Mittwoch, 9. September 2009

Sebaldos: Max Aurach

Ein Dialog

Περεκράτης
Nun hast Du, Χριστιανος, auch die Erzählung des Σεβαλδος vom Max Aurach bereits verschlungen und etwas Neues darin entdeckt.



Χριστιανος
In der Geschichte des Malers Aurach wendet Σεβαλδος erstmals für alle Leser erkennbar die Methode an, nur aus einer einzigen, ihm vollkommen fremden Quelle eine eigene Geschichte zu entwickeln. Während das fiktive Tagebuch des fiktiven Onkels Ambros noch durch Geschichten aus der eigenen Familie ergänzt wird, stehen die Aufzeichnungen der Mutter des Malers für sich allein. Sie bilden ganz auf sich gestellt und phasenweise auch wohl wörtlich zitiert eine eigenständige Erzählung.

Περεκράτης
Wobei, wie Du völlig zu Recht ausführst, die Geschichte der Luisa Lanzberg, ihr Tagebuch, in der Erzählung vom Max Aurach offen zutage liegt, während später die Geschichte der Susi Bechhöfer nur ein untergründiger Keim für das Έπος vom Austerlitz ist.

Χριστιανος
Die Geschichte von Luisa Lanzberg nimmt am Ende 39 Seiten der insgesamt 138 Seiten der Auracherzählung ein und wird danach noch durch einen Bericht über eigene Recherchen des Σεβαλδος im Heimatort der Luisa ergänzt. Beim Lesen habe ich mich gefragt, welche Absicht hinter der Wiedergabe der Geschichten des jungen Mädchens steht. Manchmal wirkt sie wie eine Bildersammlung aus dem Bürgertum, etwa so, wie man es von Kempowski kennt, allerdings sehr viel unschuldiger und absichtsloser erzählt. Für Σεβαλδος könnte sie, wenn die Aufzeichnungen tatsächlich aus der Familie des berühmten Malers Frank Auerbach stammen, allein schon deshalb von Interesse sein, weil sie Hinweise auf die Quellen seiner rätselhaften Lebensleistung geben könnte. Möglicherweise hat Σεβαλδος auch vorausgesetzt, daß seine Leser in jedem Fall an einem jüdischen Lebenslauf in Deutschland interessiert sein würden, der, wie man vorher weiß, im Holocaust endet.
Beides – das Interesse an Hintergrundwissen zu Auerbach oder die Anteilnahme an einem jüdischen Schicksal – reicht aber nach meinem Eindruck nicht aus, um die Geschichte der Luisa wirklich lesenswert zu machen. Mir ging es jedenfalls so, daß ich erstmals nach Beginn meiner zweiten Lesereise durch die Bücher des Σεβαλδος versucht war, einige Seiten zu überschlagen. Was interessiert mich die Aufzählung der Namen des Bäckers, des Schächters, des Mehlhändlers, des Kaufmanns von Steinach bei Bad Kissingen?

Περεκράτης
Deine Geringschätzung der Tagebucheintragungen der Luisa Lanzberg mag Dein feines Prosagefühl bestätigen, denn es ist in der Tat kein echter Σεβαλδος, der hat, wie ich einst bei einem Gelehrten nachlesen konnte, das originale Tagebuch nur sehr geringfügig retouchiert. Aber auch der Kempowski, den Du anführst, hat ja in weit größerem Umfang noch, man denke nur an sein monumentales Echolot, unveränderte Zeitzeugentexte veröffentlicht. Natürlich fehlt den Aufzeichnungen der Luisa Lanzberg die Dichte und das surrealistische Leuchten der Reiseaufzeichnungen des Ambros Adelwarth, ich lese sie aber gern als ein anrührendes Denkmal einer einfachen, freundlichen und verbrecherisch vernichteten Welt.
Gern weise ich ja immer wieder auf die poetologische Selbstspiegelungen des Σεβαλδος im Maler Pisanello hin, wenn er an ihm rühmt, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird. Da mag den Σεβαλδος gerade die Schlichtheit des Berichts der Luisa Lanzberg angesprochen haben. Der Dichter kann noch einen Schritt weiter gehen als der Maler in der Berücksichtigung auch des Geringsten, da für die Sprache die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, anders als für das bildlich Dargestellte, kaum eine Bedeutung hat, die Vergangenheit also gleichberechtigt neben der Gegenwart stehen kann.

Χριστιανος
Dennoch, mir erscheint viel eindrücklicher das zu sein, was die Ereignisse in Deutschland im Denken und Fühlen des früh als Kind nach England geretteten Sohns der Luisa bewirken. Als die Briefe von zu Hause 1941 seltener werden und schließlich ganz abreißen, reagiert der in einem Internat lebende Junge erleichtert, auf eine mir selbst sträflich erscheinende Art. Später versucht er sich, gegen das Leid der Eltern und auch gegen das eigene Leid zu immunisieren, nur um zu erleben, daß die tiefe Wurzel des Unglücks ein giftiges Blätterdach über sein Leben wölbt und es verdunkelt.
Erneut zeigt sich Sebald nicht an dem Leid interessiert, dessen Ursachen man benennen, dessen Verantwortliche im politischen Bereich man namhaft machen kann. Die Geschichte Aurachs ist keine Holocaustliteratur. Sie erzählt von den verschiedenen Facetten eines größeren, allgemeineren Leidens, dem möglicherweise niemand entkommen kann.

Περεκράτης
Auch ich verwende mich ja immer wieder dafür, in dem Σεβαλδος keinen Holocaustdichter zu sehen, gleichzeitig aber darf man nicht daran zweifeln, daß der Holocaust ihm das hellste und schrecklichste Höllenfeuer seines Jahrhunderts gewesen ist.

Χριστιανος
Im Atelier des Malers Aurach schichten sich die Farbreste auf dem Boden und bilden eine verkrustete Masse, die einem Lavaausfluß gleicht. Diese Farbreste (laut Aurach das wahre Ergebnis seiner fortwährenden Bemühungen) und der allgegenwärtige Staub (für Aurach so ziemlich das Liebste auf der Welt) sind in gewisser Weise das Material, aus denen Aurachs Bilder entstehen, sie werden Schicht um Schicht aufgetragen, verwischt, abgekratzt, erneuert und enthalten schließlich in ihrer endgültigen Form alle ihre Vorstufen in sich.
Der Staub ist auch das Material, das in Sebalds Geschichten eine tragende Rolle spielt. Er ist das Ziel, auf den sich der allgegenwärtige Zerfall hinbewegt, die grandiose Auflösung, die etwa dem ganz aus Holz gebauten Sanatorium Samaria in der Ambrosgeschichte bevorsteht, ein Ende als puderfeines, blütenstaubähnliches Holzmehl, oder auch der Zerfall, in dem sich das Jerusalem von 1913 befindet, das Ambros und Cosmo am Ende ihrer Reise besuchen, knöcheltief mancherorts der pudrige Kalkstaub.

Περεκράτης
Gern, Χριστιανος, folge ich Dir über die schöne Brücke, die Du vom zu Staub verfallenden Sanatorium und bis hin nach Jerusalem dann zum Kunststaub des Aurachs schlägst. H σκόνη του χρόνου, der Staub der Zeit, wie das neue Έπος in bewegten Bildern unseres genialen Landsmanns Θόδωρος Αγγελόπουλος heißt, unterlegt wieder mit den sehnsuchtsvollen Sirenenklängen der Ελένη Καραΐνδρου.
Aurach will offenbar auch als Maler offenbar den Unterschied von Gegenwart und Vergangenheit aufheben, wenn er Farbreste und Radierstaub, die beim der Entstehung seiner Werke anfallen und insofern deren Vergangenheit bilden, zum eigentlichen Werk erklärt

Χριστιανος
So wie Aurach diesem Staub Bilder abgewinnt, welche auf den Märkten der Welt Rekordpreise erzielen, so läßt der Σεβαλδος aus einem feinen Wechselspiel von melancholischer Ergebenheit in die Vergänglichkeit aller Dinge und der künstlerischen Kraft, mitten im Staub neue Erinnerungen lebendig werden zu lassen, große Literatur entstehen. Daß daraus ein mythologisches Spiel von Sterben und Auferstehen werden könnte, das läßt Sebalds leise Trauer, die sich durch viele seiner Begebenheiten zieht, nicht zu. Aber daß auch im Verglühen Schönheit gegenwärtig sein kann, das erleben seine Figuren schließlich doch – so wie Cosmo und Ambros beim Blick ins Jordantal zunächst von einer Flut des Lichtes umgeben dann langsam den Abend hereinbrechen sehen und spürten, wie allmählich alles verglomm.
Aber es ist nicht nur Schönheit, die da aus dem alles verdeckenden Staub entsteht, es ist mehr. Der letzte Blick des Buches geht in die Augen dreier Frauen, die im Ghetto von Litzmannstadt in einer großen Weberei arbeiten. Σεβαλδος betrachtet ihr Photo (und gibt es, gegen seine sonstige Gewohnheit, im Buch nicht wieder) und erkennt in ihnen die drei Schicksalsgöttinnen, die Parzen der römischen Mythologie. In ihrem Bild werden aus Opfern mögliche Rächer und aus der Vergangenheit erwachsen nicht nur Bilder sondern neue Kräfte, die unser Leben heute schicksalhaft bestimmen und bedrohen.

Περεκράτης
Welche Bilder der Σεβαλδος seinen Worten beigibt und welche nicht, ist schwer zu sagen und noch schwerer vorherzusagen. Ich will dem demnächst eine eigene Schrift widmen, kann aber nicht behaupten, ich würde klarsehen. Es dürften sich auch allenfalls schwache systematische Linien nachzeichnen lassen.
Gern schließt der Σεβαλδος seine Werke oder Teile seiner Werke mit einem überbordenden Satz oder Absatz, der sich wie ein Kelch öffnet und Schönheit und endlose, sich gleichsam befreiende, nicht mehr zu bestimmende Bedeutung zu einer Einheit fügt. Sehr gefällt mir die von Dir freigelegte Bedeutungsmöglichkeit, wonach aus der Vergangenheit nicht nur Bilder erwachsen, sondern neue Kräfte, die unser Leben heute schicksalhaft bestimmen und bedrohen.
Du deutest an, Χριστιανος, daß Du daran denkst, als nächstes das Buch des Σεβαλδος vom Krieg, der aus den Lüften auf die Erde getragen wird, zu lesen. Es ist eine Kampfschrift, die ich keinesfalls auf einer Ebene mit seinen großen Prosabüchern sehe, aber natürlich können wir auch dieses Werk zum Gegenstand unserer Gespräche erwählen. Χαίρε, und auf bald!

Χριστιανος
Χαίρε!


Dienstag, 8. September 2009

Sebaldos: Luftkrieg

Ein Dialog

Περεκράτης
Nun bist Du mir vorausgeeilt, Χριστιανος, und hast bereits das Buch vom Krieg in den Lüften gelesen. Selbst habe ich dieses Buch nur einmal vor etlichen Jahren vorgenommen und sehne mich nicht nach neuer Lektüre.

Χριστιανος
Ich habe das Buch relativ schnell zu Ende gelesen und fand es insgesamt fast ebenso gut wie die erzählerischen Werke des Σεβαλδος.




Περεκράτης
Ich denke, man kann beim Σεβαλδος drei Kategorien von Werken unterscheiden, die κατηγορία der Dichtungen, die κατηγορία der gelehrten Schriften und die κατηγορία der Kampfschriften, ja und als vierte κατηγορία dann noch die Werke in gebundener Sprache. Es gibt Übergänge, die gelehrten Schriften aus dem Landhaus sind auch Dichtungen oder fast, die Kampfschrift gegen den Andersch ist nicht ohne Gelehrsamkeit. Bei den Schriften in gebundener Sprache habe ich die Vermutung, daß es oft erste Bändigungen des für die Prosadichtung bestimmten Stoffe sind. Bei den Kampfschriften könnte ich mir vorstellen, daß sie Erregungen ableiten, die bei der Vorbereitung der Prosadichtung sich eingestellt haben und in diese nach den stilistischen Mustern des Σεβαλδος Zulaß nicht finden durften.

Χριστιανος
Es ist eine ähnliche Leidenschaft im Buch vom Krieg in den Lüften, auch wenn Du zu Recht schon gesagt hast, daß die Essays aggressiver sind. Die Erzählungen sind ebenfalls kraftvoll, aber mehr in ihrem Willen zur Beobachtung und Beschreibung. Was mich zum Widerspruch reizt, ist des Σεβαλδος fortwährendes Bohren, es müsse doch irgend einen Weg geben, die Geschichte des Luftkrieges ins öffentliche Bewußtsein zu heben. Dabei nennt er selbst immer wieder gute Gründe, warum man über diese apokalyptische Katastrophe nicht schreiben kann. Gleich zu Beginn sagt er, daß man nach 1945 keine Fragen gestellt habe, weil die Zerstörung als Vergeltungsakt einer höheren Instanz empfunden worden war. Später schreibt er, daß es ganz allgemein ein Recht zu schweigen gibt. Warum muß dann trotzdem gefordert werden, daß z.B. ein bestimmtes, erfolgloses Buch nicht aus dem kulturellen Gedächtnis ausgeschlossen werden soll. Es gibt ja so viele Gründe, warum ein Buch in Vergessenheit geraten kann, da muß nicht immer ein bewußter Akt angenommen werden.

Περεκράτης
Es ist nicht so sehr das Buch des Σεβαλδος selbst, das mir mißfällt, als der Umstand, daß es wie eine fette Made ist für all die Igel, die nach den Worten unseres großen Landsmannes Άρχίλοχος nur ein Großes, έν μέγα, kennen, nämlich das korrekte Wortarsenal rundum den Holocaust, und die im übrigen mit dem Dichter Σεβαλδος herzlich wenig anfangen können. Da lobe ich mir den Gelehrten, der meint, das Buch vom Austerlitz sei, auf seine Tatbestände reduziert eigentlich haarsträubend und gleichwohl ohne jeden dichterischen Makel. Ebenso lobe ich mir auch den Nabokow, der alle fortscheucht vom Gogol, die etwas anderes sehen in ihm als den Dichter.

Χριστιανος
Was ich erzählenswert fand, war die Geschichte der englischen Seite des Luftkrieges. Hier hat Σεβαλδος ja, teilweise aus der unmittelbaren örtlichen Nähe seines Wohnsitzes zu alten Flugplätzen, einiges an Details herausgefunden und mit seiner zentralen These verbunden, daß die mit großem finanziellen Aufwand aufgebaute Vernichtungsmaschinerie nicht mehr zu stoppen war, nachdem es sie nun einmal gab. Aus anderen Quellen weiß ich, daß die Planer des Zweiten Weltkrieges, die ja alle Erfahrungen im Ersten Weltkrieg gesammelt hatten, den Horror der endlosen Materialschlachten fürchteten, bei denen nach monatelangem Kampf oft nur wenige Meter Bodengewinn zu verzeichnen waren. Dieses Patt wollte man offenbar durch Einbeziehung von zivilen Zielen hinter der Front aufbrechen. Außerdem weiß man aus Churchills Memoiren, daß nach 1941 von russischer Seite ein starker Druck auf England ausgeübt wurde, eine zweite Front im Westen zu eröffnen. Nun ist aber natürlich die Geschichte der englischen Seite in den Jahren nach 1945 den Deutschen überhaupt nicht bekannt gewesen. Dieser Teil des Dramas konnte von ihnen also gar nicht ausgewertet werden.

Περεκράτης
Auf die Aktivitäten in Αγγλία kommt der Σεβαλδος an verschiedenen Stellen seines Werkes zu sprechen, wenn ich mich recht entsinne in den Ringen des Saturn sowohl als auch im Austerlitz.

Χριστιανος
Mein zentraler Einwand geht allerdings in eine andere Richtung. Wenn ich es richtig sehe, hat sich Sebald niemals an eine Erzählung gewagt, die in der jüngeren Vergangenheit spielte. Es ist sicherlich für ihn typisch, daß er seine erste Erzählung in die Zeit von Napoleon verlegt, und selbst wenn er sich an seine Kindheit erinnert und davon berichtet, dann ist auch dies meist 40 Jahre und länger her. Nicht anders hat es Tolstoi gemacht, der Krieg und Frieden ja auch mit einem Abstand von etwa 50 Jahren geschrieben hat. Möglicherweise geht es auch gar nicht anders, denn die Geschichte des gestrigen Tages kann kaum jemand schreiben, so hat es Kundera, glaube ich, einmal gesagt. Σεβαλδος verlangt von seinen Kollegen also etwas, was er selbst nie geleistet hat, was vielleicht auch gar nicht zu leisten ist. Diese Unmöglichkeit kann noch einen weiteren Grund haben. Eine Erzählung soll ja einen roten Faden in die eigene Erlebniswelt der Zuhörer bringen, einen Faden, den die Zuhörer selbst nicht finden können. Aber dazu muß es eine Erlebniswelt sein, die sich auf einen solchen Faden aufreihen läßt. Das kann man aber gerade etwa von der Brandkatastrophe in Hamburg nicht mehr sagen. Hier gibt es keine Geschichte mehr, es gibt eine Art schwarzes Loch, welches Geschichte aufsaugt.
An einer Stelle gibt er die Beschreibung des Brandes von Moskau wieder. Das ist immer noch ein Panorama, durch das man fast gefahrlos hindurchgehen und die einzelnen brennenden Gebäude betrachten kann. Dagegen ist Hamburg ein systematisch von den Alliierten gelegtes Inferno, durch das die Feuerwalzen mit D-Zug-Geschwindigkeit rasen. Ich habe übrigens in diesem Buch zum ersten Mal gelesen, wie man ein solches Inferno ingenieurmäßig erzeugt und bin erschrocken. Am Ende wird deutlich, daß die angewendete Technik bereits zu Beginn des Krieges auch den Deutschen bekannt war und bei Hitler am Mittagstisch diskutiert wurde.
Alles in allem - ich finde das Inferno nicht mehr beschreibbar und verzeihe deshalb den Leuten, die von Sebald dafür angeklagt werden, daß sie geschwiegen oder nur in nicht angemessener Weise geredet haben.

Περεκράτης
Ganz kann ich Dir nicht beipflichten, die Erzählung All’estero ist überwiegend eine Gegenwartserzählung, Ritorno in patria zu nicht geringem Teil auch, auch die späteren Bücher des Σεβαλδος haben immer eine in der Gegenwart angesiedelte Rahmengeschichte, aber natürlich hast Du recht, der Blick ist immer in die Vergangenheit gerichtet, voraus liegt nur das Jahr 2013, und Ende. Tolstoi allerdings hat direkt nach Krieg und Frieden die Anna Karenina geschrieben. Von der Brandkatastrophe in Hamburg hat der Nossack geschrieben, Σεβαλδος erwähnt diese Werk wohl auch, ein Werk, von dessen Lektüre ich Dir, ohne sie ausdrücklich zuzuraten, nicht abrate.

Χριστιανος
Was mich persönlich bewegt hat, ist die Aussage des Σεβαλδος, daß er in gewisser Weise vom Krieg abstammt. Ich kann das, auch wenn ich erst 1949 geboren wurde, genauso von mir selbst sagen. Den Blick durch ausgebrannte Fassaden in den offenen Himmel konnte man auch zu Beginn der 50er Jahre noch an vielen Stellen von Remscheid haben. Auch für mich gehörte zu einer richtigen Stadt, daß man dort zerstörte Gebäude sehen konnte. Nicht weit von unserem Haus wurde Trümmerschutt gesammelt und zu einem feinen Geröll zermahlen, aus dem dann neue Steine gepreßt wurden. Ich erinnere mich genau an das Quietschen der schlecht geölten Maschinen. Das Buch hat also viele Erinnerungen in mir wachgerufen und mir sogar geholfen, mein Leben in größere Zusammenhänge einzubeziehen. Es hat außerdem den Eindruck in mir verstärkt, daß über unser Land etwas Schändliches verhängt worden ist, was wir nicht verdient hatten oder was zumindest in der ganzen Grausamkeit ebenso unangemessen und verbrecherisch war wie das, was diese Reaktion hervorgerufen hat.
Über allem ist mir, ob er es will oder nicht, der gute Σεβαλδος weiter lieb geworden.

Περεκράτης
Die von mir immer wieder ins Feld geführte, dem Pisanello abgelesene Einlassung des Σεβαλδος, daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird, gilt auch für den Bereich des Grauens und Entsetzens. Σεβαλδος hat nicht teilgenommen an den Anstrengungen der Feinschmecker des Grauens, entgegen aller Gewohnheit üblicher Gourmets das eine große, durch nichts zu relativierende Verbrechen herauszuschmecken, das dann alle anderen relativieren und herabmindern muß. – Ich mag aber nicht weiter hinaustreten auf dieses gründlich verminte Feld.
Ich fürchte, Dir dieses Mal kein allzu guter Gesprächspartner gewesen zu sein, Χριστιανος, und hoffe zugleich auf eine schon baldige Fortsetzung unserer Gespräche über den Σεβαλδος. Χαίρετε!

Χριστιανος
Gerade fällt mir noch ein, daß es eine Vorahnung über die Mechanismen des Luftkrieges im 1932 erschienenen Arbeiter des Ernst Jünger gibt. Er hat darin vorausgesehen, daß im Luftkrieg der Begriff des Herren und Befehlshabers vollkommen neu definiert werde. Ein Offizier im Luftkrieg ist einer, der die Maschine beherrscht, mehr nicht. Dazu muß er nicht durch die Schule der Menschen-Beherrschung gehen, muß nicht das Dienen und Kommandieren lernen, das Tanzen, Reiten, Mit-Messer-und-Gabel-Essen und Gnä-Frau-Sagen. Worüber Jünger nicht schreibt, ist der zu erwartende und dann auch tatsächlich eingetretene Widerstand der alten Herrenelite, der Infanterie- und Kavallerieoffiziere. Die verachteten die neue Piloten-Kaste, was wiederum deren Ehrgeiz anstachelte. Irgendwo las ich, daß zu den verdeckten Motiven des rastlosen Bomber-Harris auch der Kampf gegen die Zurücksetzung durch die richtigen Soldaten gehörte.
Χαίρε!

Περεκράτης
Χαίρε!



Montag, 7. September 2009

Sebaldos: Nabokow

Περεκράτης
Nun hast Du Dich an die gelehrten Schriften des Σεβαλδος begeben, Χριστιανος, und zuvörderst an die den Nabokow betreffende.


Χριστιανος
Am Ende der Adelwartherzählung gibt es einen überraschenden Perspektivenwechsel. Σεβαλδος ersetzt den bisher vorherrschenden zeitlichen Blick zurück durch einen räumlichen Blick nach unten. Aus großer Höhe schauend, von einem jener Türme, die sich im Himmel verlieren, ergreift den Betrachter ein Schwindel. Dieser stellt sich ganz ähnlich ein, wenn man sich – was eine Art von Dummheit ist, wie Adelwarth sagt – mit der Erinnerung beschäftigt. Denselben Blick von oben entdeckt Sebald nun auch bei Nabokow, und er entsteht bei dem russisch-amerikanischen Schriftsteller, der vielen seiner Kollegen Lehrmeister und Vorbild war, zunächst aus seiner eigenartigen Geistergläubigkeit, die Sebald ausführlich untersucht. Nabokow macht Literatur in gewisser Weise wie aus einer Séance heraus.
Περεκράτης
Σεβαλδος, Proust und Nabokow werden von den Gelehrten als große Erinnerungsdichter gehandelt. Nabokow hält, ähnlich wie der Jäger Gracchus die Schwindel.Gefühle oder die Seidenwürmer die Ringe des Saturn, die Ausgewanderten zusammen und hat mit seinem Schmetterlingsnetz auch einen Auftritt in der Adelwartherzählung ähnlich wie nach meiner Auslegung auch der Proust, wenn auch verdeckt, in der Deauvilleepisode.
Mit dem Turmbild in der Adelwartherzählung hast Du ein Motivfeld mit besonderer Qualität beim Σεβαλδος am Wickel, das der Höhe, des Bergsteigens, der Vögel und Flieger, der Levitation. Neben der von der ungeschmälerten Daseinsberechtigung auch des Geringsten beim Pisanello findet Σεβαλδος seine zweite große Selbstspiegelung beim Thomas Browne: Zwar gelingt es Thomas Browne, unter anderem wegen dieser enormen Belastung nicht immer, von der Erde abzuheben, aber wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift selbst den heutigen Leser noch ein Gefühl der Levitation. Zweifellos spiegelt sich der Σεβαλδος nicht nur im Thomas Browne, sondern auch im Nabokow, wenn er schreibt: Das Schreiben, wie es Nabokow betreibt wird in die Höhe getragen von der Hoffnung, daß sich, bei genügender Konzentration, die hinter den Horizont schon herabgesunkenen Landschaften der Zeit in einem synoptischen Blick noch einmal erfassen lassen. – Hier fallen der zeitliche und der räumliche Blick in eins. Die gelehrte Schrift vom Nabokow endet damit, daß der Vater des Dichters von seinen Pachtbauern dreimal in die Luft geworfen wird, ein wunderbarer Fall von Levitation, den der Dichter als Knabe von seinem Platz am Tisch aus durch das Westfenster erleben konnte.

Χριστιανος
Ich habe mehrfach nachgelesen, wo die Stelle zu finden ist, an der die Magie der aus dem Totenreich wiederkehrenden Gestalten umschlägt in die Magie einer perfekt gestalteten Erzählung. Σεβαλδος verbindet dies in einer Erwähnung des Heiligen Thomas von Aquin, der gelehrt hat, daß eine Epiphanie sich immer durch eine besondere claritas kennzeichnet. Solchen visionären Augenblick sich entgegenzuschreiben ist nun Nabokows beständige Mühe, sagt Σεβαλδος. Sie wird belohnt, wenn am Ende etwas steht, von dem Nabokow sagt, es sei blendend in seiner Pracht und beinahe gemütlich in seiner perfekten Einfachheit.

Περεκράτης
Dabei hat Vorgang der Erinnerung, mit Ernst betrieben, zunächst nichts Gemütliches, wirft er uns doch, das wird gleich zu Beginn der gelehrten Schrift verdeutlicht, zur anderen Seite hinaus aus unserem Leben, in den Tod vor unserer Geburt. Geben wir die übliche Vorstellung auf, daß wir auf der Seite der Geburt fest verankert sind, und nur auf der Seite der Zukunft in die Ungewißheit des Todes schauen, dann sind wir wahrhaft Exilierte im Leben, bloße Gespenster schon fast, ein Exil, das im Fall des Nabokow durch das leibhaftige Exil aus Rußland nur noch verstärkt wurde, und ihn zum Grenzgänger machte zurück in das mit der Oktoberrevolution spurlos verschwundene Reich seiner Kindheit, von dem er sich bisweilen fragen mochte, ob es wahrhaft existiert hatte dereinst.

Χριστιανος
Die Mühe des Schreibers, eine solche blendende Wahrheit in Worte zu fassen, vollzieht sich laut Σεβαλδος mit einem geistigen Ruck, der unsere Gedanken entläßt in ein Universum in dem, wie in einem ordentlichen Satz, alles am rechten Ort und gut aufgehoben ist. Eine solche Ordnung, die ja gewissermaßen das Regelwerk des Universums unmittelbar an die vernünftige Reihung der Worte eines Satzes bindet, entsteht nun am sichersten, wenn man aufsteigt und die Dinge – wie Adelwarth – aus großer Höhe betrachtet. Aus dieser Höhe wird nicht nur die Ordnung der Welt sichtbar, es erscheint dort oben sogar möglich zu sein, daß Dinge wieder auftauchen, die dem Betrachter am Boden längst aus den Augen verschwunden sind.

Περεκράτης
Ja, die Vorstellung von einer Rettung aus dem Exil, einer Rettung vor der Rätselhaftigkeit und dem Grauen der Welt in den perfekten Sätzen einer Erzählung, einer Neuordnung der Welt mithin, das ist wohl das innerste Movens der Kunst des Σεβαλδος.

Χριστιανος
Von Landschaften der Zeit spricht Σεβαλδος – Du hast es schon erwähnt - und läßt in diesem Wort den Blick nach unten und den Blick zurück ineinander übergehen. Es erscheint ein gleichzeitig magisches und in seiner Wort- und Satzbezogenheit vollkommen rationales Bild der Welt, das sich jedem erschließt, der einen vernünftigen Satz lesen und verstehen kann. Das kann dann sogar beinahe gemütlich wirken, so übersetzt Sebald das almost homely des englischen Originals und holt es damit tief in den deutschen Sprachgebrauch hinunter.

Περεκράτης
Die Verwendung des deutschen Wortes gemütlich in einer Übersetzung ist immer ein Wagnis, freilich eins, das sich lohnen kann. Das englische homely hat den Vorteil, daß es das Bedeutungsmolekül der Heimkehr enthält, der Rettung vor dem Exil des Lebens.

Χριστιανος
Die Sehnsucht, die uns beim Lesen guter Texte überfällt, ist möglicherweise nicht nur auf das Ziel gerichtet, in der ungeordnet erscheinenden Welt schließlich doch eine Ordnung zu finden. Vielleicht wünschen wir uns, es wäre möglich, sie über die Ordnung der Worte sogar neu zu schaffen.

Περεκράτης
Das ist vielleicht der Punkt, an dem unsere weltlichen Worte beginnen, geistlich zu werden. Sehr gespannt bin ich, Χριστιανος, welchem Werk des Σεβαλδος Du Dich nun zuwenden wirst, es sollen nach Deiner letzten Nachricht die Ringe des Saturn sein. Ich freue mich schon auf unsere nächste Begegnung. Χαίρε!

Χριστιανος
Χαίρε!



Sonntag, 6. September 2009

Sebaldos: Die Ringe des Saturn


Περεκράτης
Nun hast Du, Χριστιανος, von Deinen Ausflügen in die Gefilde der Kampf- und Lehrschriften des Σεβαλδος zurückgefunden zum Prosawerk.

Χριστιανος
Ja, über das große Werk von den Ringen des Saturn möchte ich heute mit Euch verhandeln.

Άρκτος
Sehr würde es mir gefallen, Χριστιανος und Περεκράτης wenn ich erneut Euren Gesprächen lauschen könnte und in jedem Fall schon jetzt vielen Dank für Eure ohne Frage wieder scharfsinnige Suche in den Zauberworten des Σεβαλδος.

Χριστιανος & Περεκράτης
Willkommen, Άρκτος, und spitz nicht nur die Ohren, sondern bring Dich wacker ein in die Erörterungen!

Άρκτος
Dank und, was meine Beteiligung anbelangt, qui vivra verra.



Χριστιανος
Die Ringe des Saturn liest man mit dem Gefühl, hier den ganzen Σεβαλδος vor sich zu haben, oder besser gesagt den mitten im Leben stehenden Σεβαλδος. Er zählt achtundvierzig Jahre, wenn er im August 1992 die sehr genau beschriebene Wanderung durch das östliche England unternimmt, er wird einundfünfzig Jahre alt sein, wenn das Buch erscheint, wird dann aber nur noch sechs Jahre zu leben haben, bis in seinem Todesjahr 2001 sein letztes erzählerisches Buch herauskommt, Austerlitz.

Άρκτος & Περεκράτης
Ach, wäre es doch nur nel mezzo di cammin di sua vita gewesen! Der Tod des Σεβαλδος ist für uns ein nicht zu verschmerzender Verlust.

Χριστιανος
Er wandert in einem Gebiet, das ich beim zweiten Lesen ohne viel Anstrengung exakt verfolgen konnte, und das sich auf einer Länge von etwa vierzig μ. und einer Breite von etwa zwanzig μ. südlich von Norwich erstreckt, den Ort, wo er als Gelehrter an einer Hohen Schule beschäftigt ist. Man findet auf Kartenwerken jedes von ihm besuchte Dorf wieder, in vielen Fällen sogar die Häuser, die er beschreibt. Nichts in diesem Buch ist also Fiktion, auch wenn ihn auf den langen Wegen durch teilweise menschenleere Gegenden manchmal ähnlich irreale Schwindelgefühle beschleichen wie in den vorangegangenen Büchern.
Erneut entsteht der Eindruck, daß Σεβαλδος mit einer großen Lust zu fabulieren schreibt und diese Lust auch dem Leser vermitteln will. Man kann dieses Buch wie eine umfangreiche Illustrierte lesen und sich darüber freuen, was man etwa über den Heringsfang, die Geschichte des vorletzten Kaisers von China und die unerfüllbare Liebe des Grafen Chateaubriand zur englischen Pfarrerstochter Charlotte Ives alles erfährt. Die einzelnen Berichte reihen sich an den Stationen der Fußreise auf wie die Perlen auf dem Faden einer Kette. Außerdem sind sie, wie man es bei Σεβαλδος ja kennt, mit Photographien versehen, was die insgesamt natürlich vollkommen falsche Annahme verstärken könnte, hier sei ein Journalist am Werk.

Περεκράτης
Die Lust zu fabulieren will mir nicht so recht behagen, redet man davon doch gern, und gern obendrein geschmückt mit dem έπίθετον unbändig bei Leuten wie dem Grass, dem der Σεβαλδος doch einigermaßen fernsteht. Thomas Browne, Chateaubriand, Conrad, Swinburne et alteri, das hätte auf der Stufe der gelehrten Schriften des Σεβαλδος verharren können, aber aus dem Rauhbrand der Beschäftigung mit Literatur erstellt er in einem zweiten Destilliervorgang der Feinbrand der Prosa. Neben den Verwandten im Schreiben stehen die Verwandten der Auswanderung, die Eremiten, oft zugleich auch Verwandte des Schreibens und der Gelehrsamkeit, Michael Parkinson, Janine Rosalind Dakyns, Alec Garrard und, für mich der König der Ausgewanderten: Wyndham Le Strange. In meinem Kopfbild von den Ringen des Saturn stehen diese Abschweifungen im Vordergrund, und die Wanderpfade des Σελυσσες sind kaum noch sichtbar, überwachsene Pfade wahrlich in ihrem in den Kartenwerken so minutiös nachvollziehbaren Verlauf, gjengrodde stier, um es mit dem großen Hamsun zu sagen.

Χριστιανος
Ja, natürlich, das Buch ist alles andere als eine große Zeitung. Der übergeordnete Sinn des Ganzen, der bald erkennbar oder zumindest zu erahnen wird, macht es dem Leser schwer, sich an den einzelnen Episoden des Buches in der unschuldigen Art zu erfreuen, mit welcher man die Berichte einer Illustrierten zur Kenntnis nimmt. In diesem Buch ist alles auf eine geheimnisvolle Art und Weise untereinander verbunden, und auch wenn die verschiedenen Berichte aus weit voneinander entfernt liegenden Orten und Zeiten stammen, ist ihnen allen etwas gemeinsam. Dieses Gemeinsame hat mit dem Staub zu tun, der gleich zu Beginn erwähnt wird, nämlich dem Staub, aus dem die Ringe des Saturn bestehen.

Περεκράτης
Selbst verfüge ich nicht über die Gabe, mich an den Berichten bebilderter Zeitungen sonderlich zu erfreuen, weder unschuldig noch überhaupt, dagegen versetzen mich, wenn ich es recht bedenke, die Berichte des Σελυσσες in gewisser Weise in einen Zustand der Unschuld, darüber muß ich noch nachsinnen, das geht tief, ich danke Dir, Χριστιανος. Die dichten Verhältnisse und Bewegungen in den Bedeutungsfeldern des Σεβαλδος führen zu den seltsamsten Zuständen und Ergebnissen.
Das Thema des Staubes beim Σεβαλδος fasziniert Dich zu recht, und völlig zu recht siehst Du es kulminieren in den aus nichts als Staub bestehenden Saturnringen, soweit hatte ich nicht gedacht.

Χριστιανος
Viele der Gebilde, von denen Σεβαλδος erzählt, sind auf dem Weg, zu Staub zu zerfallen, und so bildet konsequenterweise der dramatische Staubsturm, den Σελυσσες am Rand des Waldes von Rendelsham erlebt, einen der Höhepunkte des Buches. Staub überzieht den Fußboden des alten Herrensitzes der Ashburys in Irland, den Σελυσσες früher einmal besichtigt hatte und den er jetzt noch einmal in einem Traum sieht. Zu schwefelgelbem Staub verfallen andere Häuser, deren Bewohner fortziehen mußten, nachdem die Lebensgrundlage für einen ganzen Landstrich oder eine ganze Epoche entfallen war. Staub bedeckt den Boden der kaiserlichen Zimmer in China.

Άρκτος
Oh Asien, Land endloser Steppen, über denen die Stimmen des Buddha und des Laotse leise im Winde wehen und, noch leiser, das gleichmäßige eigentlich schon vegetabile, ungemein beruhigende Vertilgungsgeräusch, das von den ungezählten, das frische Maulbeerlaub zernagenden Seidenwürmern kommt!

Περεκράτης
Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Paulus wird die Taufe mit einer Beerdigung vergleichen und andererseits wird das Grab zum Ort der natürlichen Rückverwandlung allen irdischen Lebens.

Χριστιανος
Σελυσσες findet überall die Spuren einer vergangenen, mittlerweile längst verfallenen Größe. Er gewinnt diesem Verfall aber nicht nur traurige sondern auch durchaus komische Aspekte ab, etwa wenn ein englischer Adliger als Schaffner auf einer kleinen Eisenbahn mitfährt, die er zur Belustigung der zahlenden Gäste durch seinen Schloßpark fahren läßt. Wie Seehunde sieht Sebald die Touristen auf der kleinen Bahn sitzen, und vorneweg als Chef der dressierten Tiere der jetzige Lord Somerleyton.
An dieser Stelle kehrt sich die deprimierende Erkenntnis, daß nichts in dieser Welt Bestand hat und daß am Ende wohl auch der Besitz des Lord Somerleyton nicht mehr zu halten sein wird und ebenfalls zu Staub zerfallen muß, schließlich doch in eine feine, lebenszugewandte Ironie um. Σεβαλδος ist aus demselben Antrieb ein Erzähler, aus dem heraus Generationen anderer Erzähler geschrieben haben: er möchte gegen das ankämpfen, was er aus den Memoiren des Grafen Chateaubriand wörtlich übernimmt, daß nämlich ohne unsere Erinnerungen gelten würde: Wir wären nicht imstande, den einfachsten Gedanken zu ordnen, das gefühlsvollste Herz verlöre die Fähigkeit, einem anderen sich zuzuneigen, unser Dasein bestünde nur aus einer endlosen Abfolge sinnloser Augenblicke, und es gäbe nicht die Spur einer Vergangenheit mehr.
Der Graf Chateaubriand quält sich mit seinen Erinnerungen und nennt die Arbeit daran ein verdammenswertes Geschäft. Diesem Urteil dürfte Σεβαλδος sicherlich häufig zustimmen, was einen Teil der Melancholie ausgemacht, die über seinen Büchern liegt. Und trotzdem liest man aus allem, was er schreibt, doch heraus, daß es ihm um die Bewältigung des Lebens in der Gegenwart geht, und daß die Bewältigung gelingen kann.

Περεκράτης
Gegenwart und Vergangenheit, Leben und Erinnerung, persönliche Erinnerung und kulturelle Erinnerung scheinen mir beim Σεβαλδος wahrlich zu einer unauflöslichen Einheit verwoben; Leben und Erinnerung, insgesamt vielleicht ein verdammenswertes Geschäft, in jedem Fall aber verdammenswert das eine ohne das andere et vice versa. Alle bewältigen wir schließlich das Leben auf die eine oder andere Weise, und können hoffen, aber auch annehmen, daß der Σεβαλδος sich selbst dabei ebenso sehr helfen konnte, wie er uns hilft.

Χριστιανος
Am Ende der Reise kehrt er in sein Haus im Dorf Poringland südlich von Norwich zurück. In gelehrten Schriften kann man nachlesen, daß er dort ursprünglich einen vollkommen verwahrlosten Garten vorgefunden, ihn aber in einen der schönsten Blumengärten weit und breit verwandelt hat. Sicherlich hat er sich vorstellen können, daß eines Tages auch dieser Garten dem allgemeinen Verfall preisgegeben sein wird. Aber er hat gegen den Verfall an gearbeitet, in seinem Garten wie in seinem Buch.

Άρκτος
Der große Wittgenstein hat seinen sommerlichen Aufenthalt als Klosterhilfsgärtner in einer Gerätehütte als besonders glückliche Zeit angesehen.

Περεκράτης
Paul Bereyter und Jacques Austerlitz sind Verwandte des Wittgenstein im Werk des Σεβαλδος und beide werden tätig als Gärtner oder auch, im Falle des Austerlitz, als Hilfsgärtner. In einer meiner Schriften habe ich versucht, die Bedeutung der Gartenarbeit für ihr Leben zu erfassen.

Χριστιανος
Das letzte Bild des Buches entsteht scheinbar zufällig aus dem Kapitel über die früher einmal in der Gegend von Norwich betriebene Seidenspinnerei. Mit schwarzer Seide werden die Spiegel im Hause eines Toten verhängt. Man erfährt Genaueres über diese bekannte Sitte: auch die Bilder nach der Natur werden verhängt. Und auch der Grund dafür wird genannt: am Ende soll die Seele bei ihrem Fortgang nicht abgelenkt werden, weder von ihrem eigenen Bild noch von den Bildern ihrer bald auf immer verlorenen Heimat. Ich dachte hier an Montaigne, der gesagt hat, er wolle aus Büchern lernen, gut zu leben und gut zu sterben. Σεβαλδος entläßt uns mit einem Hinweis auf vernünftiges Sterben, und mir scheint, daß auch seine Darstellungen von Verfall und Verlust auf eine ebenso vernünftige Weise dazu beitragen wollen, uns die Blumengärten unseres Lebens noch eine Weile lieb zu machen.

Άρκτος
Über den Montaigne könnte ich einiges erzählen, will aber die Auen Eures Redeflusses nicht schwemmen.

Περεκράτης
Man möchte meinen, daß es den Σεβαλδος in seinem Leben nicht zufällig in den verlorenen Osten Englands verschlagen hat, daß er diesen kargen Boden brauchte für den Reichtum seines Werkes, Tod und Leben.

Χριστιανος Ja, er ist der Mann solcher Gegensätze, die sich bei ihm nicht stoßen im Raum. Χαίρετε!

Περεκράτης
In jedem Fall werden wir noch das große letzte Buch des Σεβαλδος, das vom Austerlitz erörtern, von dem ich weiß, daß auch Άρκτος es gelesen hat, so daß er mit seinem Urteil nicht hinterm Berge halten wird. Χαίρετε!

Άρκτος
Qui vivra verra. Χαίρετε!


Samstag, 5. September 2009

Sebaldos: Austerlitz

A la segona meitat dels anys seixanta, d’una banda per raons d’estudi i d’altra banda per altres motius que ni jo mateix no acabava d’entendre, vaig fer diversos viatges d’Angleterra a Bèlgica, a vegades per un o dos dies solament, a vegades per unes quantes semanes.

Nella seconda mèta degli anni Sessanta mi recavo di frequente, in parte per motivi di studio, in parte per altre ragioni a me stesso non ben chiare, dall’Ingliterra a Belgio, a volte solo per un giorno o due, a volte per parecchie settimane.


Περεκράτης
Nun haben wir uns zusammengefunden, liebe Freunde, um mit vereinten Kräften von dem Werk zu handeln, das gemeinhin als das bedeutendste des Σεβαλδος gilt, auch wenn nicht alle diese Auffassung teilen.

Χριστιανος
Am liebsten würde ich beginnen mit einem längeren Erzählung, die einsetzt mit: Gestern bin ich lange mit dem Austerlitzbuch in einem Καφετερία in einer benachbarten kleineren Πόλις gesessen. Ich war für zwölf Uhr zum Άρχίατρος bestellt gewesen, erhielt dort angekommen aber von den drei Hilfskräften, die sich in weißer, sogenannter Freizeitkleidung hinter dem Eingangstresen räkelten, die Mitteilung, man sei mit dem Zeitplan in Verzug, und ich könne mir deshalb die Zeit vertreiben, indem ich noch etwas in der Stadt herumginge. In der Καφετερία habe ich mir vorgestellt, bei dem grauhaarigen Mann am Nebentisch handele es sich um Jacques Austerlitz, und ich könnte einfach zu ihm hinüber gehen und ein Gespräch wieder aufnehmen, das wir vor Jahren einmal in Paris abgebrochen hatten.

Άρκτος
Dunkel erinnert ich mich aus der lang zurückliegenden Lektüre des Austerlitz an Gebäude, die man als Materialisierungen großer Systeme ansehen könnte, z.B. Bahnhöfe in Antwerpen und London, belgisches Fort, Konzentrationslager, Justizpalast in Brüssel, Londoner Hotel, neue Bibliothek in Paris. Gibt es beim Σεβαλδος dazu systemtheoretische Überlegungen und systempraktische Einstellungen mit mehr oder minder deutlich begründeten Vorlieben für anachronistische Zustände?

Περεκράτης
Mit den Bauten sprichst Du, Άρκτος, zweifellos ein bedeutendes Thema an, dem ich auch eine eigene Schrift gewidmet habe, in der ich ähnliche Gedanken vertrete. Und noch eins: So wie die heterogenen Gehalte der Schwindel.Gefühle vom Jäger Gracchus, der Ausgewanderten vom Schmetterlingsjäger Nabokow und der Ringe des Saturn vom Seidenwurm wie von einem Band zusammengehalten werden, so Austerlitz von den Bauten. Aber es ist weit mehr als ein Band nur, festes Mauerwerk vielmehr.

Χριστιανος
Ob man das Buch unter einem einzigen Gedanken zusammengefaßt denken kann? Es lädt ja dazu ein, indem es Anfang und Ende in Belgien miteinander verknüpft, viele wiederkehrende Motive enthält, wie etwa den Festungsbau und den abendlichen Blick auf in die Ferne rückende Städte, und natürlich über allem die Suche nach den Urgründen einer Existenz, deren frühe Spuren sich bei Jacques Austerlitz im Holocaust verlieren.

Περεκράτης
Bei den früheren Büchern des Σεβαλδος, von denen wir bereits gehandelt haben, wären wir wohl nicht auf die Idee gekommen, nach einem einzigen zusammenfassenden Gedanken zu suchen, zu heterogen erscheinen sie uns nach Gestalt und Gehalt. Das romanähnliche Äußere des Austerlitz und die von Dir, Χριστιανος, angeführten motivischen Rahmungen können eher dazu verlocken, und die meisten werden natürlich sagen, der Gedanke an den Holocaust ist es, der alles zusammenhält. Aber wenn wir denen folgen, streichen wir sehr viel fort.

Χριστιανος
Und ist diese Suche nach einem Namen, nach einer Mutter, einem Vater denn überhaupt auch nur das zentrale Thema des Buches? Ich meine, es ist es nicht, und auch der Holocaust, schrecklich wie er an vielen Stellen sichtbar wird, ist lediglich das Hintergrundbild für eine Geschichte, die von der allgemeinen Verlorenheit des Menschen handelt. Er ist verloren in den großen Städten und in ihrer Geschichte, wie sie da wie Kalkkristalle aus dem Boden wachsen und dann wieder in ihn zurückzusinken scheinen, wenn man sie in der Abenddämmerung von einem Aussichtspunkt aus betrachtet, verloren auch in dem langen Zug der Toten, die ja beim Σεβαλδος immer auf eine besondere Weise anwesend sind, gerade als ob sie noch unter uns wären und die ohnehin kaum überschaubare Zahl der Menschen noch so vergrößern, daß man sich selbst darin verliert.

Περεκράτης
Auch ich denke, der Holocaust ist für den Σεβαλδος der nicht überbietbare Gipfel des Übels der Welt, und doch, hätte es ihn nicht gegeben, die Menge des Übels wäre in seinen Augen nicht spürbar geringer.

Χριστιανος
Nichts hat Bestand, nichts ist für längere Zeit am richtigen Ort und kann sich an der Heimat der Identität, mit den Worten des großen Bloch, freuen. Wie soll man mit sich identisch sein, wenn einem nicht einmal der eigene Name gewiß ist? Allerdings führt auch der unruhige Strom der Veränderungen gelegentlich an Ruhepunkte, an schöne Orte, wo man träumen kann von einem perfekten Haus wie es etwa die Andromeda Lodge in Wales ist. Manchmal leuchtet Schönheit an Stellen auf, wo man sie nicht erwartet hat – etwa nach dem Aufreißen des Nebels in einem Niemandsland, durch das hindurch der junge Austerlitz seinen Ziehvater, den Methodistenprediger begleitet … von dort leuchtete nun, umgeben von schwarzen Schatten ringsum, eine kleine Ortschaft herauf, mit ein paar Obstgärten, Wiesen und Feldern, grün funkelnd gleich der Insel der Seligen ...


Περεκράτης
Es scheint mir immer, als habe sich Σελυσσες im Austerlitz in den Dante verwandelt, der sich von Austerlitz-Vergil durch die Welt, durch Hölle und Himmel führen läßt.

Χριστιανος
Die Welt des Σεβαλδος ist bei alle ihrem Verfall oder vielleicht gerade wegen ihres Verfalls ein wunderbarer Ort, um darin herumzureisen und sie zu beobachten. Nach jedem Buch des Σεβαλδος möchte man den Rucksack packen und sich zu Fuß oder per Bahn auf den Weg machen, um nach einem neuen Jacques Austerlitz zu suchen. Vielleicht wartet er ja bei MacDomhnall, dem wahrhaft und namensgerecht weltmächtigen König des Burgers, in Ludwigshafen, bereits darauf, einem das System einer versunkenen Wissenschaft zu erklären, von der nur er und eine Handvoll anderer Menschen auf der Welt noch Kenntnis haben. Es ist am Ende eine gute Welt, die uns gelegentlich einige ihrer tiefsten Geheimnisse erzählt – allerdings nur, wenn wir uns vor dem Anblick der schwarzen Schatten nicht fürchten.

Περεκράτης
Ich denke, ein Dichter von Rang, und zumal ein Epiker, der ja hinreichend Platz zur Verfügung hat, zeichnet sich in jedem Fall dadurch aus, daß er der Widersprüchlichkeit der Welt standhält. Und ja, wenn Σελυσσες ruft, greifen wir immer gern nach unserem Rucksack und folgen ihm unverzagt und freudig auf seinen Wanderungen durch die Welt, denn auch wenn er uns durch die Hölle führt, fühlen wir uns an der Hand seiner Sätze nicht weniger wohl bewahrt als Δάντης Αλιγκέρι an der Hand des Βιργίλιος, und für den Himmel hat er ganz unvergleichliche Worte. Ich denke, mehr als in einem Gedanken oder einem Motiv ist die Einheit des Werkes in der stilistisch erreichten unvergleichlichen Balance zwischen Himmel und Hölle zu sehen. Nicht alle rechnen dem Σεβαλδος das hoch an, aber denen wiederum mag ich nicht folgen. Χαίρετε ψίλοι!

Χριστιανος
Ich suche immer noch nach dem Grund, warum ich so viel menschliche Wärme in Austerlitz finde, und warum Sebald selbst so weit von den Untröstlichen entfernt ist, mit denen er so oft mgang hat. Dabei ist das Buch vordergründig ja nun tatsächlich ein von den dunklen Farben des Holocaust stark bestimmter Roman. Aber er hat andererseits auch tröstliche Stellen, dieses warme Abendlicht auf London und Paris etwa, und vieles mehr. Könnte es sein, daß Sebald uns gelegentlich in Wüsten führt, Staubwüsten vornehmlich, weil er an das alte Wort anknüpfen will, daß die großen Religionen aus der Wüste kommen? Vielleicht könnte man allgemeiner sagen, daß in den Wüsten die Gelegenheit zum Neubeginn liegt, oder zumindest zu einer Besinnung auf die eigenen Lebenskräfte. Jedenfalls ist es das Geheimnis, für das wir den Σεβαλδος lieben. - Χαίρετε!


Άρκτος
Χαίρετε! - Halt, Περεκράτης, auf ein Wort noch, was hat es auf sich mit diesem Bildwerk, das nun schon um wiederholten Male unsere Erörterungen ziert?

Περεκράτης
Ein uns bekannter bedeutender Bildner hat uns ohne von unserer Verwandlung zu wissen, wie ich annehme, intuitiv als edle Griechen wahrgenommen und gestaltet.

Άρκτος
Wenn das Antizipatorische u.a. ein Merkmal des Künstlers ist, was könnte es sein? Atlant im Ruhestand, petrifizierter Säulenheiliger oder... ?

Περεκράτης
Du weißt, Άρκτος, wie sehr ich dem Oύζο zugetan bin, er wird auch in einer als Säule gestalteten Flasche angeboten: Perefizierter Flaschengeist. Aber im Ernst: Gemeint ist natürlich die Versenkung in den griechischen Geist, den Geist des Πλάτων und des Σωκράτης, aus dem heraus allein der Σεβαλδος angemessen verstanden werden kann.

Άρκτος
Vielen Dank für die Erläuterung, Περεκράτης, und nochmals Χαίρε!

Περεκράτης
Χαίρε Άρκτος!


Lungo il fossato della fortezza di Breendonk finii di leggere il quindicesimo capitolo di Heshel’s Kingdom, e poi presi la via del ritorno verso Mechelen, dove arrivai al calar della sera.

Assegut a la vora del fossat de la fortelesa de Breendonk vaig acabar de llegir el capítol quinzè de Heschel’s Kingdom, i des prés vaig emprendre el camí de tornada a Mechelen, on vaig arribar quan commençava a fer-se fosc.

Freitag, 4. September 2009

Sebaldos: Moments musicaux

Ein Trilog


Περεκράτης
Liebe Freunde, heute wollen wir über eine kleine Schrift des Σεβαλδος sprechen, die mir gleichwohl zu seinen liebsten zählt. Sie kommt dem, was man eine Autobiographie des Σεβαλδος nennen könnte, am nächsten und gleichzeitig gibt der Autor seinem Hang zum humorvollen Schreiben stärker nach als vielleicht in jedem anderen seiner Werke.

Χριστιανος
Die Moments musicaux, um die geht es, verdanken ihren gedanklichen Eingang der Insel Korsika.




Περεκράτης
Ja, und konkret beginnt es, wirklich nicht untypisch für den Σεβαλδος, in einem Gasthaus, einer Καφετερία. Der einzige Gast, ein alter Mann mit vom Star getrübten Augen, die er gleich einem Blinden etwas aufrecht gegen die Helligkeit gerichtet hielt, waren von derselben eisgrauen Farbe wie der Pastis in seinem Glas. Er blickte nur immer unverwandt nach oben und drehte dabei gleichmäßig mit dem Daumen und dem Zeigefinger seiner rechten Hand den sechskantigen Stiel seines Glases Ruck für Ruck weiter, so gleichmäßig, als habe er in seiner Brust statt eines Herzens das Räderwerk einer Uhr. – Die Erzählung beginnt mit dem stummen Takt der Zeit zum Tode hin, aus dem dann die Lebensmelodien der Musik aufsteigen.

Χριστιανος
Aber es sind zunächst grausige Erinnerungen an frühkindliche Musikerlebnisse, die Σεβαλδος in Moments musicaux schildert, und sie konkurrieren in meinem Leben mit einem vollkommen anderen, fast idyllischen Bild. Hier frage ich allerdings, ob Σεβαλδος mit den vielen Schilderungen einer als unerträglich empfundenen Musik nicht in das alte englische Klischee verfällt, man sei auf der Insel insgesamt unmusikalisch, liebe aber an der Musik, den Krach, den sie macht.

Άρκτος
Bei den Moments musicaux halte ich die Antipathien des Σεβαλδος gegen Formen der altbayerischen Volksmusik, die von eingeborenen Musikanten praktiziert und von seinem Vater besonders geliebt wurden, eher für ein privates Trauma, das als Basis für eine Generalisierung nicht ausreicht.

Περεκράτης
Liest man das Stückchen wie ich als an die Musik angelehnten Lebensbericht und ferner als künstlerische Prosa, so ist alles privat und ein generalisierbarer Wahrheitsanspruch außerhalb des Rahmens der Erzählung besteht nicht. - Wie eigentlich immer beim Σεβαλδος wird sein Humor dann, wenn er sich seiner deutschen und vor allem seiner bayerischen Heimat nähert, um einiges drastischer. Mich jedenfalls reizen der Bericht von der heimatlichen Jodlertruppe, den in den Radiowecker eingesperrten Rottachtaler Volksmusikanten sowie auch von den eigenen, erzwungen Bemühungen um das Zitterspiel weitaus mehr zu herzlichem Lachen, als daß mir vor ihnen graust.

Άρκτος
Die kontrastreiche Schilderung der Kirchenmusik ist beeindruckend, wenn auch z.T. wenig nachsichtig formuliert (Geheul) und erinnert vor allem am Schluß etwas an eine Stelle im vierzehnten Kapitel des Manns ohne Eigenschaften unseres großen Musil.

Περεκράτης
Meine eigenen Erinnerungen an den Gemeindegesang lassen mir Geheul durchaus als neutral deskriptiv erscheinen, und der Bericht sowohl von dem im klinischen Sinne einfältigen Adam Herz, der sich allsonntaglich die Seele aus dem Leib singt, als auch von dem Chorregenten, der befreit von der Gemeinde, seinem musikalischen Furor freien Lauf läßt, scheinen mir nicht nur nachsichtig, sondern so liebevoll, daß es mir geradezu die Tränen in die Augen treibt.

Άρκτος
Diese Deine Worte, Περεκράτης, muß ich noch in meinem Herzen bewegen. In jedem Fall ist die Sensibilität des Σεβαλδος für die wunderschönen Stücke und Melodiebögen, die sein geliebter Lehrer Bereyter auf der Klarinette blies, ist für mich überzeugend dargestellt, wird aber im Zusammenhang der musikalischen Momente ein Teil der polarisierenden Bewertung von gut und schlecht. Diese Bewertungen im Bereich der Musik sind nicht immer, aber oft mode- und temperamentsabhängig. Vom Hörensagen sind mir z.B. ziemlich unfreundliche Bemerkungen des Johann Christian Bach über seinen großen Vater, oder von Schumann über Haydn oder von Brahms über Wagner in Erinnerung.

Περεκράτης
Einerseits sagt man ja, daß die wahren Genies zu groß und zu einsam sind, um sich wechselseitig zu verstehen, andererseits kann m an das Gefälle zwischen dem großen Bach und den Rottachtalern vielleicht sogar mit den Mitteln der Naturwissenschaft nachweisen, wie sie unser großer Άριστoτέλης initiiert hat.

Χριστιανος
Natürlich gibt es auch in den Erinnerung des Σεβαλδος schöne Musik, den Lehrer, der auf Wanderungen Brahms auf der Klarinette spielt, aber die Musik bleibt am Ende doch in einer engen Funktionalität gefangen, die auf Sigmund Freud zurückgeht: sie soll uns helfen zur Abwehr der Paranoia. Diese Definition aus dem Negativen heraus sieht nicht – wie könnte es bei Freud aber auch anders sein – den göttlichen Funken in jeder guten Musik und den offenen Himmel und die kosmische Harmonie über jeder gelungenen Komposition. Das englische Understatement, was die Liebe zum Krach betrifft, wird übrigens in der Realität von unzähligen guten Kompositionen widerlegt und von einer langen Ahnenreihe großer Komponisten, zu denen nicht zuletzt auch John Lennon und Paul McCartney gehören.

Άρκτος
Ausgehend von der nicht ganz ernst gemeinten These, daß z.B. die Laienmusik an Humor gewinnen kann, was sie an Ästhetik verliert, und meiner Ansicht, daß die Musik insgesamt vor allem prophylaktische und therapeutische Funktionen hat, beschäftigt mich besonders folgende Formulierung im Text des Σεβαλδος , auf die auch Χριστιανος schon angesprochen hat: Ich denke nicht, daß ich damals, als Zwölfjähriger, habe erahnen können, was ich viel später in einer der Studien Sigmunds Freuds, wenn ich mich nicht täusche, gelesen habe und was mir sogleich einleuchtete, nämlich daß das innerste Geheimnis der Musik eine Geste sei zur Abwehr der Paranoia, daß wir Musik machten, um uns zu Wehr zu setzen gegen die Überflutung durch die Schrecken der Wirklichkeit. Ich habe versucht, den Zusammenhang dieser Stelle in Freuds Werken , vor allem in denen, die sich durch ihren Titel auf die Paranoia beziehen, in der Sammlung Gutenberg zu finden, leider ohne Erfolg. Auch verschiedene Wortkombinationen in der sinnreichen Guggelmaschine haben nichts Konkretes erbracht. Vielleicht seid Ihr geschickter. Wenn man überlegt, was die Paranoia in der Weltgeschichte und den Privatgeschichten schon alles angerichtet hat, könnte man vielleicht aus Ansichten Freuds und des Σεβαλδος ein allgemeines friedensförderndes Musikalisierungsprogramm ableiten.

Περεκράτης
Ein Gedanke, der mir schon seit langem im Sinn liegt, ist dieser: Leute, die, wie Ihr beiden, einen wahren Zugang zur Musik haben und darin ihr Genügen finden, sind gegenüber den musikalischen Eigenschaften von Sprachkunstwerken vielleicht weniger aufmerksam als diejenigen, für die, wie es bei mir der Fall ist, die Musik hinter einem verschlossenen Tor liegt. Σεβαλδος wäre nicht Σεβαλδος, wenn er eine musikalische Erzählung nicht musikalisch gestaltet hätte. Es beginnt mit dem lautlosen Takt des Glases und schließt mit der lautlosen Stille beim Tode des großen Τζιουζέπε Βέρντι, auf den Ihr beide zu meiner Überraschung gar nicht eingegangen seid - Άρκτος hat sogar, wider alle seine Gewohnheit, den allerletzten, dem großen Wittgenstein zugewandten Satz unbesehen gelassen - und dazwischen liegt viel Dur und Moll. Was nun die Stelle beim alles in allem doch großen Freud anbelangt, so würde ich einerseits dem Σεβαλδος zutrauen, daß er sie sich ausgedacht hat – wahrscheinlich ist das aber nicht – und andererseits scheint sie mir in der Erzählung keineswegs von enger Funktionalität. Die Paranoia ist für jeden Einzelnen von uns das Einfallstor für das Grauen der Welt, das für den Σεβαλδος, wir wissen es aus seinen großen Büchern, immer gegenwärtig ist, und gegen das er sich - und wir mit ihm – mit den Mitteln der Kunst und den göttlichen Funken in ihr stemmt.
An ihren äußersten Endpunkten ist die Erzählung aufgehängt zwischen einem Gewitter auf Korsika und einem Gewitter über Bregenz. Der leere Takt der Zeit und der Gewitterlärm, der Krach, von dem Du, Χριστιανος, sprichst, von unseren Vorfahren gedeutet als Drohung einer aufgebrachten Gottheit, überformt und gebannt in der Musik.

Χριστιανος & Άρκτος
Περεκράτης, diese Deine Worte müssen wir noch bedenken und in unsere Herzen bewegen. Χαίρε!

Περεκράτης
Χαίρετε und auf bald!


Donnerstag, 3. September 2009

Sebaldos: Korsika

Περεκράτης
Heute haben wir uns getroffen, um von einer Insel zu handeln, mit der Σεβαλδος Großes im Sinn hatte. Dazu ist es dann nicht gekommen.

Χριστιανος
Korsika soll die schönste Insel des Mittelmeers sein, weil sie offenbar mit ihren hohen Bergen zusätzlich zur Schönheit einer Insel auch die Schönheit der Alpen hat. Κάλλιστη haben wir Έλληνες sie seinerzeit genannt, die Schönste. Mir war das entfallen, ich wundere mich aber im Nachhinein nun nicht mehr, daß man nirgendwo sonst im Werk des Σεβαλδος so unmittelbar in den Sog hineingezogen wird, den Reisen des Autors persönlich nachzuspüren und sich selbst auf den Weg zu den Orten zu machen, die er beschreibt.



Περεκράτης
Korsai
, die mit Wäldern Bedeckte, hatten oι Φοίνικες die Insel genannt, und Σεβαλδος zeigt uns schmerzlich, wie wenig sie diesen Namen, bei all ihrer sonstigen Schönheit, heute noch verdient.

Χριστιανος
Zu dem großen Korsikabuch, das Σεβαλδος geplant hatte, ist es dann in der Tat nicht gekommen. Im Buch Campo Santo wurden nach dem Tod Σεβαλδος vier kurze Prosastücke veröffentlicht, welche sich mit Κάλλιστη beschäftigen, außerdem die Moments musicaux, die ebenfalls ihren gedanklichen Rahmen von der Insel nehmen. Die Prosastücke bilden die ersten fünfzig Seiten des Buches und geben ihm (mit der Beschreibung des Friedhofes von Piana) auch den Titel. Im Katalog zur Marbacher Ausstellung sind weitere Stücke aus den Korsika-Aufzeichnungen veröffentlicht, die bei Reisen etwa um das Jahr 1995 entstanden sind, aber nicht zu einem vollständigen Buch führten. An die Stelle des Korsikabuches trat dann Austerlitz, unter Verwendung von Korsikamaterial.

Περεκράτης
Ich habe mir vorgestellt, das Κάλλιστηbuch könnte ähnlich werden wie das von vom Saturn, und hatte mich in der Phantasie vom Σεβαλδος, auf den Spuren des Ναπολέων Βοναπάρτης schon nach Rußland tragen lassen, um dort in seiner Begleitung Tolstoi, Gogol, Tschechow und Dostojewski zu treffen. Wenn ich so denke, muß ich eigentlich bedauern, daß er sich dem Austerlitz zu gewandt hat – nur, wie soll man das bedauern!

Χριστιανος
Reisebeschreibungen wie die Korsikanotizen verleiten dilettierende Schreiber wie mich gerne dazu, den unerfüllbaren Traum von einem eigenen, schönen Buch nun doch noch einmal neu zu träumen und sich vorzustellen, man brauche nur eine Reise wie diejenige des Σεβαλδος zu unternehmen, dort ein gängiges, mit dem Ort verbundenes geschichtliches Thema (hier ist es Napoleon) zu finden, um dann seinerseits ein gelungenes Buch darüber schreiben zu können.

Περεκράτης
Nach der ersten Lektüre der Schwindel.Gefühle hatte ich das verwandte und irgendwie gegenläufige Gefühl: als seien Reisen fortan moralisch nur noch zu rechtfertigen, wenn sie zu einem ähnlichen Werk führten. – Aber dann käme man streng genommen nicht umhin, der Forderung des großen Μπλεζ Πασκάλ gerecht zu werden, und sein Zimmer nicht mehr zu verlassen.

Χριστιανος
Ja, solche Träume werden jäh wieder zerstört, wenn man in dem Buch an Stellen kommt wie die, in welcher der Einbruch der Nacht über dem Meer bei Porto geschildert wird. Das Verlöschen des Tages, das Zwielicht vor dem Einbruch der Nacht, ein Schiff, welches langsam in die Bucht einfährt - man kann es kaum schöner erzählen als Σεβαλδος es hier tut.

Περεκράτης
Das sind diese Stellen, bei denen man denken möchte, der Σεβαλδος schreibe sie, um solche wie uns zu demütigen, um uns zuzurufen, Schuster bleib bei deinen Leisten!

Χριστιανος
Ich sehe hier erneut, daß Σεβαλδος eine große, glückliche Fähigkeit besaß, die Schönheit der Welt zu erfassen. Man darf sich durch seine überall durchscheinende Melancholie nicht dazu verleiten lassen, in ihm durchgängig einen der Untröstlichen zu sehen, die er oft und gerne beschreibt. Allerdings korrespondiert sein Blick für das Schöne ganz unmittelbar mit dem Blick für das Unglück, das er etwa in dem Paolini-Portrait aufscheinen sieht, einem Bild aus der Sammlung des Napoleon-Onkels Joseph Fesch.Man kann die Welt, ob im Glück oder im Unglück, offenbar nur dann richtig beschreiben, wenn man einige technische Voraussetzungen dafür schafft. Eine davon hat Σεβαλδος mit Ernst Jünger gemeinsam: er kann die Pflanzen beim Namen nennen. ... wo Eukalyptus und Oleander, Fächerpalmen und Lorbeer und Myrten eine Oase bilden inmitten der Stadt. Eigentlich ist es selbstverständlich, daß diese Notwendigkeit besteht, in Schilderungen präzise zu sein, aber es wird oft übersehen.

Περεκράτης
Ich fühle mich erinnert an eine Stelle bei Czesław Miłosz, dem großen Dichter aus dem Osten. Er spricht von der schwer zu verstehenden Antwort Gottes auf die Klagen des Hiob: Gott beschwört die Schönheit der Welt und nennt die schönen Dinge beim Namen. So gesehen wäre es weit mehr als eine Technik, wir wären im inneren Herzen der Dichtung und die Dichtung wäre eine Imitatio Dei.

Χριστιανος
Auch eine zweite Technik, wenn ich sie jetzt noch so nennen darf, erinnert an Ernst Jünger: Σεβαλδος besucht in Korsika, wie Jünger es häufig an anderen Orten ebenso getan hat, einen Friedhof, weil er hier tiefe Eindrücke von der Kultur des Landes bekommt. In der Behandlung ihrer Toten verraten die Lebenden etwas von dem, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist. Σεβαλδος bemerkt auf dem Friedhof von Piana die starken sozialen Differenzen, die nicht etwa angesichts des Todes aufgehoben, sondern in der unterschiedlichen Ausgestaltung der Gräber sogar noch verstärkt werden.
Er findet durch das Lesen alter Reiseberichte (auch hierin Jünger erneut verwandt) zusätzliche Details heraus, wie etwa die alte Sitte der Korsen, ihre Toten auf dem eigenen Grund und Boden zu begraben, um gewissermaßen das Eigentum an diesem zu befestigen. Die Sitte ist der Grund dafür, warum die Gräber in Piana aller noch relativ neueren Datums sind. Man hat noch bis vor wenigen Jahrzehnten offenbar keine zentralen Friedhöfe gekannt.
Ich lese solche Berichte über Friedhöfe mit gemischten Gefühlen. In meiner Familie galt das Jesuswort laßt die Toten ihre Toten begraben, man hatte eine sichere Vorstellung von der Seele, die in den Himmel eingeht, und betrachtete die Überreste des auf der Erde verbleibenden Körpers wie einen alten Mantel, den man irgendwann beiseite gelegt hat, um ihn zur Altkleidersammlung zu geben. Entsprechend wurden Grabstätten nicht besucht und nur in dem Maße gepflegt, daß die Nächsten keinen Anstoß nahmen. Aus dem Grabstein etwa meines Vaters etwas darüber zu lesen, in welchem Verhältnis wir als Familie zu ihm gestanden haben, scheint mir von daher fast unmöglich zu sein.

Περεκράτης
Wie es bei Jünger ist, weiß ich nicht, beim Σεβαλδος geht aber auch das sicher tiefer als eine bloße Technik, das steht bei ihm ja in engster Verbindung mit dem großen Komplex der Erinnerung, auch des Holocaust. Das auf seine Art lebendige Totenvolk hat er dann im Austerlitz auch von Κάλλιστη nach Cymru verpflanzt. Laßt die Toten ihre Toten begraben, das galt in einer Welt, als man sich auf die einerseits Toten noch verlassen konnte und sie andererseits auch gelassen hat. Σεβαλδος glaubt aber, es mit einer Welt zu tun zu haben, die nur noch die reine und eigentlich unsichtbare Gegenwart und die - letztlich aber ganz unbekannte - Zukunft kennen und die Vergangenheit, die uns sozusagen erst unseren lebendigen Leib und unsere Seele gibt, loswerden und abschaffen will.

Χριστιανος
Auch wenn man als Steckenpferdautor am Σεβαλδος eigentlich nur verzweifeln kann, vermittelt er doch eine solche Freude, daß man sich spornstreichs ein Flugticket zu kaufen und umgehend die Reise nach Κάλλιστη antreten möchte. Und das habe ich, auch wenn es ein wenig noch warten muß, fest vor.

Περεκράτης
Zu dem Entschluß kann ich Dich nur beglückwünschen, Χριστιανος, und wer weiß, der Genius loci ... Χαίρε, und vielleicht treffen wir uns vor Deiner Reise ja noch einmal.

Χριστιανος
Da bin ich mir ganz sicher, so schnell wird es nicht gehen. Χαίρε!