Freitag, 24. September 2010

Selysses schreibt

Ungute Zeit

Mehrere Romane Thomas Bernhards erzählen davon, daß jemand im Begriff ist, eine Studie zu schreiben, sei es über das Hören (Kalkwerk), sei es über Mendelssohn-Bartholdy (Beton) oder über ein anderes Thema und davon, daß aus der Studie nichts wird und naturgemäß nichts werden kann. Mit dem Ende des Romans ist die Studie endgültig gescheitert. Ähnlich handeln Sebalds Erzählungen ganz überwiegend von einem Schreibvorhaben, das bei ihm allerdings nicht als separates, zusätzliches Werk außerhalb des Erzählvorgangs liegt. Das Ende der Erzählung fällt zusammen mit dem Abschluß des Vorhabens, das Schreibergebnis ist die Einlösung dessen, was der Dichter, wie vage zunächst auch immer, im Sinn hatte. Der Erzählablauf aber ist keineswegs immer der gleiche.

Die beiden Erzählungen der Schwindel.Gefühle, die von den alpinen Reisen des Selysses erzählen, enthalten jeweils im ersten Satz einen Hinweis auf seine Schriftstellerexistenz. All’estero: Ich war damals von England aus nach Wien gefahren in der Hoffnung durch eine Ortsveränderung über eine besonders ungute Zeit hinwegzukommen. In Wien erwies sich aber gleich nach meiner Ankunft, daß mir die von der gewohnheitsmäßigen Schreib- und Gartenarbeit nun nicht mehr ausgefüllten Tage ungemein lang wurden, und ich wußte tatsächlich nicht mehr, wohin mich wenden. Ritorno in patria: Nachdem ich die ausgehenden Sommermonate mit meinen verschiedenen Arbeiten beschäftigt in Verona – wir dürfen unterstellen, es handelt sich um Recherche- und Schreibarbeiten -, die Oktoberwochen aber, weil ich den Winter nicht mehr erwarten konnte, in einem weit oberhalb von Bruneck, am Ende der Vegetation gelegenen Hotel verbracht hatte, faßte ich eines Nachmittags, als der Großvenediger auf eine besonders geheimnisvolle Weise aus einer grauen Schneewolke auftauchte, den Entschluß, nach England zurückzukehren.

Wir begreifen, daß für Selysses das Schreiben unauflöslich mit dem Reisen verbunden ist, und erfahren zugleich, daß Reisen eine Flucht vor dem Schreiben sein kann, ähnlich wie Rousseau die nur kurze Frist seines Aufenthalts auf der Sankt Peterinsel im Bieler See als einen Versuch verstand, sich von den Anforderungen der Literatur als eine sich stets weiter forttreibende Zwangshandlung zu befreien. Der Fluchtversuch des Selysses ist allerdings mehr als erfolglos nicht nur, was Wien anbelangt, auch das Fiasko seines anschließenden ersten Italienaufenthalts müssen wir nicht zuletzt der Schreibenthaltung zurechnen, wie immer verlockend sie ihm auch erschienen seine mochte.


Wir erleben Selysses bereits in All’estero bei den eingangs Ritorno in patria erwähnten Arbeiten in Verona während der zweiten Italienreise, umfänglich und offenbar mit Freude aber hatte er zuvor schon in Limone gearbeitet: Luciana wollte wissen, was ich jetzt gerade zu Papier bringe, worauf ich ihr wahrheitsgemäß sagte, daß ich mir darüber selbst nicht recht im klaren sei, daß ich aber in zunehmenden Maße das Gefühl habe, es handle sich um einen Kriminalroman. Die Geschichte spiele jedenfalls in Oberitalien, in Venedig, Verona und Riva, und es ginge in ihr um eine Reihe unaufgeklärter Verbrechen und um das Wiederauftauchen einer seit langem verschollenen Person. Luciana fragte mich, ob Limone auch in der Geschichte vorkomme, und ich sagte, nicht nur Limone käme vor in der Geschichte, sondern auch das Hotel und sogar sie selber. – Wahrheitsgemäß, wie hervorgehoben ist, klärt sich erst bei der Niederschrift der Schwindel.Gefühle, worum es eigentlich geht, sein Erstehungsverlauf ist in den Roman eingefügt. Auch was seinen zentralen Gegenstand anbelangt, gibt es nur Vermutungen, ein Kriminalfall, ein unaufgeklärtes Verbrechen das Wiederauftauchen einer seit langem verschollenen Person. Es kann sich bei dieser Person nur um den Jäger Gracchus handeln, dessen Gestalt die drei Italienreisenden Stendhal, Selysses und Kafka auf geheimnisvolle Weise zusammenhält, und um die Aufklärung des Verbrechens, das seinen Todeskahn sein Ziel verfehlen ließ. - Die Versicherung, wahrheitsgemäß zu sein, beschränkt sich allerdings auf den Umstand des Nichtwissens, alles andere ist ein zwar, wie es heißt, zunehmendes, gleichwohl aber unzuverlässiges Gefühl.

Der Ausgangspunkt der Ringe des Saturn ist mehr oder weniger die gleiche: Im August 1992 machte ich mich auf eine Fußreise durch die ostenglische Grafschaft Suffolk in der Hoffnung, der nach dem Abschluß einer größeren Arbeit in mir sich ausbreitenden Leere entkommen zu können. Diese Hoffnung erfüllte sich auch bis zu einem gewissen Grad, denn selten habe ich mich so ungebunden gefühlt wie damals bei dem stunden- und tagelangen Dahinwandern. In der nachfolgenden Zeit aber beschäftigte mich sowohl die Erinnerung an die schöne Freizügigkeit als auch die an das lähmende Grauen, das mich verschiedentlich überfallen hatte angesichts der selbst in dieser entlegenen Gegend bis weit in die Vergangenheit zurückgehenden Spuren der Zerstörung. Vielleicht war es darum auf den Tag genau ein Jahr nach dem Beginn meiner Reise, daß ich, in einem Zustand nahezu gänzlicher Unbeweglichkeit in das Spital eingeliefert wurde, wo ich dann, in Gedanken zumindest, begonnen habe mit der Niederschrift der nachstehenden Seiten. - Post scriptum omnis poeta tristis, mehr oder weniger die gleiche Ausgangssituation, aber doch ein wenig anders als die besonders ungute Zeit, der Selysses in den Schwindel.Gefühlen durch Flucht nach Wien hatte entkommen wollen. Das Leid ist weniger tief, die Heilung gelingt, aber ein neues, gleichsam iatrogenes Leiden verlangt nach neuem Schreiben als Medizin. In den Ringen des Saturn treffen wir auf keine Luciana Michelotti, die Selysses, vor unseren Augen, in seine Gedanken und die verborgenen Fäden seiner Niederschrift einweiht. Unseren Überlegungen und Vermutungen sind insofern keine Grenzen gesteckt.

In den Ausgewanderten ist, anders als in den Schwindel.Gefühlen und den Ringen des Saturn der Erzählgegenstand klar, es ist jeweils die Lebensgeschichte des Titelhelden. In Paul Bereyter und Ambros Adelwarth wird dieses Vorhaben planmäßig nach dem Tode des Titelhelden angegangen, in Dr. Henry Selwyn und Max Aurach tauchen die Protagonisten erst auf, während erzählt wird, wie der junge Selysses sich in seiner neuen englischen Heimat einrichtet. Der Bericht über die Entstehung der Erzählung und Ablauf des Erzählten sind bis zur Ununterscheidbarkeit ineinander verwoben. Max Aurach ist die einzige Erzählung, in der Selysses erwägt, seine Aufzeichnungen dem Titelhelden selbst noch zur Prüfung vorzulegen, aber dazu kommt es dann doch nicht: Über die Wintermonate arbeitete ich in der wenigen mir zur Verfügung stehenden Zeit an der im Vorhergehenden erzählten Geschichte Max Aurachs. Es war ein äußerst mühevolles, oft stunden- und tagelang nicht vom Fleck kommendes und nicht selten rückläufiges Unternehmen. Hunderte von Seiten habe ich bedeckt mit meinem Bleistift- und Kugelschreibergekritzel. Weitaus das meiste davon war durchgestrichen, verworfen oder bis zur Unleserlichkeit mit Zusätzen überschmiert. Selbst das, was ich schließlich als die endgültige Fassung retten konnte, erschien mir als ein mißratenes Stückwerk. Ich zögerte also, Aurach meine verkürzte Version seines Lebens zu übersenden, und indem ich noch zögerte, kam aus Manchester die Nachricht, daß Aurach mit einem Lungenemphysem in das Withington Hospital eingeliefert worden sei.

Auch das Buch Austerlitz ist nach dem Namen des Protagonisten benannt, und auch hier ist der Protagonist noch unter den Lebenden: In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre bin ich, teilweise zu Studienzwecken, teilweise aus anderen, mir selbst nicht recht erfindlichen Gründen, von England aus wiederholt nach Belgien gefahren; zu Studienzwecken, das klingt nach Bernhard, welche Studienzwecke es waren, bleibt aber im Dunklen, und die anderen, unerfindlichen Gründe lassen auch eine Besessenheit von der Studie wie bei Bernhard nicht aufkommen. Schreibend erleben wir Selysses in Austerlitz nicht ernstlich. In gewissem Sinne ist es ein Buch des gesprochenen, nicht verschrifteten Wortes: Der Prediger Emyr Elias saß, wie es seine unabänderliche Gewohnheit war in seinem Studierzimmer und dachte sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt aus. Völlig niedergeschlagen kam er jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen wieder in ihr zu verschwinden. Am Sonntag führte er der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen, so daß nicht wenige am Ende des Gottesdienstes mit einem kalkweißen Gesicht nach Hause gingen. Er, der Prediger, hingegen, war den restlichen Sonntag in verhältnismäßig aufgeräumter Stimmung. Der Stiefsohn des Predigers, Dafydd Elias, dann Jacques Austerlitz, nutzt jedes Zusammentreffen mit Selysses überfallartig zur Fortsetzung seiner Lebensgeschichte im mündlichen Vortrag. Dabei sei das Lesen und Schreiben immer seine liebste Beschäftigung gewesen. Wie behütet habe ich mich nicht gefühlt, wenn ich in meinem nachtdunklen Haus am Schreibtisch saß und nur zusehen mußte, wie die Spitze des Bleistifts im Schein der Lampe sozusagen von selbst und in vollkommener Treue ihrem Schattenbild folgte, das gleichmäßig von links nach rechts und Zeile für Zeile über den linierten Bogen glitt. Jetzt aber war mir das Schreiben so schwer geworden, daß ich oft einen ganzen Tag brauchte für einen einzigen Satz, und kaum daß ich einen solchen mit äußerster Anstrengung ausgesonnenen Satz niedergeschrieben hatte, zeigte sich die peinliche Unwahrheit meiner Konstruktionen und die Unangemessenheit sämtlicher von mir verwendeten Wörter.

Wir müssen uns fragen, wer überhaupt verantwortlich ist für die Niederschrift des Austerlitz. Die Logik verweist auf Selysses, den Icherzähler. Insgeheim wissen wir natürlich, daß der dem Selysses in vielen Belangen ähnliche große Dichter


alles aufgeschrieben hat.


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