Kommentar
Mehr als alles andere zeichnete ihn aus eine Bedürfnislosigkeit, von der manche behaupteten, daß sie ans Exzentrische grenzte. In einer Zeit, wo die meisten Leute zu ihrer Selbsterhaltung in einem fort einkaufen müssen, ist er praktisch überhaupt nie zum Einkaufen gegangen. Jahraus, jahrein trug er, seit ich ihn kannte, abwechslungsweise eine dunkelblaue und eine rostfarbene Jacke, und wenn die Ärmel abgestoßen oder die Ellbogen durchgewetzt waren, hat er selber zu Nadel und Faden gegriffen und einen Lederbesatz aufgenäht. Ja, sogar die Kragen an seinen Hemden soll er gewendet haben. Als ich gelegentlich zu ihm sagte, daß er sich wohl die Anweisungen des Tertullian für ein asketisches Leben zu Herzen genommen habe und in der Strenge der Enthaltsamkeit dem heiligen Antonius kaum nachstünde, da antwortete er mir lachend, ein Asket oder Hungerkünstler sei er keineswegs. Die Unersättlichsten von allen seien nämlich manche Asketen, sie machten Hungerstrike auf allen Gebieten des Lebens und wollten dadurch gleichzeitig Folgendes erreichen: Einmal solle eine Stimme sagen: Genug, Du hast genug gefastet, jetzt darfst Du essen wie die andern und es wird nicht als Essen angerechnet werde. Weiter aber solle die gleiche Stimme gleichzeitig sagen: Jetzt hast Du solange unter Zwang gefastet, von jetzt an wirst Du mit Freude fasten, es wird süßer als Speise sein (gleichzeitig aber wirst Du auch wirklich essen) und schließlich solle die gleiche Stimme gleichzeitig sagen: Du hast die Welt besiegt, ich enthebe Dich ihrer, des Essens und des Fastens (gleichzeitig aber wirst Du sowohl fasten als essen). Zudem komme noch eine seit jeher zu ihnen redende unablässige Stimme: Du fastest zwar nicht vollständig, aber Du hast den guten Willen, und der genügt. Ihm aber sei im Gegensatz zu diesen gleichsam philosophischen Asketen die Bedürfnislosigkeit nichts anderes als ein einfaches Bedürfnis.
Dienstag, 7. Juni 2011
Montag, 6. Juni 2011
Kommentar Schlußgesang
Kafka scheint mit sich allein, die Last des Vaters, die offene Wunde, die sich handgroß in der Hüftgegend aufgetan hat, das sind seine Themen, auch wenn Sebald sie hier vorträgt. Es ist die Rede vom Schlußgesang, aber es geht nur um die Worte, nicht um die Noten und Töne. Wie Tschechow ist Kafka ein Dichter, dem die Musik im Inneren der Worte und Sätze hinreicht. Zwar hat er umfänglich von der Sängerin Josefine berichtet, aber Josefine ist eine Maus und ihr Singen eher nur ein leises Pfeifen. Die Wunde, um die es geht, hat sich schon in der Jugend aufgetan, der Schlußgesang, den wir alle singen, beginnt schon recht bald. Der Unterschied in unseren Liedern kann immer nur wenige Worte ausmachen. Kafkas Schluß- und Lebensgesang war kurz, wessen Worte aber waren heller als seine.
Schlußgesang
Schlußgesang
Sonntag, 5. Juni 2011
Schlußgesang
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Es hieß, er liege in dem an das Zimmer der Rosina anschließenden Raum und er habe an der Hüfte eine große Wunde, die nicht verheilen wolle. Er habe, so hieß es, in seiner Jugend eine Zigarre, die er verbotenerweise geraucht habe, vor seinem Vater verbergen wollen und in den Hosensack gesteckt. Die Brandwunde, die er sich zugezogen habe, sei zwar besser geworden, sie aber später, als er gegen fünfzig ging, immer wieder aufgegangen und schließe sich nun überhaupt nicht mehr, ja, sie werde größer von Jahr zu Jahr, und es könne, so wurde gesagt, darum wohl sein, daß er bald am Brand sterben würde. Immerfort spricht er vom Tod, so die Rosina, und stirbt doch nicht. Drauf ich: Und doch wird er sterben. Er sagt eben seinen Schlußgesang. Des einen Gesang ist länger, des anderen Gesang ist kürzer. Der Unterschied kann aber immer nur wenige Worte ausmachen.
Kommentar
Es hieß, er liege in dem an das Zimmer der Rosina anschließenden Raum und er habe an der Hüfte eine große Wunde, die nicht verheilen wolle. Er habe, so hieß es, in seiner Jugend eine Zigarre, die er verbotenerweise geraucht habe, vor seinem Vater verbergen wollen und in den Hosensack gesteckt. Die Brandwunde, die er sich zugezogen habe, sei zwar besser geworden, sie aber später, als er gegen fünfzig ging, immer wieder aufgegangen und schließe sich nun überhaupt nicht mehr, ja, sie werde größer von Jahr zu Jahr, und es könne, so wurde gesagt, darum wohl sein, daß er bald am Brand sterben würde. Immerfort spricht er vom Tod, so die Rosina, und stirbt doch nicht. Drauf ich: Und doch wird er sterben. Er sagt eben seinen Schlußgesang. Des einen Gesang ist länger, des anderen Gesang ist kürzer. Der Unterschied kann aber immer nur wenige Worte ausmachen.

Samstag, 4. Juni 2011
Kommentar Kurier
Was die endlosen Strecken und unermeßliche Weiten anbelangt, die zu durcheilen sind, ähnelt der Beruf des Kuriers beim Zaren dem des kaiserlichen Boten in China. Während aber der Bote, ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann, die Beine wirft, einmal diesen, einmal den anderen Arm vorstreckend sich Platz verschafft, und dabei doch keine Aussicht hat, auch nur das äußerste Tor des kaiserlichen Stadt zu erreichen, verfügt der Kurier, den nicht nur Kafka, sondern auch Sebald beobachtet, bereits über Transportmittel – im Sommer das Pferd oder den Wagen, im Winter den Schlitten - und über eine zuverlässige Wegeplanung; acht Fahrstunden werden es sein bis zum Ziel. Es fragt sich, warum er unter diesen Bedingungen so ruhelos ist während der Nacht. Vielleicht ist es ein inzwischen leer laufender Residualbestand des alten Boteneifers, vielleicht ist es ein Geheimnis, in das wir nicht einsehen können. Wenn aber die nächtliche Rast nichts als Unrast ist für den Kurier, so ist die Weiterfahrt so ist die Weiterfahrt durch die uferlose Schneelandschaft ein einziges großes Aufatmen. Der Auftrag scheint kein schwerer zu sein, er trübt nicht die glückliche Stimmung des Kuriers während der Fahrt.
Kurier des Czaren
Kurier des Czaren
Freitag, 3. Juni 2011
Kurier des Czaren
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Der Kurier des Czaren übernachtete in einem kleinen Steppendorf, er lag bereits im einzigen Raum der Hütte, um ihn herum schlief die Familie des Bauern, in einer Ecke waren einige Ziegen zusammen gedrängt, sie waren unruhiger als die Menschen, darum war schon eine der Ziegen aufgestanden, hatte eine Wanderung durch die Stube gemacht und an den Menschen geschnuppert. Der Kurier schlief kaum, während seiner Reisen schlief er gewöhnlich gar nicht, nur wenn die Lage völlig sicher schien, schloß er die Augen, schlief sofort ein, behielt sich aber so in der Gewalt, daß ihn Geräusche nicht erst wecken mußten, sondern daß er sie im Schlaf mit dem Gehör geradezu aufspürte und jedenfalls duldete er keinen Schlaf, der über eine Viertelstunde dauerte, sondern rüttelte sich dann selbst auf. Draußen erwartete ihn schon ein mit vier Falben bespannter, sonst aber sehr kleiner, beinahe einem Spielzeug gleichender Schlitten. Acht Fahrstunden sind es noch bis zum Ziel. Eingepackt in einem ihn bis an die Fußspitzen reichenden Mantel aus Bärenfell und eine enorme, mit Ohrenklappen versehene Pelzmütze nimmt er Platz. Mit sicherem Instinkt fand der junge, vielleicht sechszehnjährige Kutscher den Weg durch die endlosen, schneebedeckten Felder. Man hatte ihn nie auf die Schule geschickt und nicht damit gerechnet, ihn je zu etwas gebrauchen zu können, bis sich zeigte, daß die Pferde ihm folgten wie keinem anderen. Nie war der Kurier besser gefahren als in die sich bald schon wieder um ihn her ausbreitende Dämmerung hinein. Er sah die Sonne über die Ebene sich senken. Eine große, rote Scheibe, senkte sie sich in den Schnee, als ginge sie unter über dem Meer. Geschwind fuhr der Schlitten in die nun einbrechende Dunkelheit hinein, in die unermeßliche, an den Sternenhimmel angrenzende weiße Wüste, in der wie Schatteninseln die von Bäumen umstandenen Dörfer trieben.
Kommentar
Donnerstag, 2. Juni 2011
Kommentar Kreiselphilosophie
Sieht man ab von einigen Seitenblicken auf Wittgenstein, tritt, mit gutem Grund, wie anzunehmen ist, in Sebalds erzählerischem Werk eine offiziell dem Berufsstand der Philosophen zuzurechnende Person nicht auf, es sei denn, man will Thomas Browne zur Gilde zählen. Sein Studium der Medizin wäre kein Hinderungsgrund, gibt doch die Betrachtung des lebenden und des toten Organismus zu den verschiedensten Überlegungen Anlaß, und gern haben sich Mediziner immer wieder in die höheren geistigen Bereiche und auch in die Dichtkunst begeben, man denke nur an Pio Baroja, Gottfried Benn oder Dr. Schiwago. Kafka beobachtet mit scharfem Blick einen Nebenzweig der philosophischen Betätigungsfeldes, den Spielzeugkreisel. Der Philosoph glaubt, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also zum Beispiel auch eines sich drehenden Kreisels, genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Aber der Kreisel nährt diese Hoffnung nur, solange er sich dreht wie rasend. Hält der Philosoph aber dann das den Kindern entwendete, zur Ruhe gekommene dumme Holzstück zur sorgfältigen philosophischen Betrachtung in der Hand, wird ihm übel, und das Geschrei und Gelächter der Kinder das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fährt, jagen ihn fort. Philosophen haben notorische Schwierigkeiten mit dem Lärmen und Lachen von Kindern und einfachen Menschen, Blumenberg ist dem am Beispiel der thrakischen Magd nachgegangen.
Kreiselphilosophie
Mittwoch, 1. Juni 2011
Kreiselphilosophie
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Er kam als Sohn eines Seidenhändlers zur Welt. Über seine Kindheit ist wenig bekannt, und in den Beschreibungen seines Lebens gibt es kaum einen Aufschluß über die Art seiner an das Magisterstudium sich anschließende medizinische Ausbildung. Verbürgt ist nur, daß er von seinem fünfundzwanzigsten bis zu seinem achtundzwanzigsten Jahr die in den hippokratischen Wissenschaften damals herausragenden Akademien von Montpellier, Padua und Wien besuchte und daß er zuletzt, kurz vor seiner Rückkehr, in Leiden den Grad eines Doktors der Medizin erwarb. Seine wahre Leidenschaft aber war nicht die Medizin, vielmehr die Philosophie. Die Unsichtbarkeit und Unfaßbarkeit dessen, was uns bewegt, das ist auch für ihn, der unsere Welt nur als ein Schattenbild einer anderen ansah, ein letzten Endes unauslotbares Rätsel gewesen. In einem fort hat er darum denkend und schreibend versucht, das irdische Dasein, die ihm nächsten Dinge ebenso wie die Sphären des Universums vom Standpunkt eines Außenseiters, ja man könnte sagen, mit dem Auge des Schöpfers zu betrachten. Oft trieb er sich dort herum, wo Kinder spielten. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte, so lauerte er schon. Kaum war der Kreisel in Drehung, verfolgte ihn er, der Philosoph, um ihn zu fangen. Daß die Kinder lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten suchten, kümmerte ihn nicht, hatte er den Kreisel, solange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich, aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden und ging fort. Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also zum Beispiel auch eines sich drehenden Kreisels, genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch. War die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel. Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen, und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewißheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.
Kommentar
Er kam als Sohn eines Seidenhändlers zur Welt. Über seine Kindheit ist wenig bekannt, und in den Beschreibungen seines Lebens gibt es kaum einen Aufschluß über die Art seiner an das Magisterstudium sich anschließende medizinische Ausbildung. Verbürgt ist nur, daß er von seinem fünfundzwanzigsten bis zu seinem achtundzwanzigsten Jahr die in den hippokratischen Wissenschaften damals herausragenden Akademien von Montpellier, Padua und Wien besuchte und daß er zuletzt, kurz vor seiner Rückkehr, in Leiden den Grad eines Doktors der Medizin erwarb. Seine wahre Leidenschaft aber war nicht die Medizin, vielmehr die Philosophie. Die Unsichtbarkeit und Unfaßbarkeit dessen, was uns bewegt, das ist auch für ihn, der unsere Welt nur als ein Schattenbild einer anderen ansah, ein letzten Endes unauslotbares Rätsel gewesen. In einem fort hat er darum denkend und schreibend versucht, das irdische Dasein, die ihm nächsten Dinge ebenso wie die Sphären des Universums vom Standpunkt eines Außenseiters, ja man könnte sagen, mit dem Auge des Schöpfers zu betrachten. Oft trieb er sich dort herum, wo Kinder spielten. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte, so lauerte er schon. Kaum war der Kreisel in Drehung, verfolgte ihn er, der Philosoph, um ihn zu fangen. Daß die Kinder lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten suchten, kümmerte ihn nicht, hatte er den Kreisel, solange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich, aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden und ging fort. Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder Kleinigkeit, also zum Beispiel auch eines sich drehenden Kreisels, genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum beschäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das schien ihm unökonomisch. War die kleinste Kleinigkeit wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb beschäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel. Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde es gelingen, und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewißheit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel unter einer ungeschickten Peitsche.
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