hören kein Wort von Trauer oder Schmerz, auch nicht von Erleichterung. Seine Schwägerinnen, die Schwestern seiner Frau, kennzeichnet Niall als fies, hatte er seine Frau ähnlich eingeordnet? Aber es gibt keinerlei Beleg, daß Niall zuverlässig urteilt und nicht vielmehr er die charakterliche Schwachstelle ist. Die Frau muß unter die Erde gebracht werden, darin ist man sich einig, zielstrebige Handlungen in dieser Richtung aber unterbleiben. Niall irrt durch Dublin, eine weitgehend merkmalslose Stadt, die dem Dublin Leopold Blooms kaum ähnelt, von seinem Ziel entfernt er sich immer weiter. Vielleicht heißt seine tote Frau Caitríona, vielleicht liegt sie schon ohne Nialls Zutun unter der Friedhofserde, cré na cille, und nimmt teil am Gespräch der Toten, das wir nicht verstehen oder auch nur hören können. Unter den Lebenden hatte nur Máirtín Ó Cadhain diese Gabe, der an dieser Stelle aber keinen Gebrauch davon macht.

Montag, 1. Februar 2021

Viscuvatu

Inselwelt


Gemessen an Grönland, mit mehr als zwei Millionen Quadratkilometern die größte Meeresinsel, ist Korsika mit weniger als neuntausend Quadratkilometern ein Zwerg, eine Riese aber im Vergleich zur Peterinsel im Bieler See, die weniger als zwei Quadratkilometer mißt, eine paradiesische Miniaturwelt mit den Worten des Dichters, in der der für kurze Zeit dort beherbergte Rousseau eine Regelung für die größere Insel, das Projet de constitution pour la Corse, entworfen hat. Das unbedachtes Einzäunen eines Gartengeländes und seine Erklärung als Eigentum habe gereicht, die ursprüngliche Gleichheit der Menschen nachhaltig zu stören, so Rousseau im Discours sur l’inégalité. Die Korsen aber seien fast noch im Naturzustand und gesund, heilbar jedenfalls, so urteilt er ohne viel Empirie. Von der Insel könne ein Neubeginn in Form einer Rückkehr zur wahren Menschlichkeit ausgehen. Dafür sei eine Isolation der Insel von der sündigen Außenwelt erforderlich, das Leben auf Korsika sei als umfassender nationaler Kibbuz zu organisieren. Il faut que tout le monde vive et que personne ne s’enrichisse, daher ist das Geld, als die Quelle allen Übels, wieder abzuschaffen. Rousseaus Leben fällt in die Zeit, als man sich daran machte, Gott zu entlasten und das weitere Geschick der Menschheit der Vernunft zu überantworten, was immer man darunter verstehen mochte. Gott ist nicht beiseite geschoben, bei seinem Namen schwören die Korsen unter Rousseaus Anleitung auf die Wege der Vernunft. Die soziologische und ökonomische Ahnungslosigkeit ist wahrhaft unbefleckt, erst gut zweihundert Jahre später ruft Luhmann: Nie wieder Vernunft! Mit den Worten des Dichters: Das Korsikaprojekt ist ein Traum, in welchem der immer mehr auf Warenproduktion, Handel und Akkumulation sich ausrichtende Gesellschaft die Rückkehr in unschuldigere Zeiten verheißen wird. Auch die moderneren Verfassungen, etwa das deutsche Grundgesetz, als Richtschnur menschlichen Verhaltens erreichen keineswegs die Stabilität des Dekalogs und müssen ständig neu justiert und ergänzt werden. Die Tendenz, alles Wünschenswertes ins Grundgesetz hineinzuschreiben, ist eine verkappte Rückkehr zur ohnehin hoffnungslos überlasteten Vernunft. Die unanwendbare Abkehr vom Kibbuz und die Hinwendung zum fortwährenden Fortschritt führen, wie Rousseau ahnte, an den Rand des Abgrunds. Alle Wege der Menschen führen gefährlich nah am Abgrund vorbei, auch wenn man immer wieder für längere Zeit glauben will, es sei nicht so.

Hat Rousseau selbst seinem Traum vertraut? Er war eingeladen, auf Korsika zu wohnen und zwar in Viscuvatu, einer kleinen, eng zusammengebauten Stadt, einer paradiesische Miniaturwelt, allerdings auf festem Boden, das Wasser kaum sichtbar. Ein Aufenthalt in Viscuvatu hätte dem von Verfolgung und Verfolgungswahn gleichermaßen Geplagten wohl gut getan, gleichwohl schlägt er die die Einladung aus, neben anderen Gründen wohl auch aus Zweifel an der Stichhaltigkeit seines Projekts. Die Constitution pour la Corse ist über vorbereitende Seiten nicht hinausgekommen. Stattdessen hatte Rousseau sich Experimenten zugewandt, die ihn überzeugten, daß der Mensch, wie im übrigen auch die Tiere, aus Glas hervorgegangen ist und nach dem Tode auch wieder zu Glas werden kann etwa in der Form schöner leuchtender, durchsichtiger Vasen. Auch dieser hoffnungsvolle, in seiner Bedeutsamkeit nicht zu unterschätzende naturwissenschaftliche Ansatz hat sich letzten Endes nicht bestätigt.