Freitag, 24. Februar 2012

Prime Speaker

Heillos überfordert

Kritiker aus dem angelsächsischen Sprachraum haben den Einfall gehabt, Sebald als Prime Speaker of Holocaust zu ehren. Falls gemeint sein sollte, daß er von allen, die sich zum Thema geäußert haben, die höchsten literarischen Qualitäten aufweist, mag das angehen, obwohl Geschmack und Takt einer derartigen Prämierung fraglich bliebe. Wenn aber gemeint ist, der Holocaust habe in seinem literarischen Werk den thematischen Primat und er selbst eine Art Rudelführerschaft unter den literarischen Holocaustsprechern, so ist das eine falsche Meinung. Die Idee des Prime Speaker hat sich sicherlich erst bei Sebalds letztem veröffentlichten Prosawerk, Austerlitz, eingestellt, vielleicht das erste und zugleich auch letzte seiner Bücher, das die Vertreter der Idee gelesen haben. Falls sie versucht haben sollten, dann sozusagen rückwärts noch in das Gesamtwerk einzudringen, ist ihnen womöglich schon bald die Lust vergangen. Gehen wir den Weg zurück noch einmal gemeinsam. 

Die Ringe des Saturn haben wenig, das die These des Prime Speaker stützen könnte. Dem Despotismus im kaiserlichen China und den belgischen Verbrechen im Kongo, um nur diese zwei Dinge zu nennen, ist jeweils mehr Raum gegeben als dem Holocaustthema. Das Holocaustthema findet eine beeindruckende Gestaltung in der Episode des Majors Wyndham Le Strange, der an der Befreiung von Bergen Belsen teilgenommen hat und anschließend aus dem bürgerlichen Leben austritt. Daß er sich dabei in einen seltsamen Heiligen verwandelt, mag, wenn auch mit einigen Bedenken, noch durchgehen, weniger schon, daß der Blick auf Bergen Belsen unmittelbar an die Betrachtung der Heringe und ihrer massenhaften Tötung anschließt. Die Heringe waren überdies bereits in einen motivischen Zusammenhang - dem des Eisenbahntransports an die Stätten, an denen sich ihr Schicksal auf dieser Erde endgültig erfüllen wird, wie es im blumig-schnarrenden Kommentarton des ihnen gewidmeten Films heißt - zum Holocaust gestellt. Von den Heringen geht es weiter zu den Seidenwürmern: Im Gegensatz zu dem ungeheuer dunklen, fast mitternächtlichen Heringsfilm war der Seidenbaufilm erfüllt von einer wahrhaft blendenden Helligkeit Männer und Frauen in weißen Laborkitteln hantierten da in lichtdurchfluteten, frischgeweißelten Räumen mit schneeweißen Spinnrahmen, schneeweißen Papierbögen, schneeweißer Abdeckgaze, schneeweißen Kokons und schneeweißen leinenen Versandsäcken. Die letzte Kapitelzwischenüberschrift des Buches lautet: Das Tötungsgeschäft, gemeint ist das an den Seidenraupen. Massentötung der Heringe, der Seidenraupen und Bergen Belsen sind, neben vielem anderen, in eine Reihe gestellt, für einen monothematischen Prime Speaker ein ganz und gar deviantes Vorgehen.

In den Ausgewanderten sieht es für die Vertreter der Prime-Speaker-These um einiges besser aus, ständig erscheint ihr Thema wetterleuchtend am Horizont. Wenn es bei einigen Rezensenten aber so klingt, als werde gleich viermal das Schicksal Walter Benjamins erzählt, so ist das in vielfacher Hinsicht falsch. Dr. Selwyn ist bereits im Jahre 1899 als Kind aus dem jüdischen Dorf bei Grodno nach England ausgewandert, selbst bei großzügiger Betrachtung weit jenseits der Reichweite der nationalsozialistischen Herrschaft, und auch in der Erzählung Ambros Adelwarth wird nach Amerika übersiedelt, bevor man vielleicht nach Amerika hätte fliehen müssen vor den Nazis. Paul Bereyters Lebenshoffnungen werden von den Nationalsozialisten zerstört, er selbst aber zieht als deutscher Wehrmachtssoldat ins Feld, ähnlich, allerdings nicht was den Dienst mit der Waffe anbelangt, liegen die Verhältnisse bei Max Aurach.

Die Schwindel.Gefühle sind thematisch kaum einschlägig und erfreuen sich vielleicht deswegen einer relativ geringen Beachtung unter Rezensenten, nur wenige, wie John Burnside* oder auch der kaum bekannte Vostre Servidor, erklären dieses Buch zu ihrem Favoriten unter Sebalds Werken. Auch das Elementargedicht Nach der Natur hat nichts an sich, das aus sich heraus die Prime-Speaker-Idee hätte generieren können.

Und wie sieht es bei Austerlitz, der eigentlichen Stütze der Prime-Speaker-These aus? Es ist bezeichnend, wenn Rezensenten, die umstandslos eine Holocaustgeschichte voraussetzen, sich dann beklagen, der Autor würde, bevor er endlich zur Sache kommt, auf absurde Weise und völlig planlos viele unnötige Seiten füllen mit seinen saft- und kraftlosen Sätzen. Der rettende Gedanke, es möchte womöglich keine Holocaustgeschichte sein, die man da liest, hat sich nicht eingestellt. Keinem Erzähler wird ein Vorwurf gemacht, wenn er zum abertausendsten Mal die Geschichte von Lise und Franz erzählt, ohne sich um den Holocaust zu scheren, aber wenn das Thema angeschlagen ist, haben alle anderen Themen und Motive ins Glied zu treten, dieses Diktat gilt nicht zuletzt für die Rezipienten. Da niemand sich dem Diktat gänzlich entziehen kann, ist es schwer, die wahren Proportionen von Austerlitz zuverlässig einzuschätzen. In jedem Fall ist der Holocaust hier weit mehr als nur ein Wetterleuchten, aber neben Agáta und Theresienstadt gibt es Wales, Bala und Andromeda Lodge, Gerald den Flieger und Marie de Verneuil, Bahnhöfe und andere Bauten, Papageien und Falter, Unterwasserflora und -fauna, sogar Rugby, denen allen, nach Sebalds Willen, die gleiche ungeschmälerte Daseinsberechtigung zugesichert ist.
In Sebalds geistiger Hintergrunddisposition lassen sich vielleicht drei Komplexe bestimmen: Zum einen ein tiefgehender Nihilismus, in einem Gespräch hat er unterstellt, wir alle wüßten um die Sinnlosigkeit der Welt und unserer Existenz, um in einem anderen Gespräch zu monieren, daß in Deutschland radikal nihilistische Denker vom Schlage Emil Ciorans fehlen; sodann ein ausgeprägter und ebenfalls offen im Gespräch eingestandener Hang zur Metaphysik, zu verfolgen unter anderem an den durch das Werk vagabundierenden Trümmern der Heiligen; und schließlich eine nicht weniger ausgeprägte Lebenszugewandtheit, wie sie sich äußert in der unvergleichlichen Schilderung einfacher Leute und ganz allgemein in der großen Freundlichkeit der Prosa. Es verwundert nicht, wenn sich über diesen spannungsreichen Feld als der einzig richtige Ton der einer großen Weltklage erhebt, einer Klage, die auch die Heringe, die Seidenraupen, die verreckten Tauben in ihrem Käfig und die an schwerem Hospitalismus leidende Wachtel zu gleichem Recht einschließt. Aber es nicht die ganze, die vom Menschen unabhängig zu denkende Welt, die einbezogen ist. Schon kurzes Nachsinnen führt zu der Feststellung, daß auch außerhalb des menschlichen Bereichs immer nur die Folgen menschlichen Handelns zum Klagethema erhoben werden, das Wüten des Haifisches im Heringsschwarm bleibt unbeachtet. In der biologischen Welt ginge es ohne den Menschen kaum weniger grauenhaft zu als mit ihm, mit der Maßgabe, daß ohne den Menschen, der es benennt, das Grauen kein Grauen ist. Wenn Sebald immer wieder eine Welt vor sich sieht, die sich vom Menschen befreit hat, aus der der Mensch verschwunden ist, so ist doch und gerade der Mensch sein Thema, der Mensch allerdings, der von der ihm nach dem Tod Gottes zugefallenen Aufgabe nicht nur heillos überfordert ist, sondern der sogar noch über alles legitim Erwartbare hinaus versagt. Sebalds Zuneigung gilt den Randbereichen der Menschheit, den einfachen Leuten auf der einen Seite und auf der anderen den Schöpfern großer Kunstwerke wie Grünewald oder Pisanello, den Glanzpunkten, in denen sich die Berufung des Menschen, wenn es sie denn geben sollte, am ehesten noch erfüllt. Im großen mittleren Bereich, dem des Handelns, sind Bau und Zerstörung die zwei Seiten Desselben, in die Zeit getreckt eine endlose Abfoge von Kalamitäten und Katastrophen. Nichts spricht dafür, daß das größte uns heimsuchende Unheil der Vergangenheit angehört. Die Handlungswelt zerfällt vor unseren Augen. Aus der Asche und dem Rauch großer Brände treten die Eremiten und säkularen Heiligen, Wittgenstein und seine Gefährten.

* In einem zu Sebalds zehnten Todestag in der FAZ veröffentlichten Aufsatz

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