Samstag, 19. November 2011

Schlanke Gestalt

Dosierungen des Selbst
Ein Photo im Band Saturn’s Moons zeigt Sebald im Kreise einer größeren Zahl von Seminarteilnehmern, für den ausschließlich an den in den Prosabücher allgegenwärtigen sebaldnahen Erzähler gewöhnten Leser ein befremdlicher Anblick: so kennt er Selysses nicht. Aus dessen eigenem Munde hat der Leser erfahren, daß es ihm von Jahr zu Jahr unmöglicher wird, sich unter ein Publikum zu begeben. Nun haben wir es auf dem Photo nicht gerade mit einem Publikum zu tun, aber doch mit einer größeren Menschengruppe, und auch so kennt man Selysses kaum. Oft ist er allein, nicht selten in einer eigens von seinem magischen Blick entvölkerten Welt, wir sehen ihn im Gespräch mit einem Partner oder selbdritt, selten in einer Gesellschaft, die hinausgeht über den russischen Dual, der bekanntlich bis zur Zahl Fünf reicht. Wenn Trupps in Regimentsstärke vorüberziehen, sind es zumeist die ruhelosen Toten in Wales oder auf Korsika.

Der Sebald auf dem Gruppenbild scheint ähnlich zu denken wie seine Leser. Einerseits dominiert er das Bild durch die zentrale Stellung im Vordergrund, durch die hochaufgeschossene Gestalt und die leuchtend helle Hose, andererseits aber schaut kein anderer der Photographierten so abwesend und nach innen gekehrt, mit einem Lächeln wohl das Gefühl überspielend, er sei in einer falschen Welt und sehne sich zurück in die Geborgenheit seiner Bücher.

In einem in diesen Tagen veröffentlichten Streitgespräch zwischen Derek Burke und Uwe Schütte geht es um Sebalds Position an der University of East England, und wieder erfaßt den Sebaldleser ein leichtes Gefühl der Befremdung. Zwar weiß er, daß Sebald im Hauptberuf Hochschullehrer war und als Dichter erst spät hervorgetreten ist, will es aber doch nicht recht glauben. Im Werk ist von seiner Professur nur selten und dann in kaschierter Form die Rede. Von den Kollegen Janine Rosalind Dakyns und Michael Parkinson wird zu Beginn der Ringe des Saturn recht ausführlich berichtet, auch ihre Arbeitsgebiete, Ramuz und Flaubert, werden vorgestellt, Selysses selbst bleibt in dieser Hinsicht abgeschattet, und der Leser ist es zufrieden.

Wie dem Beruf, so ergeht es auch der Familie des Dichters, sie bleibt weitgehend unsichtbar. Sebalds Frau tritt wohl nur zweimal, mit anderem Namen und jeweils nur kurz, als Frau des Selysses auf. Der scheint auch keine dauerhafte Wohnung und kein Arbeitszimmer zu haben. Seine Name wird nicht genannt, es gibt aber verschiedene Hinweise darauf, daß er häufig unter Verwendung des Alias Sebald unterwegs ist, als Beleg zu nennen wäre etwa das Ersatzdokument für den in Limone verlorenen Paß. In einem Hotel in Verona heißt er freilich Jakob Phillip Fallmerayer. Verschiedene Photos im Text, so undeutlich sie auch sein mögen, geben eine unverkennbare Ähnlichkeit des Wanderers mit Sebald zu erkennen, Photos, die eine Ähnlichkeit mit Fallmerayer bezeugen könnten, fehlen. Es ist wohl die schlagendste und schönste Koinzidenz in dem an Koinzidenzen reichen Werk ist, daß Selysses gerade so aussieht wie Sebald. Hätte Sebald die leicht adipöse Silhouette des Pyknikers Stendhal aufgewiesen, so würden die Leser damit kaum weniger Schwierigkeiten haben als Stendhal mit seinem realen Leben als tour ambulante, denn naturgemäß müßte Selysses die schlanke Gestalt und, zumindest im Groben, die Gesichtszüge des Sebalds behalten, den wir kennen.

Hält man sich an die traditionelle Eidesformel, so sagt Sebald in seinem dichterischen Werk über sich die Wahrheit, keineswegs aber die ganze Wahrheit und ebensowenig nichts als die Wahrheit. Die Verschlankung des realen Sebald zur Kunstfigur des Selysses hat ihren Grund dabei weniger in bürgerlicher Diskretion denn in ästhetischer Empfindlichkeit. Wie wichtig die richtige Dosierung beim Einsatz des Selysses für das Gelingen des jeweiligen Werkes ist, zeigt der deutlich unterdosierte Einsatz in Austerlitz. Selysses entwickelt in diesem Buch kaum Eigenleben, stellt keine eigenen Recherchen an, blättert in keinen Aufzeichnungen, spricht mit keinen Zeugen wie mit Mme Landau in Paul Bereyter oder der Tante Fini und dem Onkel Kasimir in Ambros Adelwarth. Die entsprechenden Aktivitäten nimmt Austerlitz selbst wahr, und Selysses ist nur der blasse Rezipient seiner Berichte bei teils zufälligen und teils anberaumten Treffen der beiden. Das gegenteilige Beispiel eines überdosierten Selysses, der die Erzählung durch seine Präsenz erdrücken würde, fehlt im Werk. In den perfekt ausgewogenen Ringen des Saturn füllt sich die gar nicht überladene und aufnahmefähige Gestalt des Wanderers mit allen Inhalten des Buches, trügen sie sich auch in China zu. Als ich von diesem Aussichtspunkt herabblickte, sah ich auch das Labyrinth selber, den hellen Sandboden, die scharf abgezirkelten Linien der mehr als mannshohen, fast schon nachtschwarzen Hecken, ein im Vergleich mit den Irrwegen, die ich zurückgelegt hatte, einfaches Muster, von dem ich mit absoluter Sicherheit wußte, daß er einen Querschnitt darstellte durch mein Gehirn. - Bei einem derart autornahen, aber sparsam ausgemalten Erzähler kann der Versuch nicht ausbleiben, das Fehlende aus dem wahren Leben zu ergänzen. Ästhetisch fruchtbar ist dieser Ansatz aber wohl nur, wenn er sozusagen rückwärts angewandt wird, zu besseren Konturierung dessen, was der Autor ausgespart und verworfen hat in seiner Zeichnung.

In dem bereits erwähnten Disput weist U. Schütte die Idee, Sebald habe nur vom Ausland aus über Deutschland schreiben können, schon aus dem Grund als falsch zurück, daß er über Deutschland kaum geschrieben habe. Er fügt hinzu: What would, of course, make much more sense were if Sebald had explained about his need to distance himself from a German-speaking environment in order to write in his native tongue - just as he did explain in so many interviews. Wenn er Abstand von einer Sprache brauchte, um in ihr zu schreiben, so ist im Umkehrschluß das leicht vorwurfsvolle Erstaunen vieler angelsächsischer Rezensenten fehlgeleitet, das Erstaunen darüber, daß Sebald nicht wie jeder gute Conrad oder Nabokow - und im Grunde jede vernünftige Person, sei sie jung oder alt, Mann oder Frau - in englischer Sprache geschrieben hat. Man wird dem entgegenhalten, nur von historisch kompromittierten Deutsch habe er den Abstand gebraucht, vom unbefleckten Englisch keineswegs, aber das ist, wie der Dichter sagt, ein weites Feld.

Der Abstand von der deutschen Sprache erlaubte es Sebald, sie nach seinen Vorstellungen zu lichten. Neologismen im Lexikon und in der Syntax sind nur bis zu einem bestimmten Stichtag zugelassen, Sebalds schauderndes Zurückschrecken vor dem deutsche Wort Handy ist bekannt. Auch auf die sprachlichen Läuterungen hin zu einer welterlösenden Gerechtigkeit hat er sich nicht eingelassen, die Zigeuner sind Zigeuner geblieben und die Neger Neger, nicht nur wenn er Conrad in die Vergangenheit und an den Lauf des Kongo folgt, sondern auch, wenn er ihnen im heimischen Allgäu, auf den amerikanischen Highways und in den Londoner U-Bahnschächten begegnet. Selysses bedarf dessen nicht, er wandert auch so durch einen Garten Eden der Sprache.

Der Gedanke, daß sich Sebalds Tod in diesen Wochen zum zehnten Mal jährt fällt als schwere Last auf seine Leser, eine Last aber, die in keiner Weise vergleichbar ist dem Schmerz derer, die ihn im Leben gekannt haben und jetzt im Leben vermissen. Für die Leser bleibt sein Tod im Grunde unwirklich, denn die schlanke Gestalt, die allein sie kennen, wandert unbeirrt weiter in den Büchern. Vielleicht, so denken sie, hat sich ja auch Sebald selbst vorsorglich immer mehr in seine Bücher begeben und so mit einem durchtriebenen Zaubertrick ein größeres Maß an Unsterblichkeit erreicht als kaum jemand vor ihm, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei sich und die Welt glauben gemacht, das arme Herz stünde noch in Flammen. I think all our philosophical systems, all our systems of creed are build in order to make some sort of sense, which there isn’t, as we all know. (Audience laughter)

Donnerstag, 17. November 2011

Kommentar Chassidim

Aber ich bin doch auch Jude, dieser Satz hat, folgt man Marthe Robert, in Kafkas Leben eine überragende Bedeutung gehabt. Dabei waren ihm die heruntergelebten Formen des Prager Westjuden verächtlich, verzaubert war er vom Leben der Ostjuden, ohne daß er freilich, das war ihm klar, an dieses Leben hätte teilen können oder wollen. Hier nun ruft er dieses Leben, das in der Wirklichkeit inzwischen unwiederbringlich verloren ist, im sprachlichen Bild vor unsere Augen. Der Tod eines Menschen, heißt es, ist das schlimmste, aber trifft uns das Verlöschen einer Lebensform, einer Sprache denn weniger hart, trifft es uns nicht härter noch, wenn wir erkennen, daß auch das, was uns überdauert, dem Untergang geweiht ist? Das Heimweh nach einem Land, in dem wir nie waren, bedrückt unser Herz.
Chassidim

Kommentar Im Gras

Eine einfache, leichte Geschichte, wie ein Halm im Wind, aber nicht ohne Reiz und Rätsel. Wer nur das Schloß gelesen hat, verfällt nicht ohne weiteres auf den Gedanken, tatenlos im Gras zu liegen, sei eine Lieblingsbeschäftigung Kafkas gewesen, aber wir haben davon schon gehört. Auch ahnen wir bereits, daß die sogenannten Anwendungen in der Wasserheilanstalt keine große Bedeutung für ihn gehabt haben. Wer aber ist der vermeintlich bekannte Unbekannte, der da auf ihn zustürmt, kann es Zufall sein, daß er K. heißt und Landvermesser ist, und was ist der Inhalt der vier Schriften – alles bedeutungsvoll, die Deutung aber gelingt nicht. Warum soll Selysses, mit dem er ansonsten hier im Schattenreich ein Herz und eine Seele ist, nichts erfahren, soll ihm etwas erspart bleiben, und wenn ja, was?
Im Gras

Mittwoch, 16. November 2011

Im Gras

Im Anschluß an diesen für ihn aufs äußerste deprimierenden Tag verbringt er drei Wochen in der Wasserheilanstalt in Riva, die er vor dem Einnachten noch per Dampfboot erreicht. Ein Hausdiener mit einem langen grünen Schurz, der hinten mit einem messingnen Kettchen zusammengehalten wird, führt ihn auf sein Zimmer, von dessen Balkon aus er auf den in vollendeter Ruhe in den in der einbrechenden Dunkelheit daliegenden See hinaussieht. Es ist nun alles blau in blau, und nichts scheint sich mehr zu bewegen. Morgen beginnt bereits die Anstaltsroutine, am nachmittag schon stiehlt er sich aber davon und liegt drunten am See im Gras, vor sich die Wellen im Schilf, zur Rechten die Landzunge. Einfach im Gras zu liegen, das gehört in seinen besseren Zeiten zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er liegt also im Gras, da sieht er durch die Fenster eines benachbarten Gebäudes eine ihm irgendwie bekannt scheinende Gestalt - lang, schöner Körper, braungebrannt, spitzer Bart, glückliches Aussehn – von ihrem Studierplatz in die Ankleidehütte gehen. Er folgt dem Mann nichtsahnend mit den Augen, der aber kommt, statt auf seinen Platz zurückzukehren, auf ihn zu. Er schließt die Augen, der Herannahende stellt sich aber schon vor: K., Landvermesser, und gibt ihm vier Schriftchen als Sonntagslektüre. Im Weggehn spricht er noch von Perlen und vorwerfen, womit er andeuten will, daß er, der dort im Gras liegt, die Schriften dem Selysses nicht zeigen soll. Offenbar hat er sich daran gehalten, denn in Dr. K.s Badereise nach Riva wird von dieser Episode und den vier Schriften nicht berichtet.

Chassidim

Ich sehe, wie mir der Kinderlehrer im Cheder in einer Ortschaft in der Nähe von Grodno, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe einen Park mit kleinen Mädchen auf einer Bank, die sie als Mädchenbank gegen Jungen verteidigen. Viele polnische Juden, die Kinder rufen ihnen Itzig zu und wollen sich nach ihnen nicht gleich auf die Bank setzen. Ich sehe die jüdische Gastwirtschaft Nathan Eisellsberg mit hebräischer Aufschrift, ein verwahrlostes schloßartiges Gebäude mit großem Treppenaufbau, das aus den engen Gassen frei hervortritt. Ich sehe mich, wie ich hinter einem Juden hergehe, der aus der Wirtschaft kommt, und ihn anspreche. Immerfort schaut er auf meine Füße. Aber ich bin doch auch Jude. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen und den Wartesaal des Bahnhofs von Grodno mit seinem freien im Raum stehenden, von einem Gitter umgebenen überheizten Ofen und den um ihm hergelagerten Auswandererfamilien.

Dienstag, 15. November 2011

Kommentar Eisenbahnhotel

Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist sprichwörtlich, fußend auf einem der großen Urerlebnisse, hier wirkt er sich in erstaunlicher Weise aus auf die Einschätzung eines Hotels, in dem Selysses untergekommen ist. Zwar hatte die Gestalt des Portiers vielleicht sogleich schon etwas Fragwürdiges, die wunderbare Mahagonistiege aber verhieß noch am Abend Luxus und luftige Höhe für den nächsten Tag, eine Verheißung, die das morgendliche Erwachen nicht überdauert. Es ist ein schlichtes Eisenbahnhotel, die Fenster sind, der Mahagonistiege zum Trotz, ebenerdig, gewähren keinen weiten Blick und geben stattdessen den Bewohner den neugierigen Blicken der Passanten dar. Den hält es denn auch nicht lange im Quartier, er wandert hinaus in die Stadt. Um welche Stadt es sich handelt, ist schwer zu erraten. Denkt man zunächst an ferne Länder, Amerika vielleicht sogar, deutet die Fachwerkbauweise, die Selysses, angeleitet von Kafka mit großer Sachkenntnis mustert, eher auf die nähere Heimat hin. Die Menschen hier zeichnen sich aus durch eine besonders schöne Art, in den Fenstern zu lehnen, wie immer man sich das vorstellen mag.

Montag, 14. November 2011

Eisenbahnhotel

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Es dauerte eine beträchtliche Zeit, bis aus dem Inneren des offenbar schon schlafenden Hauses ein greiser Portier herbeikam, der so stark vornübergebeugt ging, daß er mit Sicherheit nicht imstand war, von seinem Gegenüber mehr als die Beine und den Unterleib wahrzunehmen. Aufgrund seiner Behinderung hatte er, bereits vor er sich anschickte, die Halle zu durchqueren, den draußen vor der halbverglasten Türe wartenden späten Gast von unten herauf mit einem kurzen, aber um so durchdringenderen Blick ins Auge gefaßt. Wortlos begleitete er mich über eine wunderbare Mahagonistiege – man hatte auf ihr gar nicht das Gefühl des Treppaufgehens, sondern schwebte gewissermaßen hinan – in die oberste Etage, wo er mir ein geräumiges, nach hinten hinaus gelegenes Zimmer anwies. Ich stellte meine Tasche ab, öffnete eines der hohen Fenster und schaute mitten hinein in die stockfinstre, mondlose Nacht. Erst am nächsten Morgen sah ich, daß es ein Eisenbahnhotel war. Ungeachtet der Mahagonistiege wies das Zimmer wegen der Hanglage des Gebäudes auf ebener Erde zur Straße hin, mit einem Gärtchen davor. Wer wollte konnte mich im Zimmer alle meine Geschäfte nackt besorgen sehn. Nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg in die Stadt, eine ganz und gar alte Stadt. Der Fachwerkbau scheint die für die größte Dauer berechnete Bauart zu sein. Die Balken verbiegen sich überall, die Füllung sinkt ein und baucht sich aus, das Ganze bleibt und fällt höchstens mit der Zeit ein wenig zusammen und wird dadurch noch fester. So schön habe ich die Menschen in den Fenstern noch nie lehnen sehn. Meist sind auch die Mitteleisten der Fenster zugemacht. Man lehnt die Schulter an sie, Kinder drehn sich um sie. In einem tiefen Flur sitzen auf den ersten Stufen starke Mädchen, in ihren Sonntagskleidern ausgebreitet.