Mittwoch, 11. Mai 2011

Kommentar Unter Städten

 
Beide Dichter haben ein ausgeprägtes, sich in ihrem Werk immer wieder manifestierendes Interesse an Fragen des Städtebaus und der Stadtentwicklung. Hier geht es um eine Stadt, die ihre Glanzzeit hinter sich hat, aber auch jetzt noch ansehnlich ist. Selysses allerdings, ließe man ihn ausreden, würde den Niedergang deutlich stärker betonen. Es verwundert, daß er einen Gesprächstermin beim Bürgermeister hat, gemeinhin kommt er auf seinen Wanderungen nur mit nachgeordneten Amtspersonen in Berührung, Brigadieri, Konsularbeamte der mittleren Laufbahnebene, und auch das nur notgedrungen. Der Bürgermeister ist voller Hoffnung, was die Zukunft der Stadt anbelangt, Selysses aber bleibt skeptisch. Zum einen teilt er nicht den Jugendwahn des Bürgermeisters, und zum anderen stört er sich an dem wenig neuzeitlichen Verhältnis zwischen Sekretär und Bürgermeister. Das zukunftsweisende Konzept der flachen Hierarchie scheint in dieser Stadt noch unbekannt.
Stadt unter Städten

Dienstag, 10. Mai 2011

Kommentar Das Pferd stolperte

Zu Kafkas Lebens- und Schreibzeit waren Pferde noch allgegenwärtig, zur Zeit der Wanderungen des Selysses dagegen schon so gut wie verschwunden aus dem Alltagsleben. Das macht die Zusammenführung der Dichter bei diesem Thema schwierig. Kafkas zahlreichen Pferden hält Sebald nur recht wenige entgegen. Ob Stendhal durch Oberitalien reitet, ist nicht klar, Pferde, sei es nun unterm Sattel oder vor einer Kutsche, waren aber wohl involviert. Kafka findet wenig Gefallen an der fortdauernden Betrachtung des hingebreiteten Landschaftsbildes, er braucht die spitze Klinge eines Vorfalls, also stolpert das Pferd. Zwei Männer treten aus dem Baumschatten, ein Anflug von Promessi Sposi und Bravi breitet sich aus, vielleicht heißen die beiden Grignapoco und Tanabuso. Entscheidend ist aber offenbar, daß sie völlig unabhängig voneinander sind und auch, anders als es für einen Augenblick scheinen mag, tatsächlich nur zwei, der Mann gegenüber ist kein Dritter, sondern für einen der beiden der jeweils andere. Werden sie jeder für sich bleiben, werden sie in Streit geraten, werden sie sich verbünden, um dem Gestürzten zu helfen oder werden sie sich verbünden, um über ihn herzufallen. Der Erinnerungsfaden des Reiters reißt an dieser Stelle. Als sich später das erinnerte Landschaftsbild als Täuschung erweist, fällt ein Verdacht auch auf die Episode des stolperndes Pferdes. Die erinnerte Wirklichkeit ist nicht verläßlicher als ein Traum und durchsetzt von Täuschungen und Erträumtem.
Das Pferd stolperte

Montag, 9. Mai 2011

Das Pferd stolperte

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Lange Zeit habe er in dem Glauben gelebt, sich an diesen Ritt in allen Einzelheiten erinnern zu können, aber nichts traf weniger zu als das. Deutlich sah er das Bild, in dem sich, bei schon abnehmenden Licht, die Stadt Ivrea aus einer Entfernung von etwa einer dreiviertel Meile ihm zum ersten Mal dargeboten hatte. Wo es aus dem breiter werdenden Tal langsam in die Ebene hinausgeht, lag sie, etwas zur Rechten, während links, in die Tiefe der Entfernung hinein, sich die Berge erhoben, der Resegone di Lecco, der ihm später noch soviel bedeuten sollte, und ganz im Hintergrund wohl der Monte Rosa. Aber das Pferd stolperte, fiel auf die Vorderbeine nieder, er wurde abgeworfen. Zwei Männer, die jeder für sich irgendwo im Baumschatten gelungert hatten, kamen hervor und besahen den Abgestürzten. Alles war jedem von ihnen, so schien es, irgendwie verdächtig, das Pferd, das wieder aufrecht stand, der Reiter, der Mann gegenüber, der plötzlich gelockt von dem Unfall hervorgekommen war. Sie näherten sich langsam, die Lippen mürrisch aufgeworfen und mit der Hand, die sie in das vorn offene Hemd geschoben hatten, fuhren sie unschlüssig an Brust und Hals herum. Diese Einzelheiten sah er, der Reiter, in der Erinnerung mit äußerster Klarheit, wie aufgezeichnet, vor sich, mit noch so großer Anstrengung aber gelang es ihm nicht, sich des Fortgangs der Episode oder des weiteren Ritts zu entsinnen. Jahre später, bei der Durchsicht alter Papiere, sei er dann auf eine Prospetto d’Ivrea untertitelte Gravure gestoßen und habe sich eingestehen müssen, daß sein Erinnerungsbild von der im Abendschein liegenden Stadt nichts anderes vorstellte als eine Kopie von eben dieser Gravure. Nun, nach dem ihm diese so sichere Erinnerung genommen war, konnte er sich auch schon in keiner Weise mehr sicher sein, ob der Sturz vom Pferd bei dieser Reise stattgefunden hatte oder bei einer anderen, ob er überhaupt stattgefunden hatte und nicht vielmehr nur ein Traumbild war.

Sonntag, 8. Mai 2011

Auf schmalem Rand

Aus dem Schattenreich

Walser, Vogl, Sebald, Kinbote

Laut einer Notiz im SPIEGEL hat Martin Walser, als junger Mensch noch, sich aus der vollkommenen Innerlichkeit der kurzen Texte in die vergleichsweise greifbarere Welt der Romane Kafkas gerettet. Wollte man unter Innerlichkeit nach üblicher Weise das Verlassen einer unfreundlichen Außenwelt zugunsten der gepolsterte Geborgenheit eigenen Innenlebens verstehen, würde naturgemäß kaum eine Vokabel weniger zu Kafka passen als diese. Vermutlich kommt Joseph Vogl dem was Walser sagen will mit dem Bild des schmalen Randes gleich im ersten Satz seines Kafkabuchs näher: Kafkas Literatur hat die Lektüre auf deren unruhiges und ungeduldiges Element verpflichtet und den Raum des Lesens eingeengt und totalisiert zugleich. Die innere Weite des Erzählens, die Spannung zwischen Erfahrung und Sinn, in der die Zeit aufgehoben scheint, als Zeit der Erinnerung, des Eingedenkens und der Kontemplation wiederkehren mag und das Lesen selbst noch als gelassenen Aufschub des Wirklichen begünstigt – diese innere Weite des Erzählens ist bei Kafka auf einen schmalen Rand zusammengedrängt, auf dem die Wörter nie vom Bedeuten erlöst sind und nicht in einem gemeinsamen Horizont des Sinns zusammenfließen.

Halten wir uns aber Walsers Unterscheidung zwischen Kafkas Romanen und Kurztexten. Ein unbestreitbares Unterscheidungsmerkmal, neben der Länge, ist, daß die kürzeren Texte zum Teil abgeschlossen wurden, die Romane, es sind nur drei, dagegen nicht. Es kann kaum verwundern, wenn Kafka, balancierend auf seinem schmalen Rand, Schwierigkeiten mit der großen Form hat, keine dagegen mit der noch so winzigen Miniatur. Liest man den Landarzt, ein Text von atemberaubender Makellosigkeit und ungefähr zehn Seiten Umfang, als die Erzählung von einer verfehlten Ausfahrt, so kann das Nächste Dorf, ein nicht weniger perfekter Text von weniger als zehn Zeilen als ein Remake gelten, das von einem Ausrücken oder Ausritt jeglicher Art abrät. Aber auch die kleinformatige Prosa Kafkas ist in der Überzahl unabgeschlossen. Unüberschaubar ist die Zahl der Prosafragmente in den Tagebüchern und auf anderen Papieren, die die Welt schmerzhaft anreißen, eine große Weite ahnen lassen, sie aber nicht betreten.

Auch Sebald kommt in einem gewissen Sinne auf Kafkas Innerlichkeit zu sprechen, wenn er dessen geringes Interesse an der Außenwelt während der Italien- und Badereise nach Riva moniert. Die Schwindel.Gefühle wurden bereits gedeutet als Versuch, Kafka aufzuheitern, man mag man sie auch als eine Einladung an Kafka verstehen, den schmalen Rand zu verlassen, um sich in der üppigen Weite von Sebalds Satzlandschaft zu ergehen. Von den Schwindelgefühlen, die Kafka auf seinem schmalen Sims befallen haben mögen, kann ihn das allerdings nicht erretten, vielmehr verstärkt er sie für uns alle erheblich. Auch müssen wir fragen, wie Kafka, der so wenig Augen für die Außenwelt zu haben scheint, uns immer wieder mühe- und aufwandlos mit betörende Bilder der Außenwelt sprachlos machen kann, so beim Anblick der Barke des Jägers Gracchus, die auch Sebald in ihren Bann geschlagen hat: Ein schwerer alter Kahn, verhältnismäßig niedrig und sehr ausgebaucht, verunreinigt, wie mit Schwarzwasser ganz und gar übergossen, noch troff es scheinbar die gelbliche Außenwand hinab, die Masten unverständlich hoch, der Hauptmast im obern Drittel geknickt, faltige, rauhe, gelbbraune Segeltücher zwischen den Hölzern kreuz und quer gezogen, Flickarbeit, keinem Windstoß gewachsen. - In Riva wird er, auch bei aufmerksamen Blick, ein solches Schiff wohl nicht gesehen haben.

Auch in China, das er nie besucht hat, dessen Weite er aber liebte, kennt Kafka sich bestens aus und kann uns bei der Hand nehmen, wie der Vater einen Sohn: Der Vater hielt mich an der Hand, dies tat er mit Vorliebe bis in sein hohes Alter, und mit der andern fuhr er seine lange ganz dünne Pfeife entlang als wäre es eine Flöte. Sein großer schütterer starrer Bart ragte in die Luft, denn im Genuß der Pfeife blickte er über den Fluß hinweg in die Höhe. Desto tiefer senkte sich sein Zopf, der Gegenstand der Ehrfurcht der Kinder, leise rauschend auf der golddurchwirkten Seide des Feiertagsgewandes. Als wir endlich zum Ufer am Flußdelta kamen, hielt die Barke vor uns, der Schiffer winkte meinem Vater zu, er möge die Böschung herabkommen, er selbst stieg ihm entgegen.

Die Dingwelt hat unbestreitbar einen tief eindrücklichen Platz in Kafkas Prosa. Wenn Walser schreibt, die Texte würden sich auf die Wirklichkeit des Jahrhunderts nicht mehr einlassen als die Evangelien, so hat er natürlich die soziale Welt im Auge. Abgesehen von der Frage der Richtigkeit dieser Einschätzung – die Wirklichkeit der Kaufmannswelt etwa dringt auch in viele der kürzesten Texte ein – kann dieser Vergleich nur als Ehrung verstanden werden. Wittgenstein schreibt den Evangelien eine Stillosigkeit nicht diesseits, sondern jenseits allen Stils zu und erklärt damit ihre ewige Jugend. Auf eine untergründige Weise scheint das so verstandene Merkmal der Stillosigkeit dem des schmalen Randes verwandt, und in der Tat deuten die ersten hundert Jahre Kafka auf einen extrem hohen Halbzeitwert dieser Prosa hin.

Es mag unüblich sein, aus einem Leseerlebnis ein mangels Alternative dann als Roman bezeichnetes Buch wie die Schwindel.Gefühle abzuleiten, und doch liegt ein höchst gewöhnliches Verhältnis zugrunde liegt. Bei vergrößertem Blickwinkel zeigt sich, daß jeder Autor, bei noch so großer innerer Weite des Erzählens, angesichts der überwältigenden Komplexität der realen Welt letztlich auf einem schmalen Rand nur existiert, so daß die Leser zu seiner Befreiung aufgerufen sind. Lesen ist ein Vorgang mit zwei Seiten, wir versuchen, in der Welt des Dichters heimisch zu werden und kommen nicht umhin, ihn auch in die unsrige einzuladen. Naturgemäß hat nicht jeder ein so komfortables Heim wie Sebald. Allerdings, wenn man es recht bedenkt, lädt er ein ins Landhaus, in Hotels und Pensionen, nie aber zu sich nach Haus. Wir haben die Gelegenheit genutzt, uns eingeschlichen in die Unterkünfte, im Schatten der Vorhänge gelauscht und nicht genutzte Gesprächsfetzen aufgezeichnet.

Ein auf seine Art kaum weniger genialer Leser als Sebald ist der uns aus Nabokows Pale Fire bekannte Charles Kinbote. Mit traumwandlerischer Sicherheit und äußerster Zuverlässigkeit verfehlt er in seiner Lesung und seinem Kommentar zu John Shades Versepos für jeden Satz jeden auch nur irgend denkbaren Sinn, oder würde ihn verfehlen, wenn denn der größte Unfug nicht doch noch seinen Sinn hätte. Kinbote erfüllt uns durchschnittliche Leser dabei mit Resignation und Übermut zugleich, Resination wegen der möglichen Willkür und Übermut wegen der zu genießenden Freiheit des Lesens. Während wir uns bei der Lektüre Kafkas vorsichtig von Sebald bei der Hand nehmen lassen, lassen wir uns bei der Kommentierung der entstandenen Hybridgebilde mit unklarer Existenzberechtigung ein wenig von der Art Kinbotes verleiten.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Kommentar Land unter

Une giboulée qui se fit de plus en plus violente 

Zum Wetter während seines Aufenthalts in Wien macht Selysses keine genaueren Angaben, angesichts seiner täglichen langen Gänge durch die Stadt, offenbar ohne Regenschirm oder Wettermantel, Gänge, die ihn in verschiedenster Hinsicht erschöpfen, ohne daß er aber über Nässe zu klagen hätte, sind wir bislang von einem ruhigen Herbstwetter, einem goldenen Oktober ausgegangen. Nun erfahren wir zu unserem Erstaunen, es regnet schon seit längerer Zeit anhaltend. Aber halt, sieht man aus dem Fenster, ist es unten trocken. Im Hotelzimmer aber steigt das Wasser unaufhörlich, der Sessel schwimmt bereits. Ist aber das Schwimmen tatsächlich auf das Wasser oder doch auf die Schwindelgefühle zurückzuführen? Wir haben es nicht mit einer Meteorologie der Außenwelt, sondern mit einer Meteorologie des Inneren zu tun. Das aufschwemmende Wasser ist ohnehin nicht das Problem, was er nicht ertragen kann, ist das Schlagen der Tropfen auf den Kopf. Ein Entkommen davor gibt es nicht. Ploc! eccolo ancora l’odioso suono. È la cisterna, non c’è niente da fare. Tutti si lamentano, ma non si è potuto far niente. Das ständige Klopfgeräusch gilt nach weltweiter Übereinkunft als Folter. Wie aber, wenn es von innen kommt, non c’è niente da fare.
Land unter

Montag, 2. Mai 2011

Land unter

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Es wäre der Eindruck entstanden, es habe hier einer auf einer vorgesehen Fläche immer wieder neue Traversen und Winkelzüge versucht, um aufs neue stets am Rand seiner Vernunft, Vorstellungs- und Willenskraft anzugelangen und zum Umkehren gezwungen zu werden. Öfters kam es mir dabei vor, wahrscheinlich aufgrund meiner Übermüdung als ob ich irgend jemand mir Bekannten vor mir hergehen sähe. Bei diesen Halluzinationen, denn etwas anderes war es ja nicht, handelte es sich ausschließlich um Menschen, an die ich jahrelang nicht mehr gedacht hatte, um Abgeschiedene gewissermaßen. Außer mit Kellnern und Serviererinnen habe ich mit niemandem ein Wort gewechselt. Bloß mit den Dohlen in den Anlagen vor dem Rathaus habe ich, wenn mir recht ist, einiges geredet und mit einer weißköpfigen Amsel, die mit den Dolen um meine Weintrauben kam und die ich bei mir den Sennavogel nannte. Zu später Stunde von meinen Exkursionen zurückkehrend, spürte ich, während ich im Hotelfoyer auf den Lift wartete, den fragenden Blick des Nachtportiers in meinem Rücken. In meinem Zimmer, am Bettrand sitzend, langsam mich auskleidend, war ich über den Anblick meines inwendig schon gänzlich in Fetzen aufgelösten Schuhwerks geradezu entsetzt. Es würgte mich im Hals und die Augen trübten sich mir. Seit gestern regnete es unaufhörlich, etwa um fünf Uhr nachmittags hatte es gestern zu regnen angefangen und heute, am Abend, regnete es noch immer. Das konnte einem doch wohl zu denken geben. Während es aber sonst nur auf der Gasse regnet und in den Zimmern nicht, schien es diesmal umgekehrt zu sein. Sieh aus dem Fenster, bitte, es ist unten doch trocken, nicht wahr? Nun also. Hier aber stieg das Wasser unaufhörlich. Mag es, mag es steigen. Es ist schlimm, ich ertrag es doch. Ein wenig guten Willen und man erträgt es, man schwimmt eben mit seinem Sessel etwas höher, die Verhältnisse ändern sich ja nicht sehr, alles schwimmt eben und man schwimmt etwas höher. Aber dieses Schlagen der Regentropfen auf meinem Kopf, das ertrag ich nicht. Es scheint eine Kleinigkeit, aber eben diese Kleinigkeit ertrage ich nicht oder vielleicht würde ich sogar das ertragen, ich ertrage es nur nicht, dagegen wehrlos zu sein. Und ich bin wehrlos, ich setze einen Hut auf, ich spanne den Schirm aus, ich halte ein Brett über den Kopf, nichts hilft, entweder dringt der Regen durch alles durch oder es fängt unter dem Hut, dem Schirm, dem Brett ein neuer Regen mit der gleichen Schlagkraft an.

Sonntag, 1. Mai 2011

Kommentar Kämpferherz

polemos pantôn men patêr
Von einem seltsam verdeckten Kämpfen im Verborgenen erzählt Kafka, niemand weiß davon, mancher ahnt es, das ist nicht zu vermeiden, aber niemand weiß es. Geheimhaltung scheint wichtig zu sein, so als sei es ehrenrührig zu kämpfen, aber es mag andere Gründe geben. Dabei ist der Kampf gar nichts besonderes, naturgemäß, so lernen wir, kämpft jeder, aber nicht mit letzter Entschlossenheit, mehr wie im Schlaf, dieser eine hier aber kämpft mehr als andere. Schon ist er ein wenig ins Licht gerückt, vorgetreten, aber erst Sebald bringt in ganz ins Rampenlicht, indem er in den Ringen des Saturn seine Identität offenbart, es ist die eines irischen Freiheitshelden. An dieser Stelle ist die Gefahr des Mißverstehens groß. Man würde fehlgehen in der Annahme, daß dieser hier, der mit dem Kämpferherz, im Kampf für die Freiheit Irlands zu seinem wahren Ich gefunden habe. So sehr es ihm auch um die Sache gehen mag, seine Neigung zum Kampf ist grund- und bodenlos, und sein Kampf zweckfrei. Wie viele Kämpfer für Freiheit und Recht sind wohl ähnlich gestrickt. Dieser hier aber dreht die Schraube weiter. Es geht ihm nicht um den Kampf als solchen und schon gar nicht um den Sieg. Die letzte Drehung der Schraube führt in ein dunkles Verstehensloch: Er kämpft, so heißt es, und hat Freude am Kampf, weil es anderes nicht zu tun gibt. Das ist wohl ein Anlaß, die schon so oft bedachte uralte Einschätzung, wonach der Kampf der Vater aller Dinge ist, ein weiteres Mal zu bedenken. Die Einschätzung hätte ihr Recht und ihren Grund nicht in einer Zwiespältigkeit der Welt, sondern in deren Bodenlosigkeit. Das Leben wäre ein Tanz über dem Nichts, und nur der Kampf bewahrt vor dem Absturz. Der Kampf – alle kämpfen – ist unser Leben, und das Leben ist die Freude, an der wir früher oder später zugrunde gehen werden.
Kämpferherz