Donnerstag, 31. März 2011

Kommentar Heideblühen

Die Hoffnung des Selysses auf Erquickung im Gasthof verfliegt umgehend, offenbar ist es ein verwunschener Ort, und er ist nur heilfroh, als er ihn wieder verlassen kann. Das Versprechen: Du bist frei und dadurch bist Du verloren – verheißt allerdings nichts Gutes. Die Freiheit ist denn auch ein Irrlicht, und bald schon hat er den Gasthof ein weiteres Mal vor Augen. Colm Tóibín unterbreitet, indem er erneut die für seinen Roman titelgebenden Verse zitiert, einen realistischen Deutungsvorschlag frei von allen überwirklichen Nebeln. Obwohl Selysses hier noch im Siebten Teil der Ringe des Saturn wandert, komme es, so Tóibín, geblendet wie Selysses ist vom Blühen der Heide, zu einer Art Vorgriff auf den Achten Teil, in dem er sich zurückversetzt in die Zeit des irischen Bürgerkriegs. Keineswegs nähere er sich dem Gasthaus zwei Mal, und ein Gasthaus besetzt mit irischen Rebellen sei es überhaupt nur für die Augenblickszeit eines Tagtraums, aus dem erwacht Selysses dann die flammende Heidelandschaft betritt und auf das ferne Gebäude, vermutlich eine einfache Feldhütte, zuhält. Das unheilschwangere Gehabe der beiden Gasthausgesellen sei einmal dem Traumwesen geschuldet und zum anderen ganz einfach Rebellenart.Heideblühen

Mittwoch, 30. März 2011

Heideblühen

Aus dem Schattenreich
Kommentar

At Boolavogue as the sun was setting
O'er the bright May meadows of Shelmalier,
A rebel hand set the heather blazing ...

Der Weg führte zunächst an den Ruinen eines Franziskanerklosters vorbei, an etlichen Feldern entlang und durch ein offenbar erst in jüngster Zeit aufgeschossenes, verwahrlostes Gehölz, in dem Krüppelkiefern, Birken und Ginsterstauden so dicht durcheinanderwuchsen, daß ich nur mit viel Mühe vorankam. Ich dachte schon beinah daran umzukehren, da tat sich auf einmal vor mir die Heide auf. Blaßlila bis tief purpurfarben erstreckte sie sich westwärts, und eine weiße Fahrspur ging in leichten Windungen mitten durch sie hindurch. Am äußersten Horizont war eine Behausung zu erkennen, ein Wirtshaus, wie ich zu meinem Erstaunen nicht weniger als zu meiner Erleichterung erkannte, als ich eine gute Zeit später, nach einer letzten Wegbiegung, davor stand. Drinnen saßen zwei Männer an einem rohgezimmerten Tisch. Eine flackernde Petroleumlampe hing über ihnen. Es war weit von meiner Heimat. Ich bin in Euerer Hand, sagte ich. Nein, sagte der eine Mann, der sich sehr aufrecht hielt und die linke Hand in den Vollbart gekrampft hatte; Du bist frei und dadurch bist Du verloren. Ich kann also gehn? fragte ich. Ja, sagte der Mann und flüsterte seinem Nachbarn etwas zu, während er ihm freundlich die Hand streichelte. Es war ein alter Mann, aber noch aufrecht und sehr kräftig. Mit wie rasend in meinem Kopf sich drehenden Gedanken sprang ich zur Tür und wanderte bald wieder wie betäubt von dem wahnsinnigen Blühen weiter auf der hellen Sandbahn dahin, bis ich zu meinem Erstaunen, um nicht zu sagen zu meinem Entsetzen, mich wiederfand vor dem selben verwilderten Wald, aus dem ich vor einigen Stunden oder, wie es mir jetzt schien, in irgendeiner fernen Vergangenheit hervorgetreten war. Am äußersten Horizont der Heide war eine Behausung zu erkennen.

Dienstag, 29. März 2011

Kommentar Arbeitsscheu

Die von Selysses zur Kennzeichnung der bei den Ashburys waltenden Arbeitseinstellung verwendeten Begriffe Obsession und Verstörung erklären weniger, als daß sie auf Erklärung angewiesen sind. Cortázar, der kurz vorbeischaut, findet für seine Sichtweise die Angelegenheit nicht weiter auffällig und tieferer Erkundung nicht bedürftig. Kafka versucht es mit schlichteren Begriffen, faul und arbeitsscheu, bei denen jeder glaubt, er wisse was sie bedeuten. Faul wird sogleich wieder gestrichen, arbeitsscheu wird wörtlich genommen als Scheu und Furcht vor der Arbeit und nimmt dann einen abenteuerlichen Erklärungsverlauf. Daß die Aufnahme einer Arbeit mit dem Verlust der Heimat einhergeht, klingt nach Entfremdung und insofern noch vertraut. Ungewohnt ist dagegen die Aufspannung des Begriffes im Reich der Akustik zwischen Lärm und Stille, wobei die Stille das Vernichtende ist. Daß wir am Ende über ein handliches Alltagsverständnis der Arbeitsfurcht verfügen würden, läßt sich nicht sagen. Die drei Dichter schauen aus verschiedenen Blickwinkeln auf die arbeitsscheuen Ashburys und besonders auf Edmund, den jüngsten Sohn, jeder aber, auf seine Art, mit Wohlgefallen.
Arbeitsscheu

Montag, 28. März 2011

Arbeitsscheu

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Arbeiten, die sie verrichteten, hatten durchweg etwas Plan- und Sinnloses an sich, schienen weniger der Ausdruck einer wie immer gearteten Alltäglichkeit als der einer absonderlichen Obsession beziehungsweise einer tiefen, chronischen gewordenen Verstörung. Los gustaban solamente las ocupaciones libres, las tareas porque sí, los simulacros que no sirven para nada. Der jüngere Sohn zimmerte seit seiner bereits vor Jahren erfolgten Schulentlassung an einem gut zehn Meter langen, dickbauchigen Schiff, obgleich er, wie er mir gegenüber beiläufig äußerte, weder vom Schiffbau eine Ahnung noch die Absicht hatte, mit dem unförmigen Kahn jemals in See zu stechen. Von den Nachbarn sagen manche, daß er faul sei, andere daß er Furcht vor der Arbeit habe. Diese letzteren beurteilen ihn richtiger. Er hat Furcht vor der Arbeit. Wenn er eine Arbeit anfängt, hat er das Gefühl eines, der die Heimat verlassen muß. Keine geliebte Heimat, aber doch einen gewohnten bekannten gesicherten Ort. Wohin wird ihn die Arbeit führen? Er fühlt sich fortgezogen, wie einganz junger scheuer Hund, der durch eine Großstadtstraße gezerrt wird. Es ist nicht der Lärm, der ihn aufregt; wenn er den Lärm hören und in seinen Bestandteilen unterscheiden könnte, würde ihn das ja gleich ganz in Anspruch nehmen, aber er hört ihn nicht, mitten durch den Lärm gezogen hört er nichts, nur eine besondere Stille, förmlich von allen Seiten ihm zugewendet, ihn behorchend, eine Stille, die sich von ihm nähren will, nur sie hört er. Das ist unheimlich, das ist zugleich aufregend und langweilig, das ist kaum zu ertragen. Wie weit wird er kommen? Zwei, drei Schritte, weiter nicht. Und dann soll er müde von der Reise wider zurücktaumeln in die Heimat, die graue unbeliebte Heimat. Das macht ihm die Arbeit verhaßt. So sind denn auch die Arbeiten an dem Boot im Grunde gar nicht als Arbeit zu verstehen, no sirven para nada und das nicht nur in dem Sinne, daß sie zum Broterwerb nichts beitragen, diese Arbeit zwingt nicht zum Verlassen der Heimat.

Sonntag, 27. März 2011

Kommentar Freundschaft

Selysses erlebt bei seinem Besuch in New Jersey die in Amerika populäre des Bewegungsform Slow Cruising in ihrer extremen Form. Das Fußwandern regt, wie wir immer wieder erfahren, Selysses an zu weitreichenden Gedanken und weltumspannenden Grübeleien, nicht aber, schon weil er immer allein unterwegs ist, zum Reden. Das langsame Fahren zu zweit verleitet zwar nicht eigentlich zum Gespräch, aber doch zum Selbstgespräch in Anwesenheit eines Zuhörers. Orlow wird mit den Worten Kafkas in das Geheimnis der Freundschaft tiefer eindringen als wir ihm folgen können. Wenn er dann, beim Blick übers Meer an den Rand der Finsternis stößt, so vermutlich in der Weise, daß die gewonnene Klarheit sich wieder in das Dunkel verliert. Da ein Rand zwei gleichberechtigte Bereiche teilt, ist allerdings nicht gänzlich ausgeschlossen, daß er hier den Übergang von der Finsternis in das erleuchtende Licht markiert.
Freundschaft

Samstag, 26. März 2011

Freundschaft

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Wir brauchten für die knapp zwanzig Meilen bis an den Atlantik hinunter bald eine Stunde, weil Orlow so langsam fuhr, wie ich auf einer freien Strecke noch nie jemanden habe fahren sehen. Er saß schräg hinterm Steuer, lenkte mit der linken Hand und erzählte Geschichten aus der Vergangenheit. Nur ab und zu vergewisserte er sich durch einen Blick nach vorn, daß wir uns noch auf der richtigen Spur befanden. Schließlich führte die Straße hinab an die Bucht und hinüber auf die der Küste vorgelagerte, fünfzig Meilen lange, aber nirgends mehr als eine Meile breite Landzunge. Ja, Pildao sei sein Freund, sagte Orlow unvermittelt, und dennoch wisse er leider nicht viel über ihn. Wenn er sich heute Rechenschaft geben wolle über seinen Freund und sein Verhältnis zu ihm, so sei das einer jener vielen meist hoffnungslosen Anläufe, die man während eines langen Lebens immer wieder unternimmt, Anläufe zu einem Sprung, von dem man nicht weiß, ob er vorwärts ins leben zielt oder aus dem Leben fort. Aber es ist hoffnungslos, also gefahrlos. Wir waren angelangt, stellten den Wagen ab und gingen, den scharfen Nordostwind im Rücken, schweigend am Strand entlang. Schließlich, eine längere Wegstrecke lag schon hinter uns, blieben wir stehen und schauten aufs Meer hinaus. Das ist der Rand der Finsternis, sagte Orlow.

Freitag, 25. März 2011

Kommentar Einig Volk

Selysses verläßt das Hotel in Lowestoft, geht Richtung Innenstadt und dann für einen kurzen Erzählaugenblick an der Etsch entlang, bis er auf eine größere Menschenansammlung stößt. Es handelt sich um eine politische Versammlung, auf der alle sich einig sind. Trifft man sich am Fluß, weil sein Tönen die Einigkeit nicht stören kann, oder trifft man sich hier, damit der Fluß eine immerhin mögliche Uneinigkeit übertönt. Sind alle sich einig, oder haben sich nur die getroffen, die sich einig sind. Ist man sich über alles einig oder nur in einer einzelnen Frage. Die Einigung, soviel ist sicher, ist nicht Ergebnis eines längeren Klärungsprozesses, vielmehr ist erstaunlich, daß lange Diskussionen die ursprüngliche Klarheit nicht haben trüben können. Einigkeit und Klarheit sind aber, anders als man vielleicht erwarten möchte, nicht Anlaß zur Freude, sondern herzbeklemmend. Immerhin, das müssen wir uns in Erinnerung rufen, gilt der Zwist als Vater aller Dinge und als Grundlage unseres Zusammenlebens.
Einig Volk