Donnerstag, 12. September 2019

Alpensakko

Seit an Seit


Literaturfreunde rätseln noch heute, was den Minister Piffl-Perčević an Bernhards Ansprache anläßlich der Verleihung des Staatspreises so verstört hatte, das er aus dem Saal gestürmt war, handelte es sich bei der Ansprache doch um eine metaphysische Wort- und Satzattacke, der eine Aussage nicht zu entnehmen war, es sei denn die, daß der Tod unwiderruflich ist. Aber vielleicht hatte gerade das Piffl-Perčević überwältigt und aus der Fassung gebracht, weil er aus eigener Kraft bislang so weit nicht hatte denken können. Die Verleihung des Staatspreises an Houellebecq jetzt ist ohne Eklat verlaufen, anschließend hat der Franzose gekleidet in ein Alpensakko den Vierkanthof in Ohlsdorf besucht, um Bernhard seine Reverenz zu erweisen. Wollte man Houellebecq in Deutschland einen ähnlichen Preis verleihen, könnte er das Alpensakko ein zweites Mal nutzen, um auch dem toten Dichter in W. seine Reverenz zu erweisen. Sebald hat aus seiner Vorliebe für Bernhard nie ein Hehl gemacht, seine Figur Le Strange könnte gut Seit an Seit mit Houellebecqs Figur Jed Martin gelebt haben, über den Gartenzaun hinweg hätten die beiden dann und wann freundliche Worte ausgetauscht, es hätte ihnen gutgetan.


Sonntag, 8. September 2019

Moderne Zeiten

Heiligenkandidat


In gewisser Weise ist es beruhigend, wenn Agamben mitteilt, am liebsten seien ihm die Bücher, die er gar nicht versteht. Was aber ist mit den abenteuerlichen Büchern, die man sofort versteht und dann immer wieder neu, immer anders und, Deo dante, immer tiefer?
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Der Dichter unterstützt insgeheim die Neigung seines Personals, den Beruf aufzugeben oder gar nicht erst zu ergreifen. Austerlitz war 1991 vorzeitig in den Ruhestand getreten. Bereyter, der geborene Melamed, hat den Lehrerberuf bis zur Versetzung in den Ruhestand ausgeübt, vielleicht ein Fehler, denn glücklich war er damit angesichts der äußeren Umstände und Rahmenbedingungen schon lange nicht mehr. Dr. Selwyn mußte, wie es heißt, im Jahre 1960 seine Praxis und seine Patienten aufgeben, der Grund wird allenfalls schemenhaft deutlich. Alec Garrard hat seinen Beruf als Landwirt so gut wie an den Nagel gehängt, schon ewig hat er keinen Traktor mehr gefahren, seit zwei Jahrzehnten widmet er sich mit wachsender Ausschließlichkeit dem Modellbau des Jerusalemer Tempels. Gleichzeitig aber vergällt der Dichter, der ja alles in der Hand hat, den Berufslosen die üblicherweise bevorzugte Freizeitbeschäftigung, indem er das von ihm so genannte Ferienvolk zum herausragenden Objekt seiner Verachtung macht, ob die Urlauber nun im Miniaturbähnchen durch die Felder fahren und an verkleidete Hunde oder Seehunde erinnern, ob sie gegen Mitternacht als eine einzige buntfarbene Menschenmasse sich nach Art einer Prozession durch die engen Gassen des zwischen den See und die Felswand eingezwängten Orts schieben, lauter Lemurengesichter, die, verbrannt und bemalt, unkenntlich wie hinter einer Maske, über den ineinander verschlungenen Leibern schwanken, oder ob sie in der Bahnhofshalle lagern in ihren Schlafsäcken auf Strohmatten oder auf dem nackten Steinboden, hingestreckt wie von schweren Krankheit. Arbeit und Urlaub, das sind die zwei Säulen im Leben des modernen Menschen, was bleibt ihm, wenn man ihm beides nimmt. Der Richter Farrar, nunmehr im Ruhestand, erinnert sich nur mit einem gewissen Entsetzen an das halbe Jahrhundert, das er in Anwaltskanzleien und Gerichtshöfen verbracht hat, und widmet sich ganz der der Zucht seltener Rosen und Veilchen. Ob das auf Dauer ohne ergänzende touristische Aktivitäten gereicht hätte, bleibt offen, denn bald schon kostet ihn der unsachgemäße Umgang mit einem Feuerzeug das Leben. 

Wenn der Dichter von der Berufswelt wenig und von Tourismus und Urlaub erkennbar gar nichts hält, ist das eine Aufforderung, die moderne Lebenssituation zu verlassen. Ein möglicher Ausweg führt zur Kunst. Sie wird nicht berufsmäßig ausgeübt wird. Jeder Arbeitnehmer bis hinauf zu den Vorständen hat Anspruch auf die Fünfunddreißigstundenwoche, wer länger arbeitet, sonnt sich nur im falschen Gefühl seiner Unersetzbarkeit. Aurach dagegen ist an jedem Tag der Woche vom Morgen bis zum Abend in seinem Atelier und vernichtet zuverlässig am Morgen das, was er tags zuvor zustande gebracht hatte. Das sieht nicht nach rationaler Berufsausübung aus. Das Reisen aus touristischen oder anderen Gründen ist Aurach nicht weniger fremd als der Gedanke an einen Beruf. An seiner Kunst zweifelt er zutiefst, das wahre Kunstwerk erkennt er in einem Traumbild, in dem Frohmann, gebürtig aus Drohobycz, auf dem Schoß ein winziges Modell des Jerusalemer Tempels hält. Das Tempelmodell ist für Aurach das, was für Bergotte und Proust der kleine gelbe Mauerfleck war: das unzugängliche Geheimnis des wahren Kunstwerks.

Auf seltsame Weise treffen sich Aurach der Kunstmaler und Garrard der Landwirt beim Tempel in Jerusalem. Der Tempel ist da, wenn auch nur als Miniatur, die Kirchen fehlen, kommen nicht ins Bild. Die Bahnhöfe seien die neuen Kathedralen, heißt es an einer Stelle, aber auch darüber ist die Zeit längst hinweggegangen. Dabei sind die Kirchen, wie wir alle wissen, sehr wohl und in großer Zahl vorhanden, die Dome und Kathedralen werden gepflegt und restauriert, und wenn sie niederbrennen, werden sie sogleich neu errichtet. Aber sie sind unsichtbar für das innere Auge, weil die Heiligen aus ihnen geflohen und, wie es scheint, verschwunden sind. Die Heiligen sind verschwunden und wiederum doch nicht. Der heilige Franziskus schwimmt einerseits mit dem Gesicht nach unten in einem Schilfbeet, andererseits hat er sich im stets von Vögeln und Federvieh umflogenen Major Le Strange reinkarniert. Der heilige Georg lebt weiter als der Zirkusartist Giorgio Santini und zugleich auch seinerseits in der Gestalt des Major Le Strange, dem Drachentöter von Bergen Belsen. Der Major, längst berufslos und ohne jeden Gedanken an eine Ferienreise, ist ein multipler Heiliger, der zusätzlich auch noch den heiligen Hieronimus beherbergt. Die heilige Katharina schreitet über die Sümpfe, ein kleines Modell des Rades, auf dem man sie gebrochen hatte, in der Hand, gleichzeitig lebt sie als Catherine Ashbury in Irland. So wie Turgenjew eine Adelsnest kennt, kennt der Dichter ein Heiligennest, die Ashburys. Sie sind ständig beschäftigt, ohne etwas zustande zu bringen, bauen Schiffe, die nie zu Wasser gelassen werden, verdienen mit all ihren Aktivitäten keinen Penny, der Gedanke andererseits, sich unter ein Ferienvolk zu mischen, ist ihnen so fern wie Anfang und Ende des Alls. Den Dichter reut es, nicht bei ihnen geblieben zu sein, um als Heiligenkandidat ihr immer unschuldiger werdendes Leben zu teilen.

Donnerstag, 5. September 2019

Stills

Selbstbedienung

Noch heute, so der Dichter, reue es ihn, die Einladung zur Teilnahme am Rahmenprogramm der Bregenzer Festspiele angenommen zu haben, in deren Zentrum eine Aufführung der Oper Nabucco stand. Unschlüssig ist er mit seiner Freikarte in der Hand auf dem Vorplatz herumgestanden, bis die letzten Besucher in den Eingängen verschwunden waren, unschlüssig, weil es ihm mit jedem vergehenden Jahr unmöglicher wurde, sich unter ein Publikum zu mischen; unschlüssig, weil er den Chor der verkleideten KZ-Häftlinge nicht sehen wollte. Das sogenannte Regietheater konnte ihn offenbar nicht verlocken. Dabei hatte er selbst bereits in sehr jungen Jahren eine Neigung zur Neugestaltung klassischer Stücke im Sinne des Regietheaters unter Beweis gestellt. Einen tiefen Eindruck hat in ihm die Aufführung der Räuber im Engelwirtssaal hinterlassen. Sicher ein halbes dutzendmal ist er in dem verdunkelten Saal unter der teilweise bis aus den Nachbardörfern herübergekommenen Zuhörerschaft gesessen. Immer hatte er damals in die Handlung eingreifen und die Amalia mit einem einzigen Wort darüber aufklären wollen, daß sie, um sich aus dem staubigen Kerker in das Paradies der Liebe zu versetzen, wie sie es sich doch wünschte, bloß die Hand hätte ausstrecken müssen. Es hatte ihm dann aber doch der Mut gefehlt, die Regie mit dem Ziel einer grundlegenden Neugestaltung des Stückes an sich zu reißen. Als er Jahrzehnte später auf der Bühne eines kleinen Liebhabertheaters in Berlin die Aufführung eines Dramenfragments von Jakob Michael Reinhold Lenz besucht, ist er in dieser Hinsicht gereift. Aber auch hier ist er in gewisser Weise kein gefügiger Zuschauer, denn mehr als das Drama selbst fesselt ihn die Darstellerin der Catharina von Siena, in der er, so will es ihm scheinen, Catherine aus der Sippe der Ashburys wiedererkennt.

Das wahre Verhältnis des gereiften Dichters zum dramatischen Theater wird uns mithin vorenthalten, umso mehr das zum Kinofilm. Als er in der Jugend eine kurze Phase der imaginären Amerikanisierung durchlebt, während der er streckenweise zu Pferd und streckenweise in einem dunkelblauen Oldsmobile die Vereinigten Staaten durchquert, könnte man als Auslöser zwei führende Genres des amerikanischen Films, den Western und das Road Movie, vermuten. Bestätigt wird das nicht, genannt wird allein Hemingway, der oft, aber nicht in diesem Sektor verfilmte Literat. Es gibt Hinweise, daß der Dichter über die Jahre kein allzu seltener Kinogänger war. Wie schon bei Lenz‘ Dramenfragment erinnern ihn Bilder aus den Filmen an Bilder in seinem Leben. So erkennt er die Trafikantin aus Fellinis Film Amarcord wieder in der Modistin Valerie Schwarz, die bei einer gleichermaßen geringen Körpergröße eine Brust von gleichermaßen gewaltigen Ausmaßen besaß. Auch Austerlitz hatte, als ein beinahe jugendlich wirkender Mann mit blondem, seltsam gewellten Haar, seinen filmischen Widerpart und zwar ausgerechnet in dem deutschen Helden Siegfried in Langs Nibelungenfilm. Lang und Fellini, hochrangige Regisseure von Weltruf, die als solche aber nicht gewürdigt werden. Der Dichter bedient sich des Films für die Kennzeichnung seines sozialen Umfelds, dazu bedarf es nicht des ganzen Films, keiner Szenen, keiner Takes, Stills reichen.

Dienstag, 3. September 2019

Ordensfrauen

Philanthropie

Angesichts der Vielzahl der Heiligen, die meisten längst wohlverwahrt beim Herrn, einige, man denke an die Ashburys, aber noch unter uns, würden die wenigen uns begegnenden Ordensschwester, wären sie nicht so unvergeßlich, kaum ins Gewicht fallen. Unvergeßlich ist die Franziskanerin, die, von großer Schönheit, während der ganzen Zugfahrt mit tiefen Ernst in ihrem Brevier gelesen hat. Unvergeßlich ist auch die Mathild. Unmittelbar vor dem ersten Krieg ist sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen, um nach einer kurzen Liaison mit den Betreibern der Münchener Räterepublik in ihr im Allgäu gelegenes Heimatdorf zurückzukehren. Dort hat man sie hinter ihrem Rücken eine rote Betschwester geheißen, was sie aber nicht sonderlich beeindruckt hat. Während die Englischen Fräulein oder auch Maria Ward-Schwestern mit der Ausbildung von Mädchen und Frauen eine gewisse Sonderstellung haben, verfolgen die Franziskanerinnen allgemein philanthropische Aufgaben, und so auch die Genossenschaft der Töchter der christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul, kurz Töchter der christlichen Liebe oder, noch kürzer, Vinzentinerinnen. Jacek Dehnel, der das Genre des Kriminalromans ein wenig resoluter angeht als der Dichter, läßt sie in Tajemnica domu Helclów (Das Geheimnis des Helcelhauses, es handelt sich um ein von den Ordensfrauen geleitetes Armenhaus und Altersheim) als Szarytki oder Siostry Miłosierdzia św. Wincentego erscheinen. Das Buch spielt gegen Ende des 19. Jahrhundert, als eine Szarytka im Straßenbid leicht an der weitläufigen Fledermaushaube erkennbar und die Habilitation für Frauen einfach war, sie mußten nur einen Lehrstuhlinhaber heiraten, und schon waren sie Frau Professor. Pani Professorowa Szczupaczyńska (in deutscher Übersetzung etwa: Hechtling), die Protagonistin des Buches ist eine seltsame Mischung aus Jenny Treibel und Ms Marple. Philanthropie war für die adligen Damen der bevorzugte Zeitvertreib und zugleich ein Distinktionsfeld im Sinne Bourdieus, den Ordensfrauen blieb nur die Aufgabe, das Spielfeld pfleglich bereitzuhalten. Auf dieses Spielfeld drängt mit aller Macht, sozusagen als Jenny Treibel, auch Pani Professorowa Szczupaczyńska, nicht ohne, aber doch mit mäßigem Erfolg. Erfolgreicher ist sie, als sich im Zuge einer Reihe mysteriöser Todesfälle im Dom Helclów ihr Persönlichkeitsschwerpunkt deutlich zur bislang in ihr nur schlummernden Marple-Seite hin verlagert. Die verschreckten Ordensschwestern können dagegen keinen nennenswerten Beitrag zur Verbrechensaufklärung leisten. Unvergeßlich sind sie alle nicht, am wenigsten Siostra Aniceta, die Leichenwäscherin, von der es heißt, daß sie geboren wurde und nun in ihrer persönlichkeitslosen Gestalt ausharren muß bis zum Tode.

Sonntag, 1. September 2019

Am Ziel

Unauffindbar

Angelangt am Ziel gehen die Reisenden auseinander, mit Erleichterung oder mit dem Gefühl der Vergänglichkeit, mit Selbstvorwürfen oder gar mit tiefer Verwirrung. Naturgemäß ist der Dichter erleichtert, als er in Kissingen aus dem Zug steigen kann, befreit von dem schrecklichen Brotzeitesser hat, der in einem fort seine unförmige Zunge wälzte, auf der sich noch Essensreste befanden, die Beine gespreizt, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Als er in Mailand auf dem Bahnsteig steht, sind die Franziskanerin und das Mädchen mit der bunten Jacke längst verschwunden, und eine Kostbarkeit wäre auf immer verloren, wenn der Dichter nicht aufgezeichnet hätte, wie sie dasaßen, die Schwester in ihr Brevier und das Mädchen nicht minder versenkt in einen Bilderroman, beide von vollendeter Schönheit, und man konnte nur den tiefen Ernst bewundern, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. Als aber die Winterkönigin in Bonn aussteigt, muß er sich ernste Vorwürfe machen, nur dumm und stumm dagestanden zu sein, nachdem sie ihr Gedicht aufgesagt hatte. Wertvolle Erkenntnisse waren für immer verloren und vielleicht noch anderes mehr. In Modena besteigt eine bella Signora den überfüllten Zug nach Finale, sie ist ebenso schön wie die Franziskanerin, das Mädchen mit der bunten Jacke, schön wie die Winterkönigin, und obendrein ist sie Witwe. Sie bietet einem offenbar verwundeten und kranken jungen Offizier, der sich kaum auf den Beinen halten kann, ihren Sitzplatz an. Bevor er zurückkehre an die Front, würde er gern ein bestimmtes Buch eines großen deutschen Dichters lesen, es sei aber, wie ja auch das Buch der Winterkönigin mit dem Titel Das böhmische Meer, nirgends zu finden. Die Signora verneint seine Frage, ob das Buch vielleicht in ihrer Bibliothek anzutreffen sei, wie aber kann sie da so sicher sein bei einer Bibliothek mit mehreren tausend Bänden. Die Signora verläßt den Zug ohne weitere Worte an der nächsten Station. Wie wird sie sich fühlen, wenn sie in den nächsten Tagen vom Tod dessen erfahren sollte, den sie aus Angst vor ihrer aufkeimenden Liebe zurückgestoßen hat. Un libro introvabile ist vielleicht die schönste Erzählung in Delfinis Buch Il ricordo della Basca, ein Buch voller Erzählungen, die von verlorener Liebe handeln, verloren wie Sand, der haltlos durch die Finger rinnt, Finger einer Hand, die sich nicht schließen läßt.

Dienstag, 27. August 2019

Heiligkeit

Einst und jetzt

An der Heiligkeit der frühen Heiligen ist nicht zu zweifeln, sie sind kanonisiert, das nach Jahrhunderten zu messende Alter spricht für sie und mehr noch die Bilder. Nehmen wir den Patron der Herden, Hirten und Aussätzigen, den heiligen Antonius. Er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang. In der Hand hält er eine Schelle. Ein zahmer, zum Zeichen der Ergebenheit ganz an den Boden geduckter Eber liegt ihm zu Füßen. Sicher und unverrückbar steht er da in seiner Heiligkeit. Ein Sonderfall ist ohne Frage der heilige Georg. Schon bei Grünewald schickt er sich an, über die Schwelle des Rahmens und damit aus der Gemeinschaft der Heiligen heraustreten. Nicht ohne Grund schaut der heilige Antonius daher mit strengem Blick auf die glorreiche Erscheinung des Ritters, der ihm gerade gegenübergetreten ist und von dem etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Das Weltliche gewinnt immer mehr die Oberhand, bis in die Neuzeit, in der Georg unter dem Decknamen Giorgio Santini den Beruf eines Hochseilartisten ausübt. Die Eskapaden haben ihm nicht geschadet, er ist nach wie vor einer der beliebtesten Heiligen und macht in seiner reformierten Erscheinung vor allem Mut, was die Heiligkeit in diesen unseren Tagen anbelangt. Die unlängst frisch Kanonisierten allerdings können kaum überzeugen, zu alltäglich und banal starren uns ihre Photographien an, und auch ein auf dem Kopf stehendes Bild von Baselitz brächte die Heiligkeit nicht zuverlässig zum Ausdruck. Der Dichter beobachtet das nichtkanonisierte Heiligwerden der Ashburys denn auch ohne Bildbeigabe, jeder mag sich nach eigenem Vermögen vorstellen, wie Mrs. Ashbury bei ihrer nur halb gelungenen Himmelfahrt im Plafond steckenbleibt. Die Heiligkeit ist im übrigen ein frühes Feld der Gleichberechtigung, die heiligen Frauen nicht weniger bedeutend als die heiligen Männer, man denke an die heilige Thekla, an die heilige Teresa von Avila, Ciorans Liebling, und alle überragend, eigentlich schon nicht mehr heilig, sondern göttlich, die Mutter Jesu, Madre de Dios, Mam Duw. Grundsätzlich der Heiligkeit verdächtig sind die Ordensschwestern, so auch die Franziskanerin im Zug nach Mailand. Die Schwester las ihr Brevier, das buntgekleidete Mädchen ihr gegenüber, nicht minder versenkt, einen Bilderroman. Von vollendeter Schönheit waren sie beide, abwesend und anwesend zugleich, und zu bewundern war der tiefe Ernst, mit dem sie jeweils die Blätter umwendeten. In der schönen Eintracht von Nonne und Weltkind findet sich die vom heiligen Georg geprägte Verbindung von Heiligkeit und Weltlichkeit wieder. Photos der beiden Schönen bleiben uns mit Bedacht vorenthalten, ihre Schönheit erwächst aus den Worten. Bei der Mathild Seelos sind keimende Heiligkeit und Weltlichkeit in eine zeitliche Abfolge gebracht. Unmittelbar vor dem ersten Krieg ist sie in das Regensburger Kloster der Englischen Fräulein eingetreten, hat das Kloster aber noch vor Kriegsende unter eigenartigen Umständen wieder verlassen und einige Monate lang, in der roten Zeit, in München sich aufgehalten. Zur Synthese kommt es dann in ihrer Bibliothek, neben zahlreichen religiöse Werke spekulativen Charakters, Gebetsbücher aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert mit zum Teil drastischen Abbildungen der uns alle erwartenden Pein finden sich, mit den geistigen Schriften vermischt, Traktate von Bakunin, Fourier, Bebel, Eisner, Landauer sowie der biographische Roman von Lily von Braun. Ihr Leben gleicht fortan dem einer säkularen Privatordensfrau, ob das zur Heiligsprechung reicht, ist fraglich, Heiligsprechung aber ist auch nicht angestrebt.

Freitag, 23. August 2019

Harry Morgan

Kein Modell
Der Umstand, daß der Dichter sich nicht als Hemingway-Double eignet, befreit in seiner Evidenz den Leser von der Aufgabe, die kurze Bemerkung weiter auszumalen, wonach die Bemühungen, im sechzehnten oder siebzehnten Lebensjahr die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an sich auszubilden von vornherein zum Scheitern verurteilt waren. Nachdenklich mag den Leser aber die Angabe stimmen, gerade Hemingway habe die wenn auch nur kurzfristige Amerikabegeisterung des jugendlichen Dichters beflügelt, sehen wir Hemingways Helden doch kaum je in den USA und vielmehr in Afrika, in Paris, in Spanien, in Italien, im Schwarzwald auch und in der Karibik. Harry Morgan, der Protagonist des Romans To Have and Have not, den man mit guten Gründen anderen Romanen Hemingways vorziehen mag, ist mit Wohnsitz auf den Florida Keys und somit in den USA gemeldet, benutzt aber weder das Auto noch das Pferd, Reisemittel, mit denen der junge Dichter sich unterwegs in den USA sieht, und ist vielmehr zum Broterwerb mit dem Boot in notgedrungen dunklen, hochgefährlichen und letztendlich tödlichen Geschäften zwischen Kuba und den Keys unterwegs, offen- sichtlich kein Modell für die Reise- und Landerkundigungsabsichten des jugendlichen Allgäuers.