Mittwoch, 30. November 2011

Wunderliche Zeit

Einfach im Gras zu liegen, das gehört in besseren Zeiten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er genießt dann, wenn beispielsweise, wie in Prag einmal, ein ziemlich vornehmer Herr, mit dem bisweilen amtlich zu tun hat, zweispännig an ihm vorbeifährt, die Freuden (allerdings, wie er selbst schreibt, nur die Freuden) der Deklassiertheit. Eine wunderliche Zeit, denkt er in solchen Augenblicken, so eine wunderliche Zeit habe ich gebraucht, in der ich stundenlang auf einer Weinbergmauer liege und in die Regenwolken starre, die nicht weg wollen von hier oder in die weiten Felder, die noch weiter werden, wenn man einen Regenbogen in den Augen hat, oder wo ich im Garten sitze und den Kindern (besonders einer kleinen sechsjährigen, die Frauen sagen, sie sei herzig) Märlein erzähle oder Sandburgen baue oder Verstecken spiele oder Tische schnitze, die – Gott sei mein Zeuge – niemals gut geraten. Eine wahrhaft wunderliche Zeit. Mehr als vielleicht einmal im Jahr aber will sich auch dieses bescheidene Glück nicht einstellen.

Dienstag, 29. November 2011

Kommentar Spätsommerschatten

Die Erzählung hat einen geistlichen ersten und einen weltlichen zweiten Teil. Die in den Kapellen bewahrte christliche Metaphysik ist auf ihr Grundgerüst reduziert, Darstellung kreatürlichen Leidens und Verheißung von Stille und Frieden. Diesen uns bestimmenden Dualismus wird kaum jemand, gleich welcher Denomination, von der Hand weisen. Er ergibt sich nicht aus einer Belehrung des Großvaters, sondern aus der Rückerinnerung eigenen Erlebens. Der Großvater aber singt auf den Wanderungen das Hohe Lied von Feld und Ackererde in einer derart hymnischen und schwärmerischen Weise, daß der eingangs festgestellte Dual von geistlich und weltlich letztlich hinfällig wird. Wenn die Erde wehmütig ist und sich der Kuh entgegenhebt, so sind das deutlich pantheistische Anklänge. Wie sich diese in der Kindheit gewonnene spannungsreiche Grundlage aus Kapelle und Ackerland als ausgearbeitetes philosophisches System darstellen würde, ist schwer abzuschätzen, eingesponnen in Prosadichtung bleibt sie unauffällig.

Spätsommerschatten

Montag, 28. November 2011

Spätsommerschatten

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Die Krummenbacher Kapelle ist so klein, daß mehr als ein Dutzend auf einmal gewiß nicht ihren Gottesdienst verrichten oder ihre Andacht üben konnten. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich als Kind mit dem Großvater, der mich überallhin mitgenommen hat, jemals in der Krummenbacher Kapelle gewesen bin. Aber Kapellen wie die von Krummenbach gab es zahlreiche in unserer Gegend, und vieles von dem, was ich damals von ihnen gesehen und gespürt habe, wird in mir geblieben sein, die Angst vor den dort abgebildeten Grausamkeiten nicht weniger als in seiner Unerfüllbarkeit der Wunsch nach einer Wiederholung der in ihrem Inneren herrschenden vollkommenen Stille. Der Großvater war kein Landwirt, stand aber in vielerlei Hinsicht und vor allem, was die Liebe zu Feld und Land anbelangt, den Bauern nicht nach. Wenn er zur Haustür hinauskam, blieb er immer zunächst stehen, um nach dem Wetter zu schauen. Das ganze Jahr über ging ich mit ihm durch die Felder, und wenn es Herbst war, machte er mich darauf aufmerksam, wie ganz braun und wehmütig sie jetzt dastanden mit den verlassenen Pflügen, und wie die doch silbrig aufleuchteten, wenn dann trotz allem die späte Sonne kam und unsere langen Schatten auf die Furchen warf. Hast Du schon bemerkt, rief der Großvater, wie Spätsommerschatten auf durchwühlter dunkler Erde tanzen, wie körperhaft sie tanzen. Hast Du schon bemerkt, wie die Erde sich entgegenhebt der fressenden Kuh, wie zutraulich sie sich entgegenhebt. Hast Du schon bemerkt, wie schwere fette Ackererde unter den allzu feinen Fingern zerbröckelt, wie feierlich sie zerbröckelt. In diesen frühen Wanderungen und Gesprächen mit dem Großvater erhielt mein Weltbild eine Ausrichtung, die bis zum heutigen Tag noch wirkt.

Kommentar Mestiere

Wer eine Wand zu weißen versteht, beherrscht damit noch nicht das Handwerk des Malers, wer die Seite eines Tagebuchs füllt mit gelenken Sätzen und dabei die Stimmung des Erinnerten einfängt, ist noch kein Dichter. Hier erörtern zwei Meister die Zwiespältigkeiten ihres Fachs, man weiß nicht, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Wie auch in den anderen Handwerken kann die Lösung einer Schwierigkeit oft verblüffend einfach sein, hier beruht sie auf zwei erschrecklichen Holzspitzen des Schreibtisches. Die Wissenschaft wird sich mit der stilbestimmenden Wirkung des Schreibtisches nicht zufrieden geben und weiter unbeirrt nach anderen Quellen suchen, so wie sie ja auch Sebalds Versicherung, er habe das Schreiben von seinen Hunden gelernt, nicht mit dem gebührenden Ernst begegnet. Ein Allheilmittel gegen alle Schwierigkeiten und Tücken des Schreibens ist der Tisch naturgemäß nicht.
Il mestiere di scrivere

Sonntag, 27. November 2011

Il mestiere di scrivere

Tage- und wochenlang zermartert man sich vergebens den Kopf, wüßte nicht, wenn man danach befragt würde, ob man weiterschreibt aus Gewohnheit oder aus Geltungssucht, oder weil an nichts anderes gelernt hat, aus Wahrheitsliebe, aus Verzweiflung oder Empörung, ebensowenig wie man zu sagen wüßte, ob man durch das Schreiben klüger oder verrückter wird. Vielleicht verliert ein jeder von uns den Überblick genau in dem gleichen Maß, in dem er fortbaut am eigenen Werk, und vielleicht neigen wir aus diesem Grund dazu, die zunehmende Komplexität unserer Geisteskonstruktionen zu verwechseln mit einem Fortschritt an Erkenntnis, während wir zugleich schon ahnen, daß wir die Unwägbarkeiten, die in Wahrheit unsere Laufbahn bestimmen, nie werden begreifen können. Allerdings, fügte er nach einer kurzen Pause mit einem Lachen hinzu, habe ich in meinem Schreibtisch einen ebenso guten wie strengen Freund. Du kennst ihn, hast ihn aber wohl noch nie genauer angeschaut, warum solltest Du auch. Das ist nämlich ein gutbürgerlicher Schreibtisch, der erziehen soll. Der hat dort, wo gewöhnlich die Knie des Schreibers sind, zwei erschreckliche Holzspitzen. Und nun gib acht. Wenn man sich ruhig setzt, vorsichtig, und etwas gut Bürgerliches schreibt, dann ist einem wohl. Aber wehe, wenn man sich aufregt und der Körper nur ein wenig bebt, dann hat man unausweichlich die Spitzen in den Knien und wie das schmerzt. Und was will das bedeuten: Schreibe nichts Aufgeregtes und laß deinen Körper nicht zittern dabei. Der Schreibtisch hat meinen Stil zweifellos stärker beeinflußt als irgend jemand sonst.

Samstag, 26. November 2011

Kommentar Witwe

Lederriemenartig, das ist sicher nicht galant, aber man glaubt, den Typus zu kennen. Immerhin wird die Witwe im weiteren Verlauf dann als zart dargestellt. Ihre ganze Erscheinung und ihr ganzes Wesen scheinen nur auf ein Ziel abgestimmt, das Reisen. Allerdings erfahren wir weniger von ihr, als wir erfahren könnten, wenn Selysses nicht so unaufmerksam und abgelenkt wäre. Bestimmt klärt sich in den Plaudereien und Gesprächen, warum sie jetzt in ihre Heimatstadt reist, was sie dort vorhat und wie lange sie zu bleiben gedenkt, bevor sie wieder aufbricht zu neuen fernen Zielen. Selysses aber hört nicht hin und renkt sich lieber beim Blick hinauf in die Kuppel des Bahnhofs fast den Hals aus. Man kann sich das gut als Filmszene vorstellen, alles plaudert und einer schaut starr nach oben. Den Hals renkt er sich zwar nicht aus, scheint aber in eine halluzinatorische Trance zu verfallen, die winkenden Taschentücher werden zu einer Taubenschar, der Zug scheint zu versinken, kaum daß er aus dem Bahnhof hinausgerollt ist.
Schwedische Witwe

Freitag, 25. November 2011

Schwedische Witwe

Heute haben wir, in größerer Anzahl, die schwedische Witwe, ein lederriemenartiges Geschöpf, zum Bahnhof gebracht. Ich kenne sie kaum, habe mich auch um das Geplauder wenig gekümmert, lieber um mich geschaut und bin meinen Gedanken nachgehangen. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk des Bahnhofs ist 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Von einer Art Mezzanin kann man emporblicken in den mächtigen Kuppeldom. Entlang dem Halbrund des Kuppelsaums verläuft eine Galerie, auf der Kaffeehaustischchen aufgestellt sind. Dort sind wir, nachdem die Witwe ihre Fahrkarte gekauft hatte, bis zur Abfahrt des Zuges noch eine halbe Stunde gesessen. Ich habe mir beinahe den Hals ausgerenkt, weil ich die Augen nicht abwenden wollte von der über uns ungeheuer weit sich hinaufwölbenden Kuppel. Später, auf dem Bahnsteig, war ich kaum weniger gefesselt vom Anblick des aus Dreiecken, Kreisbögen, waag- und senkrechten Linien und Diagonalen sich zusammenfügenden Musters der im Halblicht nur unscharf erkennbaren Glas- und Stahlüberdachung. Die Witwe trug über ihrer gewöhnlichen Kleidung nur ein graues Jäckchen und zudem ein graues Hütchen mit kleinem Schleier. In dieser Umrahmung wird ihr braunes Gesicht sehr zart, über den Eindruck regelmäßiger Gesichter entscheidet nur Entfernung und Einhüllung. Ihr Gepäck ist ein kleiner Rucksack, viel mehr als ein Nachthemd ist nicht darin. Sie reist unaufhörlich, kam aus Ägypten. Jetzt trat sie eine Reise an, die sie für eine kurze Weile an ihren Heimatort, die Hafenstadt Umea, weit im Norden, fast schon am Polarkreis, tragen sollte. Weiter vorn am Zug winkten zurückbleibende Eltern mit weißen Taschentüchern, gleich einer auffliegenden Taubenschar, ihren Kindern nach, die, begleitet von ihren Lehrern, zu einer Klassenfahrt aufbrachen. Ich hatte den seltsamen Eindruck, daß der Zug, nachdem er unendlich langsam angerückt war, nicht eigentlich weggefahren, sondern bloß, in einer Art Täuschungsmanöver, ein Stück aus der überglasten Halle herausgerollt und dort, noch nicht einmal in halber Ferne, versunken sei. Man sie dann aber noch das ein und andere Mal, wie er durch einen Korridor zwischen mehrstöckigen Wohnhäusern hindurchfuhr, dann in den schwarzen die Neustadt unterquerenden Tunnel hinein um schließlich über die Moldau hinweg tatsächlich zu verschwinden.