Dienstag, 15. Dezember 2020

Versteckte Namen

Zwei Erzähler


Wenn man die Dämonen (Бесы) zu Recht für Dostojewskis gelungenstes Werk hält, weiß man auch, daß das nicht zuletzt ein Verdienst des fiktiven Erzählers Anton Lawrentjewitsch G-w ist. Nahezu das gesamte restliche Personal des Romans ist verhaltensauffällig, den noch jungen Erzähler zeichnen Solidität und verläßliche Bürgerlichkeit aus, er verleiht damit dem Roman seine besondere schräge Tonlage, gründend auf dem zwiespältigen Miteinander einer Häufung von Unvernunft jeglicher Art auf der einen und einsamer biederer Vernunft auf der anderen Seite. Warum die Verkürzung G-w und nicht der volle Name wie bei allen anderen Figuren des Romans? Sebalds Erzähler, das kann einem bei dieser Frage einfallen, ist sogar gänzlich namenlos. Ab und zu scheint es Hinweise zu geben, daß der Erzähler den Namen des Autors teilt, ein sicherer Beleg dafür scheint der vom Konsulat in Mailand, wie auf einem Photo erkennbar, auf den Namen Sebald ausgestellte neue Reisepaß zu sein. Die die Prosa begleitenden Photographien sind aber nicht zuverlässig, auch der photographierende Austerlitz sieht in der Spiegelung der Schaufensterscheibe des Antikos Bazar dem Autor verblüffend ähnlich. In den Schwindel.Gefühlen hätte sich der Autor demnach im Erzähler eingenistet, in Austerlitz in der Gestalt des Protagonisten. G-w hat einen eigenen, festen Namen, die Verkürzung betont seine singuläre Stellung als Hotspot der Vernunft auf verlorenem Posten.  

Auf seine eigene Person, sein eigenes Leben geht G-w so gut wie gar nicht ein. Er ist offenbar ledig, Feund und Vertrauter des Stepan Trofimowitsch Werchowenskij und vor allem der fiktive Verfasser des Romans. Er selbst bezeichnet sich als Chronist des Geschehens, der sich wenige Monate, nach dem alles vorüber ist, an die Arbeit macht. Alles ist vorbei, aber noch nichts ist abgekühlt. Бесы unterliegen einem Rhythmus von Steigerung hin zu einem Eklat oder zu einem Verbrechen und einer Rückkehr zum Alltagsverlauf bis zum nächsten Skandal. Die  ruhigen Passagen schildert G-w in Chronistenmanier. Schwieriger ist es mit den oft über endlose Seiten sich erstreckenden Gesprächsprotokollen, die der Erzähler unmöglich wortwörtlich memoriert haben kann, er hat sie für die Niederschrift wohl neu inszeniert. Was aber ist mit den Zwiegesprächen wie sie etwa Stawrogin ohne Beisein eines Dritten mit Schatow, Kirillow und anderen führt? Hier hat Dostojewski offenbar ohne weitere Skrupel G-w für eine bestimmte Zeit gegen einen allwissenden Hintergrunderzähler ausgetauscht, der nicht als Figur im Roman auftritt. Der Höhepunkt des Romans, der zugleich Anton G-w zu seinem gelungensten Auftritt verhilft, ist die in ein völliges Chaos abgleitenden Kulturveranstaltung der Gouverneurin. Rückblickend kritisiert Anton G-w in scharfer Weise das Veranstaltungskonzept und legt die im Hintergrund ablaufenden  Intrigen und Sabotageakte der revolutionären Kräfte bloß, er erzählt auch vom Scheitern seiner eigenen  aufopfernden Versuche, das Schlimmste zu verhindern. In den folgenden Kapiteln ist intermittierend der gestaltlose allwissende Erzähler wieder mehrfach an der Reihe. Auch an Stepan Trofimowitsch’s letzter Wanderschaft, die Tolstois letzte Wanderschaft zum Tod vorwegnimmt, ist Anton G-w nicht beteiligt. Erst das Schlußwort, das auf wenigen Seiten das ganze Unheil noch einmal überfliegt, kann im wesentlichen wieder ihm zugerechnet werden.

G-w hat keine Ähnlichkeit mit Dostojewski, Sebalds Erzähler hat große Ähnlichkeit mit dem Autor.  Wie aber würde man sich den Erzähler vorstellen, wenn der Autor, so wie Homer oder auch, jedenfalls für längere Zeit, wie B. Traven oder Elena Ferrante unbekannt wäre? Verschiedene Merkmale und Themen die dem Erzähler am Herzen liegen, tauchen immer wieder auf. Der Erzähler ist umweltbewußt, eine auf Verbrennung, brucia continuamente, beruhende Zivilisation hält er nicht für bestandsfähig. Er beklagt, die Vernichtung und das Sterben der Wälder. Bei alldem neigt er eher zum Defaitismus als zum Aktivismus. Ein anders Motiv: Wenn der Erzähler uns begegnet, ist er fast immer auf Reisen, andererseits verabscheut er kaum etwas mehr als das reisenden Ferienvolk. Auch selbst denkt er oft, er sei besser zuhaus geblieben, bei seinen Fahrplänen und Landkarten. Und weiter, in einer katholischen Gegend aufgewachsen, ist ihm die Glaubenswelt nachhaltig fremd geworden, jedenfalls jeder Glauben an einen speziell dem Menschen und nicht allen Geschöpfen verpflichteten Gott.  Welcher bekannte deutsche Autor könnte sich hinter einem Erzähler mit diesen Merkmalen verbergen, so würde man fragen, wenn man die Antwort nicht wüßte.

Die Rolle eines Icherzählers kann schlecht einem allwissenden und konturenlosen Hintergrunderzähler anvertraut werden. Im ersten Kapitel des Prosawerks, Beyle, und ebenso im dritten Kapitel, Riva, tritt allerdings kein Erzähler auf, der Autor arrangiert im wesentlichen Aufzeichnungen von Stendhal und Kafka, im weiteren Prosawerk ist der Erzähler immer präsent, ohne eine dominante Stellung zu beanspruchen. In Gesprächen, die immer Zwiegespräche sind, läßt der Erzähler dem anderen oder der anderen den Vorrang, er selbst, so scheint es jedenfalls, bleibt weitgehend stumm. In Austerlitz scheint es über lange Strecken, als habe der Protagonist, also Austerlitz, die Rolle des Erzählers übernommen. Der Unterschied fällt kaum auf.

Mittwoch, 2. Dezember 2020

Verschoben

Wandelbar


Das Korsikaprojekt wurde aufgegeben, an die Stelle trat der Roman Austerlitz. Verschiedene Motive aus dem Korsikaentwurf wurden in den Roman verlegt, teils mehr oder weniger wörtlich, teils der neuen Umgebung angepaßt. Das Motiv der in Scharen, Gruppen oder auch Regimentern umherziehenden kleinwüchsigen Toten wurde von Korsika nach Wales verschoben und dort neu geordnet. Austerlitz hört von den Toten nicht als Reisender, sondern als Bewohner von Wales, ja, wie er ursprünglich dachte, als Waliser mit dem Namen Dafydd Elias. Emyr Elias, Dafydds vermeintlicher Vater, tatsächlich aber sein Adoptivvater, ist freikirchlich-protestantischer Prediger, der im Hintergrund des korsischen Totenkults stehende Katholizismus samt Messe, Marienverehrung und korsischen Katzen vor den Kirchentüren kann daher nicht an den neuen Ort des Geschehens verlagert werden. Auch die für die Übermacht der Toten verantwortliche Vendetta (dial gwaed) mit angeschlossenem Banditentum ist in Wales nicht vergleichbar populär. Dafydd Elias entzieht sich aber auch der freikirchlichen Glaubenswelt, wie sie der Prediger verkündet, sein spiritueller Lehrmeister ist vielmehr der Schuster Evan, bei dem er dann auch die im Vergleich zum Korsischen um Welten unzugänglichere walisische Sprache wie im Flug erlernt. Während der Prediger Elias Krankheit und Tod immer in Zusammenhang brachte mit gerechter Strafe und Schuld, erzählte Evan von Gestorbenen, die das Los zur Unzeit getroffen hatte. Sie, die Unschuldigen und Betrogenen, sind es, die nicht zur Ruhe kommen. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie normale Leute, aber ihre Gesichter flackern ein wenig, und, wie auf Korsika, sind sie eine Spanne kleiner als zu Lebzeiten. Anders als auf Korsika, wo sie in Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern herumziehen, gehen sie in Wales fast immer alleine, manchmal aber auch in kleinen Schwadronen. Evans Großvater hatte einmal den Weg freimachen und zur Seite treten müssen, um den Gespensterzug vorbeizulassen.

In gewissem Sinne wird auch das Motiv der Cessna, des kleinen Motorflugzeugs, nach Wales verschoben und an Gerald Fitzpatrick delegiert, der, wenn auch kein Waliser, in Wales geboren wurde. Das Fliegen nimmt er aber nicht in Wales auf, sondern von seinem Studienort Cambridge aus, um es dann von seiner Arbeitsstätte in Genf aus fortzusetzen. Während für Gerald Ashman, dem Piloten des Korsikaprojektes, nichts über die Flugleidenschaft geht, ist sie für Gerald Fitzpatrick wohl eher eine Sparte seiner Leidenschaft für die von ihm auch beruflich ausgeübte Astrophysik, für das nach oben gerichtete Augenmerk, für die Geburt und das Sterben der Sterne.

Der Zirkus zieht aus der kleinen korsischen Stadt Piana weiter in die Weltstadt Paris. Das Programm ist in einigen Punkten verändert, was bleibt ist das Finale, als alle Schausteller, die zuvor Zauberkünstler, Seiltänzer, Feuerschlucker oder Hellseher gewesen waren, ausgerüstet mit Musikinstrumenten und begleitet von einer weißen Gans vor das Publikum treten, um auf die eindringlichste, zu Herzen gehende Weise die Abschiedsmelodie zu spielen.

Überall im Flughafengebäude Gatwick, wo der Erzähler auf den Flug nach Calvi wartet, stehen diese knallfarbigen Kästen herum, wo man mit einer Maschinenpistole, die an einer Art Nabelschnur befestigt ist, in apokalyptische Szenearios - brennende Städte, einstürzende Fassaden, fliehende Menschen - hineinfeuern kann. An Kunden, die bei diesem Divertissement dabei sein möchten, fehlt es nicht. Austerlitz erlebt ähnliches am Bahnhof Prag. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde das an sich wundervolle Jugendstilgebäude schon bald nach seiner Fertigstellung zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton. Auf einer etwas erhöhten, gut zehn mal zwanzig Meter messenden Plattform stehen in mehreren Batterien gewiß an die hundert in debilem Leerlauf vor sich hindudelnde Spielautomaten. Weitere vom Korsikaprojekt zum Roman Austerlitz verschobene Motive wären noch zu nennen, etwa das des an chronischer Schlaflosigkeit leidenden einsamen Billardspielers, mais brisons.

Wenn einerseits korsische Motive in den Roman Austerlitz verschoben wurden, tauchen im Korsikaprojekt auch Motive aus den zuvor bereits veröffentlichten Büchern auf. In Brüssel, Fünfter Teil der Ringe des Saturn, wurde eine überraschende Konzentration von Buckligen und Irren beobachtet, auf Korsika zeigt sich eine gar übernatürliche Flinkheit der Buckligen. Das im Neunten Teil der Ringe des Saturn erlebte Sterben der Bäume wird zu einem Hauptmotiv des Korsikaprojektes.

Dienstag, 1. Dezember 2020

Isule, cuntinenti

Corsica


Wäre das Korsikaprojekt abgeschlossen worden, hätte sich eine Reise- und Wandertrilogie bestehend aus den Schwindel.Gefühlen, den Ringen des Saturn und eben Korsika, sicher mit anderem Titel, ergeben. Stattdessen wurde Austerlitz in Fortsetzung der Vier langen Geschichten als fünfte, sehr lange Geschichte veröffentlicht. Zahlreiche Passagen des Korsikaprojektes, das für die Leser einmal aus den einleitenden vier kurzen Erzählungen des Bandes Campo Santo und zum anderen aus dem Marbacher Katalog Wandernde Schatten besteht, finden sich umgeformt in Austerlitz wieder, so daß das Projekt, auch Deo vitam dante, in dieser ausgeschlachteten Form wohl nicht wieder aufgegriffen worden wäre. Das Gros der Leser, die Austerlitz für das wichtigste Werk des Autors halten, sind es zufrieden, die wahren Leser eher nicht. Ihnen ist es unbenommen, aus den in Campo Santo und Wandernde Schatten veröffentlichten und jetzt als Trümmerfeld verbliebenen Fragmenten eine weitere Reise- und Wandererzählung nach eigenen Vorlieben zu phantasieren. Diese Erzählung, nennen wir sie mit korsischen Klang Isule, cuntinenti, würde dem gleichen Konzept nachgehen wie die Schwindel.Gefühle und die Ringe des Saturn. Man folgt den Reise- und Wanderbewegungen des Erzählers, Begegnungen mit anderen Menschen finden in Maßen statt, viel Aufmerksamkeit gilt der die Tier- und Pflanzenwelt, vermittels mentaler Ausschweifungen gerät man immer wieder in andere Weltgegenden. Letzteres könnte, so die Befürchtung, auf der räumlich begrenzten Insel, hat man sie erst betreten, auf Schwierigkeiten stoßen. Noch im neunzehnten wußten viele im Inneren des Landes lebende Korsen nur vom Hörensagen, daß sie Inselbewohner waren, das Meeresufer haben sie nie zu Gesicht bekommen, das Rauschen der See nicht gehört. Auch der Dichter kommt es bei seinen Wanderungen im Inneren des Landes so vor, als bewege er sich nicht auf einer Insel, sondern auf einem Kontinent. Eine andere Dimension, die ihn herausfordert, ist die Tiefe der Geschichte Korsikas, die durchgehend eine Leidensgeschichte ist. Napoleon, dem mit großem Vorsprung bekanntesten Korsen, blieb ein zufriedenstellendes kontinentales Erleben auf Korsika verschlossen, ihn zog es in die Ferne, sein Drang nach Osten wurde, wie uns Tolstoi unübertroffen vor Augen geführt hat, erst in Moskau aufgehalten. Auf Elba, das nur einen Bruchteil der Größe Korsikas hat, kam er nicht zur Besinnung, sondern erst auf der noch deutlich kleineren Insel St. Helena. Das Musée Fesch und die Casa Bonaparte in Ajaccio weisen aus, was von ihm bleibt. Im Souvenirshop des Musée Fesch werden Napoleonfigürchen aus Speckstein und Elfenbein zum Kauf angeboten, die den exilierten Kaiser in Mantel und Dreispitz zeigen, rittlings auf einem Sesselchen, den Blick mit gefurchter Braue hinaus in die Ferne gerichtet. Hauptattraktion der Casa Bonaparte ist ein Stammbaum der Familie, der sie allesamt zeigt, den König von Neapel, den König von Rom und den König von Westfalen, Maria Elisa, Maria Annunziata und viele andere mehr. Erhellend ist ein neueres wissenschaftliches Ergebnis, das auf eine optische Beeinträchtigung des Kaisers hinweist. Eine Farbenblindheit habe ihn nicht Rot und Grün unterscheiden lassen. Je mehr Blut floß auf dem Schlachtfeld, desto frischer schien ihm das Gras zu sprießen. Das erklärt so manches.

Anders als die Schwindel.Gefühle beginnt Isule, cuntinenti nicht mit Napoleons Zug über die Alpen und auch nicht mit der Kindheit des späteren Franzosenkaisers, sondern mit einem Blick aus der Höhe beim morgendlichen Anflug auf die offenbar menschenleere Gebirgsinsel. Purpur- und feuerrot, als seien sie in Brand gesteckt, leuchteten die zweieinhalb- bis dreitausend Meter hohen Gipfel auf, von denen aus man über das nach allen Richtungen absteigende Inselland das ständig sich verändernde Blau hinwegsieht bis zu den weißen Seealpen. Menschen sind von der Höhe aus nirgends zu entdecken. Der Anschein einer unbewohnten Insel verflüchtigt sich aber gleich nach der Landung, überall ist das den Lesern der Schwindel.Gefühle nur zu gut bekannte Ferienvolk unterwegs, vorwiegend in mit Surfbrettern, Sporträdern und anderen Ausrüstungsgegenständen beladenen Wohnmobilen deutscher Fabrikation, und wieder muß der Erzähler sich eingestehen, daß es sich, was tragischerweise so gut wie immer der Fall ist, um Urlauber aus seiner süddeutschen Heimat handelt. Auch unter der zunächst weniger auffälligen einheimischen männlichen Bevölkerung der Insel lassen sich offenbar keine Sympathen finden wie etwa Malachio oder Altamura in den Schwindel.Gefühlen oder der Richter Farrar, der Tempelmodellbauer Garrard und andere in den Ringen des Saturn. Deutlich besser sieht es auf der Frauenseite aus. Die sehr dunkel und korsisch aussehende, noch namenlose Mme XYZ, Alleinherrscherin des Hotels Roches Rouches hätte sich im Zuge der weiteren Ausarbeitung durchaus noch in eine zweite Luciana Michelotti wandeln können. Auch die beiden Empfangsdamen in der Casa Bonaparte sind akzeptabel. Nicht zuletzt aber überzeugt die Brieffreundin Séraphine Aquaviva, die dem Dichter das Geheimnis der Ancienne École erläutert und die Lebensumstände zur Zeit ihrer Kindheit in Porto Vecchio.

Die Roches Rouches sind nicht sie erste und letzte gastliche Stätte, auf die der Erzähler während seines Aufenthalts auf Korsika stößt. In der Cafeteria des Flughafengebäudes begann soeben der neue Tag. Der Kellner hinter der Theke sah aus, als habe er gerade noch im Bett gelegen, mit traumverlorenen Bewegungen stapelte er Teller und Tassen auf seine Kaffeemaschine. Ein zweiter, ebenso verschlafener Mensch, dem der Hemdzipfel aus der Hose hing, wischte mit einem Fetzen die Tische ab. Auf der Fahrt zum Hotel bietet sich eine Wirtschaft, die zu einer Ansammlung mehr oder weniger verlotterter Häuser gehörte für eine Rast an. Der Wirt saß, unrasiert und in einem Zustand totaler Apathie auf der hölzernen Veranda. Auch die Wirtin, die unter der Tür lehnte, schien todmüde zu sein. Wortlos verschwand sie im Dunkel des Innenraums, wortlos kam sie nach einer gewissen Zeit daraus wieder hervor und brachte einen Teller mit einigen Salatblättern und etwas weißem Käse. Man hätte meinen können, sich irgendwo im Wilden Westen zu befinden, an einem von Mord- und Bluttaten ruinierten Ort. Als der Erzähler bereits im Roches Rouches untergekommen ist, setzt während einer Wanderung in der Ortschaft Evisa plötzlich starker Regen ein, der Erzähler rettet sich in das Café des Sports. Der einzige Gast war ein greiser, mit einem wollenen Kittel und einem ausgedienten Armeeanorak bereits für die Wintermonate gerüsteter Mann. Seine vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Es schien nicht, als ob er die seltsam theatralisch wirkende Person wahrgenommen hätte, die nach einiger Zeit unter ihrem aufgespannten Regenschirm draußen vorbeiging, oder auch das halbwüchsige Schwein, das ihr auf dem Fuße folgte. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. Aus einem Kassettenrekorder neben der Kaffeemaschine drang eine von Pathos bewegte Männerstimme, in kurzen, einprägsamen Sätzen rief sie die Erinnerung auf an die Stationen der korsischen Geschichte. Was mag das für das Mädchen hinter der Bar bedeuten?

Die Erzählung Campo Santo in dem gleichnamigen Band handelt von auf Korsika noch bis in das zwanzigste Jahrhundert anzutreffenden archaischen Zuständen, die Erzählung Die Alpen im Meer von den gegenwärtigen, wenn man so will modernen Verhältnissen. Dabei geht es am übersichtlichen Beispiel Korsikas letztlich um die Entwicklung in Europa und der Welt, keine Entwicklung vom Schlechten zum Guten, sondern von einem Schlechten zu einem anderen Schlechten, eine Sichtweise, die inzwischen vielleicht eher überzeugt als noch zur Zeit des Korsikaprojektes. In der alten Zeit konnten sich die Lebenden kaum der Überzahl und Übermacht der Toten erwehren. Nicht zuletzt die auf der Grundlage endogamer Sippen florierende Vendetta und das Banditenwesen stärkten nachhaltig die Toten und schwächten die Lebenden. Vendetta und Banditenwesen führen aber nicht zu einer chaotischen Gesellschaft, ihre streng hierarchische Struktur spiegelt sich wiederum in der Friedhofsordnung. Auch auf dem Friedhof des kleinen Ortes Piana ist die Hierarchie der Gräber sofort zu erkennen. Ein paar mit Giebeln versehene Totenhäuschen der Bessergestellten, sarkophagartige Kästen für die nächstniedrigere Stufe, Gräber noch geringerer Toter unter Steinplatten, die wirklich Armen müssen sich mit einem blechernen Kreuz begnügen. Hungerleider wurden lange Zeit einfach in einen Sack eingenäht und in einen Schacht, die sogenannte arca geworfen, wo sie wie Kraut und Rüben durcheinanderlagen. Andererseits gaben die Toten keineswegs Ruhe. Einen Fuß etwa kleiner als zu Lebzeiten zogen sie herum in Banden und Gruppen und manchmal in regelrechten Regimentern hinter einer Fahne. Die Trauerrituale waren entsprechend ausgeprägt. Es wäre nicht gerecht, in den Klagegesängen der Voceratrici eine vom Herkommen vorgeschriebene, hohle Veranstaltung zu sehen. In Wahrheit besteht kein Widerspruch zwischen dieser Art von Berechnung und einer echten, bis an den Rand der Selbstauflösung gehenden Verzweiflung. Als zwiespältig mag man auch das oft mehrere Tage dauernde Totenmahl, das eine Familie in den Ruin stürzen konnte, wenn das Unglück es wollte.

Heute sind wir auf dem Punkt, wo die Zahl der auf der Erde Lebenden sich im Verlauf von nur drei Jahrzehnten verdoppelt hat und schon bald verdreifacht haben wird. Das einst übermächtige Volk der Toten hat jede Dominanz verloren, nicht nur auf Korsika werden die Toten kaum noch beachtet. Mit Photos aus dem Alltagsleben auf ihren Sterbeanzeigen bleiben sie in einem vermeintlich ewigen banalen Leben sich selbst überlassen, mehr können wir, die Lebenden, für Euch, die Toten, nicht tun, behelligt uns nicht weiter. Vormals mit Räubertum und Vendetta beschäftigt, haben die Korsen ihre Aktivitäten längst auf das Schlagen der letzten Bäume und das Erschießen des letzten jagdbaren Wildes verlegt. Die wohl schönste Waldung der Insel, die von Bavella, war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch weitgehend unberührt. Der Topograph van der Velde nennt Bavella le plus beau en fait de forêt, fügt aber schon hinzu, Touristen müßten sich beeilen, wenn sie ihn noch in seiner Pracht bewundern wollten, die Axt gehe um im Wald. Heute ist im Bavella-Gebiet nichts mehr so, wie es einmal gewesen ist. Wenn man aus der Ferne schaut könnte man meinen, die wunderbaren Wälder stünden noch, in Wahrheit aber wachsen nur mehr die von der Forstverwaltung nach dem riesigen Waldfeuer vom Sommer in die Brandflächen gesetzten Bäume, schmächtiges Nadelholz, von dem man nicht denken kann, daß es ein Menschenleben überdauert, geschweige denn Dutzende von Generationen. Auch auf das Wild hatte van der Velde sein Augenmerk gerichtet, le gibier y abonde, stellte er fest. Ungemein zahlreich waren etwa die Steinböcke und der inzwischen längst ausgestorbene tyrrhenische Rothirsch, über den Felsstürzen kreisten Adler und Geier. Auch heute noch bricht in Korsika jeden September das Jagdfieber aus. Ungeachtet des Umstandes, daß es kaum noch etwas zu jagen gibt, scheint sich die gesamte männliche Bevölkerung an dem längst ziellos gewordenen Zerstörungsritual zu beteiligen, die älteren Männer vorwiegend im blauen Zivil eines Arbeitsanzugs, die jüngeren in einer Art paramilitärischer Ausrüstung. Die Frauen scheinen hinter der aus übergeordneter Sicht erfreulich geringen Ausbeute eine Art Impotenz der Männer zu vermuten, mon mari, qui rentrait toujours avec cinq ou six perdrix, on a tout juste pris une. Abzusehen ist die Zeit, in der auf der Insel nur noch bizarre Lebewesen wie der Prozessionsspinner, Bombix processionis, aufzutreiben sind. Flauberts legendenhafte Erzählung vom dem Jagdfieber in einem weder zuvor noch danach bekannten Ausmaß verfallenen heiligen Julian ist die ideale literarische Ergänzung, eine wahrhaft perverse Geschichte über die Verruchtheit der Menschengewalt. 

Zum Abschluß wieder der Rote Brand. Die monströsen Felsformationen der Calanches leuchteten in feurigem Kupferrot, als stünde das Gestein selbst in Flammen und glühe aus seinem Inneren heraus. Manchmal glaubte man, in dem Geflacker die Umrisse brennender Pflanzen und Tiere zu erkennen oder die eines zu einem großen Scheiterhaufen geschichteten Volks. Sogar das Wasser drunten schien in Flammen zu stehen. Die Farbe Rot ist aber nicht das letzte Wort. Man konnte das Schiff sehen, das aus der Mitte des Sonnenfeuers hervorgekommen war und jetzt auf den Hafen von Porto zuhielt, so langsam, das man meinte, es bewege sich nicht. Es war eine weiße, anscheinend menschenleere Yacht mit fünf Masten, die nicht die geringste Spur auf dem reglosen Wasser hinterließ. Knapp war sie an der Grenze zum Stillstand und rückte doch so unaufhaltsam vor wie der große Zeiger der Uhr. Das Schiff fuhr, sozusagen, entlang der Linie, die das, was wir wahrnehmen können, trennt von dem, was noch keiner gesehen hat. Vielleicht eine Stunde lag das Schiff hell leuchtend in der Finsternis, als warte sein verborgener Kapitän auf die Erlaubnis, einlaufen zu dürfen in den hinter den Calanches verborgenen Hafen. Dann, als die Sterne schon über den Bergen hervortraten, drehte es ab und fuhr so langsam, wie es gekommen war, wieder davon. Das Zeichen ist da, aber wie soll man es deuten?

Sonntag, 29. November 2020

Evolution des Schönen

L'art pour l'art



Jeder wohl denkt, Kunst ist allein Menschensache, wenn man denn die Götter aus dem Spiel läßt, Apoll etwa und die Musen. Und doch, wer an einem Spätsommerabend vom Garten her lauscht, wie die Amsel, besser der Amsel, immer wieder vom Leitungsdraht herab sein Liedchen schmettert, ist verunsichert, diese Schönheit, diese Vielfalt, dieser Ideenreichtum, diese Raffinesse. Die Evolutionslehre in ihrer einfachen Form beruhigt, alles nur Arterhaltung, wenn auch mit dem erfreulichen Nebeneffekt der Schönheit, das anmutigste Weibchen erwählt den besten Sänger, beider Gene sind unschlagbar, was könnte der Art widerfahren? Was aber ist mit dem Keulenflügel-Manakin*, der seine Gesänge nicht aus der Kehle, sondern vermittels Flügelschlag erzeugt. Zu dem Zweck verstärkten sich die Federkiele im Evolutionsverfahren erheblich, bei den stillen Weibchen unnötigerweise gleich mit, die Flugfähigkeit des Männchens leidet darunter signifikant, die des Weibchens immerhin spürbar, die Art ist offenkundig geschädigt, im Nachteil. L’art pour l’art der Evolution, ohne Rücksicht auf Verluste?

Das Balzverhalten vieler Vögel belegt, daß auch die Kunstform des Tanzes in den Kompetenzbereich des Federvolkes fällt. Damit könnte ihre Beteiligung am Kunstgeschehen als abgeschlossen gelten, wenn nicht die Laubenvögel wären, die das künstlerische Agieren der Vogelwelt zum einen um die Architektur und zum anderen um die bildende Kunst erweitern. Die Lauben selbst sind bei einigen Arten architektonische Wunderwerke, der Hüttengärtnervogel (Amblyornis inornata) dekoriert überdies den Zugangsweg zur Laubenhütte in einer Weise, die an Produkte der modernen bildenden Kunst erinnert. Die traditionelle Malerei ist den Vögeln naturgemäß nicht zugänglich, da es sich vorwiegend um erzählende, also Sprache voraussetzende Bildwerke handelt, die Bildwerke Giottos, Fra Angelicos und anderer mehr, gehe es um Ruth, um Hagar, oder um die heilige Jungfrau selbst,  sind erzählende Theopoesie (Sloterdijk) in Bildform. Der Zugang zur Sprache aber ist den Tieren verschlossen, das Plappern des Papagei darf uns nicht in der Irre führen, Bedeutung wird nicht mitbefördert. Literatur als Kunstform ist dem Menschen vorbehalten. Die Schwierigkeit für die Literatur liegt darin, daß der Alltagsgebrauch der Sprache sie stärker belastet, als es bei den Klängen und Bildern der Fall ist. Wenn Sergio Chejfec urteilt: Sebald ramène le lecteur à une position souvent perdue depuis longtemps: l'admiration et le pur plaisir esthétique, heißt das, diese Schwierigkeit wurde überwunden, sofern, woran wir glauben, Chejfecs Urteil zutrifft.

*Richard O. Prum, The Evolution of Beauty



Samstag, 14. November 2020

Telephon

Zurück zum Wendepunkt


Er glaubte, seiner seit Tagen anhaltenden Sprachlosigkeit durch einen Telefonanruf ein Ende machen zu können, die drei oder vier Personen aber, mit denen er unter Umständen hätte reden wollen, waren alle auswärts und auch durch das längste Läutenlassen nicht herbeizubringen. Hat er tatsächlich versucht anzurufen, wo wir doch sonst fast nie davon hören, daß er zum Telephon greift? Man nimmt an, daß die Treffen mit Herbeck, Salvatore Altamura, Farrar, dem Ehepaar Hamburger, Alec Garrard sowie zahlreiche Treffen in Amerika telephonisch vereinbart wurden, ausdrücklich bestätigt wird das nicht. Anne Hamburger bestellt telephonisch ein Taxi, als der Besuch in ihrem Hause endet. Der Dichter steht, wie er mehrfach hervorgehoben hat, in der Nachfolge der Erzähler des 19. Jahrhunderts, als es für eine Weile noch schien, als könne alles anders kommen können, als es dann tatsächlich kam. Zahlreiche Romane aus dieser Zeit würden geradezu in sich zusammenfallen, wenn man die Figuren nachträglich mit einem Telephon ausrüsten wollte. Dostojewskis späte Romane Бесы und Братья Карамазовы etwa leben in nicht geringem Ausmaß vom fernsprechfreien Botenwesen. In Бесы ist der Icherzähler Anton Lawrentjewitsch G. ständig unterwegs zwischen den Parteien, er bestimmt den Tonfall des Buches. In Карамазовы fällt die Rolle des Botengängers gar dem von Dostojewski zum Protagonisten des Romans erklärten Aleksej Karamasow zu. Sicherlich will der Dichter sich nicht nachträglich in die Reihe der Autoren des neunzehnten Jahrhunderts einreihen, indem er mehr oder weniger auf das Telephon verzichtet, er spricht aber dem, was nach dem Zeitpunkt kam, vor dem vielleicht alles noch hätte anders kommen können, keine maßgebliche Bedeutung zu. Die digitalen Erweiterungen des Telephons wie E-Post und Internet bleiben von der Prosa ausgeschlossen, allerdings waren sie in der erzählten Zeit auch noch nicht ausgereift. Der sparsame Umgang mit technischen Gerät betrifft nicht allein das Nachrichtenwesen, sondern in gleichem Maße die Verkehrsmittel. Die schon das neunzehnte Jahrhundert prägende Eisenbahn bleibt unbehelligt. Das Automobil hingegen findet kaum Gnade, es hat nur wenige gute Momente, so etwa, als der Onkel Kasimir es so langsam bewegt, daß es schon wider seine Natur ist, so langsam, wie man noch nie jemand auf freier Strecke hat fahren sehen. Der Zenit dessen, was sich positiv zum Auto sagen läßt, ist erreicht, als der Erzähler dank der zeitlupenhaft langsamen Überholvorgänge auf dem Highway Zeit findet, mit den Insassen des Nachbarautos wortlos Freundschaft schließen kann. Auch das Flugzeug als Verkehrsmittel findet keine Zustimmung. Der erste Flug des Erzählers, von Zürich nach Manchester, ist kein beglückendes Erlebnis, den Flügen in die USA wird als solchen keine Beachtung geschenkt, man steigt auf an dem einen Ort und landet an dem anderen, mehr ist nicht zu sagen. Eine ganz andere Kategorie sind die Cessnas y similares, die den mythischen Menschheitstraum vom Fliegen technisch umsetzen. Irgendwann aber trifft auch Gerald Fitzpatrick das Schicksal des Ikaros, er kehrt von einem seiner Flüge über die Alpen nicht zurück.

Dienstag, 10. November 2020

Nicht volljährig

Altersstufen


Wir lernen Adroddwr, den Erzähler, 1980 bei seiner ersten Italienreise kennen, ein Mitdreißiger, wenn man ein dem des Autors ähnliches Geburtsdatum annimmt. Er ist nicht im Normalzustand, seine Zugehörigkeit zur gutbürgerlichen Gesellschaft allenfalls verschwommen erkennbar. In Wien, der ersten Station der Reise, hat er keinen Menschen, mit dem er sprechen kann, für ein Gespräch ist er auf Dohlen und Amseln angewiesen. Bedrohliches erhebt sich diffus im Hintergrund, zwei Augenpaare, die sich, so nimmt er es wahr, nicht wohlmeinend immer wieder auf ihn richten. Sieben Jahre später, bei der zweiten Italienreise, hat er das vierzigste Lebensjahr bereits überschritten. Diesmal ist ein Übermaß an Menschen in Gestalt des Ferienvolks das Hindernis, gleich nach der Ankunft, noch in der Bahnhofshalle, stößt er auf ein wahres Heer von Touristen in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden. In Limone ist noch um Mitternacht das ganze Ferienvolk paar- und familienweise unterwegs, eine einzige buntfarbene Menschenmasse schiebt sich wie eine Art Zug oder Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts. Tagsüber sieht es besser aus, Luciana Michelottis Gäste vergnügen sich auf der Terrasse, nur Adroddwr sitzt und schreibt in der Gaststube, ab und zu blickt er hinüber zu Luciana, die an der Theke wirtschaftet. In den Ringen des Saturn, Adroddwr hat nahezu die fünfzig erreicht, sind seine Gastfreunde in idealer Weise sortiert, der Richter Farrar, der Dichter Michael Hamburger, seine Frau Anne, der Zuckerexperte de Jong, der Tempelmodellbauer Alec Garrard, einer nach dem anderen, der Reihe nach. In Ritorna in patria werden Blicke auf diverse Ereignisse aus der Kindheit des Erzählers geworfen. Im zweiundzwanzigsten Lebensjahr, also bereits volljährig, trifft er mit dem Flugzeug in Manchester ein, aus seiner Jugendzeit im engeren Sinn erfahren wir so gut wie nichts, nur daß er zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr versuchte, die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an sich auszubilden versuchte, ein Projekt, das allerdings von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Mit dem Haus, das Clara unversehens kauft, ist die Jugendzeit dann gültig abgeschlossen.

Bei Modiano lernen wir, daß Adroddwr, abgesehen von dem Nachklang in Manchester, die einerseits entscheidenden, andererseits gefährlichen Jahre der Persönlichkeitsbildung ausgelassen hat. Die Jahre vor der Volljährigkeit sind der Abschnitt, in dem die meisten Romane Modianos ihr Spielfeld haben. Der Protagonist ist nicht volljährig, täuscht aber mit verfälschten Papieren Volljährigkeit vor. Er trifft ein Mädchen, eine junge Frau, die einige Jahre älter und erheblich lebenserfahrener ist als er, sie bewegt sich, wie viele Figuren Modianos, in einem Nebel von Verbrechen und Ausnutzung, in Gesellschaft von Schiebern, Spielern, Kriminellen, einer korrupten, scheinbar unwirklichen Gesellschaft, vermutlich das wahre Leben, aber es kann auch ganz anders ausgehen. Den jungen Mann interessiert das alles nicht, er und das Mädchen sind für einige Zeit wie Märchenkinder ohne Eltern, Jeannot et Margot. Gisèle (Un cirque passe) kommt dann aber bei einem Autounfall ums Leben, Jaqueline (Du plus loin de l‘oubli) ist plötzlich verschwunden, verheiratet mit einem anderen, wie sich fünfzehn Jahre später zeigt. Odile (Une jeunesse) ist gerade fünfunddreißig Jahre alt geworden, als wir sie kennenlernen, sie ist mit Louis ihrem Jugendfreund verheiratet und hat zwei Kinder. Die Mühen und Gefahren der Jugend sind so gut wie vergessen. Wenn man den Autor, Modiano, selbst als einen seiner Protagonisten betrachtet, so hat er im Alter von fünfundzwanzig Jahren seine Jugend endgültig abgeschlossen, indem er eines der Mädchen aus seinen Büchern, neunzehn Jahre alt und ohne erkennbare zwielichte Momente, geheiratet hat. Und weil sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute.

Donnerstag, 5. November 2020

Ärztliche Kunst

Allgegenwärtig


Diverse Fachleute der Literatur können weder bei Dostojewski noch bei Sebald Humor entdecken, Dostojewski scheitert in ihren Augen an seiner anhaltenden Gedankenschwere und der fortwährenden Frage nach dem Grund der Dinge, Sebald an seiner lückenlosen Melancholie. Diese wissenschaftliche Sicht ist leicht zu widerlegen, und das sogar für beide Autoren am gleichen Motiv, dem der ärztlichen Kunst. Zu Dmitri Karamasows Verhör hat das Gericht drei Ärzte zwecks Klärung des Geistes- und Gemütszustandes des Angeklagten berufen. Da ist zunächst der örtliche Arzt Herzenstube, ein älterer freundlicher Mann deutscher Herkunft und scheuer Bewunderer der Weiblichkeit. Aus dem Umstand, daß Dmitri beim Betreten des Gerichtssaals mit raumgreifenden Schritten zu seinem Platz eilt, ohne nach links oder rechts zu schauen, leitet Herzenstube eine seelische Verwirrung und verminderte Zurechnungsfähigkeit ab. Im Normalzustand hätte Dmitri als bekennender und nicht sonderlich scheuer Frauenliebhaber unbedingt nach links geschaut, dort wo die Damen im Gerichtssaal ihren Platz haben. Der von Katerina Iwanowna eigens aus Moskau bestellte teure Modearzt gibt seinem gelehrten Kollegen, wie er spöttisch anmerkt, grundsätzlich recht, allerdings hätte Dmitri seinem verläßlichen ärztlichen Urteil zufolge nicht nach links zu den Damen, sondern nach rechts zum Platz seines Verteidigers schauen müssen, von dem allein er Rettung erwarten konnte. Den Reigen beschließt der erst seit kurzem in der Gegend niedergelassene junge Arzt Warwinski, der bestätigt, Dmitri habe unbedingt, so wie geschehen, nach vorn schauen müssen, dorthin wo das Gericht sitzt, von dem allein sein Schicksal abhänge. Dmitri pflichtet ihm lauthals bei, was ihm einen weiteren Ordnungsruf einbringt. Offensichtlich handelt es sich um eine humoristische Persiflage auf die ärztliche Kunst im Bereich der medizinischen Seelenkunde. Für den weiteren Prozeßverlauf haben die unterschiedlichen Diagnosen kaum Bedeutung. Im Voralpenort W. obliegt die Gesundheitsfürsorge dem rustikalen Dr. Piazolo, seine Popularität in der Bevölkerung ähnelt der Herzenstubes. Obwohl er inzwischen auf die Siebzig zugeht, sieht den man ihn zu jeder Morgen- und Abendstunde auf seiner siebenhundertfünfziger Zündapp im Dorf herum oder bergauf und bergab zwischen den umliegenden Orten hin und her fahren, oft im Verein mit seinem Doppelgänger oder Schattenreiter, dem gleichfalls nicht mehr zu den Jüngsten zählenden Pfarrer Wurmser, der seine Versehgänge auch die längste Zeit schon mit dem Motorrad machte. Einmal hätten die beiden im Adlerwirt beieinandergesessen und dann ihre Rucksäcke, die einander bis aufs Haar glichen, vertauscht, so daß der Dr. Piazolo mit dem Versehgerät zum nächsten Patienten und der Pfarrer mit dem Arztwerkzeug zum nächsten im Erlöschen liegenden Gemeindemitglied gekommen sei. Es ergibt sich eine Art von Verdoppelung, so daß man, je nach Bedarf fast von zwei Ärzten oder zwei Pfarrern sprechen möchte. Als dritter Arzt gesellt sich, ähnlich dem Dr. Warwinski beim russischen Gericht, in der Ortschaft W. der Dr. Rambousek hinzu, ein aus dem Mährischen zugewanderter Arzt, der aber im Allgäu kaum Fuß fassen konnte. Seinen am besten mit dem Wort levantinisch bezeichneten Gesichtszüge, den großen dunklen Augen, den allzeit zur Hälfte gesenkten Lider, seinem ganzen irgendwie abgewandten Habitus nach war er zu den von Haus aus Untröstlichen zu rechnen. Man fand ihn schließlich tot in seinem Drehsessel, den Oberkörper auf der Schreibtischplatte liegend, ein Vorkommnis, das den von den beiden Motorradartisten eingeführten Komödienton mit Slapstick-Charakter naturgemäß ein wenig dämpft.