Montag, 12. März 2012

Colonel Chabert

Kernung

1817, ein unbekannter Mann im Anwaltsbüro des Herrn Derville sucht um einen Termin nach. Mit seinem altmodischen Mantel und seiner schmutzigen Krawatte, bleich und hungrig, gleicht er mehr einem Toten als einem lebenden Mann. Er solle doch um 1 Uhr morgens wiederkommen, sagt ihm der Sekretär und fragt ihn noch nach seinem Namen. Chabert, antwortet der Mann. Der bei Eylau gefallene Oberst? Derselbe, antwortet Chabert und geht. Der junge und brillante Rechtsanwalt Derville ist bereit, die Geschichte des Mannes anzuhören. Der berühmte Oberst Chabert war einst Napoleons beliebtester Kommandeur, der Retter der Schlacht von Eylau in Ostpreußen im Jahre 1807. Chaberts Regiment führte eine Kavallerieattacke gegen den russischen Vormarsch und konnte das Blatt für Napoleon wenden. Chabert selbst wurde mit einem Säbel auf den Kopf getroffen und unter seinem Pferd begraben. Man warf ihn zusammen mit Tausenden weiterer Gefallener dieser blutigen Schlacht in ein Massengrab. Begraben tief unten in dem Massengrab, erlangte der Oberst sein Bewußtsein wieder und arbeitete sich langsam und qualvoll durch die verwesenden Körper nach oben. Nach seiner Rettung durch eine arme Bauernfamilie, schwebte er monatelang zwischen Tod und Leben. Als er wieder im Vollbesitz seiner Sinne war, beschloß er, im fernen Frankreich seine Todesanzeige rückgängig zu machen und seinen Namen und Eigentum zurückzufordern. Aber die offizielle Gesellschaft hatte keinen Bedarf für einen toten Soldaten. Nur die armen und früheren Kameraden halfen ihm, als er ohne einen Sou und namenlos herumirrte. Wie Odysseus wanderte er zehn Jahre lang umher. Aber anders als Odysseus' Frau Penelope war Chaberts Frau ihm nicht treu geblieben. Sie ließ seine Briefe zurückgehen, bezeichnete sie als gefälscht und ihn als Betrüger. Graf Chabert hatte die ehemalige Straßendirne in den Status einer Gräfin gehoben, und als er tot gemeldet wurde, nutzte sie sein Vermögen und seine Ländereien, um in die Aristokratie einzuheiraten. Sie wurde dazu von Napoleon ermutigt, der an einer Versöhnung zwischen den neuen Elementen, die die Revolution nach oben gebracht hatte, und der alten Aristokratie interessiert war. Derville ist der erste der nach-napoleonischen Gesellschaft, der es wagt, den Oberst offiziell anzuerkennen. In einer der bewegendsten Szenen des Buchs wagt sich der Anwalt Derville in die Slums von Saint Marceau, das ärmste Viertel am Rande von Paris. Er fährt mit seiner Kutsche durch die schmutzigen, holprigen Straßen und kommt an einem baufälligen Gebäude an, vollständig zusammengezimmert aus Baumaterial, das man anderswo in der Stadt abgetragen hat. Hier haust Chabert zusammen mit Kühen, Ziegen, Kaninchen und einer verarmten Familie eines früheren Regimentssoldaten mit dem Namen Vergniaud. Der Oberst lebt in einem einzelnen Zimmer mit schmutzigem Boden und Strohbett. Derville ist schockiert. Wie kann Chabert - der Mann, der den Sieg der Schlacht von Eylau entschieden hat - so leben? Ich habe niemandem Unrecht getan, habe niemals jemanden von mir gewiesen und schlafe ruhig, so Chabert. Derville verabschiedet sich und fährt zum feinen aristokratischen Bezirk Faubourg Saint-Germain, wo sich der Graf und die Gräfin Ferraud mit Chaberts Vermögen ein luxuriöses Haus gebaut haben. Um die Karriereleiter hochsteigen zu können, engagiert Graf Ferraud einen korrupten Sekretär namens Delbecq, einen früheren Anwalt, versiert in kriminellen Aktivitäten. Die Gräfin läßt den Sekretär ihres Mannes nicht aus dem Auge. Skrupellos hat dieser Schurke die Schwankungen an der Börse und die steigenden Vermögenswerte in Paris während der Restauration ausgenutzt und war damit in der Lage, das Vermögen der Gräfin innerhalb von drei Jahren zu verdreifachen. Doch nun, inmitten ihres Triumphes, hat die Gräfin ein moralisches Leiden überfallen. All ihr Reichtum kann die Tatsache nicht verdecken, daß sie keinen sozialen Status hat. Ihre niedere Herkunft steht dem Pairsrang für ihren Gatten im Wege. In einer verhüllten Drohung spricht Graf Ferraud über die Scheidung zwischen Talleyrand und seiner Geliebten, die der berühmte Minister 1802 auf Geheiß von Napoleon geheiratet hatte. Welche Frau könnte solch einen Ausdruck des Bedauerns verzeihen, der den Keim ihrer eigenen Zurückweisung in sich trägt? Und wenn nun bekannt würde, daß der erste Mann der Gräfin noch am Leben ist? Sie muß ihn um jeden Preis besiegen! Balzac verleiht Derville die Rolle eines Kommentators und Schlichters der neuen Gesellschaft. In Balzacs Geschichten wimmelt es von guten und schlechten Anwälten. Abgesehen von den Juristen als Romangestalten bildet die Justiz auch den Rahmen, innerhalb dessen die neue Gesellschaft verstanden werden kann. Menschliche Beziehungen werden durch Gesetze, Verträge und unmenschliche Bindungen ersetzt, und Gerechtigkeit für die Armen besteht in Kriminalisierung und ständiger Gefangenschaft. Im Verlauf der Geschichte wird der Wunsch nach Rehabilitierung seitens des Obersten durch grausame Intrigen der Gräfin zerstört. Sie fühlt, daß der Oberst sie immer noch liebt, und lotst ihn in ihren Landsitz, umsorgt ihn dort liebevoll, erweicht sein Herz mit der Anwesenheit ihrer kleinen Kinder und versucht, eine Unterschrift unter Papiere zu erschleichen, in den der Oberst auf seinen Namen Chabert verzichtet. Am Ende revoltiert Chabert und rennt mit Verachtung fort, ohne die falschen Papiere unterzeichnet zu haben, aber auch ohne einen einzigen Pfennig seines Vermögens von seiner Frau zurückzuerhalten. Als Vagabund wird er in das ständige Gefängnis für Landstreicher Saint Denis eingeliefert, aber einige Zeit später trifft Derville Chabert noch einmal. Wie, sagt Derville überrascht, haben Sie nicht eine Rente für sich ausbedungen? Ich bin unversehens von einer Krankheit befallen worden, dem Ekel vor der Menschheit, antwortet Chabert. Wenn ich denke, daß Napoleon auf Sankt Helena ist, so ist mir alles hier gleichgültig. Zwanzig Jahre später, in der Nähe des schrecklichen Altersheims von Bicêtre, in dem geisteskranke, straffällig gewordene und verarmte alte Leute unter fürchterlichen Bedingungen des Hungers zusammengepfercht werden, trifft Derville ein letztes Mal den früheren Obersten Chabert, inzwischen ein gebrochener und geistig verwirrter alter Mann. 
(Die Zusammenfassung des Colonel Chabert, hier erheblich gekürzt, stammt von Christian Wirth, vollständig dort im Lexikon der fiktiven Namen unter Colonel Chabert
 
Eines Morgens waren mir aus irgendeinem Grund die fünfundfünfzig karmesinroten Bände in dem Bücherschrank in der Šporkova in den Sinn gekommen und ich habe mit der Lektüre der mir bis dahin unbekannten Romane Balzacs begonnen, und zwar mit der Geschichte des von Vĕra erwähnten Colonels Chabert, eines Mannes, dessen ruhmreiche Laufbahn im Dienst des Kaisers abbricht auf dem Schlachtfeld von Eylau, als er von einem Säbelhieb getroffen bewußtlos aus dem Sattel zu Boden sinkt. Jahre später, nach einer langen Irrfahrt durch Deutschland, kehrt der sozusagen von den Toten auferstanden Obrist nach Paris zurück, um sein Anrecht auf seine Güter, auf seine inzwischen wiederverheiratete Gemahlin, die Comtesse Ferraud und auf seinen eigenen Namen anzumelden. Gleich einem Gespenst steht er vor uns in dem Bureau des Advokaten Derville, ein alter Soldat, vollkommen ausgetrocknet und abgemagert, wie es an dieser Stelle heißt. Die Augen scheinen überzogen von einem halb blinden, perlmuttartigen Glanz und flackerten unstet wie Kerzenlichter, Sein messerscharf geschnittenes Gesicht ist bleich, um den Hals gebunden trägt er eine schäbige Krawatte aus schwarzer Seide. Je suis le Colonel Chabert, celui qui est mort à Eylau, mit diesen Worten stellt er sich vor und erzählt dann von dem Massengrab (einer fosse des morts, wie Balzac schreibt), in das man ihn am Tag nach der Schlacht zusammen mit den anderen Gefallenen geworfen hat und wo er schließlich wieder zu sich kommt, wie er berichtet, in einer äußersten Schmerzensempfindung. J’entendis, ou crus entendre des gémissements poussés par le monde des cadavres au milieu diquel je gisais. Et quoique le mémoire de ces moments spit bien ténébreuse, quoique mes souvenirs soient bien confus, malgré les impressions de souffrances encore plus profondes que je devais éprouver et qui ont brouillé mes idées, il y a des nuits où je crois entendre ces soupirs étouffées. Die Lektüre, so Austerlitz, bestärkte mich gerade in ihren kolportagenhaften Zügen in dem in mir von jeher sich rührenden Verdacht, daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben.
(Austerlitz’ Zusammenfassung des gleichen Buches)
Daß Sebald zu Balzac ein besonders enges Verhältnis hatte, ist schwer vorstellbar, er übergibt zu diesem Autor das Wort an Austerlitz, den wir ansonsten kaum mit schöner Literatur beschäftigt sehen. Es sind denn auch eher außerliterarische, nämlich sentimentale Gründe, die ihn zu Balzac und konkret zum Colonel Chabert greifen lassen: die Erinnerung an die fünfundfünfzig kleinen karmesinroten Bände der Comédie humaine im verglasten Bücherschrank von Vĕra Ryšanová. Die Comédie steht als mächtiges, unendlich verzweigtes Monument des neunzehnten Jahrhunderts vor unseren Augen, immer wieder stößt man auf Stellen von großer Kraft und Schönheit, insgesamt aber ist sie aufgrund dessen, was Austerlitz im Auftrage Sebalds einigermaßen nachsichtig ihre kolportagenhaften Züge nennt, für den modernen, hochempfindlichen gastrointestinalen Trakt nur mehr schwer verdaulich*. Es ist denn auch, als habe Austerlitz den Text hinter einem feinen Schleier gesehen, wodurch die Sätze verblaßten und das Gewicht der Themen und Handlungsstränge ihm vor den Augen zerging.

Während in Ch. Wirths Nacherzählung, mehr noch in der vollen Fassung, die Proportionen des Romans sehr gut erkennbar bleiben, kann davon bei Austerlitz’ Bericht nicht die Rede sein. Ein feiner Schleier kann, so ist bald klar, für die Veränderungen nicht hingereicht haben, kräftigeres Handwerkszeug war nötig. Im Bauwesen spricht man von Entkernung und meint damit die vollständige Zerstörung eines Gebäudes bei Verschonung der als erhaltenswert angesehenen Fassade. Hier haben wir es mit dem entgegengesetzten Vorgang zu tun, die gesamte Erzählfassade ist fort- und abgerissen, man könnte, wenn es den Gegenbegriff denn gäbe, von Kernung sprechen. Chaberts Frau tritt ohne viel Erklärung und mit großer Selbstverständlichkeit als Comtesse Ferraud in Erscheinung und wenig spricht dagegen, daß sie bald schon zu ihm zurückkehrt auf seine Güter, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß sie dort die Mahlzeiten mit ihm gemeinsam, aber unter Wahrung absoluten Schweigens einnehme. Der Graf und Delbecq werden erst gar nicht erwähnt, Vergniaud ebensowenig. Es ist dabei keineswegs der Kern des Buches, der freigelegt zutage tritt, sondern ein abgelegner Nebenkern, auf den außer Austerlitz so schnell niemand gekommen wäre, Balzac am allerwenigsten: daß die Grenze zwischen dem Tod und dem Leben durchlässiger ist, als wir gemeinhin glauben. Andere Kerne wären denkbar gewesen. Wenn wir in Ch. Wirths Wiedergabe lesen: Ich bin unversehens von einer Krankheit befallen worden, dem Ekel vor der Menschheit, antwortet Chabert -, so hätte man das als den freizulegenden, Sebald nicht fernliegenden Kern erwarten können, mutmaßt doch etwa Mme. Landau, Bereyter hätte die ihm in tiefster Seele zuwideren Einwohner des elenden S. am liebsten zerstört und zermahlen gesehen. Bei Cosmo Solomon und auch bei Le Strange möchte man eine ähnliche Gemütslage vermuten, obwohl man keinen tatsächlichen Einblick in ihre Psyche hat. Keiner der drei, wenn er sich denn äußerte, würde aber wohl von Ekel vor der Menschheit sprechen, die Empfindungen sind zu unklar, und zudem liegt bei ihnen keine individuell zurechenbare Schuld eines ihnen nahestehenden Menschen als Auslöser der seelischen Niedergeschlagenheit vor, gemäß dem allgemeinen Befund, bei Sebald sei viel Klage und wenig Anklage zu finden.

Manch einer wird Austerlitz’ kleine Erzählung vom Colonel Chabert, die in ihrer Eleganz der Korsikaerzählung La cour de l’ancienne école nahekommt, Balzacs deutlich ausführlicherem Bericht vorziehen. Sebald hat wiederholt seine Nähe zur Prosa des neunzehnten Jahrhunderts erwähnt, dabei aber vor allem Autoren des heimatlichen Umfeldes wie Gottfried Keller gedacht und an Balzac vielleicht am allerwenigsten. Der Unterschied zwischen Balzacs originalem Roman und der gerafften Fassung des von Sebald beauftragten Austerlitz gibt ein ungefähres Maß der Distanz zwischen den beiden Autoren. Austerlitz’ Straffung des Originals unterliegt keiner erzählerischen Willkür. Offensichtlich ist der freigelegte Kern, die unscharfe Grenze zwischen Leben und Tod, in hohem Maße sebaldgemäß und mit den unzuträglichen kolportagenhaften Zügen muß auch der Stoff weichen aus dem sie sind, die Intrige im engeren und im weiteren Sinne, und mit der Intrige im engeren Sinn wiederum deren Antriebaggregate: Macht, Geld und sexuelles Begehren. Wenn all das entfällt, bleibt von Balzac wenig, gerade noch die von Austerlitz herausgefilterte Essenz. Bei Sebald hingegen ist damit erst der Boden für das Erzählwerk vorbereitet. In seinem gesamten Werk sind diese Dinge aus dem Fokus herausgenommen und an den Rand gedrängt, anders ließe sich sein erstes poetologische Anliegen nicht einlösen, allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen.

Daß er Intrigen im weiten Wortsinn (Handlung) und umsomehr im engen (Kabale) vermeidet ist eine von Sebald selbst immer wieder bestätigte Tatsache. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist Le Strange, der sich für ein Jahrzehnte dauerndes einförmiges und ereignisloses Leben einrichtet, sein bevorzugter Held. Wenn sich im Fall von Adela Fitzpatrick die Andeutung einer Intrige in Gestalt der Verehelichung mit einem Entomologen anbahnt, so nur um sie vom weiteren Verlauf des Buches auszuschließen.

Mit Intrige und Handlung entfallen, wie schon angedeutet, Macht, Geld und sexuelles Begehren als handlungstreibende Elemente. Die in Sebalds Büchern auftretenden Personen lassen sich in drei Gruppen ordnen, die einfachen Menschen, die flüchtigen Bekanntschaften, vor allem Mitreisende und Empfangsdamen, und die eigentlichen Sebaldmenschen, die Mitglieder der Compagnia. Weder in der jeweiligen Gruppe, noch gruppenübergreifend bestehen zwischen ihnen Machtverhältnisse, jedenfalls keine, die thematisiert und für den Leser erkennbar wären. Das Phänomen der Macht ist dabei keineswegs abwesend im Werk, ganz im Gegenteil, gleich die lange Eingangspassage von Austerlitz etwa ist ihren steingewordenen Monumenten, den Festungen und Justizpalästen gewidmet. Auch der bewaffnete Arm der Macht, die Gewalt, fehlt keineswegs, die Idee, in Sebald den Prime Speaker des Holocaust zu sehen, hätte sonst nicht aufkommen können. Der Völkermord im Kongo kommt gleich als nächstes in den Sinn, die Massaker in Jugoslawien, Sägen und Säbel, Äxte und Hämmer und eigens in Solingen zum Halsabschneiden gefertigte, an den Unterarm zu schnallende Ledermanschetten mit feststehenden Messern waren, nebst einer Art von primitiven Quergalgen, an welchem die zusammengetriebenen volksfremden Serben, Juden und Bosniaken reihenweise wie Krähen und Elstern aufgehängt wurden, waren die bevorzugten Hinrichtungsinstrumente. Ständig präsent ist die brutale Machtausübung des Menschen gegenüber der Natur. Macht und Gewalt werden aber nicht ausgeübt zwischen anwesenden Personen im Buch. Die zwei bedrohlichen Gestalten, die Selysses durch Oberitalien verfolgen, bleiben anonym, und die ausgeschämte Bedienerin, die ihm im Innsbrucker Bahnhof auf das bösartigste das Maul anhängt, wird nicht handgreiflich und hat auch keine Macht über ihn.
Das Geld ist, gemessen an seiner objektiven soziologischen Bedeutung, deutlich unterrepräsentiert. Wir kennen nicht die Zimmerpreise der Hotels, in denen Selysses übernachtet, nehmen an und sind einigermaßen sicher, daß er die Hotelrechnungen ordnungsgemäß begleicht, sehen aber kaum je die Quittung. Nur über den Zahlvorgang bei einem Restaurantbesuch in Verona werden wir genauer informiert: Ich lege 10 000 Lire auf den Teller, raffe die Zeitung zusammen, stürze auf die Straße hinaus. Wir erleben Geld und Reichtum als Objekt der Vernichtung (Cosmo Solomon), es bleibt ungenutzt (Le Strange) oder wird mißachtet (Aurach), alles Formen monetären Umgangs, die dem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts weit näher stehen als dem französischen und zumal, um auf ihn zurückzukommen, den Romanen Balzacs.

Mit dem Dröhnen sexueller Betätigung bei Updike, Philip Roth und vielen anderen im Ohr, sind die feinen erotischen Melodien in Sebalds Werk kaum wahrzunehmen, am schönsten die der beiden naturgemäß scheiternden Heiratsversuche in den Schwindel.Gefühlen, zunächst der mit dem Lehrerfräulein Rauch und dann der mit der Wirtin Luciana Michelotti. Auch geladene Gäste haben sich dem Ton des Hauses anzupassen. Kafka, den wir aus seinen Tagebüchern als Bordellgänger kennen und der den Landvermesser und Frieda unter dem Schanktisch in einer Bierpfütze hat kopulieren lassen, tritt als Theoretiker der körperlosen Liebe auf; dem hochaktiven Stendhal verursacht die leichte Krümmung eines Ringfingers am Gipsabdruck der linken Hand Emotionen von einer Heftigkeit, wie er sie bislang noch nicht erfahren hatte, und die längste Zeit verbringt er in Begleitung der wunderschönen, von ihm aber nur erdachten Mme Gherardi; der, nach allem was man hört, hyperaktive Casanova schließlich ist zunächst in den Bleikammern des Dogenplastes an der Ausübung gehindert und dann, in Dux, bereits jenseits der Lust, das schüttere Haar schwebt als Zeichen gewissermaßen der Auflösung seiner Körperlichkeit wie ein kleines weißes Wölkchen über seinem Haupt.

Sebald hat im Zentrum seiner Prosa, dort wo sich bei Balzac die Intrigen verschlingen, einen weiten handelsfreien Platz angelegt, eine in Schönheit gestaltete Agora. Ohne die Schutzhülle der Betriebsamkeit aber sind die Bewohner den tödlichen Strahlen des Alls, dem Leid der Welt ausgeliefert und zu nicht geringem Teil den Untröstlichen zuzurechnen. Die Vier langen Erzählungen sind vier Erzählungen von Suizidanten. Der Leser seinerseits, sofern er über ausreichende Schutzbekleidung verfügt, genießt die Freiheit der Bewegung und die Klarheit der Luft, nicht immer ohne jedes Schuldgefühl angesichts seiner privilegierten Stellung.

*Witold Gombrowicz etwa bekennt in seinem Tagebuch, daß er Balzac, bei allem Respekt vor seiner Größe, nicht zu lesen vermag.

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