Dienstag, 17. Februar 2009

Bauten

Dw i'n credu fod yr adeilad 'ma'n warth

Liest man Austerlitz als ein Kompendium des Bauens, so ist man nicht gravierender vom Weg der Wahrheit abgekommen, als wenn man in dem Buch einen Roman über den Holocaust sieht. Austerlitz, der Held des Buches, ist Dozent am Londoner Kunsthistorischen Institut, mit dem Schwerpunkt Architektur, speziell Bahnhofsarchitektur, und somit vom Fach. Seinen eher unfachmännischen, persönlichen Standort innerhalb der Architektur umreißt er schon an einer sehr frühen Stelle des Buches: Die unter dem Normalmaß der domestischen Architektur sind es - die Feldhütte, die Eremitage, das Häuschen des Schrankenwärters, der Aussichtspavillon, die Kindervilla im Garten -, die wenigstens einen Abglanz des Friedens uns versprechen, wohingegen von einem Riesengebäude wie beispielsweise dem Brüsseler Justizpalast auf dem ehemaligen Galgenberg niemand, der bei rechten Sinnen ist, behaupten kann, daß er ihm gefalle. – Weniger eine Einschätzung der Architektur als ein Angriff auf die Architektur und die Bautätigkeit des Menschen, eine Zurückweisung der menschlichen Existenz- und Erscheinungsweise auf der Erde, offenbar nahe der Einschätzung Ciorans, nie habe es geschehen dürfen und es sei die größte Katastrophe, daß der Mensch über den Stand des Hirten hinauswuchs. Im Laufe der Jahrhunderte aus dem jetzt völlig ausgehöhlten Untergrund herausgewachsene Stadtagglomerationen, fahle Kalksteingebilde, eine Art vom Exkreszenz, die mit ihren konzentrisch sich ausbreitenden Verkrustungen hinausreicht bis an die im Dunst jenseits der Vorstädte verschwimmende äußerste Peripherie.

Eine Vielzahl schwerbewachter Gebote bestimmt den demokratischen Alltag, einige sollen sowohl für uns Menschen als auch für den Roman gelten. Das erste Gebot lautet: Der Mensch ist immer der Mittelpunkt, alles andere immer nur Zutat, ein anderes: Wenn es um Auschwitz oder Theresienstadt geht oder darauf zusteuert, kann alles andere nur mehr als nebensächlich sein. Ihre Apotheose finden die Gebote im Ehrentitel des Humanisten, den ausnahmslos jeder anstreben muß. Liest man Austerlitz unter derartigen Prämissen, so mag man glauben, es würde nur die gestohlene Geschichte der Susi Bechhöfer nacherzählt und der Autor vertue sinnlos zweihundert Seiten, bevor er zum Thema kommt, das er dann verfehlt. Demgegenüber ist zum einen Sebalds poetologische Selbstspiegelung in dem italienischen Renaissancemaler Pisanello hervorzuheben, wonach allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Blatt und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird – keine Zutat, nichts Nebensächliches also - und zu anderen die immer wieder im Werk aufscheinende poetischen Sehnsucht nach einer vom Menschen befreiten Welt; Sehnsucht nach vollständiger Vernichtung im Kontrast zur Sehnsucht der vollständigen Erinnerung. Eine prekäre Synthese leistet das hydrotechnische Bauwerk des Stausees von Vynwry. Einerseits hat der Stausee die Orte der Kindheit überflutet und vernichtet und sie andererseits wie unter einer Glocke aus dunklem Glas bewahrt: Drunten in einer Tiefe von vielleicht hundert Fuß unter dem dunklen Wasser stünde nicht nur sein Vaterhaus allein, sondern noch mindestens vierzig andere Höfe und die Kirche zum heiligen Johann von Jerusalem, drei Kapellen und drei Bierschenken. Die in mir entstandene Vorstellung von der subaquatischen Existenz der Bevölkerung von Llanwddyn hatte auch etwas mit dem Album zu tun und vor allem der Photographie des kleinen Mädchens darin, das mit dem kleinen Hund auf dem Schoß auf einem Sessel im Garten sitzt, und wurde mir so vertraut, als lebte ich bei ihnen auf dem Grund des Sees.

Die Erstveröffentlichung von Nach der Natur war bebildert mit Photographien einer in den Glückszustand der Menschenlosigkeit versetzten Erde, im Prosawerk treten immer wieder Vernichtungsvisionen auf, große Brände etwa, und mehrfach wird aus der Luft, vom Flugzeug aus eine mit den baulichen Artefakten des Menschen bedeckte Landschaft dargestellt, in der der Mensch selbst nicht zu erblicken ist. Der Mensch verbaut sich die Welt und baut sich aus der Welt: In geraden Linien und leichten Bögen verliefen die Auto- und Wasserstraßen und die Trassen der Eisenbahn zwischen den Weiden und Waldparzellen, Bassins und Reservoiren hindurch. Eingebettet in das ebenmäßige Gewebe, lag als Überrest aus früherer Zeit eine von Bauminseln umgebene Domäne. Ein Traktor kroch, wie nach einer Richtschnur, quer über einen bereits abgeernteten Acker, nirgends aber sah man auch nur einen einzigen Menschen. Gleich ob man über Neufundland fliegt oder bei Einbruch der Nacht über das von Boston bis Philadelphia reichende Lichtergewimmel, es ist immer als gäbe es keine Menschen, als gäbe es nur das, was sie geschaffen haben und worin sie sich verbergen. - Vor allem diese Sicht von oben, die ausschließlich die Artefakte, die Bebauung zu erkennen gibt, ist bestimmend für das Verständnis von Austerlitz, auch wenn man sich in diesem Buch meistens am Boden befindet, nicht umsonst aber hat es in Gerald Fitzpatrick seinen eigenen Flieger.

Gleich schon auf der ersten Seite überfällt das Austerlitzbuch uns geradezu mit Architektur. Der Antwerpener Bahnhof, errichtet unter dem Patronat König Leopolds II., wird überblendet mit dem nahegelegenen Nachtzoo, dem Nocturama, die Bahnhofsmenschen werden zu Lemuren, ein unterweltliches Dämmern erfüllte den Saal, in dem weit auseinander, reglos und stumm, ein paar Reisende saßen. In der Pracht Antwerpens tut sich das Herz der Finsternis auf, das Buch, das uns zum größten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts führen beginnt mit einer verdeckten Evokation des größten Verbrechens des 19. Jahrhunderts, des belgischen Afrikaverbrechens, wie es in den Ringen des Saturn ausgeführt ist: Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeits- und Sklavensystem. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davonschleichen in den Busch. Von Belgien nahm die endgültige Verdunkelung der Welt ihren Ausgang, und ihre Spuren sind nicht zu tilgen im Antwerpener Bahnhof, werden vielmehr nur immer wieder bestätigt, das heraldische Motiv des Bienenkorbs im Pantheon verkörpert nicht etwa den Fleiß als eine gemeinschaftliche Tugend, sondern das Prinzip der Kapitalakkumulation. Das Austerlitzbuch wird sich, abgesehen von Licht durch eine für Augenblicke nur aufreißende Wolkendecke, nicht mehr aufhellen.

Aber die Verdunkelung ist natürlich keine belgische Angelegenheit im naturalistischen Sinn, sie hat unzählige in den Bauten der Menschen sedimentierte Ursprungsorte. Die Erzählung geht vom Antwerpener Bahnhof einigermaßen abrupt über zum nun schon uneingeschränkt Macht und Gewalt geschuldeten Wahnwitz des Festungsbaus. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Festung Breendonk, stellenweise von offenen Schwären überzogen, aus denen der rohe Schotter hervorbricht, und verkrustet von guanoartigen Tropfspuren und kalkigen Schlieren, eine einzige monolithische Ausgeburt der Häßlichkeit und der blinden Gewalt. Nur folgerichtig, daß die Nazis hier eine ihrer Folterkammern unterhielten. Der erste Teil der belgischen Eingangssequenz des Austerlitz schließt mit der Flucht Gastone Novellis zu den kleinen kupfrig glänzenden Leuten in Südamerika, die ganz offenbar keine Bauten im uns gewohnten Sinne unterhalten und insofern, anders als wir, die wir dazu neigen unsere Unternehmungen voranzutreiben über jede Vernunftgrenze hinaus, den Vögeln ähneln, die Jahrtausende hindurch immer dasselbe Nest bauen.

Der kurze zweite Teil der belgischen Eingangssequenz des Austerlitzbuches ist dem zuvor bereits als Kontrastmittel zur Feldhütte verwendeten menschenleeren Brüsseler Justizpalast gewidmet: Türlose Räume und Hallen, die von niemandem je zu betreten seien und deren ummauerte Leere das innerste Geheimnis sei aller sanktionierten Gewalt. Viele Stunden sei er durch dieses steinerne Gebirge geirrt, durch Säulenwälder, an kolossalen Statuen vorbei, treppauf und treppab, ohne daß ihn je ein Mensch nach seinem Begehren gefragt hätte. Die Episode verläuft sich in skurrile Einzelheiten: In dem Justizpalast hätten, aufgrund seiner tatsächlichen Vorstellungskraft übersteigenden Verwinkelung immer wieder in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank sich einrichten können, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein. - Für Augenblicke ist Sebald, offenbar einer entsprechenden Neigung folgend, immer wieder ein durchaus fröhlicher Weltentvölkerer.

Skurrilitäten dieser Art fehlen dann gänzlich bei der Darstellung des ebenfalls so gut wie menschenleeren und auch selbst kaum sichtbaren Stadtbilds von Theresienstadt. Terezín duckt sich so tief in die feuchten Niederungen am Zusammenfluß der Eger mit der Elbe hinein, daß weder von den Hügeln um Leitmeritz noch aus unmittelbarer Nähe mehr von der Stadt zu sehen ist als der Brauereischornstein und der Kirchturm. Das Auffälligste und mir bis heute Unbegreifliche an diesem Ort war für mich von Anfang an seine Leere. Es dauerte nahezu eine Stunde, bis ich drüben auf der anderen Seite des Karrees den ersten Menschen erblickte, eine vornübergebeugte Gestalt, die sich unendlich langsam an einem Stock fortbewegte und doch, als ich für einen Moment nur die Augen von ihr abwandte, auf einmal verschwunden war. War schon die Verlassenheit der gleich dem idealen Sonnenstaatswesen Campanellas nach einem strengen geometrischen Raster angelegten Festungsstadt ungemein niederdrückend, so war es mehr noch das Abweisende der stummen Häuserfronten, hinter deren blinden Fenstern, sooft ich auch an ihnen hinaufblickte, nirgends eine einziger Vorhang sich regte. Seine ultimative perverse Vollendung findet der Sonnenstaat im Lagerghetto Theresienstadt, dessen klarer und einleuchtender Plan im Buch doppelseitig abgebildet ist, der böhmische Luftkurort namens Theresienbad mit schönen Gärten, Spazierwegen, Pensionen und Villen. - Wir müssen abbrechen, in den kleinen Sebaldstücken geht es nicht um Interpretation oder Auslegung in irgendeinem kompletten Sinne, immer werden nur spezifische Stellen der Textur für einen kurzen Augenblick ans Licht gehoben und überbelichtet. Wenn Austerlitz von den vier ausgebrannten Wänden seines Gehirns spricht, ist die Vertreibung des Menschen aus dem Stein abgeschlossen, er ist zu Stein geworden, ähnlich wie die Menschen immer ununterscheidbarer werden von den Fahrrädern in Flann O’Briens Third Policeman, ein Buch, das seinen Schauplatz bekanntlich in der Hölle hat, auch wenn sich das erst auf der letzten Seite offenbart.

Die umbaute Leere der weltlichen Macht und des nicht nur verfehlten insofern als nicht erreichten, sondern als Idee bereits grundlegend fehlgehenden Sonnenstaates der Frühaufklärung. Sakralbauten sind in Austerlitz, anders als in anderen Büchern Sebalds, betont abwesend, sie huschen gelegentlich vorüber, bleiben aber Momente des Hintergrunds. Jeder Kulturtourist kennt, unabhängig vom Grad seiner Gläubigkeit oder Ungläubigkeit, den Unterschied zwischen dem Besuch eines Palastes und dem Besuch einer Kathedrale. In den Palästen spürt er den öden Sog des Nichts. Den Dombaumeistern lag der Gedanke, sie könnten eine Leere umbauen, ferner als irgendetwas sonst, und ihre Gewißheit ist in Jahrhunderten nicht zu vertreiben aus den Mauern und Fenstern. Läßt man Ciorans ketzerische Bemerkung stehen, wonach Gott Johann Sebastian Bach alles zu verdanken hat, ist sie auf jeden Fall zu ergänzen: Bach und den Kathedralen.

In der gesamten belgischen Eingangssequenz, die abschließt mit dem Übersetzen auf einer Fähre nach England, halten sich Selysses und Austerlitz in umbauten Räumen auf. Bauten wiederum haben bei Sebald eine ständige und starke Tendenz, sich in Schiffe zu verwandeln. Die großen Hotelpaläste in Marienbad, Pacifik, Atlantic, Metropole, Polonia und Bohemia mit ihren Balkonrängen, Ecktürmen und Dachaufbauten tauchen aus dem Frühnebel auf wie Ozeandampfer auf einem dunklen Meer; durch das aus der Höhe herabsinkende Zwielicht hindurch glaubte man auf den Galerierängen des Prager Staatsarchivs eine dichtgedrängte Menschenmenge zu sehen, in welcher einige die Hüte schwenkten oder mit dem Taschentuch winkten, so wie einstmals die Passagiere an Bord eines auslaufenden Dampfers; auf dem Vorplatz der Pariser Bibliothek wiederum meint man, an Tagen, an denen der Wind, was nicht selten vorkommt, den Regen über diesen gänzlich ungeschützten Plan treibt, durch irgendein Versehen auf das Deck der Berengaria oder eines anderen Ozeanriesen geraten zu sein; und auch Industriebauten geraten ins Schwimmen: Wie Schiffe trieben in der Düsternis die Schemen der Kraftwerke, in denen die Braunkohle glühte, kalkfarbene Quader, Kühltürme mit gezackten Kronen, hochaufragende Schlote. So kann, umgekehrt, denn auch die Fähre nach England als weiteres Gebäude gelten. Das Flagschiff der Sebaldflotte aber ist die Barke des Jägers Gracchus, die die Einfahrt zum Tod verpaßt hat.

Virginia Woolf stellt in zwei ihrer Romane, The Years und The Waves, jedem Menschenkapitel ein kleines Kapitel aus der menschenfreien Welt voran. Im Austerlitzbuch dominiert in der Eingangssequenz das verbaute Mineral gegenüber den handelnden Personen, und in der Schlußabrechnung des Buches stellt sich allenfalls ein Pari ein. The story of the Fisherman and his Wife was like the bass gently accompanying a tune, which now and then ran up unexpectedly into the melody. Der Baßpart der Bauten in Austerlitz ist noch um einiges bedeutender als der des Grimmschen Märchens in Mrs. Ramsays Bewußtseinsmusik in Virginia Woolfs vielleicht schönstem Buch.

Es besteht die Absicht, weitere Gebäude näher zu betrachten, denen im Austerlitzbuch eine Hauptrolle übertragen wurde, die uns auf der Ebene handelnder Personen entgegentreten. Hauptrollen werden nur Gebäuden anvertraut, die für eine Fragwürdigkeit stehen, die entweder und seltener nur in ihnen selbst liegt oder aber in dem, was sie vertreten oder in beidem. So wird von dem Ort der geringsten Fragwürdigkeit im Buch, Andromeda Logde, nur knapp verzeichnet, daß es ein zweistöckiges, aus hellgrauen Ziegeln gemauertes Haus ist. Das unglückliche Haus in Bala, in dem Austerlitz den zweiten Teil seiner Kindheit verbracht hat, ist demgegenüber schon mit mehr Einzelheiten ausgestattet: es ist zu groß, im oberen Stock gab es mehrere Zimmer, die abgesperrt waren jahraus und jahrein. Ausgehend von der Einschätzung, daß nur Gebäude unter dem Normalmaß der domestischen Architektur ohne Schuld sein können, ist ein zu großes Wohnhaus in jedem Fall auf der falschen Seite. Das allen baulichen Vorbehalten entzogene Geburtshaus in der Prager Šporkova Nr. 12 wird nicht als Ganzes, sondern nur in Fragmenten und Details erfaßt, der gleich neben der Mauer eingelassene Blechkasten für das Elektrische mit dem Symbol des herabfahrenden Blitzes, die achtblättrige Mosaikblume, taubengrau und schneeweiß, die sanft ansteigende Stiege, die haselnußförmigen Eisenknöpfe in bestimmten Abständen auf dem Handlauf des Geländers – lauter Buchstaben und Zeichen aus dem Setzkasten der vergessenen Dinge.

Die markantesten Gebäudeindividuen in Austerlitz sind zweifelsohne in der Gruppe der Bahnhöfe zu finden, der Antwerpener Bahnhof, die Liverpool Street Station in London, der Wilsonbahnhof in Prag, die Pariser Bahnhöfe und insbesondere natürlich der Austerlitzbahnhof. Wollte man sich weitergehend kaprizieren und Austerlitz als einen Bahnhofsroman verstehen, läge man immer noch nicht entscheidend schiefer als mit einer Kennzeichnung als Holocaustroman.

Während beim Antwerpener Bahnhof der gegenwärtige Blick auf die Architektur und der auf den historischen Gehalt sich in etwa die Waage halten, dominiert bei der Liverpool Street Station der in einer wahrhaft grandiosen Erzählschleife aufgedeckte archäologische Hinter- und Untergrund, der für Austerlitz wiederum die entscheidende Erinnerung an sein Eintreffen in England und seine Kindheit in Prag freigibt, ein paar Wochen höchstens, ehe der fragliche Ort im Zuge der Umbauarbeiten für immer verschwand. Ausgangspunkt ist Austerlitz’ Wohnung in der Alderney Street in einer erzählerisch für ihn eigens entvölkerten Gegend. Ich erinnere mich an einen grasgrünen Kiosk, in dem ich, obwohl die Waren offen auslagen, keinen Verkäufer sah, an den von einem gußeisernen Zaun umgebenen und, wie man meinen konnte, von niemand je betretenen Rasenplatz. Man sieht förmlich den sich seine Szenerie vorbereitenden Filmregisseur Antonioni am Werk. Die äußere Leere setzt sich fort in die geräumige, so gut wie ausstattungsfreie Leere der Wohnung, in der Austerlitz eine Schreib- und Sprachaphasie erlebt und, in seinem Fall naturgemäß bauwerkgestützte Selbstmordphantasien: Nur der eine Gedanke war noch in meinem Kopf, ich müsse mich vom Treppenabsatz im dritten Stockwerk eines bestimmten Hauses in der Great Portland Street über das Stiegengeländer hinunterstürzen in die dunkle Tiefe des Schachts. Schlaflosigkeit und nächtliche Wanderungen durch London führen immer wieder zur Liverpool Street Station - vor seinem Umbau einer der finstersten und unheimlichsten Orte von London, eine Art Eingang zur Unterwelt - und zu stundenlangen Nachsinnen über ihr Entstehen. Ursprünglich Sumpfwiesen, auf denen die Londoner in kalten Wintern Schlittschuh liefen wie die Antwerpener auf der Schelde, dann Standort des Klosters des Ordens der heiligen Maria von Bethlehem mitsamt einem Krankenspital für verstörte und sonst in Elend geratene Personen. Später dann, beim Bau des Bahnhofs im neunzehnten Jahrhundert und bei seinem Umbau hundert Jahre danach, werden Leichenfeldern aufgedeckt, in jedem Kubikmeter Abraum sind die Gerippe von durchschnittlich acht Menschen gefunden worden. Von einem Menschen in einer abgewetzten Eisenbahneruniform und einem schneeweißen Turban, ausgestattet mit einem Pappdeckelkarton statt einer richtigen Kehrschaufel, läßt sich Austerlitz hinter den Bauzaun locken, in den bereits aufgelassenen Ladies Waiting Room, der jetzt aber noch einmal kathedralenartige Züge annimmt, ich sah riesige Räume sich auftun, sah Pfeilerreihen und Kolonnaden, Gewölbe und gemauerte Bögen, als dehnte sich der Innenraum, in dem ich mich befand, als dehnte er in der unwahrscheinlichsten perspektivischen Verkürzung unendlich sich fort, und tatsächlich wird der Warteraum überblendet mit dem Schiff der wunderbaren, auf weiter Flur allein sich erhebenden Kirche von Salle in Norfolk wo ich gestanden bin und die Worte nicht herausbrachte, die ich ihr hätte sagen sollen. – Jeder ist gehalten, die gesamte Sequenz zum eigenen Segen ungekürzt ein weiteres Mal zu lesen.

Dem Wilsonbahnhof in Austerlitz’ Geburtsstadt Prag, gleichzeitig die Stadt des heiligen Franz K., ist ursprünglich baulich und auch sonst nichts vorzuwerfen. Das einst weit über Prag hinaus berühmte Jugendstilbauwerk war 1919 zum Andenken an den freiheitsliebenden amerikanischen Präsidenten Wilson eingeweiht worden. Wie ausnahmslos alles Schöne wurde er dann aber in der Folge zielstrebig ruiniert und in den sechziger Jahren umgeben mit häßlichen Glasfassaden und Vorwerken aus Beton. Auf einer etwas erhöhten, gut zehn mal zwanzig Meter messenden Plattform standen in mehreren Batterien gewiß an die hundert in debilem Leerlauf vor sich hindudelnde Spielautomaten. Von einer Art Mezzanin konnte man emporblicken in den mächtigen Kuppeldom des vormaligen Wilsonbahnhofs, oder vielmehr nur in die eine Hälfte dieser Kuppel, denn die andere Hälfte war sozusagen weggeschnitten durch die in sie hineinragende neue Konstruktion.

Auf dem Ödland zwischen dem Rangiergelände der Gare d’Austerlitz und dem Pont Tolbiac war bis zum Kriegsende ein großes Lager, in dem die Deutschen das gesamte von ihnen aus den Wohnungen der Pariser Juden geholte Beutegut zusammenbrachten. Über siebenhundert Eisenbahnzüge sind von hier abgegangen in die zerstörten Städte des Reichs. Dieser Bahnhof, sagte Austerlitz, ist für mich von jeher der rätselhafteste aller Pariser Bahnhöfe gewesen. Die von der Bastille herkommenden Métrozüge werden, nachdem sie die Seine überquert haben und über das eiserne Viadukt seitwärts in den oberen Stock des Bahnhofs hineinrollen, gewissermaßen verschluckt von der Fassade. Zur gleichen Zeit fühlte ich mich beunruhigt von der hinter der Fassade gelegenen, nur von einem spärlichen Licht erhellten und fast vollkommenen leeren Halle, in der sich eine aus Balken und Brettern roh zusammengezimmerte Bühne mit galgenartigen Gerüsten und allerhand verrosteten Eisenhaken erhob. Unangenehm berührte mich auch, daß am oberen Rand des kunstvollen Gitterwerks der Nordfassade, wie ich erst nach einiger Zeit bemerkte, zwei winzige, wahrscheinlich mit Reparaturen beschäftigte Figuren an Seilen sich bewegten gleich schwarzen Spinnen in ihrem Netz.

Die Bahnhöfe, Kathedralen der Fortschrittsverheißung des neunzehnten Jahrhunderts – der Einband von Jürgen Osterhammels Verwandlung der Welt, Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts – ist mit einem Eisenbahngemälde William Turners versehen - sind bereits hundert Jahre später gründlich entzaubert, nurmehr Mahnmale für Verbrechen, die ihnen vorausgingen (Antwerpen), in ihnen (Austerlitz Paris) oder an ihnen begangen wurden (Wilson Prag), oder sie sind gar Inbegriff dessen, daß alle Gegenwart auf Leichenbergen gegründet ist (Liverpool London). Vorsichtig werden sie mit Andeutungen an die alten Kathedralen überblendet, die sich aufs Ganze gesehen deutlich besser gehalten haben und vom Dichter verschont bleiben. Die alten unwirklichen Verheißungen sind haltbarer und unübertroffen die Deutungen der Conditio Humana, die die alten Illustratoren sakraler Innenräume wie Grünewald oder Giotto hinterlassen haben.

Die neue Pariser Nationalbibliothek nahe dem Austerlitzbahnhof zeichnet sich aus durch die geringe Fragwürdigkeit ihrer Inhalte, den Büchern, und den Insassen, den Lesern also. Die Fragwürdigkeit des Lesens und Schreibens wird zwar wiederholt angesprochen in Sebalds Werk, und auch beim Lesesaal der alten Pariser Nationalbibliothek in der Rue Richelieu war nicht ganz klar, ob man sich auf der Insel der Seligen oder, im Gegenteil, in einer Strafkolonie befand, gegen die Monstrosität des neuen Pariser Bau- und Machwerks aber sind Bücher und Leser in jeder Weise und rückhaltlos zu verteidigen. An keiner anderen Stelle ergießt sich Spott und Hohn in so scharfer Weise unmittelbar auf das Architekturerzeugnis selbst, ein in seiner ganzen äußeren Dimensionierung und inneren Konstitution menschenabweisendes und den Bedürfnissen jedes wahren Lesers von vornherein kompromißlos entgegenstehendes Gebäude. Die vier gläsernen Türme, denen man in einer an Zukunftsromane erinnernden Geste die Bezeichnungen, La tour des lois, La tour des temps, La tour des nombres und La tour des lettres gegeben hat, machen auf den, der an ihren Fassaden hinaufblickt und den größtenteils noch leeren Raum hinter den geschlossenen Lichtblenden erahnt, tatsächlich einen babylonischen Eindruck. Der Boden der großen Vorhalle ist ausgelegt mit einem rostroten Teppich, auf dem weit voneinander entfernt ein paar niedrige Sitzgelegenheiten aufgestellt sind, Polsterbänke ohne Rückenlehnen und klappstuhlartige Sesselchen, auf denen die Bibliotheksbesucher nur so hocken können, daß die Knie ungefähr genauso hoch sind wie der Kopf, so daß der erste Eindruck war, daß diese vereinzelt oder in kleinen Gruppen am Boden kauernden Gestalten sich hier in der letzten Abendglut niedergelassen haben auf ihrem Weg durch die Sahara oder über die Halbinsel Sinai - &c., ein über eine Reihe von Seiten sich erstreckendes satirisches Kabinettstück, bei dem sich der Autor offenkundig selbst von seinen Wegen durch steinerne Wüsten erholt. Zu verdanken ist das Werk dem Selbstverewigungswillen des Staatspräsidenten und sozialistischen Sonnenkönigs, der womöglich Zeit seines Lebens den Confrère beneidet hat, der im Bukarester Sonnenstaat in noch günstigeren Umständen gedeihen durfte.

Zwischen Sebald und Cioran, um damit abzuschließen, gibt es offenbar Bereiche der Kongruenz. Beide stammen aus einem kleinen Dorf, Cioran aus Răşinari bei Hermannstadt, Sebald aus Wertach im Allgäu. Cioran hat seine Kindheit nach eigener Aussage als Paradies erlebt, Sebald deutet immer wieder gegenteiliges an. Aber das dürften zu nicht geringem Teil Rückprojektionen aus einer späteren Gegenwart sein, in den Erzählungen Il Ritorno in Patria und Moments musicaux sehen wir den kleinen Selysses bei seinen Gängen durch Wertach nicht als einen rundum Gebeutelten. Der zum Tode eilende Lebensverlauf des Individuums läßt sich eher mit der überkommenen Vorstellung eines goldenen Zeitalters im Rücken als mit dem neuzeitlichen Versprechen einer nicht in das Jenseits verlegten glänzenden Zukunft synchronisieren. Die Übersiedlung in die Stadt ist für beide ein Bruch und ein Schockerlebnis, bei Sebald ausdrücklich auch baulich begründet: Trümmerfelder scheinen ihm eine feste Eigenschaft der Städte zu sein und tatsächlich liegen sie ja immer zu großen Teilen, wenn nicht als Kriegsfolge, so doch durch die fortwährende Bau- und Umbautätigkeit immer zu einem nicht geringen Teil in Ruinen. Beide haben dann die längste Zeit ihres Lebens im ausländischen und sprachlichen Exil verbracht. Beide sehen einen grundsätzlich verkehrten Weltenbau, an dem alle Meliorationsabsichten versagen müssen. Der Philosoph und der Dichter machen beide Gebrauch vom religiösen Vokabular, wobei Cioran sich zu seiner rasenden und zumeist blasphemischen Verwendung durch eine Sekunde Gläubigkeit täglich legitimiert sieht, der weitaus dezentere Sebald könnte sich bei diesem Maßstab mit einer Gläubigkeit im zeitlichen Nanobereich bewegen, so wie sie uns alle ohnehin bisweilen durchzuckt und sei es nur als Wunsch, sie möge einen Grund haben. Worauf wir an dieser Stelle aber eigentlich hinauswollen: beide, Cioran und Sebald, bewegen sich zwischen den Extremen von harter Askese und dekadentem Luxus. Cioran legt immer wieder ein gutes Wort ein für den römischen Kaiser Nero als seither nie wieder erreichten Gipfel der Dekadenz, bei Sebald sind es die Grand Hotels der Belle Epoque, die in üppiger und bereits welker Blüte die ursprünglichen Glücksverheißungen des 19. Jahrhunderts bewahren so wie die Bahnhöfe seinen technischen Fortschrittsglauben. Im Austerlitzbuch ist es das Great Eastern Hotel: einer Luxusunterkunft der Jahrhundertwende, jetzt größtenteils stillgelegt. Der Diningroom umfasste dreihundert Gäste, es gab Rauch- und Billardsalons, Zimmerfluchten und Stiegenhäuser, ein kühles Labyrinth zur Lagerung von Rheinwein, Bordeaux und Champagner, allein der Fischkeller, wo Barsche, Zander, Schollen, Seezungen und Aale zuhauf auf den aus schwarzem Schiefer geschnittenen, unablässig von frischem Wasser überflossenen Tischflächen lagen, war ein kleines Totenreich für sich. Es sind ferner Marienbad und seine Entstehung. Immer mehr und immer stolzere Hotels wuchsen aus dem Boden, und Kursäle, Badehäuser, Lesekabinette, ein Konzertsaal und ein Theater. 1873 wurde die große gußeiserne Kolonnade errichtet, und Marienbad gehörte zu den gesellschaftsfähigsten unter den europäischen Bädern. Das Meisterstück in der Dekadenzschilderung hatte Sebald aber bereits in der Deauvillesequenz der Erzählung Ambros Adelwarth abgeliefert. Alte Herrenhäuser, schon im Verfallsstadium, gehören zur gleichen Baukategorie, in Austerlitz ist es Iver Grove, ihr Schwerpunkt liegt aber in den Ringen des Saturn.

Selysses reist viel mit der Eisenbahn, wünscht sich dann aber immer wieder, er wäre bei seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Er übernachtet oft in Hotels und Pensionen, in einem wahrhaftigen Luxushotel allerdings wohl nur einmal und das auch nur im Traum und er vermag dort überdies wegen Überfüllung durch ein horrendes Bestechungsgeld nur in einem Abstellraum eine Pritsche zu ergattern, die wie ein Gepäcknetz hoch an der Wand angebracht war. Auch sonst verlaufen die Hotelnächte in aller Regel ungut, ein schwacher Abglanz alter Verheißungen schimmert aber immer noch wie Mondlicht hinter Wolken.

Montag, 16. Februar 2009

Europa

Fläche: 10.180.000 km²
Bevölkerung: 700.000.000
Länder: 50



Hat man bei der Erstlektüre von Austerlitz die voreilige Einschätzung als Bahnhofsroman für unzureichend erkannt, scheint eine Charakterisierung als Europaroman möglich: fortwährend sind Austerlitz und Selysses unterwegs auf dem europäischen Territorium. Das Gesamtwerk vor Augen, ist zu bestätigen, daß Selysses Europa nicht verläßt, mit der Ausnahme von zwei investigativen Besuchen in den USA im Fall Ambros Adelwarth; in andere ferne Weltgegenden läßt Selysses sich von Reiseberichten oder mit Hilfe der Imagination tragen.


Aber auch Europa wird längst nicht in allen seinen Winkeln durchforscht, ähnlich wie im Comic auf das kleine namenlose gallische Dorf in der Bretagne, scheint das mehr als Zehnmillionen Quadratkilometer umfassende Land bei Sebald auf das kleine Dorf W. am Alpenrand zu schrumpfen. Von dort aus werden die südlichen Nachbarländer Österreich, die Schweiz und Norditalien erfaßt, vom restlichen Deutschland eigentlichen nur die Bahnlinien über Nürnberg und Bonn nach Seebrügge zur Fährstation, im Westen Frankreich und Belgien, im Osten die Tschechei, von Großbritannien der Osten Englands, Manchester, London und Wales, kurze Abstecher nach Irland. Weithin unberücksichtigt bleiben die iberische Halbinsel, Fuß und Schaft des Stiefels, die Balkanhalbinsel, die slawischen und die skandinavischen Länder. Schon als Leser ostwestfälischer Extraktion findet man sich im Schatten der Dichtung und kann vermutlich froh darüber sein, denn die Urteile des Dichters sind oft hart und ungerecht, so heißt es etwa über die Belgier: Tatsächlich gibt es in Belgien bis auf den heutigen Tag eine besondere, von der Zeit der ungehemmten Ausbeutung der Kongokolonie geprägte, in der makabren Atmosphäre gewisser Salons und einer auffallenden Verkrüppelung der Bevölkerung sich manifestierende Häßlichkeit, wie man sie sonst nur selten antrifft.

Ersichtlich ist Selysses nicht unterwegs im Auftrag des Präsidenten der Europäischen Union mit Dienstsitz in Brüssel. Er nimmt nicht teil an den offiziellen Formen sogenannter Vergangenheitsbewältigung und auch nicht an den Versuchen, die Welt durch sprachliche Korrektheit zu bereinigen. Eine Entscheidung über die Richtigkeit oder Falschheit von Worten und Aussagen, die nicht im Bereich der Kunst getroffen wurde, ist keine Vorgabe für die Dichtung. Die Menschen, die wir uns angewöhnt haben, ohne schon zu einer endgültigen Lösung vorgedrungen zu sein, als Farbige, Dunkelhäutige, als Afrikaner oder vielleicht doch besser als Afroafrikaner - denn von den Buren müssen sie aus den verschiedensten Gründen und vor allem im eigenem Interesse unterscheidbar bleiben - zu bezeichnen, diese Menschen also treten bei Sebald hartnäckig als Neger auf, ohne daß irgendein Leser, ob er sie nun im Allgäu, im Londoner U-Bahnschacht oder im Staate New York antrifft, meinen könnte, ihnen würde dabei ein Leid geschehen. Dichtung steht nicht in einer Reihe und auf einer Ebene mit Journalismus, Geschichtsschreibung oder gar mit der Sprache der Politik. Alle vorgefundenen Sprachformen dienen der Dichtung nur als Material, ähnlich wie dem Wort die Phoneme, und müssen von ihr umgeformt und zerstört werden, und auch die Gerechtigkeit der Dichtung ist nicht von dieser Welt, sondern eine solche ihrer Sprache. Bei Sebald bedingen die vollständige Ausgewogenheit der Sprache und die Unausgewogenheit der Urteile einander. Thomas Bernhard, in vielem durchaus ein Geistesverwandter, hat Salzburg und andere Städte immer auf das Übelste beschimpft, um dann Warschau in unergründliche Gnadenwillkür als die Schöne und Aufregende und Unheimliche zu preisen. - Werfen wir nach diesen Klarstellungen einen Blick auf die einzelnen Länder.

Deutschland
Ein ausgewogenes Urteil über Deutschland ist von Sebald kaum mehr zu erwarten als ein ausgewogenes Urteil von Thomas Bernhard über Österreich. Wo immer etwas die äußere Gestalt eines Urteils annimmt, ist es negativ. Die Vergangenheit ist nicht zu bewältigen, geschweige denn wieder gut zu machen. Die dichterische Wahrheit wird geklärt in der kleinen Ortschaft W. und der nur um einiges größeren Ortschaft S. Hier treffen wir auf die Paul Bereyter in der tiefsten Seele zuwideren Einwohner, die er, offenbar im Einverständnis mit dem Dichter, am liebsten zerstört und zermahlen gesehen hätte, und wir treffen eingangs der Erzählung Ambros Adelwarth und gleichfalls in Ritorno in Patria oder auch in den Moments Musicaux die so liebevoll geschilderten kleinen Leute, die im Grunde die gleichen sind. Eins steht neben dem anderen und hebt sich nicht auf, das ist die Gerechtigkeit des Dichters.
Prominente Kollegen seiner Herkunftsart wie Keller, Hebel und Robert Walser hat Sebald sich ins Landhaus eingeladen.

Belgien
Belgien geht es ähnlich, es geht Deutschland voraus. Im Fünften Teil der Ringe des Saturn wird Belgien das größte Verbrechen des 19. Jahrhunderts, begangen im Kongo, zuerkannt. Die Eingangspassage von Austerlitz bestätigt dann noch einmal Belgiens führende Position beim Aufbranden des auf kolonialer Ausbeutung beruhenden Kapitalismus. Mittlerweile ist Brüssel Hauptstadt und Zentrum des unierten Europas. Den belgischen Gegenwartsmenschen kann da nur wenig Gerechtigkeit widerfahren. Sie mögen empirisch schön, hochgewachsen und wohlgestalten sein, im Auge des Dichters sind sie verkrüppelt und häßlich, wie Rumpele Stilt im Märchen der Brüder Grimm: erlogen und ungerecht, aber erhellend und wahr.

England
Die Vorstellung eines größten, alle anderen überragenden Verbrechen ist keine Vorstellung Sebalds. Daß allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zuzusprechen ist, gilt auch für Verbrechen und Leid. Gibt man dem durch die Naziverbrechen verursachten Leid den Wert Hundert und dem der britischen Luftangriffe den Wert Acht, so neigen viele aus Furcht vor dem Subtraktionswert Zweiundneunzig dazu, es bei Hundert zu belassen, obwohl jeder, auch wenn er kein Dichter ist, leicht erkennen könnte, daß der Additionswert Hunderundacht der einzig richtige ist. Im Interesse des Additionswertes beschränkt Sebald seine Hinweise auf die Luftangriffe nicht auf seinen Essay, sondern geht auch im dichterischen Werk wiederholt darauf ein.
Der Luftkrieg dominiert aber in keiner Weise das englische Motiv im Werk. In der Erzählung Max Aurach treten wir ein in das neue Jerusalem der tausend rauchenden Schlote, Manchester, inzwischen nur noch mit Mühe unter den Lebenden. Die Ringe des Saturn sind, sieht man von der nach der Seitenzahl allerdings wohl überwiegenden gedanklichen Ausflügen des Dichters ab, ganz dem Südosten Englands gewidmet, der seine Zeit aufblühender Seebäder und Paläste der Ricchissimi ebenfalls längst hinter sich hat. Die Ausflüge sind nicht zu geringem Teil solche zu Größen des englischen Dichten und Denkens, Thomas Browne, Roger Casement, Robert Swinburne, Edward FitzGerald.
London tritt eigentlich nur auf, soweit es als Verkehrsknotenpunkt unvermeidbar ist. Wie Norddeutschland wird auch Nordengland, samt Schottland, mit Schweigen übergangen.

Wales
Wales ist nicht England, Dafydd Elias alias Jacques Austerlitz lernt neben Englisch auch Kymrisch. Der Dichter wird das Land bereist haben, es ist ihm aber nicht so vertraut wie seine zweite Heimat in Südostengland. Einiges ist vom Korsikaprojekt nach Wales versetzt worden, der Totenkult und das Weiterleben der kleinwüchsigen Toten. Wales ist ein keltisches Zauberland mit dem ohne verstehbaren Grund gottverfluchten Haus des Predigers des Predigers Elias in Bala und dem Paradies Andromeda Lodge bei Barmouth, Aufenthaltsort Adela Fitzpatricks, neben Marie de Verneuil und Mme Landau eine der überirdischen Frauengestalten Sebalds, die, nach den Worten des Fliegers Douglas in einem der im Marbacher Katalog veröffentlichten Korsikafragmente, die beinahe metaphysische Ausnahmen unter den Liebesgeschichten begründen können.


Irland
Die Familie Ashbury, Achter Teil der Ringe des Saturn, mußte aus Irland fliehen und wirft einen Blick zurück auf die Unruhen. Sie habe damals, so Mrs. Ashbury, von den einesteils tragischen und andernteils lächerlichen irischen Verhältnissen, die ihr bis heute fremd geblieben seien, nicht die geringste Ahnung gehabt. Offenbar war das Niederbrennen der Häuser das wirksamste Mittel zur Ausräucherung und Vertreibung der mit der verhaßten englischen Staatsgewalt, sei es zu Recht oder zu Unrecht, identifizierten Familien. – Als Mrs. Ashbury mit ihrer Geschichte zu Ende war, schien es mir, als bestünde ihre Bedeutung für mich in der unausgesprochenen Aufforderung, ich möge bei ihnen bleiben und ihr Tag für Tag unschuldiger werdendes Leben teilen.

Österreich
Zu Beginn von All’estero hält sich Selysses in seelisch verwirrtem und leidendem Zustand in Wien auf, zu Beginn von Ritorno in Patria begibt er sich, innerlich gefestigt allerdings nicht ohne äußeres Unbill, von Südtirol durch Tirol nach W. in Allgäu. Die Tonart auf dem Weg überläßt er, ohne die eigene aufzugeben, Thomas Bernhard. Ist der damit auch verantwortlich für das immerwährende grauenvollste Wetter in Innsbruck, für die weit über die Landesgrenzen hinaus für ihren für ihren Extremismus bekannte Tiroler Trunksucht oder für die Ausgeschämtheit der Bedienerin im Bahnhofsrestaurant, die Selysses auf die bösartigste Weise, die man sich denken kann das Maul anhängt? – Selysses wird im Fortgang der Erzählung noch hinreichend mit den Allgäuern auf seiner Seite der Grenze zu schaffen haben.
In den Aufsatzsammlungen die Beschreibung des Unglücks und Unheimliche Heimat hat Sebald sich zu verschiedenen Facetten des österreichischen Wesens geäußert.


Norditalien
Die Beschränkung auf Norditalien weist nicht hin auf Vorlieben des Dichters innerhalb der apenninischen politischen Parteien. Zum einen erfordert die Tiefe der Erfassung thematische und topographische Eingrenzung, und zum anderen sind die Schwindel.Gefühle ein Buch der Alpen und ihre nördlichen und südlichen Gestade.
Sebald schickt Stendhal, den notorischen Freund Italiens, voraus, aber der verliert sich in den Unübersichtlichkeiten der Liebe und kann nicht helfen. Für Selysses wird der erste Italienaufenthalt zu einer fortgesetzten Flucht. In Venedig erinnert er sich an Grillparzers Reiseunlust und an Casanovas Entkommen, mit knapper Not, aus den Bleikammern des Dogenpalastes. Nur im Giardino Giusti zu Verona findet er kurzen Frieden, als er beim Hinausgehen eine Zeitlang ein weißes türkisches Taubenpaar beobachtet, das mehrmals hintereinander mit einigen wenigen klatschenden Flügelschlägen steil über die Wipfel sich erhob, eine kleine Ewigkeit stillstand in der blauen Himmelshöhe und dann, vornüberkippend mit einem kaum aus der Kehle dringenden gurgelnden Laut, herabsegelte, ohne sich selbst zu rühren um die schönen Zypressen herum, von denen die eine oder andere vielleicht an die zweihundert Jahre schon gestanden hatte an ihrem Platz. Dann aber ist es für Selysses selbst soweit, er rafft die Zeitung zusammen, stürzt auf die Straße hinaus, läuft zur Piazza hinüber, geht in eine hellerleuchtete Bar, läßt sich ein Taxi rufen, fährt ins Hotel zurück, packt in aller Eile seine Sachen und flüchtet mit dem Nachtzug nach Innsbruck.
Der zweite Aufenthalt, sieben Jahre später, gelingt dann um einiges besser. Länger andauernden Alltagsfrieden findet er in Limone im Gasthof der Wirtin Luciana Michelotti. In Mailand treten dann wieder starke Schwindelgefühle auf.
Stendhals Quartiermachen war doch nicht umsonst, das Buch leuchtet im Licht Italiens, das sich schließlich als Strohhut und extravagante Kopfbedeckung um das Haupt des Ritter Georg legt: San Giorgio con cappella di paglia, ein Bildnis Pisanellos.


Korsika
Das Korsikaprojekt wird man sich im ausgeführten Zustand ähnlich vorstellen wie die Ringe des Saturn, auf den Spuren Napoleons wird man in alle Gegenden der Welt und bis nach Rußland getragen. Die veröffentlichten Nachlaßfragmente sind so suggestiv, daß man Menschen trifft, die zuvor nichts wußten von der Insel und nun ganz und gar entschlossen sind hinzufahren. Es war einmal eine Zeit, da war Korsika ganz von Wald überzogen. Stockwerk um Stockwerk wuchs er Jahrtausende hindurch im Wettstreit mit sich selber bis in eine Höhe von fünfzig Meter und mehr, und wer weiß, vielleicht hätten sich größere und größere Arten herausgebildet, Bäume bis in den Himmel hinein. Bereits die Kleinsterzählung La cour de l’ancienne école aber nährt die Sehnsucht nicht wenig. Korsika gehört zu den vergessenen und daher in der Poetologie Sebalds eher heilsamen Randlagen Europas, andererseits brach hier der erste moderne Sturm europäischer Einigung aus. Wir sahen beim Fenster hinaus, über die Mauer des Schulhofs hinweg und über den weißen Rand der Lagune, hinein in das blendende Licht, das weit draußen zitterte über dem tyrrhenischen Meer.


Schweiz
Von der wirklich wunderschönen Schweiz ist in der Erzählung Max Aurach die Rede. Es ist das Land der Bergsteiger und Flieger, die in ihrer Sehnsucht zu Tode stürzen. Es ist die späte Residenz Nabokows, das Land Lucy Landaus. Michael Parkinson, der, wenn die Ärmel abgestoßen und die Ellbogen durchgewetzt waren selbst zu Nadel und Faden griff und einen Lederbesatz aufnähte, macht in der Sommervakanz regelmäßig lange, mit seinen Ramuzstudien in Verbindung stehende Reisen zu Fuß durch das Wallis und das Waadtland, manchmal auch durch den Jura oder durch die Cevennen. Es ist eher als die Deutsch- die Welschschweiz, das Land Rousseaus, il me semble que sous les ombrages d’une forêt je suis oublié, libre et paisible comme si je n’avais plus d’ennemies. Vielleicht ist das Landhaus auf Schweizer Boden gebaut. – Die Feinde freilich ruhten nicht.

Frankreich
Hätte Mitterand nicht die neue von der Place Valhubert aus zu erreichende Nationalbibliothek erbauen lassen, wäre Paris, und mit ihm Frankreich, alles in allem wohl auf der guten Seite und es bleibt dort schließlich auch so. Es ist die Stadt und das Land der Marie de Verneuil, die Stadt der alten Nationalbibliothek in der rue Richelieu, in dem Marie Austerlitz, dessen seltsame Traueranwandlung sie bemerkt haben mußte, einen Kassiber zuschiebt, mit dem sie ihn auf einen Kaffee einlädt; die Stadt, in dem Austerlitz’ Vater vorläufig untertauchen konnte. Nahe der neuen Nationalbibliothek befindet sich die Gare d’Austerlitz, der Schicksalsbahnhof: Ich weiß nicht, was das alles bedeutet und werde wohl weiter suchen nach meinem Vater und auch nach Marie de Verneuil.
Der europäische Teil der Erzählung Ambros Adelwarth endet im französischen Deauville, und es sieht so aus, als habe George Grosz an Prousts Balbec gearbeitet.

Tschechei
Als die Stadt Kafkas ist Prag ohnehin sakrosankt. Im Tagebuch lesen wir unter dem 24.12.1911 anläßlich der Beschneidung von Kafkas Neffen: Ein kleiner krummbeiniger Mann, Austerlitz, der schon 2800 Beschneidungen hinter sich hat, führt die Sache sehr geschickt aus. Selysses widerfährt in der Stadt eigentlich nur Gutes. Schon die Staatsarchivbeamtin Tereza Ambrosová ist mehr als freundlich, und dann findet er Vêra wieder und kann aus dem Nichts heraus Tschechisch reden. Anders ist es naturgemäß in Theresienstadt: Südwärts, in einem weiten Halbrund, erhoben sich die Kegel der erloschenen böhmischen Vulkane, von denen ich mir in diesem bösen Traum wünschte, daß sie ausbrechen und alles ringsum überziehen möchten mit schwarzem Staub – aber der Vernichtungswunsch zielt natürlich nicht auf Böhmen, sondern auf das, was dem Land angetan wurde und auf die, die es taten. Marienbad schließlich, Stadt der verschlungenen Minnen Goethes - dies herrliche Geflecht aber will Selysses nicht recht gefallen, und auch die beinahe metaphysische Liebesgeschichte der Marie de Verneuil scheitert vorerst an dem von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen Austerlitz.


Das sind alles nur Andeutungen, es gäbe noch viel zu sagen, und es könnte sich als sinnvoll erweisen, für das eine oder andere Land ein eigenes Kapitel zu schreiben.

Erdteile

O terrae, o calamitates!

Auf drei Erdteilen hat Odysseus im Verlauf seiner Seereise Station gemacht, in Europa, Asien und Afrika. Selbst hat er sich das kaum in dieser Weise verdeutlicht gegen Ende des zweiten Jahrtausends vor unserer sich an der Geburt Christi orientierenden Zeitrechnung, es war das Meer, das er befuhr, kaum kleiner als die Welt, vertraut und zugleich voller endloser Wunder. Die Geschichte geht so, Odysseus habe auf dem schnellsten Wege von Troja nach Ithaka zurückkehren wollen, aber immer hat es auch Vermutungen gegeben, die Verzögerungen seien ihm nur recht und die Dauer der Reise habe sich für ihn gar nicht lang genug ausdehnen können. Dante hat ihn dann auch erneut ausfahren lassen zu einer letzten Reise, nach Westen, zum Felsen von Gibraltar offenbar mit dem Ziel, Amerika zu entdecken, aber es geht nicht gut: Tre volte il fé girar con tutte l'acque; a la quarta levar la poppa in suso e la proa ire in giù, com'altrui piacque, infin che 'l mar fu sovra noi richius – rund zweieinhalbtausend Jahre mußte sich die Welt dann noch gedulden und auf Kolumbus und Amerigo Vespucci warten.

Das Verhältnis des Selysses zum Reisen ist ähnlich unentschieden wie das seines fernen Vorfahren, zum einen ist er ständig unterwegs, zum anderen ist er von allen Sehenswürdigkeiten maßlos enttäuscht und wäre, wie er oft meint, viel besser mit seinen Landkarten und Fahrplänen zu Hause geblieben. Besonders zurückhaltend steht er der Seefahrt gegenüber und unter den Luftfahrzeugen finden wirkliches Wohlgefallen nur die kleinen Maschinen, in denen neben dem Piloten vielleicht noch ein Passagier Platz findet. Der Bezirk seiner Reisetätigkeit ist eher begrenzt, im Verhältnis zur jeweils bekannten Welt gegenüber dem des Odysseus arg begrenzt, und reicht im Norden kaum über Südostengland hinaus, im Süden nicht über Korsika, im Osten bis Böhmen und im Westen bis Paris. Kein Gedanke daran, jedes seiner nach jedem Maßstab außergewöhnlichen hätte, wie im Falle von Bruce Chatwin, einen anderen Weltteil zum Schauplatz gehabt. Nordamerika ist der einzige fremde Erdteil, den er aufsucht und das keineswegs aus frohem Herzen, bald nichts wäre ihm absurder erschienen als der Gedanke, er könne einmal ungezwungenermaßen eine Reise nach Amerika unternehmen, und es ist eigentlich nicht die Fremde, die er dort vorfindet, denn Amerika hatte zuvor bereits das heimatliche Allgäu aufgesucht: Die allgemeine Moral der am Ort stationierten Besatzungsmacht wurde von den Einheimischen schon bald, wie man ihren halb hinter vorgehaltener Hand, halb lauthals gemachten Bemerkungen entnehmen konnte, als einer Siegermacht unwürdig empfunden. Sie ließen die von ihnen requirierten Häuser verlottern, hatten keine Blumen auf dem Balkon und statt Vorhängen Fliegengitter im Fenster. Die Weiber gingen in Hosen herum und warfen ihre lippenstiftverschmierten Zigarettenkippen auf die Straße, die Männer hatten ihre Füße auf dem Tisch, die Kinder ließen die Fahrräder in der Nacht im Garten liegen, und was man von den Negern halten sollte, das wußte sowieso kein Mensch.

Für Selysses folgt eine kurze Phase der inneren Amerikanisierung seiner Person, während der er streckenweise zu Pferd, streckenweise in einem dunkelbraunen Oldsmobile die Vereinigten Staaten in allen Himmelsrichtungen durchquerte, und die ihren Höhepunkt erreichte zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr, als er die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an sich auszubilden versuchte, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Bei seiner Jahrzehnte späteren Reise kann Selysses andererseits sicher sein, in Amerika das Allgäu vorzufinden: Die nachstehende Fotografie beispielsweise wurde in der Bronx gemacht. Ganz links sitzt die Lina neben dem Kasimir. Ganz rechts sitzt die Tante Theres. Das kleine Kind mit der Brille ist die Flossie, die nachmals Sekretärin in Tucson / Arizona geworden ist und mit über fünfzig noch das Bauchtanzen gelernt hat. Das Ölgemälde an der Wand stellt unseren Heimatort W. dar. Auch auf dem insgesamt sehr kleinen und farbfreien Photo, auf dem das Ölgemälde als bloßes Detail zur ausgemachten Winzigkeit verurteilt ist, bleibt doch zu erkennen, daß die vielgescholtenen Holzerbilder des Wertacher Kunst- und Heimatmalers Hengge relativ dazu als Repräsentanten der Hochkunst einzuschätzen sind.

Das geringe Interesse des Selysses, ferne Weltgegenden zu bereisen, ist keineswegs gleichzusetzen mit einem fehlenden Interesse Sebalds an fernen Weltgegenden. Gern läßt er sich von vorgefundenen Schilderungen fremder und ferner Länder forttragen und verleiht ihnen das intensive Leuchten seiner Prosa. Die Erzählung Ambros Adelwarth, in der sich Selysses zu zwei Amerikareisen veranlaßt sieht, schließt mit längeren Aufzeichnungen des Onkels Ambros über eine orientalische, die Route des Odysseus kreuzende Reise zunächst nach Athen und von dort nach Istanbul und Jerusalem.

Heute werden Einübungen veranstaltet, die Türkei als europäisches Land und mithin Istanbul als europäische Stadt zu empfinden, in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war es ohne Frage die morgenländische Hauptstadt, die weit voraus auftauchte wie eine Luftspiegelung zuerst. Die Dunkelheit zieht herein von den umliegenden Hängen über die niedrigen Dächer, wächst empor aus den Abgründen der Stadt über die bleigrauen Kuppeln der Moscheen und reicht schließlich herauf bis zu den vor dem Erlöschen besonders hell noch einmal aufleuchtenden Spitzen der Minarette. Du biegst in eine dustere, immer enger werdende Gasse, glaubst dich bereits gefangen, machst einen letzten Verzweifelungsschritt um eine Ecke und überblickst unvermittelt von einer Art Kanzel aus das ausgedehnteste Panorama. Große Teile der Stadt ganz aus Holz. Häuser aus Braun und grau verwitterten Balken und Brettern, mit flachen Giebeldächern, vorstehenden Altanen. Eine hölzerne Stiege führt auf die von einem Weinstock überlaubte Dachterrasse hinauf. Nebenan auf der Galerie des Minaretts erscheint ein zwergenhafter Muezzin. Drunten auf dem goldenen Horn kreuzen Tausende von Kähnen, und weiter zur Rechten bis an den Horizont erstreckt sich die Stadt Istanbul. Wir wandten uns zum gehen aus dem Halbdunkel einer Moschee in die sandweiße Helligkeit des Hafenplatzes. Wir überquerten ihn wie zwei Wüstenwanderer mit der Hand die geblendeten Augen beschattend.



Das Gefäß der beiden Gralssucher scheint sich mit den Essenzen morgenländischen Exotismen zu füllen und auf Erfüllung in Jerusalem zu warten. Jerusalem ist ein exterritorialer Ort, an dem sich die Enden der Welt treffen. Nach Norden liegen die russische Kathedrale, das russische Männer- und Frauenhospiz, das französische Hospital de St. Louis, das jüdische Blindenheim, die Kirche und das Hospiz des hl. Augustinus, die deutsche Schule, das deutsche Waisenhaus, das deutsche Taubstummenasyl, the School of the London Mission of the Jews, die Abessinische Kirche, the Anglican Church, College and Bishop’s House, das Dominikanerkloster, das Seminar und Kirche St. Stephan, das Rothschildsche Institut für Mädchen, die Gewerbeschule der Alliance Israélite, die Kirche Notre Dame de France und am Teich von Bethesda der St. Anna Convent; auf dem Ölberg steht der Russische Turm, die Himmelfahrtskapelle, die französische Paternosterkirche, das Kloster der Karmeliterinnen, das Gebäude der Kaiserin-Augusta-Victoria-Stiftung, die orthodoxe Kirche der hl. Maria Magdalena und die Todesangst-Basilika; im Süden und Westen befinden sich das armenische Kloster Berg Zion, die Protestantenschulen, die Niederlassung der Schwestern des hl. Vinzenz, das Johanniterspital, der Klarissinnenkonvent, das Montefiorehospiz und das moravische Leprosenhaus. In der inneren Stadt gibt es die Residenz des lateinischen Patriarchen, den Felsendom, die Schule der Frères de la Doctrine Chrétienne, die Schule und Druckerei der franziskanischen Bruderschaft, das koptische Kloster, das deutsche Hospiz, die deutsche evangelische Erlöserkirche, die sogenannte United Armenian Church of the Spasm, den Couvent des Soeurs de Zion, das österreichische Spital, das Kloster und Seminar der algerischen Missionsbruderschaft, die Kirche Sant’Anna, das Judenhospiz, die aschkenasischen und sephardischen Synagogen und die Grabeskirche mit dem Gewirr der ineinandergebauten Quer- und Seitenschiffe, Kapellen, Schreine und Altäre.

Aber dieser Weltheilsaufmarsch führt keineswegs zum Heil. Über den Dächern kein Laut, kein Lebenszeichen, nichts. Nirgends, soweit das Auge ausschweift, erblickt man ein lebendiges Wesen, ein huschendes Tier oder auch nur den kleinsten Vogel im Flug. On dirait que c’est la terre maudite. In der Vergangenheit hat Jerusalem einen anderen Anblick geboten. Neun Zehntel des Glanzes der Welt waren auf diese prachtvolle Hauptstadt vereint. Jahrelang ist dann das Projekt der Niederlegung des Lebens von den Cäsaren planmäßig betrieben worden, und auch später hat man Jerusalem wiederholt heimgesucht, befreit und befriedet, bis endlich die Verödung vollendet und von dem unendlichen Reichtum des Gelobten Landes nichts mehr übrig war als der dürre Stein und eine ferne Idee in den Köpfen seiner inzwischen weit über die Erde hin verstreuten Bewohner. – Die Gralsucher können nicht fündig werden. Wie auch im Austerlitzbuch stehen die Römer, stellvertretend für Europa, an der Quelle des Unheils.

Eine frühe Reise des Ambros Adelwarth nach Fernost hat eine Prosatuschzeichnung Japans in der Erzählung hinterlassen: Von papierenen Zimmerwänden ist die Rede gewesen, vom Bogenschießen und viel von immergrünen Lorbeer, Myrthen und wilden Kamelien. Und auch an einem alten Kampferbaum entsinne ich mich noch, in den fünfzehn Menschen hineingepasst haben sollen, an die Geschichte einer Enthauptung und an den Ruf des japanischen Kuckucks Hototogisu.


Die tiefgehenden Begegnungen mit Asien sowohl als auch mit Afrika finden aber im Saturnbuch statt, die Zeit ist das neunzehnte Jahrhundert und die Szenerie der europäische, in gewissem Sinne spätrömische Imperialismus des neunzehnten Jahrhunderts. China ist freilich so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß es den imperialistischen Eingriff an seiner Außenhaut kaum wahrnimmt. Die Befriedung der Elementargewalten war in China von jeher aufs engste verbunden mit dem die Herrscher auf dem Drachenthron umgebenden, die winzigsten Verrichtungen nicht anders als die größten Staatsaktionen regierenden Zeremoniell, das zugleich diente zur Legitimierung und Verewigung der ungeheueren, in der Person des Kaisers versammelten profanen Macht. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts war sowohl der höchste Grad der Ritualisierung der kaiserlichen Macht erreicht als auch der größte Grad ihrer Aushöhlung. Mehr als zwanzig Millionen Menschen wurden im Laufe von knapp fünfzehn Jahren ums Leben gebracht. Ohne Zweifel übersteigt das damals im Reich der Mitte herrschende blutige Grauen jedes Vorstellungsvermögen.

Die Engländer als die vermeintlichen Herren der Welt sind irritiert von dem geringen Interesse, ja ihrer fehlenden Wahrnehmung geradezu seitens der sich vollauf selbst genügenden Chinesen und provoziert von den unübersehbaren Zeichen einer überlegenen Kultur, wie sie sich nicht zuletzt in der Kunst des Gartenbaus zeigt. Der wahre Grund der Brandschatzung lag, wie man annehmen muß, in der unerhörten Provokation, welche die aus der irdischen Wirklichkeit geschaffene, jede Idee von der Unzivilisiertheit der Chinesen sogleich vernichtende Paradieswelt darstellte für die selber unendlich weit von zuhause abgekommenen, an nichts als Zwang, Entbehrung und die Abtötung ihrer Sehnsüchte gewohnten Krieger. Das der militärischen Disziplin und überhaupt jeder Vernunft spottende furchtbare Zerstörungswerk, das im Verlauf der folgenden Tage in der legendären Gartenlandschaft vollbracht wurde, ist nur teilweise begreifbar als eine Folge der Wut über die immer weiter sich verschleppende Entscheidung. Mit unglaublicher Geschwindigkeit gingen die zumeist aus Zedernholz gebauten Tempel, Solitüden und Eremitagen nacheinander in Flammen auf und verbreitete sich krachend und springend das Feuer durch das grüne Gebüsch und die Wälder. Bis auf ein paar steinerne Brücken und Marmorpagoden war bald alles zerstört.

Ganz anders ist die Situation in Afrika. Hier ist das, was vorher war, gar nicht mehr erkennbar, es herrscht uneingeschränktes Grauen und Vernichtung durch die belgischen Kolonisatoren. Wir folgen Joseph Conrad, dem ohne weiteres das Kommando eines am Oberlauf des Kongo verkehrenden Dampfboots übertragen wurde, wahrscheinlich weil dessen Kapitän, ein Deutscher oder Däne namens Freiesleben, gerade von den Eingeborenen umgebracht worden war. Schon im Verlauf der langen Seereise erkennt Korzeniowski allmählich den Wahnsinn des ganzen kolonialen Unternehmens. Die Instrumente der Ausbeutung sind Handelskompanien wie die Société Anonyme pour le Commerce du Haut Congo, deren bald legendären Bilanzen beruhen auf einem von sämtlichen Aktionären und sämtlichen im Kongo tätigen Europäern sanktionierten Zwangsarbeit und Sklavensystem. In manchen Regionen des Kongo wird die eingeborene Bevölkerung durch die erpreßte Arbeitsleistung bis auf geringe Reste dezimiert. Zwischen Geröllhalden und den mit rostigen Wellblech gedeckten, willkürlich in die Gegend gesetzten Baracken, unterhalb der hohen Felsklippen, aus denen der Strom sich hervordrängt, sowie an den steilen Abhängen der Ufer, überall sieht man schwarze Figuren in Trupps bei der Arbeit und Trägerkolonnen, die in langer Linie sich fortbewegen durch das unwegsame Terrain. Ein Stück weit außerhalb des besiedelten Areals stößt man auf einen Platz, an dem die von der Krankheit Zerstörten und von Hunger und Arbeit Ausgehöhlten zum Sterben sich niederlegen. Wie nach einem Massaker liegen sie da in dem gräulichen Dämmer auf dem Grunde der Schlucht. Offenbar hält man diese Schattenwesen nicht auf, wenn sie sich davonschleichen in den Busch. Sie sind jetzt frei, frei wie die Luft, die sie umgibt, und in die sie sich nach und nach auflösen werden.

Auf Südamerika werfen wir einen nur kurzen Blick im Zuge der Flucht des in Dachau gepeinigten Gastone Novelli im Austerlitzbuch: Kaum halbwegs wiederhergestellt sei er mit dem erstbesten Schiff nach Südamerika gegangen, um sich dort als Diamanten- und Goldsucher durchzubringen. Eine Zeitlang lebte Novelli in der grünen Wildnis bei einem Stamm kleiner, kupferglänzender Leute, die eines Tages, ohne daß auch nur ein Blatt sich gerührt hätte, neben ihm aufgetaucht waren wie aus dem Nichts. Dezent leuchtet eine rückgewandte Utopie auf. Sicher hat Sebald Gefallen gefunden an Ciorans Einschätzung, nie habe es geschehen dürfen und es sei die größte Katastrophe, daß der Mensch über den Status des Hirten hinauswuchs. Noch die biblischen Urväter waren Hüter ihrer Herden, gut denkbar, daß Cioran vor allem sie vor Augen hatte, um die geistige Ausstattung dieser Lebensform muß man also nicht besorgt sein. Jedenfalls ist man bei den indianischen Wildbeutern auf der sicheren Seite. - Ansonsten bleiben Südamerika in der Gestalt Patagoniens und umsomehr Australien ganz Chatwin überlassen mit der späten Ausprägung der frühen, bis zu Marco Polo herabreichenden Reiseberichte, in denen ja die Wirklichkeit ständig sich verdichtet ins Metaphysische und Mirakulöse und der Weg der Welt von vornherein durchschritten wird im Hinblick auf das eigene Ende.

Wenn jemand behauptet, er habe ein Dichtwerk verstanden, gibt es nicht mehr als zwei Möglichkeiten, entweder er täuscht sich und hat das Dichtwerk in Wahrheit nicht verstanden, oder das Dichtwerk ist nicht hinreichend dicht gewesen und mithin kein Dichtwerk - auch wenn kluge Leute glauben, Dichten ginge auf Diktieren zurück. Es ist nicht die Art des Dichtwerks, Bedeutungen zu fixieren, die dann mit einiger Gemächlichkeit entschlüsselt werden können, vielmehr ist es die Art des Dichtwerks, den semantischen Raum aufzurühren und in Bewegung zu setzen, das freilich nicht in Willkür, sondern magnetisch verbunden den Mental- und Sprachmustern, denen der Autor nicht entkommen kann. Die Qualität der Mental- und Sprachmustern, die einem Autor zur Verfügung stehen und denen er nicht entkommen kann, entscheidet über die Qualität der Texte. Die primären Kalkulationen des Autors, seine Planungen, sein Wille sind sicher nicht unwichtig, reichen aber auf keinen Fall bis an die Grenze des Dichtwerks, sondern nur bis zum kritischen Punkt, an dem sich das Dichtwerk und mithin das Spiel der Bedeutungen verselbständigt aus gewonnener eigener Kraft. Jenseits des kritischen Punktes werden die Bedeutungen unendlich, kein Verstehen kann das Verstehbare mehr aufzehren. Ein Dichtwerk definiert sich dadurch, daß es einen derartigen kritischen Punkt enthält, an dem es dem Autor entgleitet.

Die kleinen Sebaldstücke setzen voraus, daß Sebalds Prosabücher Dichtwerke in diesem Sinne sind. Damit entfällt das Interesse an der Frage, ob Sebald sich systematische Gedanken zu den Erdteilen gemacht hat. Sebalds Werk ist von einem umfassenden Schuld- und Verhängniszusammenhang durchdrungen, der sich primär um die deutsche Schuld zentriert und dabei Kontur gewinnt vor dem europäischen Hintergrund, sekundär aber um die europäische Schuld, historisch verlängert in das Verhängnis Roms, das Kontur gewinnt vor dem Hintergrund der restlichen Welt. Das himmlische Jerusalem, Europas metaphysische Hauptstadt, ist verloren und hat den Platz abgetreten an Manchester, das neue Jerusalem, wie es in der Erzählung Max Aurach heißt,und die erste Hauptstadt der kapitalistischen Wirtschaft- und Lebensweise als neuer Heilsordung.

Aus all dem ergibt sich keine objektive Weltordnung. Sebalds Werk ist faktisch aber nicht poetisch notwendig an der deutschen Erfahrung festgemacht. Das Kongo- und das Chinakapitel in den Ringen des Saturn lassen erahnen, wie die Motive sich verschoben hätten, wäre Sebald als belgischer oder britischer Autor aufgewachsen, das Chinakapitel erlaubt vielleicht sogar die flüchtige Vision eines chinesischen Autors Se-Bao. Die Vorstellung eines Autors der neuen Welt mit Namen Sebald will nicht recht greifen, die jugendliche Annäherung an Hemingway war gescheitert und mit Updike hätte er in der Folge kaum mehr Glück gehabt. Näher stand ihm wohl der Argentinier Borges, wie nahe, weiß man nicht.

Ein Dichtwerk kann man zu jeder beliebigen Einzelheit befragen, es ist immer willig und bereit zu antworten. Die Vivisektion des Textes, wird sie nur halbwegs sachkundig durchgeführt, bleibt schmerzfrei und folgenlos. Wir haben die Teile der Textur, die sich mit den Erdteilen beschäftigen, für die Betrachtung ein wenig angehoben und lassen sie jetzt zurücksinken. Das Gewebe ist heil, ein Schaden irgendwelcher Art nicht entstanden.

Spanien

Portbou

Den Deutschen ist Erinnerung befohlen, das trifft die, die ohnehin gern zurückschauen, weniger hart als die, denen die Aktualität eigentlich ausreicht. Bei Inszenierungen kollektiven Erinnerns schaut man in die Gesichter und die Augen der Einzelnen und fragt sich, wie es wohl um sie bestellt ist in dieser Hinsicht.

Auch die Kunst mit ihren exemplarischen Blicken zurück und nach vorn ist verwirrt. Es besteht die Gefahr, daß das befohlene Erinnern den Rezipienten Erinnerungswillen und genuine Erinnerungslust verdeckt. Wer etwa den Dichter Sebald zum prime speaker of the Holocaust erklärt, verkennt, daß der den entsetzlichen Anlaß für den Blick zurück so wenig benötigte, wie Proust ihn hatte und haben konnte zu seiner Zeit. Sebalds Blick war von Haus aus rückwärtsgewandt, der Blick nach vorn endet im Jahre 2013.

Im Suhrkampverlag ist der Band Profanes Leben, Walter Benjamins Dialektik der Säkularisierung erschienen. Titel und Untertitel treffen offenbar genau den Scheitelpunkt zwischen dem Blick zurück und dem Blick nach vorn in unserer Zeit. Der Herausgeber stellt die Aufsatzsammlung in den Zusammenhang eines turn to oder auch return of religion. Daß sich die Religion so einfach nicht verabschieden läßt, wie viele erwartet hatten, liegt auf der Hand, die Erinnerung an sie ist übermächtig und steckt aller Kultur buchstäblich in den Gliedern. Noch nie zuvor wohl hat es eine Gesellschaft gegeben, die sich säkular will und als solche beschreibt, selbst die Pirahās, vielleicht vierhundert Leute insgesamt, mit einem zeitlosen, weder zurück noch nach vorn schauenden Leben am Maici, einem Nebenfluß des Marmelos, dieser wiederum ein Hauptnebenfluß des Madeira, der seinerseits in den Amazonas fließt, würden sich als säkular verstehen, wenn sie einen derartigen Begriff denn bilden könnten, sie sehen Geister, wenn ihnen danach ist.

Diese Sätze Walter Benjamins befinden sich an den Passagen, seinem Gedenkort nahe beim Friedhof der kleinen katalanischen Grenzstadt Portbou. Remei Capdevla Werning hat ihren Beitrag in dem Benjaminbuch dem von Dani Karavan entworfenen Gedenkort gewidmet. Die Erinnerung an Benjamin bringt sie zusammen mit der Bearbeitung des Themas der Erinnerung bei Benjamin und der Gestaltung von Erinnerung durch Dani Karavan in den Passagen. Die erste von drei Passagen und das Hauptelement des Kunstwerks ist eine lange schmale Treppe. Passagen ist ein Kunstwerk mit viel Raum um sich, wenn man aber den Korridor betritt, gibt es lediglich Raum für einen höchstens zwei Besucher. Man bewegt sich zu auf das helle Ende der Treppe mit ihren siebzig Stufen und sieht, isoliert von der hinter einem liegenden äußeren Welt, wirbelndes Wasser, an manchen Tagen wild schäumende Wellen unter der pfeifenden Tramuntana, an anderen ruhiges Schaukeln der Wellen oder auch eine vollständig stille, glatte See. Das Individuum gilt als die letzte verbleibende metaphysische Instanz, als letztes Sacrum, das Göttliche sei in uns, heißt es, da aber wird ihm klaustrophobisch zumute, und unversehens springt es uns an von draußen. Man möchte sich ins Meer stürzen, wenn nicht die Glaswand wäre, die es unmöglich macht, die Glaswand mit ihren lichtdurchlässigen Buchstaben, in fünf Sprachen, Deutsch, Katalanisch, Spanisch, Französisch und Englisch: És una tasca més àrdua honorar la memòria dels éssers anòmims que la de les persones cèlebres. La construcció històrica es consagra a la memòria dels qui no tenen nom.


Das Zitat an der Glasscheibe modifiziert die ursprüngliche Bedeutung des Gedenkortes. Passatges ist nicht mehr allein einem Berühmten, sondern allen Namenlosen gewidmet; es schreitet von der Reflexion einer persönlichen Erfahrung fort zu einer historischen Überlegung; die Bedeutung wird erweitert, von der Individualität zur Universalität erhoben.

Auf der iberischen Halbinsel hat Selysses keine auffälligen Fußspuren hinterlassen, Portbou hat er aber nur knapp verpaßt. Portbou ist eine Grenz- und Bahnhofsstadt, wie geschaffen für das Bahnhofsbuch Austerlitz. Tatsächlich macht sich am Ende des Buches der Titelheld vom Pariser Austerlitzbahnhof, eine Spur seines verschollenen Vaters verfolgend, auf den Weg in die Pyrenäen, allerdings nicht nach Portbou, sondern nach Gurs in den Pyrénées-Atlantiques. Vielleicht vermeidet er ausdrücklich die Begegnung mit Benjamin, sie hätte in einer mit den Proportionen dieses Buches nicht vereinbaren Weise aufwendig ausfallen müssen als eine Begegnung unter Freunden, denn Benjamins Angelus Novus, der, zurückblickend, nur eine einzige Katastrophe sieht, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor sie Füße schleudert, der verweilen möchte, die Toten zu wecken und das Zerschlagene zusammenzufügen, ist auch der Engel Sebalds, ist einer der alten Engel über Szenerie des Unheils, wie er sie bei Giotto gefunden hat. Wir folgen dem Prinzip, daß für einen Dichter dasjenige, worüber er nicht geschrieben hat, nicht weniger aufschlußreich ist als das, worüber er geschrieben hat, solange es sich um ein ungeschriebenes Nichts handelt in Sichtweite eines geschriebenen Etwas. Sebalds unausgeführtes Korsikaprojekt ist dabei eine besondere Herausforderung an die derart disziplinierte Phantasie. Tatsächlich ist die Phantasie nur schwach diszipliniert, denn der Korse schlechthin, Napoleon, war, wenn schon kein Welteroberer, so doch ein Eroberer der alten Welt, und wir können ihm folgen, wohin immer wir wollen. Das vollendete Korsikabuch stellen wir vor uns als eine Art mediterrane Ringe des Saturns, wir sind Selysses und Napoleon schon nach Rußland gefolgt, warum nicht auch nach Spanien, da war der große Korse auch, und in diesem Kontext hätte Selysses sehr wohl in Portbou Benjamin treffen können. In jedem Fall wären auch Goyas Desastres de la Guerra bedacht und in ein bislang nicht gesehenes Licht gerückt worden. Eine Begegnung mit Don Quijote in Castilla-La Mancha, los molinos de viento? - Ein kleines Sebaldstück über Spanien scheint uns auf sehr sicherem Boden zu stehen. Benjamin hätte sich in der Begegnung mit Selysses, seinem eigenen Wunsch entsprechend, den Namenlosen angenähert. Die Berühmten, Kafka, Stendhal, Rousseau, Conrad, Chateaubriand und viele andere, haben in der Begegnung mit Selysses natürlich ihren Namen noch nicht verloren, aber auch die Namenlosen wie Paul Bereyter oder Ambros Adelwarth sind nicht ohne Namen, und das sie ehrende Erinnern fällt um nichts geringer aus. Ein umfassendes Erinnern kann nur Vorbereitung sein auf ein umfassendes Vergessen und Vergessen aller Namen, das der Preis ist für die Aufnahme in die Ewigkeit.

Der Blick zurück und der Blick nach vorn werden überlagert von dem die Ewigkeit suchenden Blick. Der Kunst und vielleicht auch schon der Sprache ist die Sehnsucht nach Ewigkeit inhärent, umso mehr, als die Theologie nur noch ein schwacher Vertreter des Ewigen ist. Sebalds profane Welt ist voller sakraler Splitter - auch jüdischer: der Tempelbau, Ci vediamo a Gerusalemme, die Gebetsformel des observanten Judentums -, wo es bei Benjamin einen Resonanzraum des Heiligen in der Sprache gibt, hat Sebald einen Aufenthaltsraum für Heilige geschaffen, für klassische Heilige und für seltsame Heilige, Menschen mit einem immer unschuldiger werdenden Leben, vom Dichter gerade noch erinnert, sich selbst aber bereits vergessend, auswandernd wie Benjamin über Portbou hinaus.