Mittwoch, 29. Juli 2020

Zwitterstadt

Schwierigkeiten

Rano przyjechałem, früh am Morgen kam ich an in Zwitterstadt. Den ganzen Tag bin ich in der Stadt spazierengegangen, in ihren Straßen und über ihre Brücken, die es in dieser Stadt in großer Zahl gibt. In der Stadt stößt man auf einen großen Kanal und auf viele kleine Kanäle. Daher auch die vielen Brücken, die ich immer wieder überquert habe, und die Straßen zwischen den Kanälen, denen ich immer wieder gefolgt bin. Auf jeder Brücke bin ich stehengeblieben, habe mich auf das Geländer gestützt und für einige Zeit auf das Wasser geschaut, ohne das Wasser zu sehen. Das heißt, ich habe es zunächst gesehen und dann nicht mehr. Ich habe zwei verschiedene Sehweisen und die eine beherrschte mich heute. Ich schaute konzentriert auf das Wasser für einige Zeit, ich sah es zunächst, aber dann wurde es immer verschwommener, verwandelte sich in Luft und Dunst. Fast auf jeder Brücke blieb ich stehen, zündete eine Zigarette an und schaute auf das Wasser, das ich zunächst sah und dann nicht. Das Sehen zunächst und dann das Nichtsehen wurde mir zur Qual. Ich ging daher fort von den Kanälen und hinein in das Innere der Stadt. Wenn man aber hineingeht in das Innere von Zwitterstadt, weiß man nie, was man als nächstes sieht oder von wem man im nächsten Augenblick gesehen wird. Kaum tritt einer auf, hat er die Bühne durch einen anderen Ausgang schon wieder verlassen. Geht man in einer sonst leeren Gasse hinter jemandem her, so bedarf es nur einer geringen Beschleunigung der Schritte, um demjenigen, den man verfolgt, die Angst in den Nacken zu setzen. Wieder zurück am großen Kanal, kam ein mit Bergen von Müll beladener Kahn vorbei, auf dem eine große Ratte die Bordkante entlang lief und sich kopfüber ins Wasser zu stürzen. Es war wohl dieser Anblick, der mich veranlaßte, nicht länger in  Zwitterstadt zu bleiben und weiterzufahren.

Samstag, 25. Juli 2020

Lautes Klopfen

In der stillsten Nacht
Głośno pukają Niemcy. Szerucki tadelt seinen Freund, er habe so leise angeklopft, daß niemand es hören konnte. Ja, die Deutschen klopfen laut, ist die nicht erwartete Antwort. Was ist gemeint, sind die Deutschen generell als ein wenig grobschlächtig und laut einzuschätzen, oder geht es um die Deutschen, die in Polen, vorzugsweise in der Nacht, an die Türen geklopft und gehämmert haben. Weiter im Süden, in Prag, geht es nicht so laut zu. Mitten in der stillsten Nacht sind die von Agata längst schon erwarteten Boten der Kultusgemeinde gekommen mit einem Bündel von Drucksachen und Anweisungen, abgefaßt in einer ekelerregenden Sprache, jede Anweisung wie ein Hammerschlag auf den Kopf. So oder so, głośno pukają Niemcy, die Deutschen klopfen laut, ein kurzer Satz in fremder Umgebung, hervorgesprungen aus einer banalen Gesprächssituation, ein Satz, der tiefer reicht als die nächste Gedenkzeremonie mit Ansprache und Streichquartett.

Mittwoch, 15. Juli 2020

Ungeheuer

Bildersprache

Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Von dem Drachenleichnam geht wenig Beunruhigendes aus, auch lebendig wurde der Drache offenbar überschätzt. Die ursprüngliche Begleitung von sieben kampfbereiten Berittenen, wie in einem anderen Bild Pisanellos festgehalten, war bei weitem überzogen, von den Reitern ist denn auch nichts mehr zu sehen, sie wurden entlassen, San Giorgio hat die Sache mühelos allein geregelt.

Der Drachen, das Landungeheuer, ist geschrumpft und erledigt, anders steht es mit dem Seeungeheuer, dem Leviathan, der auf einer britische Insel an Land geht und dort unter dem Blick des Philosophen Hobbes seine Seeungeheuerlichkeit ablegt. Er schrumpft nicht, verändert sich aber radikal vom Sinnbild des menschlichen Naturzustandes, als das er gesehen wurde, ein Zustand gekennzeichnet vom Kampf aller gegen alle, zum Sinnbild staatlicher Ordnung wie festgehalten auf dem Frontispiz der staatsphilosophischen Schrift des Thomas Hobbes. Der Leviathan ist nicht wiederzuerkennen. Vielleicht war es ein typisch britischer Einfall, der Einfall eines Inselvolks, einem geläuterten Seeungeheuer die Zivilisierung des Menschheit anzuvertrauen. Sebald entwickelt sein Bild von San Giorgio und dem Drachen nahezu ausschließlich an Werken der bildenden Kunst und auch für Hobbes war die graphische Interpretation seiner Ausführungen von hoher Bedeutung, er selbst soll das Titelbild des Leviathan entworfen haben. Auf dem Bild fällt zunächst nur der alles überragende Souverän auf, dann aber die seltsame Schuppenhaut, die Brust und Arme zu bedecken scheint, und dann, beim sorgsamen Hinschauen, gibt sich jede Schuppe als ein Mensch, und zwar als ein Mann, als ein männlicher Untertan zu erkennen. Vorwegnehmend läßt sich sagen, daß, wie immer im einzelnen die Interpretation ausfallen mag, die Feinheiten der Geschlechtergleichheit, an denen wir heute feilen, noch nicht auf dem Plan standen, nicht einmal das Frauenwahlrecht war auf den Weg gebracht. Giorgio hatte den Drachen noch nach höfischer Sitte im Auftrag einer Prinzessin erledigt, das waren andere Verhältnisse, damit war es längst vorbei. Hobbes‘ Annahme eines menschlichen Naturzustands als Kampf aller gegen alle ist naturgemäß nicht haltbar und wurde, bevor die wissenschaftliche Ethnologie für die nötige Klärung sorgte, zunächst von Rousseau in das Idealbild des edlen Wilden verkehrt. Auf dieser Linie lag auch Chateaubriand, wenn er von Indianermädchen schreibt, deren dunkle Haut einen Anhauch zeigte von moralischer Blässe und in der Seele schon zum Christentum hingeneigt sind. Noch Winnetous Schwester Nscho-tschi bewegt sich noch in der gleichen Vorstellungswelt.
Der Ritter in seiner glorreichen Erscheinung, von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht, sieht nicht die Jungfrau mit dem Erlöserkind, die das Bild ist in der oberen Hälfte fast ganz ausgefüllt, der strenge Blick des heiligen Antonius beeindruckt ihn nicht, seine Augen sind nach innen gekehrt. Was mit dem Drachen aus der Welt geräumt wurde und welche Möglichkeiten sich nun ergeben, ist nicht klar. Giorgio sieht etwas Neues, den Beginn eines neuen Zeitalters, worin es besteht und wohin es führt, kann er nicht wissen. Die Gottesunterworfenheit ist beendet, ein neues Herrschaftsformat nicht in Sicht, Herrschaftslosigkeit nicht denkbar. Philip Manow liest dem Titelblatt des Leviathan Konkreteres ab. Der durchaus freundlich schauende und keinerlei Ungeheuerlichkeit ausstrahlende Souverän wird an Bedeutung verlieren, die uniformen Schuppengestalten werden zu unverwechselbaren Menschen, darunter dann auch Frauen. Sie bewegen sich aufsteigend und werden irgendwann das Gesicht des Souveräns verhüllen, seinen Platz einnehmen, Demokratie wird erahnbar. Der Souverän hat keine Einwände, es ist sein eigenes Arrangement.

Ob man ausgeht von San Giorgios unbestimmter Erwartung oder von Hobbes‘ detaillierter Herleitung, richtig ist in jedem Fall, daß der Staat, die Gesellschaft der Menschen auch nach der Ausschaltung der Ungeheuer etwas Ungeheuerliches an sich hat.

Donnerstag, 9. Juli 2020

Fascio und Sichel

Europäischer Streifzug

Mi dicevano Pablo perché suonavo la chitarra: einer dieser schönen ersten Sätze, aus denen sich, wenn man nur versteht, auf seine Melodie zu hören, Pavese zufolge der weiter Verlauf eines Romans von selbst ergibt. In Il compagno verfolgt der Autor die Entwicklung des jungen ungebildeten und politisch zunächst uninteressierten Gitarrenspielers zum Antifaschisten und Kommunisten in den späten dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Das entsprach Paveses eigener politischer Einstellung, die zu ändern er bis zu seinem frühen Tod im Jahre 1950 kein Anlaß hatte. Alles in allem haben politische Themen in seinem Prosawerk aber eine geringe Bedeutung, Il compagno hinterläßt ein wenig den Eindruck einer nicht ganz gelungenen Pflichtarbeit, das Gitarrenmotiv, so schön es eingeleitet wird, bleibt leer und wird mit fortschreitender Lektüre aufdringlich. Von Anhängern der sogenannten engagierten Literatur wird das Buch naturgemäß bevorzugt. Anhänger der littérature pour la littérature halten sich vor allem an La casa in collina, ein Buch, dessen Protagonist sich in einer vergleichbaren Situation keineswegs in einen Compagno oder ähnliches verwandelt: Mi piaceva star solo e immaginarmi che nessuno mi aspettava. Andai solo per strade e caffé, sfolgiai die libri da un libraio, mi soffermai davanti a vecchie casi che contentavano ricordi mai piu rinvangati. Als studierter Lehrer und Icherzähler steht Corrado, so sein Name, dem Autor näher als Pablo, der Gitarrist aus dem Volk.

In Polen war die Situation, verglichen mit Italien, ganz anders. Ein eigenständiger Faschismus kam schon deshalb nicht in Betracht, weil die Deutschen die Sache umgehend in die Hand genommen und die Zukunft der Polen als Sklavenvolk verplant hatten. Aus den Händen Hitlers gelangte man dann übergangslos in die Hände Stalins. Die Idee, in Abwehr eines ohnehin nicht hausgemachten Faschismus, der nun dem Kommunismus Platz gemacht hatte, ein Towarzysz zu werden oder zu bleiben, fiel in Polen nicht auf fruchtbaren Boden. Die Deutschen, so Rymkiewicz, hätten seine Kindheit zerstört, die Russen und ihre polnischen Gefolgsleute die Jugend und ein gutes Stück seines weiteren Lebens.

Paveses Lebensspanne umfaßte die Zeit der beiden großen Kriege und nur einige wenige Jahre noch darüber hinaus, das bestimmte seine Perspektive. Für die nach oder kurz vor Kriegsende in Westdeutschland geborenen Kinder war Krieg ein Wort, von dem keine Beunruhigung ausging, das war einmal, näheres wußte man nicht. Von Brennesseln zugewachsene Bombentrichter galten den Kindern als normale Landschaftsmerkmale, Ruinen als feste Bestandteile der Städte, warum sollte es je anders gewesen, je anders sein. Die Erwachsenen hatten den Wiederaufbau und wenig anderes im Sinn, so etwa nachzulesen in Kästners Kriegstagebuch. Von den Juden wußten die Kinder nichts oder nur Schemenhaftes. So unerträglich das Wort Aufarbeitung des Geschehenen ist: es fehlte daran. Es kam erst lange Jahre nach Kriegsende in Gang, betrieben vor allem von den inzwischen erwachsenen Kindern, die Ruinen waren längst verschwunden, die Bombentrichter aufgefüllt. Das Thema Krieg und Holocaust wird von eher literaturfernen Lesern in Sebalds Prosawerk überdimensional wahrgenommen, seine Bedeutung aber ist unbestritten. Das Thema tritt nachdrücklich vor allem im kurz vor dem Unfalltod des Dichters veröffentlichten Roman Austerlitz zutage. Der Dichter hatte zuvor das in Deutschland längst schon ritualisierte Gedenken kritisiert und wohl nach neuen Wegen gesucht. Die sogenannte Diktatur des Proletariats dagegen erscheint nur kurz im Prosawerk, als es die Mathild Seelos in der roten Zeit für einige Monate nach München verschlägt. Sebald hatte geplant, das Thema der Münchener Räterepublik noch einmal umfänglicher aufgreifen, dazu ist es nicht mehr gekommen. Wie könnte das Buch ausgesehen haben? Mit der Münchener Räterepublik schien der Kommunismus in Deutschland Fuß zu fassen, bevor aber noch die routinierten russischen Bolschewiken hilfreich herbeieilen konnten, um die Lage stabilisieren, war es auch schon wieder vorbei. Was daran hat den Dichter fasziniert?
Es bleibt als einzige Möglichkeit, zurückzukehren zur Episode Mathild Seelos, um sie näher zu erforschen. Die Mathild hatte in ihrer Jugend zwei einander widersprechende Phasen durchlaufen, unmittelbar vor dem ersten Krieg war sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hatte das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und, wie gesagt, einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten. Von dort war sie alsbald in einem arg derangierten und fast sprachlosen Zustand, hinterfür mit einem Wort, nach Haus zurückgekehrt. Es wäre hilfreich, wenn der Dichter die eigenartigen Umstände näher ins Auge gefaßt und dargelegt hätte, er hat es offenbar mit Absicht unterlassen. Beide Episoden, die in Regensburg und die in München, enden unversöhnlich, Gründe und Einzelheiten werden nicht bekannt. Auch das Verhalten der Mathild nach ihrer Rückkehr in Patria gibt wenig zu erkennen. Jahr um Jahr ist sie unter den Dorfbewohnern herumgegangen, unfehlbar in einem schwarzen Kleid oder einem schwarzen Mantel und stets unter der Bedeckung eines Hutes und nie, auch beim schönsten Wetter nicht, ohne Regenschirm. Offenbar ist sie fortan weder als Kirchgängerin noch als Agitatorin auffällig gewesen. Mit dem Großvater hat sie sich regelmäßig zum Kartenspiel getroffen, möglicherweise zum Watten. Während des Spiels werden die beiden nicht politisiert haben, eher schon beim Kaffee danach, aber auch das ist bloße Vermutung. Schließlich ist die nach dem Tod der Mathild gesichtete Bibliothek zu betrachten, bestehend zum einen aus Gebetsbüchern des 17. und des frühen 18. Jahrhunderts mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein und zum anderen, mit den geistigen Schriften vermischt, aus Traktaten von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer, also die zwei in Büchern gespiegelten geistigen Experimente ihrer Jugend. Wann waren die Bücher erstanden worden, die Gebetsbücher während der Zeit in Regensburg und die Traktate dann in München? Oder erst Jahre später, nachholend zum besseren Verständnis des Geschehenen?

Der Blick auf das nicht geschriebene Werk zur Räterepublik bleibt, wie man es auch wendet, verschleiert, nur soviel scheint sicher, es wäre weder aus dem Blickwinkel eines klerikal Konservativen noch auch dem eines Genossen verfaßt worden.

Montag, 29. Juni 2020

Gendergerechtigkeit

Befriedigendes Ergebnis

Wiederholt wurde dem Dichter der Vorwurf mangelnder Gendergerechtigkeit in seinen Büchern gemacht. Betrachtet man daraufhin exemplarisch den größten Familienklan im Prosawerk, die Sippe der Seelos, so findet man auf der Männerseite den Baptist, den Benedikt, den Lukas und den Peter, auf der Frauenseite die Maria, die Lena, die Regina, die Bina, die Babett und die Mathild. Vier zu sechs, ein klares weibliches Übergewicht ist festzustellen. Ein weibliches Übergewicht aber gilt gemeinhin nicht als beunruhigend. Die bloßen Zahlen sind naturgemäß allein nicht entscheidend, es kommt auch auf die Stellung, die Bedeutung, das Gewicht der Einzelnen an. Der Patriarch, das Sippenoberhaupt war fraglos der Baptist Seelos, ein Baumeister von internationalem Ruf und entsprechendem Einkommen, der aber schon in recht jungen Jahren starb. Seine Frau Maria, die ihre Tage fortan mit dem Kaffeesieden nach türkischer Art verbrachte, konnte in keiner Weise seinen Platz einnehmen, auch keins seiner Kinder war geeignet. Die Lena war in Amerika bei einem Autounfall ums Leben gekommen, den Benedikt hatte, wie der Lukas es sieht, sein Unheil aufgefressen. Den Lukas selbst trifft der Dichter, als er nach Jahrzehnten seinen Heimatort wieder besucht, als arbeitsunfähigen Invaliden an. Der Peter wurde schon früh in die Psychiatrie eingewiesen. Die Bina und die Babett haben über Jahre ein Caféhaus betrieben, das nie jemand aufgesucht hat, und haben damit sicher nicht die vakante Stelle des Baptist einnehmen können. Damit bleiben als Gegengewicht zum Baptist nur die Mathild und möglicherweise die Regina, der Regina kann man leider nicht nachgehen, weil sie in Norddeutschland verschollen ist. Sich in harter Münze auszahlende Erfolge wie der Baptist kann die Mathild nicht vorweisen, wohl aber ein nach anfänglichen Turbulenzen gradlinig verlaufendes Leben. Die Art wie sie Jahr um Jahr unter den Dorfbewohnern herumgegangen ist, unfehlbar in einem schwarzen Kleid oder einem schwarzen Mantel und stets unter der Bedeckung eines Hutes und nie, auch beim schönsten Wetter nicht, ohne Regenschirm, hat etwas durchaus Heiteres an sich gehabt. Die Mathild hat sich lange gehalten, bis gut über achtzig, vielleicht weil sie von allen den wachsten Kopf gehabt hat. Sie ist einen schönen Tod gestorben im eigenen Bett mitten in der Nacht. Die Griechengötter haben ihre Lieblinge jung sterben lassen, der alttestamentarische Gott hat ihnen ein langes Leben geschenkt.

Im Hinblick auf die Gendergerechtigkeit ergibt sich in der Endrechnung aus Zahl und Gewichtung ein befriedigendes Ergebnis, ein Stein des Anstoßes liegt nicht vor, Korrekturen an der Seelosgeschichte sind nicht notwendig. 

Sonntag, 21. Juni 2020

Nicht hinterfür

Lexikalische Perlen

Hinterfür ist, zumindest für Norddeutsche, die diesen Ausdruck nicht kennen und niemals gehört haben, das Kennwort der Mathild Seelos, völlig hinterfür ist sie aus dem Kloster und aus dem kommunistischen München heimgekommen ins Dorf. Dabei war die Mathild nur kurz im Zustand des Hinterfür, das Wort aber bleibt als Emblem haften.

Der Dichter hat eine zwiespältige Einstellung gegenüber dem Regionalismus und besonders gegenüber der eigenen Geburtsregion, dem Allgäu. In den Reihen des verabscheuten Ferienvolks sind ihm die eigenen Landsleute besonders verhaßt mit ihrem auf das ungenierteste sich breitmachenden Dialekt, es ist ihm geradezu eine Pein, die lauthals vorgebrachten Meinungen und witzigen Aussprüche einer Gruppe junger Männer aus seiner unmittelbaren Heimat mit anhören zu müssen. Eine extreme Abneigung empfindet er allen Schuhgeplattel und Gejodel gegenüber, die Vorliebe des Vaters für altbairische Volksmusik und Stanzllieder hatte dafür den Boden bereitet. Das Verdikt betrifft nicht allein die Musikanten, sondern auch die sogenannten Heimatdichter und mit ihnen Heidegger, der in den Augen des Dichters über J.P. Hebel geschrieben hat, wie ein trivialer Heimatdichter über einen trivialen Heimatdichter schreibt. Daß in vielen anderen Dingen, so bei der Beurteilung des Ferienvolks, vollständige Übereinstimmung besteht, entlastet Heidegger in den Augen des Dichters nicht.
Für die Entfremdung vom heimatlichen Brauchtum bedurfte es nicht der Gestalt des Vaters, das geschah auch ohne Mithilfe, für die bejahende Bewahrung einiger Elemente aber war der Großvater unentbehrlich. So verhaßt wie Bachgen, dem Knaben, die Zither auch war, hat er doch dem im Sterben liegenden Großvater zum Abschied einen langsamen Ländler in C-Dur vorgespielt, dann allerdings das Instrument vergraben und nicht wieder angerührt. Dem Großvater ist es wohl auch zu verdanken, wenn der verachtete Dialekt dann doch einige gute Seiten aufzuweisen hatte, Wörter wie hinterfür oder Holzschopf. Dem Norddeutschen erscheinen sie ohnehin wie lexikalische Perlen, auch wenn er bei Holzschopf zunächst vielleicht an eine bizarre Haartracht denken mag. Urteile aus dem Norden sind aber ohne Belang. Von der Regina Seelos heißt es bündig, sie habe einen Industriellen in Norddeutschland geheiratet, und dann fällt kein weiteres sie betreffendes Wort mehr. Sie ist fortan eine von uns Unbeachtlichen, wir andererseits schauen gern über den unsichtbaren Grenzzaun gen Süden, wo ein Holzschopf keineswegs hinterfür ist.

Samstag, 20. Juni 2020

Heilige Regina

Schicksale
Über das Leben der Heiligen Regina, Sainte Reine de Bourgogne, im dritten Jahrhundert ist wenig bekannt. In jungen Jahren zum christlichen Glauben übergetreten, verweigerte sie sich dem Beischlafverlangen eines gewissen Olibrius und wurde daraufhin gemartert und abschließend geköpft. Nach einer historisch nicht eindeutig belegten Version wurde ihr Leichnam aus unbekannten Gründen ins westfälische Osnabrück verfrachtet und dort bestattet. Verglichen mit der Heiligen handelte Regina Seelos mit mehr Realitätsbezug und eindeutig weitblickender, sie heiratet freiwillig einen norddeutschen Industriellen, wenn auch um den Preis, fortan und dauerhaft im Norden leben zu müssen. Zwar war sie damit für ihre Verwandten und Bekannten im Allgäu so gut wie gestorben, erfreut sich aber der geradezu kulthaften Verehrung durch die vom Dichter sträflich vernachläßigte, um nicht zu sagen mißachtete norddeutsche Lesergemeinde.