Nach meiner Ankunft ging ich sogleich in den Kurgarten und bin dort, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Ich hörte die Luft aus- und einstreichen durch das Astwerk und das feine Geräusch, das der Gärtner machte beim Rechen der Kieswege zwischen den niedrigen Buchsbaumhecken, deren sanfter Geruch selbst jetzt noch im Herbst die Luft erfüllte. Lang war mir nicht mehr so wohl gewesen. Dennoch erhob ich mich schließlich. Beim Hinausgehen aus dem Garten beobachtete ich eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Ich trat in den Vorhof hinaus, wusch mir an dem in die efeuüberwachsene Gartenmauer eingelassenen Brunnen, wie ich es beim Hineingehen schon getan hatte, das Gesicht und die Hände, warf einen letzten Blick zurück auf den Garten und erwiderte, indem ich mich dem Ausgang zuwandte, den Gruß der Pförtnerin, die mir aus ihrem dunklen Gehäuse heraus zunickte. Daß ich den Park so menschenleer gefunden hatte war ein Wunder und dann auch wieder nicht, denn während der Kur ist hier der Tag für alle ausgefüllt von Anwendungen, wie das Baden, Massiertwerden, Turnen und so weiter heißt, und von der Vorbereitungsruhe von diesen Anwendungen und der Erholungsruhe nach ihnen. Die Mahlzeiten allerdings nehmen wenig Zeit weg, da sie als Apfelmus, Kartoffelpurée, flüssiges Gemüse, Obstsäfte und so weiter sehr rasch, wenn man will ganz unbemerkt, wenn man will aber auch sehr genußreich hinunterrinnen, nur ein wenig aufgehalten von Schrotbrot Omeletten, Puddings und vor allem Nüssen. Dafür aber werden die Abende gesellig verbracht, sei es, daß man sich einmal mit Grammophonvorträgen unterhält, wobei wie im Züricher Münster Damen und Herren getrennt sitzen und bei lärmenden Liedern, zum Beispiel beim Sozialistenmarsch, das Hörrohr mehr den Herren zugewendet wird, während bei zarten oder besonders genau zu hörenden Stücken die Herren auf die Damenseite gehn, um nach Beendigung wieder zurückzukehren oder in einzelnen Fällen dort zu bleiben für immer. Man könnte meinen, bei diesen Unterhaltungen müßte ich nicht dabei sein. Das ist aber nicht wahr. Für den Besuch des Parks ist es dann ohnehin zu spät, und man muß sich doch irgendwie für den teilweise wirklich guten Erfolg der Kur bedanken, und dann sind hier schon so wenig Gäste, daß man wenigstens absichtlich sich nicht verlieren kann. Endlich sind aber auch die Beleuchtungsverhältnisse ziemlich schlechte, ich wüßte gar nicht, wie ich allein schreiben sollte, selbst bei diesen wenigen Zeilen geht etwas Augenlicht drauf.
Sonntag, 5. Februar 2012
Zur Kur
Nach meiner Ankunft ging ich sogleich in den Kurgarten und bin dort, während der frühen Nachmittagsstunden, auf einer steinernen Bank unter einer Zeder gelegen. Ich hörte die Luft aus- und einstreichen durch das Astwerk und das feine Geräusch, das der Gärtner machte beim Rechen der Kieswege zwischen den niedrigen Buchsbaumhecken, deren sanfter Geruch selbst jetzt noch im Herbst die Luft erfüllte. Lang war mir nicht mehr so wohl gewesen. Dennoch erhob ich mich schließlich. Beim Hinausgehen aus dem Garten beobachtete ich eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Ich trat in den Vorhof hinaus, wusch mir an dem in die efeuüberwachsene Gartenmauer eingelassenen Brunnen, wie ich es beim Hineingehen schon getan hatte, das Gesicht und die Hände, warf einen letzten Blick zurück auf den Garten und erwiderte, indem ich mich dem Ausgang zuwandte, den Gruß der Pförtnerin, die mir aus ihrem dunklen Gehäuse heraus zunickte. Daß ich den Park so menschenleer gefunden hatte war ein Wunder und dann auch wieder nicht, denn während der Kur ist hier der Tag für alle ausgefüllt von Anwendungen, wie das Baden, Massiertwerden, Turnen und so weiter heißt, und von der Vorbereitungsruhe von diesen Anwendungen und der Erholungsruhe nach ihnen. Die Mahlzeiten allerdings nehmen wenig Zeit weg, da sie als Apfelmus, Kartoffelpurée, flüssiges Gemüse, Obstsäfte und so weiter sehr rasch, wenn man will ganz unbemerkt, wenn man will aber auch sehr genußreich hinunterrinnen, nur ein wenig aufgehalten von Schrotbrot Omeletten, Puddings und vor allem Nüssen. Dafür aber werden die Abende gesellig verbracht, sei es, daß man sich einmal mit Grammophonvorträgen unterhält, wobei wie im Züricher Münster Damen und Herren getrennt sitzen und bei lärmenden Liedern, zum Beispiel beim Sozialistenmarsch, das Hörrohr mehr den Herren zugewendet wird, während bei zarten oder besonders genau zu hörenden Stücken die Herren auf die Damenseite gehn, um nach Beendigung wieder zurückzukehren oder in einzelnen Fällen dort zu bleiben für immer. Man könnte meinen, bei diesen Unterhaltungen müßte ich nicht dabei sein. Das ist aber nicht wahr. Für den Besuch des Parks ist es dann ohnehin zu spät, und man muß sich doch irgendwie für den teilweise wirklich guten Erfolg der Kur bedanken, und dann sind hier schon so wenig Gäste, daß man wenigstens absichtlich sich nicht verlieren kann. Endlich sind aber auch die Beleuchtungsverhältnisse ziemlich schlechte, ich wüßte gar nicht, wie ich allein schreiben sollte, selbst bei diesen wenigen Zeilen geht etwas Augenlicht drauf.
Samstag, 4. Februar 2012
Kommentar Zwei
Eine lebens- und liebeserfahrene Frau blickt nachdenklich zurück. Was ihre Liebeserfahrung anbelangt, so schätzt sie sie gering ein, aus der ziemlichen Anzahl von Männern, die sie gekannt und näher gekannt hat, war ihr, wie sie dem jüngeren Gesprächspartner erläutert – aber woher wissen wir eigentlich, daß er jünger ist? – wie auch immer: einer nur war ihr wichtig, der arme Franz, le pauvre François, wie sie, möglicherweise eine Französin, Schweizerin oder auch Belgierin, ihn nennt, ein von seiner inneren Einsamkeit nahezu zerfressener Mensch. Gerade wer so einsam ist, braucht jemand zweites, der Lebensüberdruß ist allenfalls erträglich, wenn er an den eines anderen stößt, und Hilfe naht von der furchtbare Separation der Geschlechter. Sie versetzt sich auf die Seite männlichen Erlebens und ersinnt eine Frau, die, getreu der Vorstellung weiblichen Verhaltens, zum Ausruf Ekelhaftes Leben mit dem Fuß aufstampft. Das führt zu einer gewissen Aufrichtung des Mannes, der im gleichen Augenblick Gleiches denkt. Offenbar berichtet sie aus ihrem Zusammenleben avec le pauvre François, auch wenn es ohne Fußaufstampfen abgegangen ist. – Heißt es im Manuskript tatsächlich gerötet, getröstet wäre eher zu erwarten. Vielleicht aber ist an die Morgenröte oder ähnliches gedacht.
Anfang 1908
Kommentar Vergeltung
In welchem Verhältnis der Verfasser des Briefes zu der Empfängerin, einer gewissen Sophie, steht, wird im einzelnen nicht deutlich, in jedem Fall aber gibt er sich Mühe beim Schreiben des Briefes. Die Fahrt hinunter zur Küste, zumeist im Leerlauf, dann aber auch immer wieder die mit einem gewaltigen Schlag im Getriebe einsetzende Motorkraft, wird fast lebendiger, als wenn man sie selbst unternommen hätte. Aber womöglich macht er sich nicht speziell für sie die Mühe, sondern kann nicht anders, hat sein Metier im Verfassen überragender Prosa. Die, so hat es den Anschein, eigens für Sophie entworfene Interpretation des Buchtitels einer seinerzeit nicht einmal unbekannten amerikanischen Kriminalschriftstellerin wirkt denn auch, bei aller Originalität, ein wenig an den Haaren herbeigezogen, und es bleibt offen ob Sophie sie nachvollziehen kann. Als der Reisende wieder zum Fenster herausschaut, scheint es, als sei der Tag der Vergeltung über das Land hinweggegangen. Vergeltung wofür? Diese Frage sollte man nicht stellen, wenn Kafka in der Nähe ist.
26.2.1911
Freitag, 3. Februar 2012
Tag der Vergeltung
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Was könnte ich Interessantes berichten von meinem kleinen Ausflug, liebes Fräulein Sophie? Mit einem alten, bis an die Fensterscheiben hinauf mit Ruß und Öl verschmierten Dieseltriebwagen bin ich an die Küste hinuntergefahren. Meine wenigen Mitreisenden saßen im Halbdunkel auf den abgewetzten lilafarbenen Sitzpolstern, alle in Fahrtrichtung, möglichst weit voneinander entfernt und so stumm, als hätten sie noch niemals in ihrem Leben ein Wort über die Lippen gebracht. Die meiste Zeit rollte der unsicher auf den Schienen schwankende Wagen im Leerlauf dahin, denn es geht dem Meer zu fast immer leicht bergab. Nur zwischendurch, wenn mit einem das ganze Gehäuse erschütternden Schlag das Triebwerk in Gang gesetzt wurde, war eine Weile das Mahlen der Zahnräder zu hören, ehe wir unter gleichmäßigem Pochen weiterrollten wie zuvor, an Hinterhöfen und Schrebergartenkolonien und Schutthalden und Lagerplätzen vorbei in das der östlichen Vorstadt sich ausdehnende Marschland hinaus. Für Ihre Hausbibliothek kann ich Ihnen aber ein Buch empfehlen, den Roman Der Tag der Vergeltung von A.K. Green, den ein Mann zwei Reihen hinter mir, auf der anderen Fensterseite gelesen hat – ich habe mich ein-, zweimal nach ihm umgesehen. Hat das Buch nicht einen bedeutungsvollen Titel? Der Tag ist eine Fahnenstange, das erste der sind die Pflöcke unten, das zweite der ist die Seilbefestigung oben, die Vergeltung ist ein, wenn schon nicht schwarzes, so dunkles Fahnentuch, dessen Sichdurchbiegen vom e zum u durch einen mittelstarken Wind (besonders das ng schwächt ihn) hervorgerufen wird. Durch das Coupéfenster gab es, nicht nur wegen des Schmutzes, wenig zu sehen, ab und zu ein einsames Flurwächterhäuschen, Gras und wogendes Schilf, ein paar niedergesunkene Weidenbäume und zerfallene, wie Mahnmale einer zugrundegegangenen Zivilisation sich ausnehmende Ziegelkegel, die Überreste ungezählter Windpumpen und Windmühlen, deren weiße Segel sich einst gedreht hatten über den Marschwiesen überall hinter der Küste.
Natürlich wäre ich stolz, wenn Sie bei meinem nächsten Besuch den Tag der Vergeltung schon hätten.
Kommentar
Natürlich wäre ich stolz, wenn Sie bei meinem nächsten Besuch den Tag der Vergeltung schon hätten.
Donnerstag, 2. Februar 2012
Zu zweien
Aus dem Schattenreich
Kommentar
Le pauvre François, sagte sie selbstvergessen und meinte dann, zu mir wieder hersehend, sie habe in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben eine ziemliche Anzahl von Männern – des näheren, wie sie mit spöttischem Gesichtsausdruck hervorhob – kennengelernt, die sämtlich auf die eine oder andere Art von sich eingenommen gewesen seien. Jeder dieser Herren, deren Namen sie, gottlob, größtenteils vergessen habe, sei lediglich nur ein ungehobelter Klotz gewesen, wohingegen man sich einen umsichtigeren und unterhaltsameren Kompagnon einfach nicht habe wünschen können als den von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen François. Das Leben mag ekelhaft sein, fügte sie nach längerem Schweigen hinzu. Gut, es ist ekelhaft, aber es ist nicht mehr so arg, wenn man es zu zweien sagt, denn das Gefühl, das einen zersprengt, stößt an den andern, wird durch ihn gehindert, sich auszubreiten, und sicher sagt man sich als Mann: Wie hübsch sie ekelhaftes Leben sagt und mit dem Fuß aufstampft dabei. Das dürfe ich im übrigen nicht so wörtlich nehmen, sagte sie mit einem Lächeln, mit dem Fuß aufzustampfen habe nie zu ihren Gewohnheiten gehört, sie mache nur rhetorischen Gebrauch von dieser als weiblich, mädchenhaft geltenden Geste. Die Welt sei auch zu zweien noch traurig, aber doch gerötet traurig, und ist denn, fragte sie noch, lebhafte Trauer von Glück so weit?
Kommentar
Le pauvre François, sagte sie selbstvergessen und meinte dann, zu mir wieder hersehend, sie habe in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben eine ziemliche Anzahl von Männern – des näheren, wie sie mit spöttischem Gesichtsausdruck hervorhob – kennengelernt, die sämtlich auf die eine oder andere Art von sich eingenommen gewesen seien. Jeder dieser Herren, deren Namen sie, gottlob, größtenteils vergessen habe, sei lediglich nur ein ungehobelter Klotz gewesen, wohingegen man sich einen umsichtigeren und unterhaltsameren Kompagnon einfach nicht habe wünschen können als den von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen François. Das Leben mag ekelhaft sein, fügte sie nach längerem Schweigen hinzu. Gut, es ist ekelhaft, aber es ist nicht mehr so arg, wenn man es zu zweien sagt, denn das Gefühl, das einen zersprengt, stößt an den andern, wird durch ihn gehindert, sich auszubreiten, und sicher sagt man sich als Mann: Wie hübsch sie ekelhaftes Leben sagt und mit dem Fuß aufstampft dabei. Das dürfe ich im übrigen nicht so wörtlich nehmen, sagte sie mit einem Lächeln, mit dem Fuß aufzustampfen habe nie zu ihren Gewohnheiten gehört, sie mache nur rhetorischen Gebrauch von dieser als weiblich, mädchenhaft geltenden Geste. Die Welt sei auch zu zweien noch traurig, aber doch gerötet traurig, und ist denn, fragte sie noch, lebhafte Trauer von Glück so weit?
Mittwoch, 1. Februar 2012
Tired Eyes
Erschöpfte Detektive
Im Fernsehprogramm überwiegen die Filme mit kriminalistischem Einschlag gegenüber den verbrechensfreien, in den Buchhandlungen wachsen die mit Kriminalromanen gefüllten Regale ständig an. Mancher wird sich schon gefragt haben, warum in einer Umgebung, die den Frieden als höchstes Gut deklariert, so viele Menschen Mord und Todschlag als liebstes Freizeitvergnügen haben. Die Arten und Unterarten innerhalb der verbrechensgeneigten Film- und Literaturgattung sind ins Unermeßliche gewachsen. Neben den klassischen Detektiv englischer Provenienz, ausgezeichnet durch eine unfehlbare Beobachtungsgabe und eine nicht weniger unfehlbare Kombinatorik, trat schon bald der hard-boiled Private Eye amerikanischer Machart. Holmes und Poirot auf der einen und Marlowe und Spade auf der anderen Seite können sich mittlerweile an einer Unzahl mehr oder weniger verzerrter Spiegelbilder ihrer selbst erfreuen. Es gibt Serien, die eine ganze Polizeiwache oder NYPD-Precinct zum Protagonisten haben. Maigret steht wegen seiner unerschütterlich monogamen Einstellung ein wenig abseits, begründet aber vor allem die auf Einfühlung in das Milieu und, in der Endphase der Recherche, mystischer Versenkung beruhende Fahndungsmethode, ein schwerfälliger und fortwährend Tabakrauch ausstoßender Meister Eckhart im kriminellen Umfeld. Weitere wären zu nennen, insgesamt den Sieg davongetragen hat bis auf weiteres der auf den Hauptstraßen des Lebens gescheiterte, auf die eine oder andere Weise, wie es heißt, gebrochene Ermittler, ein Loser, der den Siegern nichts abgewinnen kann.
Verläßt man in der Buchhandlung das Regal mit den Kriminalromanen und gelangt in der Abteilung Deutsche Literatur zum Buchstaben S und dort zu Sebald, mag man glauben, sich vom Whodunit oder Roman Noir so weit entfernt zu haben wie nur möglich. Der Erzähler der Schwindel.Gefühle nennt aber das, woran er schreibt, und was dann die Schwindel.Gefühle sein werden, einen Kriminalroman. Die Vier langen Erzählungen sind sämtlich Ermittlungsberichte vor einer Wand enormer Verbrechen, ebenso die überlange Erzählung Austerlitz, und gleich zu Beginn der Ringe des Saturn wird eine Fahndung nach dem Totenschädel Thomas Brownes eingeleitet. Weitere Untersuchungen führen den Wanderer im Südosten Englands dann zum Zaun, der das Besitztum des Majors Wyndham Le Strange einfriedet und über den hinweg nur wenig zu erblicken ist.
Die Untersuchungen in Sebalds Büchern werden ganz überwiegend von dem hier Selysses genannten Erzähler durchgeführt, gegen Ende der Erzählung Paul Bereyter wird aber auch der Titelheld selbst investigativ tätig. Zur gleichen Zeit aber werden seine Augen endgültig müde, das Augenlicht droht zu erlöschen. Wyndham Le Strange ist schon bald dem, was er hatte sehen müssen, nicht mehr gewachsen und schränkt sein Gesichtsfeld radikal ein. Nachdem er an der Befreiung von Bergen Belsen teilgenommen hat, zieht er sich in noch jungen Jahren auf sein Landgut zurück, mit einer zum Schweigen angehaltenen Haushälterin und allem möglichen Federvieh, Perlhühnern, Fasanen, Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln als einzigen Gefährten bis zum Tod. In Jed Martin, dem Protagonisten aus Houellebcques letztem Roman, hatten wir einen Gesinnungsgenossen erkannt. Auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Erfolges als bildender Künstler Jed décida de déménager pour s’installer dans l’ancienne maison de ses grands-parents dans la Creuse. Er arrondiert das Grundstück durch Zukauf auf einen Umfang von nicht weniger als siebenhundert Hektar, zäunt das fortan ungenutzte Gelände ein und baut eine Straße hindurch, die es ihm erlaubt, ohne Berührung mit der umwohnenden Dorfbevölkerung von seinem Versteck aus einen einigermaßen entfernten Supermarkt zu erreichen. Indem sie ihm die biologische Existenz ermöglicht, tritt die Straße bei ihm gleichsam an die Stelle von Le Stranges Haushälterin.
Erstaunlich ist, daß ein ähnliches Verhalten inzwischen auch bei den Detektiven auftritt. In Peter Temples Buch Broken Shore (An Iron Rose, ein anderes Buch des Autors, hat ein ganz ähnliches Szenarium) hat Cashin, nach einem mißglückten Einsatz als homicide detective bei der Mordkommission Melbourne körperlich und seelisch erheblich lädiert, sich auf den Polizeiposten seines Heimatortes, einem kleinen Küstenflecks, versetzen lassen. Seine beruflichen Verpflichtungen sind kaum spürbar, vor allem anderen beschäftigt ihn der Wiederaufbau einer von seinem Großvater hinterlassenen einsamen Bauruine, eine Aufgabe, die seine Fähigkeiten im Grunde bei weitem übersteift, die er aber gleichwohl beharrlich verfolgt. Die Stelle des Federviehs bei Le Strange nehmen bei ihm zwei Königspudel ein. Der endgültige Übertritt ins Emeritenleben, eingemauert, ohne weitere Teilnahme an der Welt, hat sich bereits so gut wie vollzogen, als er dann doch in ein kriminalistisches Geschehen einbezogen wird, das der Autor mit viel Geschick aber gleichsam als Nebenhandlung präsentiert. Nur ein Schritt, nur ein Wimpernschlag der müden Augen, die nichts mehr sehen wollen, trennen den Detektiv vom säkularen Mönch.
Die offenliegenden Strukturen des Kriminalromans setzen verborgene Strukturen bei Sebald besser ins Licht. Der Kriminalroman ist ein legitimes Kind der Aufklärung. Die Wahrheit über das Verbrechen soll nicht länger durch ein Gottesurteil offenbart oder durch Folter erzwungen, sondern vom Detektiv mit dem Verstand eben: aufgeklärt werden. Aufklärung im philosophischen Sinn hat aber einen doppelten Sinn. Zum einen geht es um die Erhellung der Verhältnisse, mehr aber noch um die Erwartung, daß die geklärten Verhältnisse sich als klarer und heller erweisen, als zuvor vermutet, so als müsse das Licht alles, worauf es fällt, zum Guten verwandeln, als habe alles, was bislang im Dunklen lag, nur ungerecht beurteilt werden können, als habe jedes Vorurteil einen finsteren, jedes Urteil aber notwendig einen lichten Kern. Innerhalb dieses Erwartungshorizonts hätte dem Kriminalroman von Rechts wegen nur eine kurze Lebensdauer beschieden sein können, in einer gänzlich hellen Welt wäre ihm der Stoff ausgegangen. Offenbar aber ist der Vorrat an Dunkelheit unerschöpflich. Dem klassischen Detektiv war das nur recht, Holmes verfiel ohne zu lösenden Fall nach sehr kurzer Frist schon in Depressionen, Nero Wolfe war für seine aufwendige Haushaltung auf eine nicht abreißende Kette von Mandaten angewiesen. Immerhin, so konnte man glauben, wurde die Welt durch ihr Tun immer wieder für ein spürbares Stück zurechtgerückt. Dieses Gefühl ist den modernen Detektiven mehr und mehr abhanden gekommen und Sebald naturgemäß noch gründlicher. Von dem Kindheitstraum aber will auch er nicht lassen, dem Traum einer Welt, in der alles auf das beste geordnet war, so als setze sie sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit - ein Traum, der in all seiner Schlichtheit auch noch der elaboriertesten Erzählkunst zugrunde liegen kann, so als könne er hier, durch eine kleine Verschiebung nur, wahr werden. Viele, die das haltlos sich ausbreitende Dunkel spüren, versuchen, es durch Kriminalgeschichten notdürftig in Schach zu halten. Open up the tired eyes - aber nicht zu sehr.
Verläßt man in der Buchhandlung das Regal mit den Kriminalromanen und gelangt in der Abteilung Deutsche Literatur zum Buchstaben S und dort zu Sebald, mag man glauben, sich vom Whodunit oder Roman Noir so weit entfernt zu haben wie nur möglich. Der Erzähler der Schwindel.Gefühle nennt aber das, woran er schreibt, und was dann die Schwindel.Gefühle sein werden, einen Kriminalroman. Die Vier langen Erzählungen sind sämtlich Ermittlungsberichte vor einer Wand enormer Verbrechen, ebenso die überlange Erzählung Austerlitz, und gleich zu Beginn der Ringe des Saturn wird eine Fahndung nach dem Totenschädel Thomas Brownes eingeleitet. Weitere Untersuchungen führen den Wanderer im Südosten Englands dann zum Zaun, der das Besitztum des Majors Wyndham Le Strange einfriedet und über den hinweg nur wenig zu erblicken ist.
Die Untersuchungen in Sebalds Büchern werden ganz überwiegend von dem hier Selysses genannten Erzähler durchgeführt, gegen Ende der Erzählung Paul Bereyter wird aber auch der Titelheld selbst investigativ tätig. Zur gleichen Zeit aber werden seine Augen endgültig müde, das Augenlicht droht zu erlöschen. Wyndham Le Strange ist schon bald dem, was er hatte sehen müssen, nicht mehr gewachsen und schränkt sein Gesichtsfeld radikal ein. Nachdem er an der Befreiung von Bergen Belsen teilgenommen hat, zieht er sich in noch jungen Jahren auf sein Landgut zurück, mit einer zum Schweigen angehaltenen Haushälterin und allem möglichen Federvieh, Perlhühnern, Fasanen, Tauben und Wachteln und den verschiedenen Garten- und Singvögeln als einzigen Gefährten bis zum Tod. In Jed Martin, dem Protagonisten aus Houellebcques letztem Roman, hatten wir einen Gesinnungsgenossen erkannt. Auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Erfolges als bildender Künstler Jed décida de déménager pour s’installer dans l’ancienne maison de ses grands-parents dans la Creuse. Er arrondiert das Grundstück durch Zukauf auf einen Umfang von nicht weniger als siebenhundert Hektar, zäunt das fortan ungenutzte Gelände ein und baut eine Straße hindurch, die es ihm erlaubt, ohne Berührung mit der umwohnenden Dorfbevölkerung von seinem Versteck aus einen einigermaßen entfernten Supermarkt zu erreichen. Indem sie ihm die biologische Existenz ermöglicht, tritt die Straße bei ihm gleichsam an die Stelle von Le Stranges Haushälterin.
Erstaunlich ist, daß ein ähnliches Verhalten inzwischen auch bei den Detektiven auftritt. In Peter Temples Buch Broken Shore (An Iron Rose, ein anderes Buch des Autors, hat ein ganz ähnliches Szenarium) hat Cashin, nach einem mißglückten Einsatz als homicide detective bei der Mordkommission Melbourne körperlich und seelisch erheblich lädiert, sich auf den Polizeiposten seines Heimatortes, einem kleinen Küstenflecks, versetzen lassen. Seine beruflichen Verpflichtungen sind kaum spürbar, vor allem anderen beschäftigt ihn der Wiederaufbau einer von seinem Großvater hinterlassenen einsamen Bauruine, eine Aufgabe, die seine Fähigkeiten im Grunde bei weitem übersteift, die er aber gleichwohl beharrlich verfolgt. Die Stelle des Federviehs bei Le Strange nehmen bei ihm zwei Königspudel ein. Der endgültige Übertritt ins Emeritenleben, eingemauert, ohne weitere Teilnahme an der Welt, hat sich bereits so gut wie vollzogen, als er dann doch in ein kriminalistisches Geschehen einbezogen wird, das der Autor mit viel Geschick aber gleichsam als Nebenhandlung präsentiert. Nur ein Schritt, nur ein Wimpernschlag der müden Augen, die nichts mehr sehen wollen, trennen den Detektiv vom säkularen Mönch.
Die offenliegenden Strukturen des Kriminalromans setzen verborgene Strukturen bei Sebald besser ins Licht. Der Kriminalroman ist ein legitimes Kind der Aufklärung. Die Wahrheit über das Verbrechen soll nicht länger durch ein Gottesurteil offenbart oder durch Folter erzwungen, sondern vom Detektiv mit dem Verstand eben: aufgeklärt werden. Aufklärung im philosophischen Sinn hat aber einen doppelten Sinn. Zum einen geht es um die Erhellung der Verhältnisse, mehr aber noch um die Erwartung, daß die geklärten Verhältnisse sich als klarer und heller erweisen, als zuvor vermutet, so als müsse das Licht alles, worauf es fällt, zum Guten verwandeln, als habe alles, was bislang im Dunklen lag, nur ungerecht beurteilt werden können, als habe jedes Vorurteil einen finsteren, jedes Urteil aber notwendig einen lichten Kern. Innerhalb dieses Erwartungshorizonts hätte dem Kriminalroman von Rechts wegen nur eine kurze Lebensdauer beschieden sein können, in einer gänzlich hellen Welt wäre ihm der Stoff ausgegangen. Offenbar aber ist der Vorrat an Dunkelheit unerschöpflich. Dem klassischen Detektiv war das nur recht, Holmes verfiel ohne zu lösenden Fall nach sehr kurzer Frist schon in Depressionen, Nero Wolfe war für seine aufwendige Haushaltung auf eine nicht abreißende Kette von Mandaten angewiesen. Immerhin, so konnte man glauben, wurde die Welt durch ihr Tun immer wieder für ein spürbares Stück zurechtgerückt. Dieses Gefühl ist den modernen Detektiven mehr und mehr abhanden gekommen und Sebald naturgemäß noch gründlicher. Von dem Kindheitstraum aber will auch er nicht lassen, dem Traum einer Welt, in der alles auf das beste geordnet war, so als setze sie sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit - ein Traum, der in all seiner Schlichtheit auch noch der elaboriertesten Erzählkunst zugrunde liegen kann, so als könne er hier, durch eine kleine Verschiebung nur, wahr werden. Viele, die das haltlos sich ausbreitende Dunkel spüren, versuchen, es durch Kriminalgeschichten notdürftig in Schach zu halten. Open up the tired eyes - aber nicht zu sehr.
Kommentar Winter
Jeder kennt die Wirkungen der Jahreszeiten auf das Gemüt, wenn sie sich auch bei den einzelnen höchst unterschiedlich sind. Einige verspüren viel, andere wenig, die einen macht der Sommer froh, andere der Winter. Hier spricht jemand, der in besonderem Maße dem Einfluß des Jahresverlaufs ausgesetzt scheint und den Winter als Leidenszeit erlebt. Daß er unaufhörlich durch unvollendete Selbstmorde stolpere, ist allerdings als absoluter Umstand vorausgeschickt, nicht durch die Winterzeit hervorgerufen, von ihr nur verstärkt. In der als glückhaft anzusehenden Kindheitserinnerung ist der Traum eines tiefen Winterschlafs, einer Art temporärer Leblosigkeit gestaltet. Im Frühjahr könnte nach übersprungener Zeit das Leben dann neu beginnen. Ganz so ist es nicht, aber immerhin, die Fenster und die Türen gehen auf und die gleiche Sonne und Luft dringt vom Garten aus in die Zimmer. Den Fluch des Lebens wird man nicht los, ist ihm aber für den Augenblick gewachsen.
April 1909
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