Freitag, 30. Dezember 2011

Sommerzeit

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Es ist leicht, am Anfang des Sommers lustig zu sein. Man hat ein lebhaftes Herz, einen leidlichen Gang und ist dem künftigen Leben ziemlich geneigt. Man erwartet Orientalisch-Merkwürdiges und leugnet es wieder mit komischer Verbeugung und mit baumelnder Rede, welches bewegte Spiel behaglich und zitternd macht. Man sitzt im durcheinandergeworfenen Bettzeug und schaut auf die Uhr. Sie zeigt den späten Vormittag. Wir aber malen den Abend mit gut gedämpften Farben und Fernsichten, die sich ausdehnen. Und wir reiben unsere Hände vor Freude rot, weil unsere Schatten lang und so schön abendlich sind. Wir schmücken uns in der innern Hoffnung, daß der Schmuck unsere Natur sein wird. Und wenn man uns nach unserm beabsichtigten Leben fragt, so gewöhnen wir uns im Frühsommer eine ausgebreitete Handbewegung als Antwort an, die nach einer Weile sinkend wird, als sei es lächerlich unnötig, sichere Dinge zu beschwören. Aber die Hand sinkt weiter und weiter, ohne daß wir es bemerken, und wenn erst die Hundstage ihrem Ende zugehen, wissen wir nicht, wie wir der sich ausbreitenden Leere entkommen können. Es erscheint uns jetzt, als ob der alte Aberglaube, daß bestimmte Krankheiten des Gemüts und des Körpers sich mit Vorliebe unter dem Zeichen des Hundssterns in uns festsetzen, möglicherweise seine Berechtigung hat. Mühsam ziehen wir uns an der Fensterbrüstung empor, und in der krampfhaften Haltung eines Wesens, das sich zum ersten Mal von der ebenen Erde erhoben hat, stehen wir dann gegen die Glasscheibe gelehnt, und mit trübe gewordenen Augen erkennen wir in der stillen Straße, in der wir seit Jahren wohnen, nicht mehr und halten sie für eine graue Einöde.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Kommentar Credo

Einiges spricht dafür, daß sich hier ein Textproduzent, womöglich gar ein Dichter zum komplizierten Geschäft des Lesens äußert, zu zwei verschiedenen Formen des Lesens, um genau zu sein. Zunächst sehen wir ihn in einer größeren Bibliothek, vielleicht der alten Nationalbibliothek in der rue Richelieu, bei der Recherche für die nächste Publikation. Der Blick gleitet hinüber zu einem schon älteren Geistesarbeiter, dem die verbleibenden Jahre wohl nicht mehr ausreichen werden, um bei der Arbeit am Lexikon noch zum Ω zu gelangen, und die verzerrten Spiegelbilder in den alten Glasscheiben werden zum Inbild der eigenen Sterblichkeit. Am Abend dann, im heimischen Bücherzimmer, so nehmen wir an, liest er die Bücher der Kollegen und spiegelt in ihnen, wie immer gewellt und gekräuselt, sich selbst und die eigenen Absichten als Autor. Eine Axt sein soll das Buch des Dichters für das gefrorene Meer in uns, daran glaubt er. An anderer Stelle in den bereits veröffentlichten Büchern hatte er erwogen, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung dafür sei, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen.

Dienstag, 27. Dezember 2011

Einfache Leute

In oculis infantis

Johann Peter Hebel zählte zu den von Sebald in besonderem Maße geschätzten Autoren, er hat ihn zu sich ins Landhaus eingeladen. Bei Hebel ist die Welt in einem Gleichgewicht, das für viele fortlebt als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, und selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wie bei der Hebellektüre wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wenn man so will, sind die Schwindel.Gefühle insgesamt ein Ritorno in patria, in infanzia, schon unterwegs im Zug nach Mailand tritt der reine Kindheitstraum auf dem Niveau der Leselernfibel ohne jede literarische Rechtfertigung ans Tageslicht.

Faßt Selysses die Menschheit ins Auge, so sieht er eine fehlgeleitete und in jeder Hinsicht zum Scheitern verurteilte Art. Auch ganzen Nationen geht es nicht besser in der Beurteilung, nicht der deutschen und nicht der belgischen, die mit ihrer Hauptstadt Brüssel stellvertretend für Europa steht und mit ihrem König Leopold II stellvertretend für die europäischen Kolonialverbrechen. Nach Berufen oder Verhaltensweise geordneten Gruppen wie die Goldgräber in der City of London oder die lärmenden Touristen unter dem Hotelfenster in Limone werden schonungslos beiseitegeschoben. Auf der Ebene einzelner Menschen ändert sich die Haltung. Individuelle Schurken begegnen nicht, wenn man absieht von diversen historischen Führergestalten und ihren Gefolgsleuten. Dabei verklärt sich der Blick keineswegs, der eine oder andere ist Gegenstand offenkundigen Unmuts, so der Brotzeiter im Zug nach Kissingen. Es überwiegen aber die schönen Erlebnisse, die beiden Leserinnen im Zug nach Mailand, die um ihren Sohn besorgte Mutter im Zug nach Bozen, gar nicht zu reden von der Winterkönigin im Zug nach Bonn. Wohlgefallen erwecken auch durchweg die sogenannten kleinen Leute.

Auch die Empfangsdamen wären bei textunabhängiger soziologischer Sortierung wohl zu den kleinen Leuten zu zählen, auch viele der Mitreisenden, textintern haben sie aber eine ganz andere Bedeutung. Ohnehin und deutlich unterschieden sind die kleinen Leute von den wittgensteinesken Gestalten in Sebalds Werk, den säkularen Heiligen, und des weiteren von Personengruppen, die im Werk so gut wie nicht auftreten, so dem Mittelstandspersonal mit seinen sogenannten Beziehungsproblemen, dessen segensreiche Absenz nicht der geringste Grund ist für die tiefe Erholsamkeit der Bücher Sebalds. Das eigentliche Charakteristikum der einfachen Leute, oft Kleingewerbetreibende, liegt gar nicht in ihnen selbst, sondern in dem Umstand, daß sie von Kinderaugen wahrgenommen werden, in denen sie Ewigkeitsgestalt gewinnen. Sie sind daher das krasse Gegenteil der Empfangsdamen und Reisenden, deren Wesen in ihrem flüchtigen Vorbeiziehen besteht.
Der Ritorno in patria ist eine Rückkehr vor allem auch zu den einfachen Leuten. Wir treffen den Buchdrucker Specht, der seit ewigen Zeiten und ohne jede Mithilfe das vierseitige Botenblatt geschrieben, redigiert, gesetzt und gedruckt hat und, wie das bei den Druckern nicht selten vorkommt, ein äußerst in sich gekehrter Mensch gewesen ist. Zudem ist er vom vielen Hantieren mit den Bleisätzen immer kleiner und grauer geworden. Er trug jahraus, jahrein einen grauen Kattunmantel, der nahezu an den Boden reichte und hatte eine runde Stahlbrille auf. Am Abend aber sah man ihn am Schein der Lampe am Küchentisch sitzen und die Artikel und Berichte schreiben, die in den Landboten aufgenommen werden sollten. Wir treffen die Schwestern Babett und Bina, die das Café Alpenrose betreiben, in das niemand jemals hineingegangen ist. Die Haustür war immer offen, und alle paar Minuten erschien unter ihr die Bina, um Ausschau zu halten nach den Gästen, die irgendwann doch einmal kommen mußten. In einem Glassturz stand neben dem am vorigen Samstag gebackenen Apfelkuchen der frische Gugelhupf oder umgekehrt, so daß also ein Gast, der am Samstagnachmittag gekommen wäre, zwischen zwei Kuchen hätte wählen können. Am Sonntagnachmittag war diese Möglichkeit dann nicht mehr gegeben, denn die Babett und die Bina hatten entweder den alten Apfelkuchen oder den alten Gugelhupf zum Sonntagnachmittagkaffee verspeist. Wir treffen auch die im Posthalterhaus wohnende Modistin Valerie Schwarz, die aus dem Böhmischen stammte und die trotz ihrer geringen Körpergröße eine Brust besaß von Ausmaßen, wie man sie später nur noch einmal, und zwar an der Trafikantin in Fellinis Film Amarcord gesehen hat. In den Moment Musicaux reist Selysses ein weiteres Mal in patria e infanzia und macht uns neben anderen mit dem Adam Herz bekannt, einem entlaufenen Klosterbruder, der jetzt als Stallknecht sein Auskommen fand. Jeden Sonntag schrie der Herz mit der Inbrunst eines von furchtbaren Seelenschmerzen um seinen Verstand gebrachten Menschen die katholischen Kirchenlieder, die er sämtlich auswendig kannte, aus sich heraus. Sein Gesicht war dabei mit einem qualvollen Ausdruck aufwärts gekehrt, die Kinnlade war vorgeschoben, und die Augen waren geschlossen.

Die einfachen Leute sind einfach in ihrer gesellschaftlichen Stellung und in ihrer materiellen Lebenssituation, vor allem aber auch, weil die Schlichtheit und Geradlinigkeit ihres Wesens in der Wahrnehmung immens gesteigert ist. In den Augen des Kindes sind diese Menschen auf einige Merkmale und Verhaltensweisen äußerster Konstanz und ständiger Wiederholung reduziert, die ihnen nahezu ein Ewigkeitsvermögen verleiht. Immer wird man den Specht am Abend durch das Fenster beim Schein der Lampe sehen, immer werden die beiden Cafébetreiberinnen am Sonntagnachmittag den einen oder den anderen Kuchen verspeisen, und von einer Zeit, als die Brust der Valerie Schwarz noch nicht ihr überwältigendes Ausmaß erreicht hatte, kann niemand berichten. In ihrem Gleichmaß sind sie Garanten der geordneten Welt. Alle sind sie eingebunden in ihre Besonderheit, die Verbundenheit liegt sehr weit entfernt, sehr tief, nicht auszuschließen, daß sie der eigentliche Erzählgegenstand ist.

Ganz wie die des Selysses ist die Kindheit seines Doppelgängers Austerlitz von einfachen Leuten begleitet. In Wales ist er jede freie Stunde bei Evan, dem Schuster gesessen, der nicht weit vom Predigerhaus seine Werkstatt hatte und in dem Ruf stand, ein Geisterseher zu sein und von dem er, förmlich im Flug, das Walisische gelernt hat. Bereits in Prag, wie er sich dann erinnert, durch das Fenster, gerade wie in W. den Drucker Specht, den Schneider Moravec beobachtet, der sein schweres, mit Kohlenglut gefülltes Bügeleisen durch die Luft schwenkte und am Ende des Tages dann den mit Filz überzogenen Arbeitstisch abräumte, ein doppeltes Zeitungsblatt auf ihm ausbreitete und auf diesem Zeitungsblatt das Nachtessen, auf das er gewiß die längste Zeit sich schon gefreut hatte. Als, wenn man so sagen kann, gegenteiliger Zwilling der Modistin Valerie Schwarz tritt die Tante Otýlie in Erscheinung, ein alleinstehendes Fräulein von einer beängstigend zierlichen Statur, die schon seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ein Handschuhgeschäft an der Šeříková führte. Sie trug stets ein schwarzseidenes plissiertes Überkleid mit einem abnehmbaren Kragen aus weißer Spitze und bewegte sich in einer kleinen Wolke aus Maiglöckchenduft.

Auch die Reise nach Amerika wird für Selysses zu einer Reise in patria. Um seine Erinnerungen an den Onkel Ambros, die Tante Theres, die Lina und auch die Rosa anzureichern, besucht er die Tante Fini und den Onkel Kasimir, Spengler seines Zeichnens, in Newark, alles einfache Leute. Das Ölgemälde an der Wand, kommentiert die Tante Fini ein Photo aus dem Album, stellt unseren Heimatort W. dar. Es gilt inzwischen als verschollen. Nicht einmal der Onkel Kasimir, der es als ein Abschiedsgeschenk der Eltern zusammengerollt in einer Pappdeckelrolle mit nach New York gebracht hat, weiß, wo es hingekommen sein kann. Das Ölgemälde, soviel erkennt man, zählt nicht zu der Sorte, die den Kunstsinn des Selysses entfachen konnte, dennoch folgt er dem Bericht der Tante mit freundlichem Interesse. In der Krummenbacher Kapelle hatte er schönes Mitgefühl gezeigt für die ungeschickte Hand des Malers der vierzehn kleinen Kreuzwegstationen, der sich vielleicht nicht weniger gemüht hatte als Tiepolo bei einem seiner großen Deckengemälde. Warum verfolgt er dann mit so nachhaltiger Häme den mit einer spürbar geschickteren Hand ausgestatteten Maler Hengge?

Hengges bevorzugtes Sujet sind die Holzknechte, die bei Sebald nicht zur hier behandelten Gruppe der einfachen Leute zählen, sondern tendenziell, wie die Bauern und die Sandler, der Trunkensucht verdächtig sind. Noch bei den Sandlern beeindruckt andererseits die spirituelle Ausrichtung. Durch die Bank hatten sie einen Zug ins Philosophische, ja sogar ins Theologische, über das Tagesgeschehen sowohl als über den Grund der Dinge, wobei es regelmäßig gerade denjenigen, die besonders lauthals das Wort ergriffen, mitten im Satz die Rede verschlug. Besonderes Wohlgefallen findet beim Dichter auch die elterliche miniaturhafte Landwirtschaft der Ramona, mit einer Kuh und einem Ochsen, zwei Geißen, zwei Schweinen und zwei Gänsen. Bloß Katzen und Hühner waren es mehrere und diese saßen und liefen bis weit hinaus in den umliegenden Felder herum. Das kleine Haus sah mit seinem geschindelten, vielfach geflickten, für die Gegend ganz ungewöhnlichen Walmdach einem auf der Hügelkappe gestrandeten Schiffchen gleich, und er Vater, der ein verschmitzter Mensch gewesen ist schaute gewöhnlich wie der Noah aus der Arche zu einem der winzigen Fenster hinaus und rauchte einen Stumpen aus seinem Waldhörnchen.

Allem Anschein nach ist es also nicht Hengges künstlerische Bindung an das Holzermotiv – wenn er ganz nach seinem eigenen Kunstsinn sich richten konnte, hat er nicht als Holzerbilder gemalt -, die den Zorn des Dichters erweckt. Die in den Schwindel.Gefühlen wiedergegebenen Beispiele für Hengges Kunstschaffen sind denn auch keine Holzerbilder, hervorstechend ist vielmehr das an der Raiffeisenkasse angebrachte Fresko einer hochaufgerichteten Schnitterin, die dasteht vor einem Feld zur Zeit der Ernte, das dem Dichter immer wie ein entsetzliches Schlachtfeld vorgekommen ist. Die Porträtierung einfacher Leute ist eine delikate Abgelegenheit. Selbst Hebel ist, ganz ohne eigenes Verschulden, der ideologische Vereinnahmung des Bildes vom schlichten Leben anheimgefallen ist. Mit welch falschem neogermanischen Zungenschlag* diese Vereinnahmung sich präsentiert, kann noch anhand von Heideggers Rede über Hebel aus dem Jahr 1957 gezeigt werden. Hengge kann nicht in gleicher Weise wie Hebel von Schuld freigesprochen werden.

Sebalds Melodien von den einfachen Leuten sind ohne Mißton. Wer sich vorstellt, die Kleingewerbetreibenden und andere ihrer Art würden fehlen in seiner Prosa, hört gleich, wie sehr sie an Klangfülle verliert, als sei im Orchester eine komplette Instrumentengruppe verstummt.

* Nicht allzu falsch und keineswegs durchgehend so: Die deutsche Schriftsprache, in der Hebels Betrachtungen und Erzählungen sprechen, ist die einfachste, hellste, zugleich bezauberndste und besinnlichste, die je geschrieben wurde. - Was wäre dagegen einzuwenden?


Mittwoch, 21. Dezember 2011

Liest Thomas Browne

The finall pyre of all things

Auf der linken Tafel tritt uns der heilige Georg entgegen. Zuvorderst steht er am Bildrand eine Handbreit über der Welt und wird gleich über die Schwelle des mittelalterlichen Rahmens treten, der ihn noch gefangen hält. Von der glorreichen Erscheinung des Ritters geht etwas herzbewegend Weltliches ausgeht. Der Drache, ein geringeltes, geflügeltes Tier, hat sein Leben bereits ausgehaucht. Die aus weißem Metall geschmiedete, kunstreiche Rüstung versammelt auf sich allen Abendschein – sollte es nicht aller Erwartung nach das Morgenlicht der neuen Zeit sein? Schutzlos sind Nacken und Hals preisgegeben: Wir sehen, der Drachentöter hatte nie eine nachhaltige Chance, ebensowenig wir, die wir alle Hoffnung in ihn gesetzt hatten.
Zwei Augenblicke einer Welt im Lot beschwört Sebald in seinem Werk. Einmal den mythischen Augenblick, der seinem Namenspatron, dem heiligen Georg gelingt, vornehmlich in der bildenden Kunst. Zur Linken steht der heilige Antonius vor einem Saum dunkelgrüner Baumwipfel, er trägt ein tiefrotes Kapuzenkleid und einen weiten erdbraunen Umhang, rechts Georg im Licht, wie wir ihn gerade betrachtet haben. Die alte und die neue Welt scheinen einig, ein leichter Vorteil nur des Neuen, auf das sich in den kommenden Jahrhunderten vermehrt die Hoffnungen richten werden. Der zweite Augenblick ist der des alemannischen Gleichgewichts im frühen 19. Jahrhundert, am schönsten abzulesen bei Hebel und fortlebend als Kindheitstraum, eine Welt, in der alles zum Besten geordnet scheint. Dem blind und taub sich fortwälzenden Prozeß der Geschichte hält Hebel Begebenheiten entgegen, in denen das ausgestandene Unglück entgolten wird, auf jeden Feldzug folgt ein Friedenschluß, jedes Rätsel, das uns aufgegeben wird, hat eine Lösung, uns selbst die kuriosesten Kreaturen wie die Prozessionsspinner und die fliegenden Fische haben ihren Platz in der auf das sorgfältigste austarierten Ordnung. Das aufs Haar gleiche Erleben wiederholt sich im erzählerischen Werk, als Selysses unterwegs im Zug nach Mailand im Beredten Italiener liest, einem praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache ohne jeden literarischen Anspruch, in dem alles auf das beste geordnet war, so als setze sich die Welt tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre auch das Entsetzlichste in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Wer auf dem Dorfe lebt, morgens zum Bäcker geht und dort den Postboten und vielleicht den Fliesenleger trifft, dem mag es noch heute für einen Augenblick so scheinen, als sei in der Leselernfibel bereits alles Wichtige über die Welt und den Menschen gesagt worden.

Die Wahrheit aber ist wohl eine andere, das kühne Hervortreten des heiligen Georg aus dem Tableau des Mittelalters war nicht die Vorwegnahme eines endgültigen Austritts aus Unterwerfung und Unmündigkeit mithilfe der reinen nicht weniger als der praktischen Vernunft, der Schritt voran verliert sich schon bald wieder, wie der Blick auf das 17. Jahrhundert zeigt, dem sich die Ringe des Saturn besonders verpflichtet zeigen. Im Inhaltsverzeichnis ist den aufgezählten Zehn Teilen nach der Art barocker Dichter jeweils ein kleines Abstract beigegeben. Die Erzählung des Ersten Teils beginnt dann, ähnlich wie John Aubreys Erzählung seines eigenen Brief Life, mit einer astrologischen Betrachtung. Mit einer geringen Lautverschiebung – im Rahmen der insgesamt weitaus grundlegenderen und grauenhaften Verwandlung nicht weiter auffällig – wird der Wanderer Georg S. zum Käfer Gregor S. und schaut in dessen Gestalt zurück in die vergangene Zeit. Janine Rosalind Dakyns verwandelt sich in Dürers Engel der Melancholie. Spiralförmig über immer weitere Ringe des Saturn bewegt sich die Erzählung vom 17. Jahrhundert in den folgenden Teilen dann wieder bis in unsere Zeit, ohne daß Besserung zu verzeichnen wäre. Erster Gewährsmann für das 17. Jahrhundert ist Thomas Browne.

Brownes Vita wird vorgestellt, er erwirbt in Leiden den Grad eines Doktors der Medizin, und die Vermutung des Selysses geht dahin, er habe an der von Rembrandt im Bild festegehaltenen Anatomie des Dr. Tulp teilgenommen. Zweifellos handelte es sich bei dem in diesem Bild Dargestellten einesteils um eine Demonstration des unerschrockenen Forschungsdrangs der neuen Wissenschaft, andernteils aber, obzwar man das sicher weit von sich gewiesen hätte, um das archaische Ritual der Zergliederung eines Menschen, um die nach wie vor zum Register der zu verhängenden Strafen gehörende Peinigung des Fleisches des Delinquenten bis über den Tod hinaus. Das Mittelalter, der Drache, das geringelte, geflügelte Tier hat sich unbemerkt in die beginnende Neuzeit geschlichen. In diesem Zwischenreich tragen sich das Leben und die Schriften Brownes zu.

Zwei Stilideale identifiziert Sebald bei Browne und wiedererkennt sie als seine eigenen. Das eine sieht er in Verbindung mit Brownes Vater, dem Seidenhändler: to spin out. We are unwilling to spin out our thoughts into the phantasmes of sleep, läßt er wissen, um dann das Spinngeschäft am folgenden Morgen mit aller Sorgfalt wieder aufzunehmen. Als Schüler noch der unteren Klassen hatte Selysses gehofft, das Fräulein Rauch auf immer einspinnen und zu verstricken in ein Netzwerk von Zeilen und Zahlen, um dann im Sommer bereits mit seiner Lehrerin vor den Traualtar treten zu können. Herangewachsen zum Dichter spinnt Sebald, als sei er Browne’s Bruder, die Seitenfäden über alle Ringe des Saturn.

Das andere Ideal, irgendwie gegenläufig, möchte man meinen, ist das der Levitation. Zwar gelingt es Thomas Browne, unter anderem wegen dieser enormen Belastung nicht immer, von der Erde abzuheben, aber wenn er, mitsamt seiner Fracht, auf den Kreisen seiner Prosa höher und höher getragen wird wie ein Segler auf den warmen Strömungen der Luft, dann ergreift selbst den heutigen Leser noch ein Gefühl der Levitation. Vielleicht ist es nicht nur eine Selbstspiegelung, sondern eine Projektion. Man liest, Browne baue labyrinthische, bisweilen über ein, zwei Seiten sich hinziehende Satzgebilde, die Prozessionen oder Trauerzügen glichen in ihrer schieren Aufwendigkeit: In Brownes bekanntestem Werk Urne Burial zumindest findet sich aber kein Satz, der in Umfang und Gestalt dem Beschriebenen auch nur irgend nahe käme, anders als verschiedene Sätze Sebalds. Der Satz, der in Austerlitz die Stadt vorstellt, die der Führer den Juden geschenkt hat, geht sogar noch weit über das genannte, bereits gargantuahafte Maß hinaus, muß aber auch eine Last tragen, die eigentlich nicht zu tragen ist.

Der Begriff der Levitation läßt aufmerken. Schwebte nicht Grünewalds heiliger Georg im Altarbild der Pfarrkirche von Lindenhardt eine Handbreit über der Welt und was ist die extravaganten Kopfbedeckung des Heiligen in Pisanellos Gemälde San Giorgio con cappella di paglia, über die sich zu wundern Selysses vorgibt, angesichts ihres gewaltigen Ausmaßes anderes als ein an am Kopf befestigtes Sonnensegel, das den hellen, leichten Ritter im Aufwind der Abendsonne schon im nächsten Augenblick deutlich über den fest am Boden stehenden Antonius erheben wird. Und was ist die von Benjamin bemerkte ätherische Flüchtigkeit der Prosa Hebels anderes als die Folge aufschwebender Satzgebilde.

Levitation ist ein stilistisches wie auch ein philosophisches Ideal. Als gelungen kann sie nur gelten, wenn, wie im Falle Brownes, schwere Fracht und Last mitgetragen wird. Auch der Drachen unter den Füßen des Ritters ist nicht so tot, daß er sich nicht jederzeit in den gewaltigen Sporen des Ritters verschlingen und verhaken könnte. Ballast abwerfen von der Last des Daseins allerdings müssen Dädalus und alle, die ihm gleich sein wollen, dann doch, bevor sie sich in die Luft wagen, am Boden können sie nichts als Außenseiter sein ohne schweres Gepäck, gelehnt lediglich an den Strom der Zeit, nicht einbeschlossen in den Kern des blind und taub sich fortwälzenden Prozesses.

Das Ideal der Levitation ist durchdrungen von christlicher Himmelfahrtsmetaphorik. Sebald hat sich in Gesprächen wiederholt als im üblichen Sinne ungläubig ausgewiesen, gleichzeitig aber auf dem metaphysischen Impetus der Literatur bestanden. Die einzigartigen, in der Kunst verwahrten metaphysischen Leistungen des Christentums waren ihm so selbstverständlich wie sie es für Blumenberg waren, und Bach konnte noch den Radikalnihilisten Cioran, nach dessen eigenem Bekenntnis, den Tod Gottes jederzeit vergessen lassen.

Das Feuer ist für Sebald, der unter dem Eindruck einer ständig und überall kombustierenden Welt steht und wiederholt ihr Ende in einem großen Brand beschwört, der stärkste thematische Bezugspunkt in Brownes Werk. Wie leicht es auch ist, einen Menschen zu verbrennen. Wenn tatsächlich die dem Isaak aufgeladene Bürde gelangt hätte für einen Holocaust, dann könnte jeder von uns den eigenen Scheiterhaufen auf seiner Schulter tragen, und ohnehin zeigt die Wintersonne an, wie bald das Licht erlischt in der Asche, wie bald uns die Nacht umfängt.

Browne ist nicht eingesperrt in den Ersten Teil der Ringe des Saturn, er hat vielmehr das letzte Wort im Buch. Als Sohn des Seidenhändlers hatte er, so wird vermutet, viel Sinn für die Sitte, im Haus eines Verstorbenen alle Spiegel und alle Bilder mit seidenem Trauerflor zu verhängen. Gesponnen aus dem endlosen Faden des Seidenwurms und gewebt zu einem federleichten, jedem Luftzug und Aufweind preisgegebenen Tuch, ein schönes Nichts vor dem kalten Antlitz des Todes.

*

The night of time far surpasseth the day, and who knows when was the AEquinox? Weit länger währt die Nacht der Zeit als deren Tagespanne, und es weiß keiner, wann das Äquinoktium gewesen ist.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Credo

Nicht selten beschäftigte mich damals die Frage, ob ich mich in dem von einem leisen Summen, Rascheln und Räuspern erfüllten Bibliothekssaal auf der Insel der Seligen oder, im Gegenteil, in der Strafkolonie befand. Neben mir saß meist ein älterer Herr mit sorgsam gestutztem Haar und Ärmelschonern, der seit Jahrzehnten an einem Lexikon zur Kirchengeschichte arbeitete, in welchem er bis an den Buchstaben K gelangt war und das er also nie würde zu Ende bringen können. Von meinem Arbeitsplatz in der Manuskripten- und Dokumentenabteilung habe ich  oft für eine Stunde oder länger hinübergeblickt auf die hohen Fensterreihen des jenseitigen Trakts, in denen die dunklen Schieferplatten des Daches sich spiegelten, die schmalen ziegelroten Kamine, der strahlend eisblaue Himmel und die blendend schneeweiße Wetterfahne mit de aus ihr ausgeschnittenen, blau wie der Himmel selbst aufwärts segelnden Schwalbe. Die Spiegelbilder in den alten Glasscheiben waren etwas gewellt oder gekräuselt, und nicht selten sind mir bei ihrem Anblick aus irgendeinem unbegreiflichen Grund die Tränen gekommen. Ganz anders stellt sich die Frage der Bücher und des Lesens, wenn man dann am Abend und in der Nacht allein zuhaus mit den Dichtern ist, wenn man eine ihre Lebensgeschichten und Tagebücher liest, so ein Leben überblickt, das sich ohne sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinem Fernglas erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch. Damit es uns glücklich macht? – glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Freitag, 16. Dezember 2011

Gespräche

Auf ungeheuer dünnem Eis

Wenn auch schon der Nachlaß eines Autors, den man geschätzt hat und mehr, geschlossen scheint, und dann doch noch ein weiteres Buch von ihm erscheint, ist die Freude naturgemäß groß. So war es bei Bernhards Preisreden, und jetzt wieder, zum zehnten Todestag bei: W.G. Sebald, Auf ungeheuer dünnem Eis. Ähnliche Sammlungen von Gesprächen des Dichters in englischer Sprache, durchsetzt allerdings mit Aufsätzen über ihn, sind als Sekundärliteratur erschienen, aber im Grunde sind wir dankbar für die kleine Täuschung und sei es auch nur, weil sich die so beklagenswert kurze Reihe der Bücher mit dem Namen des Dichters auf dem Rücken im Regal ein wenig weitet. Der erste Blick in das Inhaltsverzeichnis findet zwanzig Gespräche aus dreißig Jahren, und auf die eine oder andere Weise, so viel ist schon sicher, werden wir erneut unserer Lieblingsbeschäftigung nachgehen können, die schlanke Gestalt des Dichters auf Abschnitten ihrer Lebenswanderungen zu begleiten.
 
 Das erste Gespräch ist aus 1971, zwei weitere noch sind aus den siebziger Jahren, zwölf aus den neunziger Jahren, ein Gespräch ist aus 2000 und vier sind aus dem Todesjahr 2001. Kein Gespräch ist aus den achtziger Jahren, also aus der Zeit, in der sich die Verwandlung vom beachtenswerten Germanisten zum Magier der Prosa vollzogen hat. Nach einem kurzen Augenblick der Enttäuschung ist man es zufrieden, wahren Sebaldlesern geht es ohnehin nicht darum, Geheimnisse zum Verschwinden zu bringen, sie wissen, auch der einzige Kriminalroman dieses Dichters ist, genreunüblich, ohne eindeutige Auflösung geblieben.

In den Gesprächen wird dann doch verschiedentlich Licht auf die Wandlung geworfen. Am greifbarsten ist die verheerende Wirkung der Metamorphose auf das nahe Umfeld: Besonders beliebt macht man sich bei den Personen, mit denen man das Leben teilt, dadurch nicht und selbst der Hund findet das eigenartig – da sitzt dieser Typ da oben, und unter der Tür qualmt es heraus. Irgendwann kriecht er, der Dichter, dann ramponiert zum Abendessen hervor. - Für den Hund ist das besonders tragisch, hatte er doch erst, wie wir bereits wissen und wie uns im Verlauf der Gespräche erneut versichert wird, Sebald leichtfertig und, wie nun zu sehen ist, zum eigenen Schaden, das Handwerk des Schreibens gelehrt: immer mit der Nase oder Schnauze am Boden, so geht das. Den schönsten Niederschlag dieses Erlebens der Asozialität des Dichtens findet sich im Werk wohl in der Gestaltung des Calvinistenpredigers Emyr Elias, der, wie es seine (und Sebalds) unabänderliche Gewohnheit war in seinem Studierzimmer saß und sich seine am nächsten Sonntag zu haltende Predigt ausdachte. Völlig niedergeschlagen kam er (wie Sebald) jeweils am Abend aus seiner Kammer hervor, nur um am folgenden Morgen (wie Sebald) wieder in ihr zu verschwinden. Am Sonntag führte er dann der versammelten Gemeinde mit erschütternder Wortgewalt das allen bevorstehende Strafgericht, die Farben des Fegefeuers und die Qualen der Verdammnis vor Augen – schön zu erleben, wie von dort her nun wieder ein grader Weg zu Thomas Bernhard führt: Ich sehe ihn, immer wenn ich an in denke, irgendwie auf einer Kanzel, wie er also das Sonntagspublikum sozusagen fix und fertig macht, bis sie also nicht mehr schnaufen können.

Das Ausmaß der Persönlichkeitsveränderung wird auch insofern deutlich, als in den Gesprächen ab den neunziger Jahre der Sebald der siebziger Jahre kaum wiederzuerkennen ist. 1971 nimmt er mit Karasek und anderen an einer Gesprächsrunde über Sternheim teil. Möglicherweise haben er und Karasek sich dann nicht mehr getroffen bis zu der denkwürdigen Lesung in Klagenfurt 1990, bei der unter Karasek Jurorenschaft ungefähr alle außer Sebald einen Preis erhalten haben. Man kann sich gut vorstellen, Karasek habe im wörtlichsten Sinne des Wortes seinen Ohren nicht getraut bei dem, was er aus dem Munde dessen hörte, den er als einigermaßen hölzern argumentierend und ihm selbst unterlegen aus der Diskussion in Erinnerung hatte. Er hat wohl zunächst die Stille seines Lesezimmers aufsuchen müssen, bevor er dann 1993 die Ausgewanderten im Literarischen Quartett mit einiger Leidenschaft gegen die Ignoranz Reich-Ranickis verteidigen konnte.

Im Gespräch aus dem Jahre 1975 beleuchtet Reiner Kunze mit bitterstem Ernst, wie es immer sein Los war, das eigene Dichtertum, vom Interviewer, dem jungen Sebald, dabei im gleichen Tonfall assistiert. In den Gesprächen ab 1990 ist Sebald von der Seite des Fragenden auf die des Befragten gewechselt, immer wieder wird er fortan, durchaus beifällig, für seine oft nonchalante Tiefstapelei gerügt. Naturgemäß erreicht er in den Gesprächen nicht die Gipfelhöhen seiner veröffentlichten Prosa und strebt sie auch nicht an. Wenn er schon zuhause jeden Abend ramponiert und niedergeschlagen zur Arbeitskammer herauskam, wollte er wenigstens, so kann man sich denken, die Aufnahmestudios und Veranstaltungsräume einigermaßen unversehrt verlassen. Gern räumt man ein, daß die in einem Gespräch geäußerten Wahrheiten schlichter sind als die nur schwer fixierbaren im Werk, ist aber gerade darum versucht, ihnen einen handfesteren und verläßlicheren Charakter zuzuschreiben. Hinter dem schemenhaften Erzähler soll ein Autor aus Fleisch und Blut mit vermeintlich klaren Eigenschaften hervortreten, antiklerikal, liberal, Wähler dieser oder jener Partei oder auch das Gegenteil. Garcia Marquez hat diese Erwartung einmal karikiert mit der Bemerkung, falls er kein Kommunist wäre – also nicht geschlagen mit diesem ebenso rätselhaften wie unheilbaren Leiden – würde er genau so denken wie sein Landsmann Gomez Davila, der von diesem Leiden, wie jeder weiß, ganz und gar frei war.

Wer war dieser Sebald? Diese Frage stellt sich dem Leser seiner Bücher auf fast jeder Seite, so beginnt Torsten Hoffmann sein Nachwort. Sie stellt sich dem Leser einmal auf der Grundlage der gemeinen Neugier (curiositas communis sive vulgaris), von der niemand frei ist und zu anderen auf der Grundlage des wohl ältesten und mit gutem Grund nicht totzukriegenden literaturwissenschaftlichen Ansatzes, der die wesentlichen Antworten in der Rückführung des Werkes auf den Autor sucht. Aber wenn der Weg vom Werk zum Autor auch verheißungsvoll ist, so bleibt der Weg zurück zum Werk doch nicht ohne Tücken, und außerdem geht jeder Leser ohnehin seinen eigenen Weg. Wer, obwohl ungefähr gleichen Alters, in seiner Kindheit andere Eindrücke hatte als Sebald in seinem Allgäuer Winkel und in der späten Jugend und Studienzeit weitaus mehr polnische Literatur als deutsche gelesen hat - also weniger Peter Weiss und Jean Améry als Aleksander Wat und Gustaw Herling-Grudzinski - kann an vielen persönlichen Obsessionen Sebalds nicht teilnehmen, ohne daß es ihm irgend den Zugang zu seiner Literatur erschweren würde. Falls dadurch etwas in den Hintergrund tritt, was andere weiter vorn sehen, bleibt das folgenlos, da ohnehin den Hauptdarstellern und  den Komparsen und jedem einzelnen Blatt am Baum die gleiche ungeschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen ist.* Auch ihm, diesem Leser, ist klar, daß in einer umfassenden Weltklage, wie Sebald sie anstimmt, soll sie denn nicht gänzlich gehaltlos und unbestimmt sein, der Klagegrund Holocaust nicht fehlen kann, anders als mancher andere aber nimmt er am Klagegrund Heringe keinen Anstoß. Befremdlich wird er finden, wie sehr einige der späten Gespräche sich auf Holocaust und Luftkrieg verengen, so als würden sie mit einem Historiker und nicht mit einem Dichter geführt. Niemand interessiert sich für Andromeda Lodge, das Paradies mit anderen Worten, das es auch gibt, oder für Marie de Verneuil. Kein Wort, nirgends. Fast könnte einem der bedauernswerte Papst in den Sinn kommen, der nie zum Geheimnis des Kreuzes, sondern immer nur zum Zölibat und noch schlimmeren Dingen befragt wird. Der Vergleich ist weniger fernliegend als es scheinen mag, denn bei Licht besehen verwaltet Sebalds Prosa ein Mysterium, das dem in der Zuständigkeit des Vatikans nicht unähnlich ist: daß wir uns so gern aufhalten in in dieser Sprache, obwohl sie so viel Schreckliches berichtet, daß wir getröstet sind.
Auf ungeheuer dünnem Eis besteht die Probe für ein weiteres Sebaldbuch mit authentischem Buchrücken: Ist man am Ende angelangt, möchte man gleich wieder vorn beginnen.

* So jetzt auch bei John Burnside Deutung der Pisanellopassage als Selbstbeschreibung Sebalds, FAZ 14.12.2011

Dem Exemplar der schon seit ewigen Zeiten bezogenen FR, die den Todestag hat passieren lassen, es gibt ja Wichtigeres, lag an diesem 14.12.2011 erstmalig, versehentlich und jedenfalls völlig unerklärlich der Feuilletonteil der FAZ mit dem schönen Aufsatz über den Koinzidenzdichter Sebald bei. Schwindelgefühle.




Dienstag, 13. Dezember 2011

Kommentar Petit pan de mur

Die Stimmung ist traum- oder märchenhaft, Fragen der Größenordung haben eine entscheidende Bedeutung. Was zunächst wie ein kleiner gelber Mauerfleck aussieht - man denkt an Proust, ohne recht zu wissen, warum - erweist sich bei näherem Hinsehen als eine gemalte trompe-l’oeil-Türe im Miniaturformat, die der Erzähler aber ohne Mühe durchschreiten kann, um so in ein verstaubtes, seit Jahren offenbar nicht mehr betretenes Kabinett zu gelangen. Jemand sitzt auf dem Kanapee und erzählt zu dem Kästchen, das er in der Hand hält, eine längere Geschichte, die ganz offenbar nur er Irreführung dient und die auf das Kästchen gerichteten Erwartungen zum Nullpunkt absinken läßt. Umso größer ist das Entzücken, als er das Kästchen dann öffnet und ein erstaunlich kunstfertiges Modell des Tempels Salomonis vorweist. Wieso aber führt die Kunstfertigkeit auf gradem Wege zum wahren Kunstwerk? Zeigt sich in der Erhebung des Modellbaus zur Kunstgattung eine besondere Neigung für den Hyperrealismus, dem im weiteren Sinne auch die trompe-l’oeil-Malerei zugerechnet werden kann? Oder ist das Sujet, der Tempel, die Kultstätte, von überragender Bedeutung? Mehr Fragen als Antworten.