Mittwoch, 21. Dezember 2011

Liest Thomas Browne

The finall pyre of all things

Auf der linken Tafel tritt uns der heilige Georg entgegen. Zuvorderst steht er am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich über die Schwelle des mittelalterlichen Rahmens treten, der ihn noch gefangen hält. Von der glorreichen Erscheinung des Ritters geht etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein – sollte es nicht aller Erwartung nach das Morgenlicht der neuen Zeit sein? Schutzlos sind Nacken und Hals preisgegeben: Wir sehen, der Drachentöter hatte nie eine nachhaltige Chance, ebensowenig wir, die wir alle Hoffnung in ihn gesetzt hatten.


Zwei Augenblicke einer Welt im Lot beschwört Sebald in seinem Werk. Einmal den mythischen Augenblick, der seinem Namenspatron, dem heiligen Georg gelingt, vornehmlich in der bildenden Kunst. Zur Linken steht der heilige Antonius vor einem Saum dunkelgrüner Baumwipfel, er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang, rechts Georg im Licht, wie wir ihn gerade betrachtet haben. Die alte und die neue Welt scheinen einig, ein leichter Vorteil nur des Neuen, auf das sich in den kommenden Jahrhunderten vermehrt die Hoffnungen richten werden. Der zweite Augenblick ist der des alemannischen Gleichgewichts im frühen 19. Jahrhundert, am schönsten abzulesen bei Hebel und fortlebend als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, uns selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache ohne jeden literarischen Anspruch, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wer auf dem Dorfe lebt, morgens zum Bäcker geht und dort den Postboten und vielleicht den Fliesenleger trifft, dem mag es noch heute für einen Augenblick so scheinen, als sei in der Leselernfibel bereits alles Wichtige über die Welt und den Menschen gesagt worden.


Die Wahrheit aber ist wohl eine andere, das kühne Hervortreten des heiligen Georg aus dem Tableau des Mittelalters war nicht die Vorwegnahme eines endgültigen Austritts aus Unterwerfung und Unmündigkeit mithilfe der reinen nicht weniger als der praktischen Vernunft, der Schritt voran verliert sich schon bald wieder, wie der Blick auf das 17. Jahrhundert zeigt, dem sich die Ringe des Saturn besonders verpflichtet zeigen. Im Inhaltsverzeichnis ist den aufgezählten Zehn Teilen nach der Art barocker Dichter jeweils ein kleines Abstract beigegeben. Die Erzählung des Ersten Teils beginnt dann, ähnlich wie John Aubreys Erzählung seines eigenen Brief Life, mit einer astrologischen Betrachtung. Mit einer geringen Lautverschiebung – im Rahmen der insgesamt weitaus grundlegenderen und grauenhaften Verwandlung nicht weiter auffällig – wird der Wanderer Georg S. zum Käfer Gregor S. und schaut in dessen Gestalt zurück in die vergangene Zeit. Janine Rosalind Dakyns verwandelt sich in Dürers Engel der Melancholie. Spiralförmig über immer weitere Ringe des Saturn bewegt sich die Erzählung vom 17. Jahrhundert in den folgenden Teilen dann wieder bis in unsere Zeit, ohne daß Besserung zu verzeichnen wäre. Erster Gewährsmann für das 17. Jahrhundert ist Thomas Browne.

Brownes Vita wird vorgestellt, er erwirbt in Leiden den Grad eines Doktors der Medizin, und die Vermutung des Selysses geht dahin, er habe an der von Rembrandt im Bild festegehaltenen Anatomie des Dr. Tulp teilgenommen. Zweifellos handelte es sich bei dem in diesem Bild Dargestellten einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Das Mittelalter, der Drache, das geringelte, geflügelte Tier hat sich unbemerkt in die beginnende Neuzeit geschlichen. In diesem Zwischenreich tragen sich das Leben und die Schriften Brownes zu.

Zwei Stilideale identifiziert Sebald bei Browne und wiedererkennt sie als seine eigenen. Das eine sieht er in Verbindung mit Brownes Vater, dem Seidenhändler: to spin out. We are unwilling to spin out our thoughts into the phantasmes of sleep, läßt er wissen, um dann das Spinngeschäft am folgenden Morgen mit aller Sorgfalt wieder aufzunehmen. Als Schüler noch der unteren Klassen hatte Selysses gehofft, das Fräulein Rauch auf immer einspinnen und zu verstricken in ein Netzwerk von Zeilen und Zahlen, um dann im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar treten zu können. Herangewachsen zum Dichter spinnt Sebald, als sei er Browne’s Bruder, die Seitenfäden über alle Ringe des Saturn.

Das andere Ideal, irgendwie gegenläufig, möchte man meinen, ist das der Levitation. Zwar gelingt es Thomas Browne, unter anderem wegen dieser enormen Belastung nicht immer, von der Erde abzuheben, aber wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift selbst den heutigen Leser noch ein Gefühl der Levitation. Vielleicht ist es nicht nur eine Selbstspiegelung, sondern eine Projektion. Man liest, Browne baue labyrinthische, bisweilen über ein, zwei Seiten sich hinziehende Satzgebilde, die Prozessionen oder Trauerzügen glichen in ihrer schieren Aufwendigkeit: In Brownes bekanntestem Werk Urne Burial zumindest findet sich aber kein Satz, der in Umfang und Gestalt dem Beschriebenen auch nur irgend nahe käme, anders als verschiedene Sätze Sebalds. Der Satz, der in Austerlitz die Stadt vorstellt, die der Führer den Juden geschenkt hat, geht sogar noch weit über das genannte, bereits gargantuahafte Maß hinaus, muß aber auch eine Last tragen, die eigentlich nicht zu tragen ist.

Der Begriff der Levitation läßt aufmerken. Schwebte nicht Grünewalds heiliger Georg im Altarbild der Pfarrkirche von Lindenhardt eine Handbreit über der Welt und was ist die extravaganten Kopfbedeckung des Heiligen in Pisanellos Gemälde San Giorgio con cappella di paglia, über die sich zu wundern Selysses vorgibt, angesichts ihres gewaltigen Ausmaßes anderes als ein an am Kopf befestigtes Sonnensegel, das den hellen, leichten Ritter im Aufwind der Abendsonne schon im nächsten Augenblick deutlich über den fest am Boden stehenden Antonius erheben wird. Und was ist die von Benjamin bemerkte ätherische Flüchtigkeit der Prosa Hebels anderes als die Folge aufschwebender Satzgebilde.

Levitation ist ein stilistisches wie auch ein philosophisches Ideal. Als gelungen kann sie nur gelten, wenn, wie im Falle Brownes, schwere Fracht und Last mitgetragen wird. Auch der Drachen unter den Füßen des Ritters ist nicht so tot, daß er sich nicht jederzeit in den gewaltigen Sporen des Ritters verschlingen und verhaken könnte. Ballast abwerfen von der Last des Daseins allerdings müssen Dädalus und alle, die ihm gleich sein wollen, dann doch, bevor sie sich in die Luft wagen, am Boden können sie nichts als Außenseiter sein ohne schweres Gepäck, gelehnt lediglich an den Strom der Zeit, nicht einbeschlossen in den Kern des blind und taub sich fortwälzenden Prozesses.

Das Ideal der Levitation ist durchdrungen von christlicher Himmelfahrtsmetaphorik. Sebald hat sich in Gesprächen wiederholt als im üblichen Sinne ungläubig ausgewiesen, gleichzeitig aber auf dem metaphysischen Impetus der Literatur bestanden. Die einzigartigen, in der Kunst verwahrten metaphysischen Leistungen des Christentums waren ihm so selbstverständlich wie sie es für Blumenberg waren, und Bach konnte noch den Radikalnihilisten Cioran, nach dessen eigenem Bekenntnis, den Tod Gottes jederzeit vergessen lassen.


Das Feuer ist für Sebald, der unter dem Eindruck einer ständig und überall kombustierenden Welt steht und wiederholt ihr Ende in einem großen Brand beschwört, der stärkste thematische Bezugspunkt in Brownes Werk. Wie leicht es auch ist, einen Menschen zu verbrennen. Wenn tatsächlich die dem Isaak aufgeladene Bürde gelangt hätte für einen Holocaust, dann könnte jeder von uns den eigenen Scheiterhaufen auf seiner Schulter tragen, und ohnehin zeigt die Wintersonne an, wie bald das Licht erlischt in der Asche, wie bald uns die Nacht umfängt.

Browne ist nicht eingesperrt in den Ersten Teil der Ringe des Saturn, er hat vielmehr das letzte Wort im Buch. Als Sohn des Seidenhändlers hatte er, so wird vermutet, viel Sinn für die Sitte, im Haus eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder mit seidenem Trauerflor zu verhängen. Gesponnen aus dem endlosen Faden des Seidenwurms und gewebt zu einem federleichten, jedem Luftzug und Aufweind preisgegebenen Tuch, ein schönes Nichts vor dem kalten Antlitz des Todes.

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The night of time far surpasseth the day, and who knows when was the AEquinox? Weit länger währt die Nacht der Zeit als deren Tagespanne, und es weiß keiner, wann das Äquinoktium gewesen ist.

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