Sonntag, 2. Mai 2021

Pale Fire

Nicht hilfreich


Abgesehen vom Erzähler ist Nabokow der Protagonist der Ausgewanderten, ist er doch der einzige, der in allen vier Erzählungen auftritt. In Dr. Henry Selwyn tritt er vorwiegend optisch in Erscheinung in Form eines seitengroßen Photos. In der Erzählung Paul Bereyter hält Mme Landau Nabokows Autobiographie in der Hand. Ambros Adelwarth schaute am letzten Tag seines Lebens auf die jenseits des Parklands gelegene Moorwiese hinaus. Auf die Frage, weshalb er nicht wie sonst zum vereinbarten Zeitpunkt sich eingefunden habe, erwiderte er: It must have slipped my mind whilst I was waiting for the butterfly man. Um es deutlich zu sagen, er hatte auf Nabokow gewartet, den er nicht beim Namen kannte. Beim Abstieg aus dem Gebirge kommt Aurach ein um die sechzig Jahre alter Mensch mit einem großen Schmetterlingsnetz aus weißer Gaze entgegen. In einem vornehmen Englisch sagt er, es sei jetzt an der Zeit, an den Abstieg zu denken, wenn man in Montreux noch zum Nachtmahl zurechtkommen wollte. Wenn Aurach später versuchte, sich in die fragliche Zeit zurückzuversetzen, so sah er sich wieder bei der über nahezu ein Jahr sich hinziehenden schweren Arbeit an dem gesichtslosen Porträt Man with a Butterfly Net, das er für eines seiner verfehltesten Werke halte, weil es keinen auch nur annähernden Begriff gebe von der Seltsamkeit der Erscheinung, auf die es sich beziehe. Jahre zuvor bereits hatte Aurachs Mutter Luisa ihrerseits als junges Mädchen bei einem Familienausflug zwei sehr vornehme russische Herren gesehen, von denen er eine gerade ein ernstes Wort sprach mit einem vielleicht zehnjährigen Knaben, der, mit der Schmetterlingsjagd beschäftigt, so weit zurückgeblieben war, daß man auf ihn hatte warten müssen. - In all diesen Begegnungen wird Nabokow weniger als Autor denn als Schmetterlingsjäger erfaßt, nur Mme Landau hält ein Buch von ihm in der Hand. Aber sind die Bücher und die bunten Falter so unterschiedlich? Nabokow kritisiert Darwin, der in der Natur nur die Selbstbehauptung der Gattungen und nicht die Schönheit sehe, tatsächlich aber hatte Darwin bereits lästige Vorbehalte dieser Art gegen sich selbst erhoben. Inzwischen ist die Eigenständigkeit der Schönheit in der Natur weitgehend anerkannt, zu verweisen ist etwa auf den Keulenflügel-Manakin, der seine Gesänge nicht aus der Kehle, sondern vermittels Flügelschlag erzeugt. Zu dem Zweck verstärkten sich die Federkiele im Evolutionsverfahren erheblich, bei den stillen Weibchen unnötigerweise gleich mit, die Flugfähigkeit des Männchens leidet darunter signifikant, die des Weibchens immerhin spürbar, die Art ist offenkundig in ihrer Vitalität geschädigt, im Nachteil gegenüber anderen. L’art pour l’art der Evolution, ohne Rücksicht auf Verluste*.

Für einen Protagonisten im üblichen Sinn sind Nabokows Auftritte in den Ausgewanderten bei weitem zu knapp, er ist eher ein über den vier langen Erzählungen schwebendes jenseitiges Wesen, das sich nur selten herabläßt und zeigt. Wenn Nabokow ausführt, er liebe reine Literatur und hasse alle überflüssigen Zutaten, die sie beschmutzen: soziale und religiöse Ideen, politische oder philosophische Programme, Anspielungen auf die Gegenwart, jede Art Ratschläge für eine bessere Gesellschaft, warnende Aufrufe an die Menschheit, stellt er sich deutlich auf die Seite der Schmetterlinge und bunten Vögel. Dieser Maxim folgt er in allen seinen Büchern, nicht zuletzt in Pale Fire, einem wahrhaft tolldreisten Stück ohne Ratschläge oder Botschaften. Auf diese Buch ist der Dichter in seinem Aufsatz Traumtexturen, Kleine Anmerkungen zu Nabokow nicht eingegangen.

*Richard O. Prum, The Evolution of Beauty

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