Dienstag, 24. November 2015

Frühe Werke

Was bleibt
In der vordringlich Modiano gewidmeten Ausgabe 1038 der Revue mensuelle littéraire Europe beschäftigen sich zwei Beiträge mit dem Erstling des Dichters, La Place de l'Étoile. Einer der Beiträge gehört zur immer etwas unangenehmen Gattung, die ausgehend von Bourdieu den Kampf um Zugang zum literarischen Feld schildert, der andere untersucht die Unterschiede zwischen der Erstausgabe und der späteren, vom Autor überarbeiteten Fassung. Alle Änderungen laufen auf eine Milderung des ursprünglichen célinesken Sturm- und Drangansatzes hinaus. Modiano hätte möglicherweise, sofern ihm kein weiteres Buch mehr gelungen wäre, Place de l'Étoile, Änderungen hin oder her, aus dem Verkehr genommen, zu sehr ist das erste Buch vom stilistischen Ideal seiner schönsten, in ihrer rauhen Schlankheit Giacomettistatuen ähnelnden Erzählungen wie Chien de Printemps oder Un Pédigree entfernt.

Welche Autoren wären im Gedächtnis geblieben, wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nur ihr erstes Buch verfaßt hätten und dann keins mehr. Wer gerade im Ulysses gelesen hat, muß bei den Dubliners einige Gänge herunterschalten, um in langsamer Fahrt die Erzählungen überhaupt wahrzunehmen, so nahe dem Üblichen scheinen sie zu sein. Die ersten Geschichten sind kurz wie Tschechows frühe Erzählungen, die letzte, The Dead hat schon fast das Format dessen, was die Russen Powest nennen, Tschechows Скучная история etwa, die Langweilige Geschichte, und auf ihre Weise sind die Dubliners genau so langweilig, das heißt betörend wie diese. Banville erfährt bei den Dubliners, that literature could be very elevated but still be about life, about the rather grim, gray, mundane life. Banville selbst schwingt sich im weiteren Verlauf dann aber wie Joyce bis auf die Höhen der griechischen Mythologie. The Dead allein sollten, wenn es denn mit rechten Dingen zugeht, Joyce einen festen Platz im Pantheon der Dichter sichern. Det var i den Tid, jeg gik omkring og sulted i Kristiania, denne forunderlige By - Sult macht, was den Nachruhm anbelangt, Markens grøde ohne Frage überflüssig, da es ein recht schmales Bändchen ist, nehmen wir zur Sicherheit noch Pan hinzu, und Hamsun kann sich seiner Sache sicher sein. Frost ist ein unvergeßliches Buch, hat aber noch nicht den Bernhardton, zusammen mit dem ersten Satz der Verstörung ist die Angelegenheit aber, wie man sagt, in trockenen Tücher. Bei Proust geht es nicht ohne die Recherche, schon Combray allein aber würde, wenn es denn sein müßte, ausreichen für die Ewigkeit.

Kafka hat ständig geschrieben, wenig zu Ende gebracht und noch weniger veröffentlicht, alles, was zu Lebzeiten veröffentlicht wurde, kann als sein Frühwerk gelten, darunter der Landarzt, der völlig ausreicht für einen Sitz im höchsten Gremium. Eigentlich reicht jedweder Satz des Dichters aus Prag: Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. Drei ganze Tage dauert es, bis die Barke, als werde sie über das Wasser getragen, leise in den Hafen von Riva schwebte. Die Barke segelt auch in Sebalds Schwindel.Gefühle, sein erstes Prosawerk, hier ist es einer der zahllosen Fäden in einem Netzwerk von Zeilen, in das er sich und die Leser auf immer einzuspinnen und zu verstricken sucht. Schöner ist ihm das nie wieder gelungen.

Sonntag, 15. November 2015

Tir o saint

Entmenscht


Vom Leben des Majors George Wyndham Le Strange bekommen wir nur die äußere Hülle zu Gesicht. Der Major ist bereits dreißig Jahre alt, als wir ihn zum ersten Mal treffen, als Befreier in Bergen Belsen, was gab es da noch zu befreien. Er quittiert kurz darauf den Dienst und widmet sich für zehn Jahre der Verwaltung der ererbten Güter, dann entläßt er in kurzer Zeit alle Angestellten und Hausbediensteten und führt für gut dreißig Jahre bis zu seinem Tod ein ausgeprägtes Eremitendasein. Er nimmt verschiedene Heiligenrollen an, bevorzugt die des heiligen Franz oder die des heiligen Hieronymus. Bei seinem Ableben sei, so heißt es, seine helle Haut olivgrün geworden, sein gänsegraues Auge tiefdunkel und sein schlohweißes Haar rabenschwarz. Wie diese wundersame Verklärung im Tode zu verstehen ist, bleibt unklar, und der Erzähler distanziert sich vorsichtig von der Nachricht, er wisse nicht, was von solchen Geschichten zu halten sei. So schützt er sich jedenfalls vor der Enttäuschung Aljoscha Karamasows, der nichts anderes erwartet hatte, als daß vom Leichnam des Starez Sossima ein wundersam aromatischer Duft ausgehen würde.

Der mit dem Gesamtwerk nicht vertraute Leser wird die Erzählung vom Major Le Strange als eine singuläre, isolierte Episode werten, tatsächlich aber erscheint sie wie das Konzentrat verschiedener anderer, umfänglicherer Lebensberichte, ihr Ausgangs- oder auch ihr Endpunkt. Als der Erzähler in Begleitung seiner Frau Clara Dr. Selwyns Garten betritt, ist es nicht viel anders, als hätten die beiden den Garten des Majors betreten, Selwyns Eremitenstatus ist kaum weniger streng. Auch in seiner Vergangenheit scheinen traumatische Erlebnisse auf, die Flucht noch im Kindesalter aus der litauischen Heimat, der tödliche Unfall des befreundeten Bergsteigers Naegeli. Die seelischen Folgen, wenn es denn zurechenbare Folgen sind, stellen sich nicht unmittelbar ein, Selwyn führt für über lange Jahre ein aktives, ja mondänes Leben, wie auch Le Strange in der Dekade nach Bergen Belsen tatkräftig seine Güter verwaltet hatte. - Bei entsprechend hoher Abstraktion ließe sich auch Bereyters Lebensverlauf ähnlich darstellen.

Sowohl die prototypische Kurzerzählung vom Major George Wyndham Le Strange als auch die längeren Erzählungen sind weitgehend freigeräumt von den Dingen des Lebens, die der Stoff üblicher Romane sind, von Irrungen und Wirrungen, verwandtschaftlichen Bindungen, Vater und Mutter, Liebesverhältnissen, auch vom Geld. Alle leben in finanziell auskömmlichen Verhältnissen, Le Strange ist reich, läßt sein Geld aber ungenutzt ruhen, aus Überdruß oder aus vollendeter Gleichgültigkeit, auch gegenüber der Möglichkeit, sogenanntes Gutes zu tun. Die Helden der Erzählungen sind entmenscht im gegengerichteten Sinn der üblichen Bedeutung, nämlich frei vom alltäglich Menschlichen. Aber auch in den üblichen Romanen voller Menschengetümmel zeichnet sich, wenn sie denn die notwendige Qualität haben, ähnliches ab. Banville erfährt bei Joyces Dubliners, that literature could be very elevated but still be about life, about the rather grim, gray, mundane life - das Bild eines Gipfels über dem Nebel zeichnet sich ab, bei Sebald ist es ein weites Hochplateau, Ort einer in der Höhe verborgenen Menschlichkeit anstelle des Allzumenschlichen. Aus der Verlegenheit, für diesen Ort keinen Namen zu haben, nennen wir ihn das Land der Heiligen, Tir o saint, es ist ein Bezirk, der, wenn die Dichter denn recht hätten, auch in uns selbst zu entdecken wäre.

Sonntag, 8. November 2015

Seybolt

Kunstschönfärber

Keiner, der einen alten Hitchcockfilm ein weiteres Mal sieht, will die Szene verpassen, in dem der Meister, in der Regel gleich nach Beginn, für einen Augenblick kurz hineinschaut in das Leinwandgeschehen. Auch die alten Meister, darunter Grünewald etwa, haben sich gern, augenfällig oder versteckt, in ihren Bildern plaziert. Sebald, der als namenloser Erzähler in seinen Prosabänden fortwährend präsent ist, hat das, sollte man meinen, nicht nötig. Ständige Anwesenheit kann aber das diebische Vergnügen des womöglich unerkannten Kurzauftritts nicht ersetzen.

Johannes de Eyck hic fuit, heißt es auf dem Rahmen des Rundspiegels, in dem die Szene auf Miniaturformat von rückwärts noch einmal zu sehen ist. Seybolt hic fuit. Grünewald geriet ins Gespräch mit Barthel und Sebald Beham, hier mag Sebalds namentlicher Auftritt dem Realbezug geschuldet sein, Grünewald konnte Sebald nicht aus dem Weg gehen. In Nürnberg aber, wo das Patriziat durch den Rotschmied Vischer für den heiligen himelsfursten Sand Sebolten ein sarch von messing hatte machen lassen, sucht er seinen Namenpatron ausdrücklich auf. In der Geschichte des um Holz geizenden Wagners, in dessen Herd der Heilige ein Feuer aus Eiszapfen entzündete, fühlt er sich ihm eng verbunden. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für ihn von besonderer Bedeutung gewesen, und er habe sich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen. Die Geschichte des Seidenbaus in Deutschland schließlich hätte leicht ohne die Erwähnung des Kunstschönfärbers Seybolt auskommen können, der in der Seidenanstalt bey der Abhaspelung und Filirung während neun Jahren angestellt war. Kunstschönfärber, dieses Prädikat hat sich der Dichter wohl mit besonderer selbstironischer Wonne zugelegt, ist er doch wie kaum ein zweiter Erzähler der Gegenwart so unmittelbar und offen auf die Schönheit der Sätze aus.

Die Brautleute Giovanni Arnolfini und Giovanna Cenami sehen wir bei van Eyck von rückwärts in einem Kristallspiegel, wenn auch vielleicht nicht von höchster Qualität, der Dichter spiegelt sich eher in einem wie zufällig angebrachtes Messingrund, nie kann man sicher sein, er ist es, immer kann er es bestreiten, ich weiß nicht, was du sagst, ich kenne den Menschen nicht. Im Messingspiegel sehen wir den anderen Schutzheiligen, Georg, oder ist es der Dichter selbst? Wir sehen George Wyndham Le Strange, GWS, oder müssen wir WGS entziffern, wir sehen Max Aurach, ist es einer oder sind es zwei, Max und Aurach?
Von Hitchcock heißt es, seine Kurzauftritte seien ursprünglich eine Verlegenheitslösung gewesen aus Mangel an Statisten, dann habe er Vergnügen daran gefunden, aber warum wohl. Calasso erläutert, die Aufgabe der Orientalen in Tiepolos Gemälden sei es, das Bildgeschehen zu beobachten und dafür zu sorgen, daß das Bild nie unbetrachtet und allein, verlassen in der Museumsnacht, in Panik gerät - ist dieser Sorge nicht noch entschiedener begegnet in den Bildern, in die der Maler sich selbst mehr oder weniger offen eingeschlichen hat? Häufig berichten Autoren, ihr Werk würde sich nach der letzten Korrekturlesung von ihnen entfernen und ihnen die Tür verschließen. Durch die verborgen eingelassenen Spiegelbildchen seiner selbst könnte sich der Autor eine Art Leibgedinge und Bleiberecht besorgt haben. Und vielleicht, wer weiß, ist auch der Text, der verlorene Sohn, froh nicht allein und schutzlos zu sein.

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Frau mit Handschuhen

Verurteilt

Die denkbar engste Verbindung zwischen einem Bildnis und seinem Betrachter entwirft wohl The Picture of Dorian Gray, eine Vorbildwirkung auf die Schwindel.Gefühle ist nicht anzunehmen, obwohl auch hier die Betrachtung von Bildwerken prägend ist. Das Sichversenken in die Kunstwerke, in die Bilder Giottos und Pisanellos vor allem, ist naturgemäß nicht obsessiv ichbezogen wie bei Gray, aber auch nicht formal kunsttheoretisch, Fläche und Linie, Farbgebung und Farbauftrag, Proportionen, das spielt eine geringe Rolle. Fachliche Überlegungen fehlen aber nicht völlig, nicht allein die für die damalige Zeit hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ziehe ihn an, so Selysses, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen. Bei Giotto erscheinen ihm die wenigen hellgrünen Spuren der Veroneser Erde als das weitaus Wunderbarste, was wir uns jemals haben ausdenken können; wer auf Reproduktionen angewiesen ist, kann die hellgrünen Flecken so schwer entdecken wie Prousts kleinen gelben Mauerfleck auf dem Gemälde Vermeers, von dem nicht wenige behaupten, es gebe ihn gar nicht. Letztlich geht es darum, die künstlerische Größe der Werke an bestimmten Einzelheiten für alle sichtbar (oder auch unsichtbar) aufscheinen zu lassen. Der persönliche, wenn auch in Vergleich zu Gray milde Bezug zu den Bildern fehlt nicht, Pisanello erzählt in Bildern die Geschichte des heiligen Georg, Namenspatron des Dichters, und die seit mehr als achthundert Jahren über unserem Leid andauernde Klage der Engel Giottos ist ein Echo des dichterischen Welterlebens.

Frederick Montgomery in Glanvilles The Book of Evidence ist in gewisser Weise nahe bei Dorian Gray. Zu dem Portrait of a Woman with Gloves eines weniger bekannten niederländischen Meisters entwickelt er ein ähnlich obsessives Verhältnis wie Gray zu seinem mobilen Konterfei, nur ist es eben kein Bild seiner selbst. Grays Verhältnis zu seinem Selbstbildnis ist klar wenn auch dunkler Natur, Montgomery weiß nicht, was er von dem Bild halten soll. Keine Mona Lisa, a youngish woman in a black dress with a broad white collar. She is not beautiful, the gold brooch that secures the wings of her collar is expensive and ugly. But knowing all this and more you still know nothing, next to nothing.
Was hätte ich von dir schon groß anderes erwarten können, scheint die Frau mit den Handschuhen zu sagen, als Montgomery einen letzten Blick auf das Bild wirft, das er gestohlen und für das er gemordet hat. Er sieht sich verurteilt, bevor noch die Richter Gelegenheit haben. Gray ist ohnehin verurteilt. Verurteilt sieht sich auch Prousts Bergotte, so wie Vermeer den Mauerfleck gemalt hat, so hätte ich schreiben müssen und habe es nicht vermocht, denkt er, bevor ihn der Schlag trifft, und sind nicht Selysses und die Schreibarbeiten, mit denen er fortwährend beschäftigt ist, gerad ebenso verurteilt, wenn die hellgrünen Spuren der Veroneser Erde auf Giottos Engelsflügeln das weitaus Wunderbarste sind, was wir uns jemals haben ausdenken können und ausdenken werden. Bereits in Haft, läßt Montgomery sich dickleibige Bände zur niederländischen Malerei bringen, um so dem Geheimnis der Frau mit den Handschuhen auf die Spur zu kommen, vergebliche Liebesmüh, wie man sich denken kann. How could mere facts compare with the amazing knowledge that flared out at me as I stood and stared at the painting? Flammt auf, bleibt aber unkenntlich, er hätte nach einer winzigen grünen Spur suchen sollen als dem Ursprung seiner Verzauberung, seiner Verfehlung und Schuld oder nach einem kleinen gelben Fleck, den es vermutlich nicht gibt.

Samstag, 17. Oktober 2015

Humber Hawk

Farben der Zukunft
Morden hat den Eindruck, seine Gegenwart entspreche eigentlich recht genau der Zukunft, die er sich als Kind vorgestellt und gewünscht hatte: A man of leisurely interests and scant ambition sitting in a room just like this one, in my sea-captain's chair, leaning at my little table, in just this season, the year declining towards its end in clement weather. Yes, this is what I thought adulthood would be, a kind of long indian summer. Weiteres Nachdenken führt zu der Erkenntnis, die erwartete Zukunft habe gar nicht die Farbe einer wie auch immer gearteten Zukunft gehabt, sondern die der Vergangenheit, a genteelly outmoded atmosphere pervaded my dream of what was to come. So what I foresaw for the future was in fact, if fact comes into it, a picture of what could only be an imagined past. Das überrascht, obwohl nichts Überraschendes daran ist. Wie soll sich ein Kind die Zukunft anders ausmalen als mit den Farben, die es bereits kennt. Seit Jahrhunderten aber sind wir dressiert, die Vergangenheit im Archiv der Museen und der Geschichtskunde zu verstauen, und den Blick nach vorn in eine gleißend helle Zukunft zu richten, von der herrliche und ganz und gar ungeahnte Dinge zu erwarten seien.

In den fünfziger Jahren gab es Nachhilfe bei den Zukunftsvisionen, die auf eine Neugestaltung des Straßenverkehrs zielten. In Magazinen konnte man Entwürfe sehen von mit einem Atomreaktor und einer vollautomatischen Steuerung ausgestatteten Limousinen, die von aller Verantwortung entlasteten Passagiere vertrieben sich die auf zwei Stunden geschrumpfte Fahrzeit von Hamburg nach München mit Karten- und Würfelspielen. Manchem Betrachter im Kindesalter wurde es weh ums Herz, ersehnte er doch nichts mehr, als sich bald, wie der Vater oder der Onkel, als genialer Lenker auf engen und kurvigen Straßen am Steuer eines Wagens zu beweisen, nun fühlte er sich beraubt, ein Opfer des Fortschritts. Auch Morden hält nichts von automatischer Steuerung, I entertained a precise image of myself as a grown-up in the back seat of my chauffeured Humber Hawk, say, in three-piece pinstriped suit and with a blanket over my knees.

A man of leisurely interests sitting in a room, in a sea-captain's chair, leaning at a little table, man könnte Selysses ähnliche Zukunftsträume zutrauen, und tatsächlich entwirft er ein ganz ähnliches Gegenwartsbild: Wenn ich in der Gegend bin, ist der Sailors’ Reading Room bei weitem mein liebster Ort. Besser als sonst irgendwo kann man hier lesen, Briefen Schreiben, seinen Gedanken nachhängen oder, während der langen Winterszeit, einfach hinausschauen auf die stürmische, über die Promenade hineinbrechende See. A kind of long indian summer: Wie es wohl wäre, wenn ich in einer dieser steinernen Burgen wohnte, bis an mein Lebensende mit nichts anderem beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit.

An der automobilen Komponente ist ihm offenbar weniger gelegen, nur ein Bild aus der Kindheit steht ihm deutlich vor Augen. Am unteren Ende der Gasse tauchte ein Fahrzeug auf, wie er zuvor noch nie eins gesehen hatte. Es war eine allseits weit ausladende lila Limousine mit einem hellgrünen Dach. Unendlich langsam und völlig geräuschlos glitt sie heran, und drinnen an dem elfenbeinfarbenen Lenkrad saß ein Neger, der ihm, als er vorbeifuhr, lachend seine gleichfalls elfenbeinfarbenen Zähne zeigte. - Zweifellos ist er von dem Gefährt, weit mehr aber noch von dem Insassen beeindruckt. Insgesamt werden wir so gut wie gar nicht in seine Kindheits- und Zukunftsträume eingewiesen - generell gibt er ja so wenig wie möglich von sich preis -, mit einer Ausnahme. Während der Genesung von einer schlimmen Krankheit wurde er, um im Lernen nicht den Anschluß zu verlieren, für zwei Stunden täglich bei dem Lehrerfräulein Rauch in Obhut gegeben. Bei schlechtem Wetter saß er neben der sanftmütigen Lehramtskandidatin auf der Ofenbank, bei schönem Wetterdraußen in dem drehbaren Gartenhaus, und bald schon war ihm, als wüchse er mit großer Geschwindigkeit und als sei es darum durchaus möglich, daß er im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar würde treten können. - Vermittels eines schwindelhaften Taschenspielertricks versucht er in die Zukunft zu springen, nur um sie für immer in eine dauerhafte Gegenwart zurückzuziehen. Das konnte kaum gelingen, und wir haben den Nachweis, daß es nicht gelungen ist. In Dr. Henry Selwyn, der ersten und kürzesten der vier langen Erzählungen, finden wir Selysses vermählt mit einem Wesen namens Clara, bei dem es sich, wie aus vielen Einzelheiten zu erkennen, nicht um das Fräulein Rauch handelt.

Donnerstag, 15. Oktober 2015

Am Canal grande

Gleichschritt

Mandelstam schließt sein Rundfunkfeature (радиокомпозиция) Goethes Jugend mit einem Blick auf die erste Italienreise. Von Jugend im engeren Sinne konnte da bereits nicht mehr die Rede sein, Goethe war älter als Selysses bei dessen erster Italienreise.

Прислушайтесь к шагам иностранца ... Hört auf die Schritte des Ausländers auf dem warmen Stein eines bereits menschenleeren Kais am Canal Grande. Das ist kein Mensch, der zu einem Stelldichein geht: zu groß der Schwung seiner Gangart, zu entschieden und jäh kehrt er um, wenn er zweihundert oder dreihundert Schritte getan hat. - Der Schritt eines Eroberers, eines Napoleons des Geistes auf dem Kai des Canal grande. Selysses betritt den Kai nach einer scharfen Rasur beim Bahnhofsbarbier, also auch irgendwie schneidig. Von einem erobernden Schritt ist dann allerdings in der Folge nichts mehr zu spüren, vielmehr verliert er sich schon bald in die für Klaustrophobiker nicht geigneten engen Gassen. Wer hineingeht in das Innere dieser Stadt, weiß nie, was er als nächstes sieht oder von wem er im nächsten Augenblick gesehen wird. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen.

Das Erleben der beiden Venedigbesucher hat soweit, abgesehen vom reinen Faktums des Gehens selbst, kaum Deckungsbereiche. Sehen wir uns also weiter um. Чему так непрерывно, так щедро ... - was war es denn, worüber sich Goethe in Italien so unablässig, so großzügig und funkensprühend gefreut hat? Die Popularität und Ansteckungskraft der Kunst, die Nähe der Künstler zur Menschenmenge, deren lebhaftes Echo, deren Begabtheit, Empfänglichkeit. Mehr als alles war ihm die Abtrennung von Kunst und Leben zuwider. - Auch wenn es zutreffen sollte, was Calasso sagt, mit Tiepolo sei die integrale europäische Hochmalerei an ihr Ende gekommen, hätte Goethe auf seiner Reise davon nichts wissen können. Giambattista Tiepolo war gerade einige wenige Jahre tot, sein Sohn Domenico Tiepolo, kaum minderen Ranges, lebte noch, Goethe bewegte sich inmitten der lebendigen venezianischen und italienischen Malerei, inmitten der großen Künstler. Diese Bedingungen waren für Selysses naturgemäß längst nicht mehr gegeben. Seine kulturelle Leitung vertraut er nicht Goethes Italienischer Reise, sondern Grillparzers Reise nach Italien an, Grillparzer also, der an nichts Gefallen findet und von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht ist. Mit ihm ist eher im Gleichschritt als mit Goethe, dessen ausdrückliche Nichterwähnung einer verkappten Erwähnung gleichkommt.
In Mandelstams Vorstellung ist der Kai am Canal Grande menschenleer, als Goethe ihn betritt. Er führt es auf die späte Stunde zurück, aber ist es nicht eher der Respekt vor dem großen Mann, der die anderen zurücktreten läßt? Auf eine vergleichbare Sonderbehandlung konnte Selysses nicht hoffen, und doch scheint auch er allein auf dem Kai, jedenfalls werden Passanten nicht erwähnt. Auch die beklemmende Szene in den Gassen des Stadtinneren geht nicht auf Überfüllung zurück, es ist nur ein Einzelner, der ihm folgt oder dem er folgt, und vielleicht ist auch der nur ein Gedankenspiel. Allein ist er immer mit den alten Meistern, mit Giotto und Pisanello, in Padua, Verona und London, selbst die Sixtinische Kapelle, vor der andere stundenlang ausharren in der Warteschlange, hätte sich für ihn, wäre er nach Rom weitergereist, zweifellos wie von Zauberhand geleert. Wenn Goethe, wie Mandelstam ihn sieht, sich einfügt in das in der Menschenmenge erklingende lebhafte Echo der Kunst, so versenkt sich Selysses in die abgeschiedene, einsame Bildbetrachtung, über achthundert Jahre hinweg vernimmt er die lautlose Klage der Engel Giottos. Venedig eignet sich nicht für seine Exerzitien, als er das zweite Mal anreist, findet er die Stadt gleichsam verbarrikadiert, in der Bahnhofshalle lagerte hingestreckt wie von schweren Krankheit ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. Auch draußen auf demVorplatz lagen ungezählte Männer und Frauen, in Gruppen, paarweise oder allein auf den Stufen und überall ringsherum. Er reist gleich weiter.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Darwin

Wissenschaftsprosa

In einem Roman der Autorin Patricia Highsmith wird der Protagonist, als er durch die Straßen einer am afrikanischen Ufer des Mittelmeers gelegenen Stadt flaniert, urplötzlich von einem derart starken Verlangen nach der Lektüre wissenschaftlicher Prosa erfaßt, daß er spornstreichs zurückläuft in seine Unterkunft. Gerade wer vorzugsweise und in nicht geringem Maße Belletristik konsumiert und dabei neben Freud' auch viel Leid und Pein erfährt, wird Verständnis haben für dieses Verlangen.

In seinem kurzen Aufsatz Rund um die Naturforscher gibt Mandelstam einen Einblick in die Entwicklung des wissenschaftlichen Schreibstils. Der wissenschaftliche Stil der alten, von Linné herkommenden Naturforschung kannte nur zwei Elemente: Gemeinplatzrhetorik, metaphysische wie theologische Moralpredigten und passiv-beschauliche Beschreiberei. Mit Buffon und Lamarck brach eine staatsbürgerliche, revolutionäre, publizistische Strömung in den wissenschaftlichen Stil ein. Darwin nimmt der Natur gegenüber die Haltung eines Kriegsberichterstatters ein, eines Interviewers, eines tollkühnen Reporters, dem es gelungen ist, das Ereignis an seinem Ursprung zu beschreiben.

Austerlitz trifft bei seinem Besuch in Andromeda Lodge auf die Spuren Darwins. Im Jahre 1869 hatte ein Vorfahre Geralds Bekanntschaft mit Darwin gemacht, als dieser in einem von ihm unweit Dolgellau gemieteten Haus arbeitete an einer Studie über die Abstammung des Menschen. In Gestalt des Onkels Alphonso lernt Austerlitz einen späten Jünger Darwins kennen, beschäftigt sich aber weiter nicht mit dem Evolutionstheoretiker. Wenn Darwins Lebensspanne das Ottocento so gut wie ausfüllte, so gilt das gleiche für Linné in Bezug auf das Sette- und für Thomas Browne in Bezug auf das Seicento. Browne gilt offensichtlich die Vorliebe des Dichters, er wird zu wissenschaftlichen Leiter, der uns durch die Ringe des Saturn führt. Bei Browne befindet sich die wissenschaftliche Prosa noch im Larvenzustand, hat sich noch nicht freigemacht, ist, in wissenschaftlicher Prosa ausgedrückt, noch nicht ausdifferenziert.

Unter Thomas Brownes nachgelassenen Schriften über den Nutz- und Ziergartenbau, das Anlegen künstlicher Hügel und Berge, die altsächsische Sprache, die Falknerei oder die Altersfreßsucht verliert sich das Musaeum Clausum nahezu. Das Musaeum wiederum handelt vom Schatten des Denkens, vom Briefwechsel in hebräischer Sprache zwischen Molinea von Sedan und Marie Schurmann, den beiden gelehrtesten Frauen ihrer Zeit, von den furchtbarsten Foltermethoden und zahllosen anderen Dingen und schließlich auch von den zwei persischen Mönchen, die zur Zeit Justinians in einem ausgehöhlten Wanderstab die ersten Eier der Seidenraupe nach Europa brachten. Die Seidenraupe hat sich im Verlauf der Zeit dann als Gegenstand theoretischer und angewandter Wissenschaft etabliert. In Frankreich besorgte Olivier de Serres, älter noch als Browne, mit seiner Publikation Théâtre d'agriculture et mesnage de Champs die wissenschaftliche Grundlegung des Seidenbaus, einen Einblick in das Werk und seinen Schreibstil erhalten wir nicht. Gründlicher werden wir mit seinem Widerpart Béthune de Sully vertraut, der sich ein wissenschaftliches Kleid anlegt, ohne irgend an Wissenschaft interessiert zu sein, vielmehr allein an seinen politischen, gegen den Seidenbau gerichteten Interessen. Zum einen sei das französische Klima nicht günstig für den Anbau von Maulbeerbäumen und zum anderen würde die Leichtigkeit des Seidenbaus zur Verweichlichung der Nation und zur fehlenden Kriegstauglichkeit des Heeres führen. Ersichtlich werden die später von Linné gesetzten Standards wissenschaftlicher Darlegung, mochte sie auch in Gemeinplatzrhetorik eigebettet bleiben, gründlich verfehlt.
Auf dem Boden des deutschen Staatsgebiets dürfen, was den praktischen Teil anbelangt, die Verdienste eines gewissen Seybolt nicht hintangestellt werden, Kunstschönfärber seines Zeichens und in der Seidenanstalt angestellt als Wärter der Seidenwürmer und Aufseher bei der Abhaspelung und Filierung. Wissenschaftlich hinkte das Vaterland hinterher, erst 1826 wurde Joseph von Hazzis Lehrbuch des Seidenbaus für Deutschland veröffentlicht. Auch Hazzi interessiert sich nicht zuletzt für das soziologische Beiwerk, die zu erwartende bürgerliche Verbesserung des Weibergeschlechts und aller anderen an ein regelmäßiges Arbeiten ungewohnten Teilen der Bevölkerung. Das änderte sich auch nicht, als gut hundert Jahre später das Deutsche Reich die Sache in die Hand nahm und ein neues Seidenbauaufbauprogramm einleitete. Der Dichter beschäftigt sich weniger mit den im engeren Sinne seidenbaukundlichen Ausführungen in Friedrich Langes grundlegendem Werk Deutscher Seidenbau, Aufzucht der Raupen, Verarbeitung des Trockenkokons, sondern schaut vor allem auf die nach wie vor virulente, hier vor allem im pädagogischen Bereich angesiedelte zeitgemäße Gemeinplatzrhetorik. Der Seidenraupe sei in jeder Entwicklungsstufe zu den verschiedensten Versuchsanordnungen verwertbar. Bau und Besonderheit des Insektenkörpers seien an ihr aufzuzeigen, desgleichen Domestikationserscheinungen, Verlustmutationen, Auslese und Ausmerzung zur Vermeidung rassischer Entartung.
Die Geburt der reinen, von Moralpredigten befreiten Wissenschaftsprosa erleben wir bei Descartes. Bekanntlich lehrte dieser, daß man absehen muß von dem unbegreiflichen Fleisch und hin auf die in uns bereits angelegte Maschine sich orientieren, auf das, was man vollkommen verstehen, restlos für die Arbeit nutzbar machen und, bei allfälliger Störung, entweder wieder instand setzen oder wegwerfen kann. Leider ist nicht erinnerlich, zu welcher Gattung in der reichen Palette wissenschaftlicher Prosa Patricia Highsmiths Romanheld Zuflucht genommen hatte, um den Seidenbau ging es jedenfalls nicht.