Donnerstag, 28. April 2011

Kämpferherz

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Ich kämpfe; niemand weiß es; mancher ahnt es, das ist nicht zu vermeiden; aber niemand weiß es. Ich erfülle meine täglichen Pflichten, ein wenig Zerstreutheit ist an mir auszusetzen, aber nicht viel. Natürlich kämpft jeder, aber ich kämpfe mehr als andere, die meisten kämpfen wie im Schlaf, so wie man im Traum die Hand bewegt, um eine Erscheinung zu vertreiben, ich aber bin vorgetreten und kämpfe unter überlegter sorgfältigster Ausnützung aller meiner Kräfte. Warum bin ich vorgetreten aus der für sich zwar lärmenden, aber in dieser Hinsicht beängstigend stillen Menge? Warum habe ich die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt? Warum stehe ich jetzt auf der ersten Liste des Feindes? Ich weiß nicht, das heißt so wie die Dinge inzwischen liegen, weiß es jeder und ich weiß es naturgemäß auch. Es lag in der Linie der Konsequenz, daß ich schließlich auf die irische und damit auf meine eigene Frage stieß. Aufgewachsen war ich in County Antrim als Sohn eines protestantischen Vaters und einer katholischen Mutter und gehörte meiner ganzen Erziehung nach zu denjenigen, deren Lebensaufgabe darin bestand, die englische Vorherrschaft über Irland aufrecht zu erhalten. Als sich aber die irische Frage in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg zuspitzte, begann ich sie zu der meinen zu machen. Das den Iren über Jahrhunderte hinweg angetane Unrecht ging mir nicht aus dem Kopf. Man darf mich aber nicht mißverstehen, die irische Sache war nur die willkommene Form für mein Kämpferherz. Ein anderes Leben als das im Kampf schien mir nicht des Lebens wert. Soldatennaturen nennt die Kriegsgeschichte solche Menschen. Und doch ist es nicht so, ich hoffe nicht auf Sieg und mich freut nicht der Kampf als Kampf, mich freut er nur als das einzige was zu tun ist. Als solcher freut er mich allerdings mehr, als ich in Wirklichkeit genießen kann, mehr als ich verschenken kann, vielleicht werde ich nicht am Kampf sondern an dieser Freude zugrundegehn

Kommentar Herbstwind

ruchnul na kamni i bolsche ne wstawal

Handelt es sich vielleicht doch eher um Schiwago, der bekanntlich in einer überfüllten Moskauer Straßenbahn einem Herzschlag erliegt - er stürzte auf das Pflaster und stand nicht wieder auf. Aber nein, der Passant im Herbstwind ist nicht Passagier, er kommt aus Unachtsamkeit der Elektrischen – gibt es in Mailand Straßenbahnen? - in den Weg und sie durchfährt ihn. Diese, um das wenigste zu sagen, brenzlige Situation meistert er, indem er im Schmerz kurz das Gesicht verzerrt, alle Muskeln anspannt und dann wieder löst. Dann steht er, man kann vermuten: als Tribut an den Vorfall, noch eine Weile still. Offensichtlich haben wir es mit einer übernatürlichen Begabung zu tun, wie man sie sonst allenfalls im Traum antrifft. Es kann nicht überraschen, wenn das Außergewöhnliche nur um den Preis der Vereinzelung zu haben ist. Die ausgestreckte Hand des Priesters wird nicht erfaßt, die Kinder sind nur ein Ärgernis, eine Wolkenwand im Westen wird zum Zeichen der Verdunkelung.
Herbstwind

Mittwoch, 27. April 2011

Herbstwind

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Ein Abend im Herbst, klar und kühl. Irgendjemand, es ist Selysses, undeutlich in Bewegungen, Kleidung und Umriß, tritt aus dem Haus und will gleich rechts abbiegen. Die Hausmeisterin in einem alten weiten Damenmantel steht an eine Säule des Tores gelehnt und flüstert ihm etwas zu. Er überlegt einen Augenblick, schüttelt dann aber den Kopf und geht. Ein starker Wind erhebt sich, und er muß einhalten um hinschauen zu können, wie die Menschen sich in seltsamer Neigung über den Platz bewegen, als stürze ein jeder von ihnen seinem Ende entgegen. Laufet eilends vor dem Wind, geht es ihm durch den Kopf. Beim Überschreiten der Fahrbahn kommt er aus Unachtsamkeit der Elektrischen in den Weg und sie durchfährt ihn. Im Schmerz zieht er sein Gesicht klein zusammen und spannt alle Muskeln so, daß er, nachdem die Elektrische vorüber ist, die Spannung kaum wieder lösen kann. Er steht noch ein Weilchen still und sieht wie bei der nächsten Haltestelle ein Mädchen aussteigt, mit der Hand zurückwinkt, paar Schritte zurückzulaufen beginnt, stockt und wieder in die Elektrische einsteigt. Als er an einer Kirche vorübergeht, steht oben auf der Freitreppe ein Geistlicher, streckt ihm die Hand entgegen und beugt sich soweit vor, daß fast die Gefahr des Nachvornüberfallens besteht. Er aber erfaßt die Hand nicht, er ist ein Gegner der Missionäre, auch ärgern ihn die Kinder, die sich auf der Treppe wie auf einem Spielplatz herumtreiben und unanständige Redensarten einander zurufen, die sie natürlich nicht verstehen können und an denen sie nur saugen, da sie nichts Besseres haben – er knöpft seinen Rock hoch zu und geht weiter. Als drohendes Sinnbild des in ihm um sich greifenden Dunkels steht im Westen eine ungeheure Wolkenwand, die bereits den halben Himmel einnimmt und ihren Schatten breitet über das anscheinend endlose Häusermeer.

Dienstag, 26. April 2011

Kommentar Tigers Schlaf

Das Oberhaupt der Artistenfamilie, die gemeinschaftlich mit Selysses im deutschen Konsulat zu Mailand wartet, hat uns bereits den Ritt der Träume nahe gebracht, jetzt erzählt er zur Verkürzung der nur schleppend vergehenden Zeit eine Episode aus dem Leben des Großkatzenbändigers Burson. Bei dem Tiger, der ganz und gar unbeeindruckt von der ihm gänzlich fremden Umgebung in Schlaf verfällt, mag man für einen Augenblick an die Geschichte des friedlichen Stiers Ferdinand denken, zwei Tiere, Tiger und Stier, denen man Wildheit beimißt, lassen Wildheit vermissen. Die Geschichten entwickeln sich dann aber sehr unterschiedlich. Während Ferdinand von einer Wespe gestochen bei aller Friedfertigkeit in eine kurze schmerzgeschuldete Raserei verfällt und sich so unter unfreiwilliger Vorspielung falscher Tatsachen für eine, dann allerdings gründlich scheiternde, Laufbahn in der Arena qualifiziert, legt der Tiger, fern jeder Schauspielerei, eine frappierende Indolenz an den Tag. Als Voraussetzung des Schlafes geht diese Indolenz sicher in die Folgerungen ein, die Burson aus seiner Schlafbeobachtung zieht. Seinen Folgerungen können wir, was den Tiger anbelangt, vertrauen, er ist der Fachmann und hat die Erfahrung. Vorsicht muß dagegen walten bei der Übertragung auf den Menschen. Tierliebhabern übertreiben oft die Übereinstimmungen von Mensch und Tier, Humanisten andererseits unterschätzen sie gern. Kaum jemand steht in der Mitte. Bemerkenswert ist in jedem Fall unsere Scheu, einen anderen Menschen im Schlaf zu beobachten und unser Unwille, schlafend beobachtet zu werden.
Tigers Schlaf

Montag, 25. April 2011

Tigers Schlaf

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Unter den Wartenden befand sich eine Aristenfamilie, die, wie mir vorkam, aus einer zumindest ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Zeit hierher verschlagen worden war. Das Oberhaupt der kleinen Truppe trug einen weißen Sommeranzug und überaus elegante steifleinene Schuhe mit Lederbesatz. In den Händen drehte er, einmal links herum, einmal rechts herum, einen wirklich wunderbaren, formvollendeten weitkrempigen Strohhut. Man sah seinen wenigen Bewegungen an, daß das Kochen einer Eierspeise auf einem Hochseil, wie Blondin es bei seinen Auftritten sensationellerweise vollführt hatte, für ihn ein Kinderspiel gewesen wäre. Aber nicht vom Hochseilartist Blondin erzählte er mir, nachdem wir ins Gespräch gekommen waren, sondern vom Raubtierbändiger Burson, den er gut gekannt und sehr bewundert habe. Ihm, dem berühmten Dresseur Burson, sei einmal ein Tiger vorgeführt worden; er sollte sich über die Dressurfähigkeit des Tieres äußern. In den Dressurkäfig, der die Ausmaße eines Saals hatte – er stand in einem großen Barackenbau weit vor der Stadt – wurde der kleine Käfig mit dem Tiger geschoben. Die Wärter entfernten sich, Burson wollte bei jeder ersten Begegnung mit einem Tier völlig allein sein. Der Tiger lag still, er war eben reichlich gefüttert worden. Ein wenig gähnte er, sah müde die neue Umgebung an und schlief gleich ein. Burson ließ sich einen Stuhl reichen und nahm Platz vor dem Tiger. Wohl eine Stunde und mehr beobachtete er das schlafende Tier und machte dann ein Angebot, da er an diesem für seine eigene Raubtiertruppe Interesse habe. Nie könne man einen Tiger besser beurteilen als im Schlaf, da es aber naturgemäß in der Zeitspanne immer nur sehr wenige zu beobachten gebe, müsse man sich sehr viel Zeit nehmen mit dem Urteil. Mit den Menschen sei es im übrigen gar nicht anders als mit den Tigern.

Sonntag, 24. April 2011

Kommentar Charisma

Bei Kafka ist es ursprünglich ein Oberst, der allein mit seiner Autorität ein in der Weite des Landes verlorenes Bergstädtchen regiert, seine wenigen Soldaten wären, wenn man nur wollte, gleich entwaffnet. Nun ist er als Kapitän eingesetzt und lenkt ein Schiff über die Weite der Ozeane. In unserer Zeit sind die Schiffe so groß, die Fahrt so schnell und so sicher und die Mannschaft so spärlich verteilt, daß mancher Matrose den Kapitän kaum sieht während der Dauer einer Reise. Kapitän Ahabs Charisma wirkte schon die längste Zeit, als er sich unsichtbar für die Mannschaft in seiner Kajüte aufhielt, und als er endlich das Deck der Pequod betrat, war jedes Wort wie ein Gebot. Auf einem Containerschiff unserer Tage ist die Ausstrahlung des Kapitäns aber, ob die Mannschaft ihn nun zu Gesicht bekommt oder nicht, kaum noch ein entscheidender Faktor. Gut so, wird mancher sagen. das Charisma steht unserer Sehnsucht nach Gleichheit entgegen, wenige haben es und viele nicht. Ein gleichmäßig auf alle verteiltes Charisma wäre nicht wahrzunehmen und wirkungslos. Aber vielleicht ist das zu nüchtern gedacht, und das gegenteil tritt ein, die Erlösung, die Gemeinschaft der Heiligen, ein jeder unter seiner Gloriole. Vorerst aber ist das ungleichmäßige Verteilung des Charismas, die Frage der Seefahrt beiseite gelassen, eine wertvolle gesellschaftliche Ressource, die Machtmittel Machtmitteln ersetzen und ihren Einsatz überflüssig machen kann. Józef Teodor Konrad Korzeniowskis Charisma beruht allein auf seinem Blick. Er schaut sein Gegenüber lange und stumm an. Es ist kein scharfer prüfender sich einbohrender Blick, sondern es ist ein nachlässiger, schweifender, allerdings aber unablässiger Blick. Man müßte neu nachlesen, wie Ahab seine Leute anschaut, als er endlich das Deck betritt und aufruft zur Jagd auf den weißen Wal, that great fish we will never net passing us far out at sea.
Charisma

Samstag, 23. April 2011

Charisma

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Eine furchtbare Bergwerksexplosion in Wigan fordert zweihundert Menschenleben; in Rumelien kommt es zu einem Aufstand der Mohammedaner; in Südafrika müssen die Kaffernunruhen niedergeschlagen werden; ein Dienstmädchen in Whitby verbrennt bei lebendigen Leib, weil ihr Kleid, über das sie versehentlich Paraffinöl ausgegossen hat, am offenen Kamin Feuer fängt: wenn jede beliebige Ausgabe des Tagblattes den trügerischen Schleier der Sicherheit zerreißen kann, so bedarf es in den Stürmen und Flauten der Seefahrt nicht einmal dessen, und es ist Aufgabe und Kunst des Kapitäns, aus den Fährnissen verschiedenster Art das Gespenst der Meuterei nicht aufsteigen zu lassen. Zwischen Juli und Anfang September 1883 macht Korzeniowski, als Zweiter Offizier noch, auf dem zwischen Lowestoft und Newcastle hin- und herfahrenden Frachter Skimmer of the Sea ein halbes Dutzend Touren. Im Februar 1890, also fünfzehn Jahre nach dem Abschied auf dem Krakauer Bahnhof, kehrt Korzeniowski, der inzwischen die britische Staatsbürgerschaft und das Kapitänspatent erworben hat und in den fernsten Teilen der Welt gewesen ist, erstmals in die polnische Heimat zurück, nach Kazimierowska in das Haus seines Onkels. Bereits vor seiner Reise nach Polen und in die Ukraine hatte sich Korzeniowski aber um eine Anstellung bei der Société Anonyme pour le Commerce du Haut-Congo bemüht und erhielt nach der Rückkehr ohne weiteres das Kommando eines am Oberlauf des Kongo verkehrenden Dampfbootes, wahrscheinlich weil dessen Kapitän gerade von den Eingeborenen umgebracht worden war. Alle die Korzeniowski kannten aus dieser Zeit, bestätigen ihm den höchsten Autoritätsgrad als Seemann und Kapitän. Warum dulden alle so völlig fraglos sein Regiment? Es ist zweifellos: nur seines Blickes wegen. Wenn man in die Kapitänskajüte kommt, sitzt er in Uniform an dem Schreibtisch, die Feder in der Hand. Förmlichkeiten oder gar Komödiespielen liebt er nicht, er schreibt also nicht etwa weiter und läßt den Besucher warten, sondern unterbricht die Arbeit sofort und lehnt sich zurück, die Feder allerdings behält er in der Hand. Nun sieht er zurückgelehnt, die Linke in der Hosentasche den Besucher an. Der Besucher oder Bittsteller hat den Eindruck, daß der Kapitän mehr sieht als nur ihn, den für ein Weilchen aus der Menge aufgetauchten Unbekannten, denn warum würde ihn denn der Kapitän so genau und lange und stumm ansehn. Es ist auch kein scharfer prüfender sich einbohrender Blick, wie man ihn vielleicht auf einen Einzelnen richten kann, sondern es ist ein nachlässiger, schweifender, allerdings aber unablässiger Blick, ein Blick, mit dem man etwa die Bewegungen einer Menschenmenge in der Ferne beobachten würde. Und dieser lange Blick ist ununterbrochen begleitet von einem unbestimmten Lächeln, das bald Ironie bald träumendes Erinnern zu sein scheint.