Montag, 13. Februar 2012

Tra donne

Fragen der Gerechtigkeit

Die Wächter dürfen nicht ruhen, sie sind unsere einzige Hoffnung. Im Falle Sebalds haben sie entdeckt und moniert, daß in seinem wissenschaftlich-essayistischen Werk die Dichterinnen, die Frauen fehlen. Naturgemäß ist jeder frei in der Entscheidung, worüber er schreibt und worüber nicht, die radikale Möglichkeit, gar nicht zu schreiben dabei nicht ausgenommen, die Freiheit aber steht, wie wir alle wissen, in enger Wechselbeziehung mit der Gerechtigkeit, die ihrerseits, sofern von dieser überhaupt unterscheidbar, auf Gleichheit gründet. Wenn Sebald in seinen Arbeiten zur österreichischen Literatur einen Bogen um Elfriede Jelinek macht, wird man dafür noch Verständnis aufbringen können, aber was ist mit der uns allen so lieben und so verzweifelten Ingeborg Bachmann? Er hätte sie nicht gleich ins Landhaus einladen müssen, dagegen können, angesichts der dort versammelten Herren, Gründe der Schicklichkeit sprechen, aber in der Unheimlichen Heimat war sie ohne Frage beheimatet.

Im Prosawerk sieht es auf den ersten Blick nicht so sehr viel besser aus. Wir wissen, daß sowohl Selysses als auch sein Doppelgänger außerhalb des Textes, Sebald also, verheiratet waren, aber keine Rede davon, daß Selysses’ Frau, Clara, ihn nach Italien oder Korsika begleitet hätte, nicht einmal an den Wanderung in der näheren Umgebung des Wohnortes hat sie teilnehmen können. An wenigen Stellen, abzuzählen an den Fingern einer versehrten Hand, sind ihr kleine und kleinste Auftritte als Komparsin zugestanden, so daß wir immerhin von ihr wissen. Die Protagonisten der Erzählungen sind samt und sonders Männer, Selysses selbst, Selwyn, Bereyter, Adelwarth, Aurach, Austerlitz. Da verfängt auch nicht ohne weiteres der Hinweis, allen, den Protagonisten und den Komparsen, sei schließlich, wie bei Pisanello, die gleiche ungeschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen.

Frauen trifft Selysses auf seinen Reisen und Wanderungen keineswegs in geringer Zahl, vorzugsweise als Mitreisende und Empfangsdamen. Die Begegnungen, so kurz und schlicht, wie sie immer verlaufen, erfordern doch eine Aufmerksamkeit und Wahrnehmungstiefe, die in Begleitung einer permanenten Reisegefährtin nicht möglich wäre. Können wir die Franziskanerin und das junge Mädchen im Zug nach Mailand uns vorstellen - die eine das Brevier und die andere eine Fotonovella vor Augen und dazu Selysses mit dem Beredten Italiener in der Hand - wenn zusätzlich Clara im Abteil säße; und wie sollte, weiter voran in den Schwindel.Gefühlen, die Begegnung mit der Winterkönigin in Claras Gegenwart verlaufen? Um die Unvergeßlichkeit dieser Begegnungen wäre es wohl geschehen.

Es bleibt nicht allein bei den flüchtigen Reisebegegnungen. Im Gespräch hat Sebald die Schwindel.Gefühle als ein Buch von der Liebe, de l’amour, bezeichnet und sich im gleichen Atemzug mit unverhohlenem Spott von der Gattung des sogenannten Beziehungsromans abgesetzt. Der Spott ist unangebracht, denn der Begriff der Beziehung ist für Fragen der Gerechtigkeit aufnahmefähiger als der der Liebe. Mit Stendhal und Kafka läßt er zwei höchst unterschiedliche Helden und Geschlagene der Liebe auftreten. Sie leiden überwiegend an der Liebe und theoretisieren sie in ihrer Not, der eine sieht in ihr einen Prozeß der Kristallisation, und der andere versucht sie von körperlichen Ansprüchen zu befreien. Was in Nach der Natur wenig entschlüsselt die schreckliche Separation der Geschlechter genannt wurde, die das Unglück auch der Heiligen sei, gewinnt am Exempel der beiden unheiligen Dichter klarere wenn auch noch immer nicht ganz klare Konturen, die wohl auch nicht aufzufinden sind in der Welt.
Das Spiel von Begehren, Erreichen und Verfehlen innerhalb der widersprüchlichen Dimensionen unserer Sehnsucht findet unter Menschen wohl immer statt, an den verschiedensten Schauplätzen, ist aber im erotischen Bezirk immens gesteigert. Alt geworden zeichnet Stendhal langsam, mit dem Stock, den er jetzt meistens mit sich führt, die Initialen seiner vormaligen Geliebten wie eine rätselhafte Runenschrift seines Lebens in den Staub. Rauhere Naturen hatten mit Kerben auf dem Henrystutzen oder der Silberbüchse Abschüsse anderer Art verzeichnet. Stendhal betrachtet seine Eintragungen und hat keinen Gewinn davon. Kafka ist einen vergleichbaren Weg nicht gegangen. Ehe und Familiengründung hat er immer als den einzig möglichen, ihm aber verwehrten Zutritt zur Lebenswirklichkeit angesehen. Wohl schon verzagend an seinem Schicksal, versucht er am Gardasee seiner Genueser Freundin die Theorie einer körperlosen Liebe nahe zu bringen. Sie aber hatte denn doch anderes und mehr erwartet, er seinerseits ist, als sie abreist, vor allem erlöst.

Selysses folgt in diesen Dingen gemäßigteren Bahnen. In noch sehr jungen Jahren versieht er sich keinerlei Gefahr oder größerer Schwierigkeit. Die Strecke vom Ersehnen zum Erreichen zu durchmessen, traut er sich ohne weiteres zu, und am Ziel erwartet ihn einzig märchenhaftes Glück, jedenfalls reicht der Blick weiter nicht: Mit Hingabe füllte ich meine Schulhefte mit einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen, in welche ich das Fräulein Rauch immer einzuspinnen und zu verstricken hoffte. Auch war mir damals, als wüchse ich mit großer Geschwindigkeit und als sei es darum durchaus möglich, daß ich im Sommer bereits mit meiner Lehrerin vor den Traualtar würde treten können. Nach allem was wir wissen, ist es nicht zu diesem guten Ende gekommen, den Traum hat Selysses aber bewahrt, und in abgewandelter Form träumt er ihn in schon reifem Alter ein zweites Mal. Die Wirtin Luciana hat ihn ganz leicht an der Schulter berührt, vielleicht noch nicht einmal, und als sie später dann die Gendarmerie verlassen, in der Selysses ein Paßersatzdokument ausgestellt worden war, da war es ihm, als seien die beiden von dem Brigadiere getraut worden und könnten nun miteinander hinfahren, wo sie wollten.
In den Schwindel.Gefühlen bewegen sich drei Probanden im erotischen Bezirk, der Vollstrecker, der Verzagende und der Träumer. Was immer wir von ihnen halten sollen, der grundlegende Fehler der bisherigen Betrachtung liegt darin, daß die Angelegenheit ausschließlich aus der Perspektive der Männer beleuchtet wurde. Naturgemäß kann nicht allen Damen nachgegangen werden, deren Spuren Stendhal in den Sand gezeichnet hat. Angela Pietragrua erklärt sich nach langem Drängen bereit, sich ihm hinzugeben, wie es damals hieß, allerdings unter der Bedingung, daß er sich, nach gewährter Gunst, ohne weiteren Verzug aus Mailand entfernen werde, ein sexuell souveränes Verhalten, daß die Wächtern letztlich nur billigen können. Métilde Dembowski bedenkt Stendhal, als sein unerklärliches Verhalten ihr schließlich zu lästig wurde, mit einem sehr trockenen Billett, das seinen Hoffnungen als Liebhaber ein ziemlich abruptes Ende setzt – auch da kann man nur beifällig nicken. Beifall würde auch Mme Gherardi verdienen, die sich von Stendhals kristalliner Liebestheorie keinesfalls einwickeln läßt, bei ihr hat es allerdings den Haken, daß sie womöglich von Stendhal, den die realen Damen denn doch sehr erschöpft hatten, nur ersonnen worden war. Die Genueserin kann man nur bedauern, daß sie bei ihrer Wasserkur auf diesen schwierigen und wenig verständlichen Menschen stoßen mußte, beim Fräulein Rauch, das man außerhalb der Traumwelt ihres Schülers eigentlich gar nicht kennenlernt, gibt es kaum etwas zu sagen, und bei Luciana Michelotti weiß man nicht so recht, was man sagen soll, ihre Perspektive wird uns nicht eröffnet, es ist aber nicht gut denkbar, daß sie keine hatte.

Die Erzählungen Bereyter und Austerlitz sind jeweils mit dem Nachsommermotiv versehen. Sie habe in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben eine ziemliche Anzahl von Männern – des näheren, wie Mme Landau mit spöttischem Gesichtsausdruck hervorhob – kennengelernt, die sämtlich auf die eine oder andere Art von sich eingenommen gewesen seien. Jeder dieser Herren, deren Namen sie, gottlob, größtenteils vergessen habe, sei lediglich nur ein ungehobelter Klotz gewesen, wohingegen man sich einen umsichtigeren und unterhaltsameren Kompagnon einfach nicht habe wünschen können als den von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen Paul Bereyter. Dreizehn Jahre haben sie gemeinsam verbracht, sie, falls die Rechnung stimmt, von ihren Fünfzigern in die Sechziger, er von den Sechzigern in die Siebziger. Daß er ein umsichtigeren und unterhaltsameren Kompagnon gewesen sei, ist schon der tiefste Einblick, den sie in ihr beider Zusammenleben gewährt. Man stellt sich in ihrer Weise glückhafte, von Alltagsfragen nicht berührte Jahre vor, soweit das in Anbetracht von Bereyters labilem Zustand möglich war. Der den Nachsommer dominierende Gartenbau fehlt nicht: Er hatte sich des ziemlich vernachlässigten Gartens angenommen, und tatsächlich war ihm ein wahrhaft einmaliges Verwandlungswerk gelungen. Die jungen Bäume, die Blumen, die Blatt- und Kletterpflanzen, die schattigen Efeubeete, die Rhododendren, die Rosensträucher, die Stauden und Boschen – es war alles am Wachsen, und nirgends gab es eine kahle Stelle mehr. Mme Landau zu treffen war für Bereyter ohne Frage eine Gunst des Lebens, die ihn am Ende dann doch nicht vor den inneren Abgründen bewahren kann. Austerlitz ist der Vorgabe Stifters insofern näher, als er Marie de Verneuil durch eigenes Verschulden, wenn man davon sprechen kann, verliert. Erst ganz am Ende der Erzählung begibt er sich erneut auf die Suche nach ihr.

In einer Beziehung wird aber gründlich von der klassischen Vorlage abgewichen. Bei Stifters Buch handelt es sich dem Kern nach um den minutiösen Bericht von einer Generationsübergabe unter den aufwendigsten Vorkehrungen. Bei Sebald fehlt die nachfolgende Generation. Seine Helden, die Mitglieder der Compagnia, stehen knapp am Rande zum Zölibats und verweigern die Prokreation. Wie sich die Frauen dazu stellen, wird nicht recht klar.
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Was immer zugunsten des Dichters ins Feld zu führen versucht wurde, es kann und darf die Wächter nicht zufriedenstellen. Legitime Ansprüche einer gerechten Welt bleiben unerfüllt. Im Gespräch hat Sebald zudem eingeräumt, daß seine Schreibtätigkeit doch sehr zu Lasten seines persönlichen Umfelds gegangen ist. Sein Dichtertum hat er, so muß man vermuten, auf dem Rücken seiner Frau ausgelebt, er wäre nicht der erste.

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