Freitag, 25. September 2009

Die Ausgewanderten

Το βλέμμα του Σελυσσέα

Die sogenannten vier langen Erzählungen - die beiden ersten Dr. Henry Selwyn und auch Paul Bereyter sind einigermaßen kurz -, die den Band Die Ausgewanderten bilden, umfassen im Leben des sebaldnahen Icherzählers, den wir Selysses nennen, die Jahre 1966 bis 1991, wobei Max Aurach, die letzte und längste Erzählung die beiden chronologischen Grenzpunkte setzt. Das Buch ist dann bereits 1992 erschienen.

Dr. Henry Selwyn trägt sich im Jahr 1970/71 zu mit einem Nachspiel im Jahre 1986. Paul Bereyter geht aus vom Selbstmord der titelgebenden Gestalt im Januar 1984, der bei Selysses zu immer häufiger gedanklicher Beschäftigung mit ihm in den nicht weiter bestimmten nachfolgenden Jahren führt. Auch die Gespräche mit Mme Landau sind, unüblich für Sebald, nicht näher datiert. Ambros Adelwarth zentriet sich um zwei Amerikareisen des Selysses in den Jahren 1981 und 1984.

Obwohl also insgesamt mehr als dreißig Jahre im Leben des Selysses vergehen, erfahren wir kaum etwas über ihn, nur selten richtet er den Blick auf sich selbst. Er ist Hohl- und Hallraum und Spiegelkabinett für die Geschichten anderer. Dabei geht der Blick immer auch weit hinter die gelebte Zeit des Selysses zurück. Die Gegenwart ist Hohl- und Hallraum und Spiegelkabinett der Vergangenheit.

Paul Bereyter ist der Volksschullehrer des Selysses, Ambros Adelwarth sein Großonkel, hier verlaufen die Erkundungen zu nicht geringem Teil über die eigene Erinnerung. Henry Selwyn und Max Aurach begegnet Selysses im Zuge seiner Übersiedlung als junger Wissenschaftler und noch verborgener Dichter nach England. So wie er Stendhal und Kafka in den Schwindel.Gefühlen als Dichter begegnet war, so begegnet er Den Ausgewanderten als Ausgewanderter. Wie als Dichter unter Dichtern kann er auch unter den Ausgewanderten als Gleicher unter Gleichen auftreten, letztlich wandern wir alle fort vom Ort unserer Geburt und niemand findet den Weg zurück.


Dr. Henry Selwyn
Το βλέμμα του Σελυσσέα
... kommen sie heraus aus dem Eis und liegen am Rand der Moräne, ein Häufchen geschliffener Knochen und ein Paar genagelter Schuhe.

Paul Bereyter
Το βλέμμα του Σελυσσέα
... ging über mich hinweg wie der Schatten eines Vogels im Flug.


Ambros Adelwarth
Το βλέμμα του Σελυσσέα

... aus großer Höhe auf die Erde hinab von einem jener Türme, die sich im Himmel verlieren.



Max Aurach
Το βλέμμα του Σελυσσέα

...Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere.



Donnerstag, 24. September 2009

Dr. Henry Selwyn

Το βλέμμα του Σελυσσέα

Ist der Dichter tot und sein Nachlaß vollständig herausgegeben, bleibt den Verlagen zur Anfachung und Befriedigung des Leseeifers noch die Möglichkeit eines Neuarrangements der Texte. Zu Thomas Bernhard sind im letzten Jahr eine Reihe kleiner Bändchen herausgegeben worden mit Titeln wie Naturgemäß, Ehehölle &c., und tatsächlich konnten die durchweg bekannten, über das Werk verstreuten Texte in der thematischen Zusammenfassung einen Schein des Neuen abwerfen. Von Sebald möchte man sich in dieser Art ein Brevier Erste Blicke des Selysses wünschen. Zwar wirkt das Prosawerk wie ein Spiegelkabinett zweiter und weiterer Blicke, aber es ist ein Kabinett mit einem großen Fenster nach draußen auf das unmittelbar mit dem Auge wahrnehmbare, Landschaften, Gärten, Städte. Gäbe es nur diese Fensterblicke, würden sie auch schon glücklich machen. Der als Spiegelkabinett eingerichteten Sebaldausstellung im Literaturarchiv Marbach fehlte also ein wichtiges Element, aber sie war thematisch auf die Unterwelt eingeengt und daher ganz sinnvoll im Untergeschoß des Archivs untergebracht.

Die einleitenden Seiten der Erzählung Dr. Henry Selwyn, die Landschaft, der Garten, der Küchengarten, müßten in jedem Fall Aufnahme finden in das Brevier. Allerdings ist der erste Blick des Selysses, wie eigentlich immer, durchwachsen. Schon auf der zweiten Seite kommt ein Landhaus in der Charente in den Sinn, in dem zwei verrückte Brüder in jahrzehntelanger Arbeit die Vorderfront des Schlosses von Versailles errichtet hatten, eine ganz und gar zwecklose, aus der Entfernung allerdings sehr eindrucksvolle Kulisse, deren Fenster geradeso glänzend und blind gewesen waren wie die des Hauses, vor welchem wir jetzt standen. Obendrein ist die Eingangspassage mit zwei Merkmalen versehen, die eigentlich nicht statthaft sind in Sebalds Erzählwelt: Selysses ist in profaner Zweckhaftigkeit und Zielgerichtetheit unterwegs, es geht um Wohnungssuche, so daß der gedankliche Ausflug in die Charente mit ihrer rettenden Verrücktheit wie Flucht und Entschuldigung wirkt; - und, noch schlimmer, Selysses ist nicht allein, sondern in Begleitung von Clara, offenbar seine Frau. Clara rutscht aber mit in den toten Winkel der subjektiven Sprachkamera hinein und bleibt so schemenhaft und weitgehend unsichtbar wie Selysses selbst.

Henry Selwyn tritt auf im Feld des ersten Blicks als Eremit, umgeben von Pferden und Eichkatzen. Ähnlich wie Stendhal Kafkas Jäger Gracchus ankündigt, kündigt Selwyn den Major George Wyndham Le Strange an, der, in den Ringen des Saturn, als Eremit in einer Wolke aus von Federvieh dem zweiten Blick, konkret: einem Zeitungsartikel, womöglich noch glanzvoller entsteigt. Könnte man urteilen, daß Sebald, ohne Zweifel ein Meister des ersten Blicks bei Landschaften, Gärten und Städten, sich bei der Menschendarstellung mit dem zweiten Blick leichter tut? Auch Menschen wie Paul Bereyter oder Fritz Binswanger, die dem Selysses aus der Kindheitserinnerung des Selemach, der ein anderer ist, übertragen werden, sind Gestalten des zweiten Blicks. Virtuos aber vereinnahmt der erste Blick in jedem Fall die äußere Erscheinung eines Menschen: Edward Ellis war von sehr schmächtiger Statur und stand, während Dr. Selwyn stets leicht vornübergebeugt war, immer hochaufgerichtet. Der Hemdkragen war ihm um seinen faltigen Hals, der wie der mancher Federtiere oder einer Schildkröte harmonikaartig aus- und einfahren konnte, zu weit geworden, der Kopf war klein, wirkte irgendwie prähistorisch oder zurückgebildet, die Augen darin aber glänzten von einer blanken, ja wunderbaren Lebendigkeit.

Das Haus der Selwyns, in dem Selysses und Clara dann tatsächlich Unterkunft finden, ist so gut wie unbewohnt. Mrs. Selwyn befand sich oft wochenlang auf Reisen. Dr. Selwyn hielt sich in einer aus Feuerstein gemauerten kleinen Einsiedelei auf, in der er sich mit dem Nötigsten eingerichtet hatte. In der Küche machte sich zu jeder Stunde des Tages eine weibliche Person unbestimmten Alters meist über dem Ausguß zu schaffen. Welchen Arbeiten sie in der Küche tagaus, tagein oblag, blieb sowohl mir als auch Clara unverständlich. Das Haus ist der Besichtigung der und dem Nachdenken über die Vergangenheit freigegeben. Ich versuchte mir oft auszudenken, wie das Innere der Köpfe der Leute beschaffen gewesen sein mußte, die mit der Vorstellung leben konnten, daß hinter den Wänden der Zimmer irgendwo immer die Schatten der Dienerschaft am Huschen waren.

Im Mittelpunkt des weiteren Verlaufs der Erzählung stehen zwei Bild- und Blickveranstaltungen. Zunächst ist es eine Diavorführung als Höhepunkt einer Abendeinladung für Selysses und Carla. Es ist reines Schauen ohne Worte: Das leise Surren des Projektors setzte ein, und der sonst unsichtbare Zimmerstaub erglänzte zitternd im Kegel des Lichts als Vorspiel vor dem Erscheinen der Bilder. Während die Bilder auf der Leinwand zitterten, herrschte eine nahezu völlige Stille im Raum. Zuvor aber hatte Selwyn von seinem Leben in der Schweiz erzählt: Die meiste Zeit sei er im Berner Oberland gewesen und dort mehr und mehr der Bergsteigerei verfallen. Das Motiv des Bergsteigens ist offenbar dem der Fliegerei verwandt, eine Abwendung von der Welt, ein Auswandern nach oben. Die Diavorführung zeigt dann allerdings keine Schweizer Landschaften, sondern die Hochebene von Λασίθι auf Kreta. Ein paarmal sah man Dr. Selwyn in knielangen Shorts, mit Umhängetasche und Schmetterlingsnetz. Eine der Aufnahmen glich bis in Einzelheiten einem in den Bergen oberhalb von Gstaad gemachten Photo von Nabokov, das ich ein paar Tage zuvor aus einer Schweizer Zeitschrift ausgeschnitten hatte. Der Blick des Selysses gleitet ab und bleibt auch auf Kreta in der Schweiz. Nabokow, der auch in den Erzählungen Ambros Adelwarth, in Amerika, und Max Aurach wieder seinen Auftritt hat und als gleichsam führender Ausgewanderter und Schmetterlingsjäger an die Stelle des Jägers Gracchus in den Schwindel.Gefühlen tritt.

Die zweite Blickfolge sind erinnernder Blicke Selwyns zurück in seine Kindheit in einem Dorf nahe der weißrussischen Stadt Grodno. Ich sehe, sagte Selwyn, und mit seinen Augen sieht auch Selysses, wie mir der Kinderlehrer im Cheder die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe die ausgeräumten Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes. Ich sehe die auf- und niedersteigenden Telegrafendrähte vor den Fenstern des Zuges, sehe die Häuserfronten von Riga, das Schiff im Hafen, die hohe See, die Fahne des Rauchs, die graue Ferne. - Letztlich wandern wir alle fort vom Ort unserer Geburt und niemand findet den Weg zurück.

Inzwischen, so Selwyn später, habe er längst seine letzten Kontakte mit der sogenannten wirklichen Welt gelöst. Es ist die Lehre der Heiligen, daß wir die Welt schon vor unserem Tod verlassen sollten. Die Heiligen sind Ausgewanderte aus der Welt, sind die Ausgewanderten Heilige? Cioran spricht von Aufwachen und, in schöner Verdrehung, von Emanzipation: Ce serait exiger de l'homme qu'il s'éveille  
-->à l'absolu, qu'il devienne uniquement animal métaphysique. Un tel effort d'émancipation, un tel bond hors de nos vérités de dormeurs, peu en sont susceptibles. - Handelt es sich bei diesen wenigen, die es denn doch gibt, um Stendhals Happy Few in der Auslegung Sebalds?
Und sie wandern noch einen Schritt weiter aus, in den Tod, den alle vier Helden der langen Erzählungen auf die eine oder andere Art selbst herbeirufen. Das Schreiben, wir wissen es von Bernhard oder Cioran, und auch bei Sebald klingt es immer wieder an, ist eine andere Form des Suizids oder, wenn man so will, seine Zurückstellung, eine andere Weise des Aufnahmebegehrens in das Kollegium der Happy Few, die ja keineswegs glücklich sind, man schaue sich Julien Sorel oder Fabrizio del Dongo nur an.

Das Bergsteigen hatte Selwyn in Begleitung des Bergführers Johannes Naegeli betrieben, dem er von Anfang an sehr zugetan gewesen sei. Naegeli ist dann bald auf dem Weg von der Oberaarhütte nach Oberaar verunglückt und seither verschollen. Gerald Fitzpatrick, prominenter Vertreter des verwandten Fliegerthemas, startet mit seiner Cessna von Genf in der Schweiz aus und stürzt in den Savoyer Alpen zu Tode. Selysses hat noch einen zweiten Blick auf Naegeli. In einer Zeitungsnotiz aus dem Jahre 1986 wird von dem seit dem Sommer 1914 als vermißt geltenden Bergführer berichtet, dessen Überreste jetzt geborgen wurden. So kehren sie wieder, die Toten. Manchmal nach mehr als sieben Jahrzehnten kommen sie heraus aus dem Eis und liegen am Rand der Moräne, ein Häufchen geschliffener Knochen und ein Paar genagelter Schuhe. Die Schuhe, Werkzeug unserer Wanderungen, die Knochen, ihr einziges Ergebnis, auch und gerade bei den Heiligen.


Mittwoch, 23. September 2009

Paul Bereyter

Το βλέμμα του Σελυσσέα

W styczniu 1984 roku doszła mnie z S. wiadomość, że Paul Bereyter ...

Die Erzählung nimmt ihren Ausgang von einem im Anzeigenblatt der Kleinstadt S. veröffentlichten Nekrolog den Tod des Kinderlehrers Paul Bereyter betreffend, und wo, in der Tat, wäre in einer Zeitung je ein Nachruf erschienen, der den Verstorbenen nicht ganz ohne sein eigenes Zutun in eine falsche Welt versetzt hätte, aus der ihn zu befreien ein Dichter sich nicht aufgerufen fühlen könnte. Ausgehen von einem Nekrolog, das heißt aber zugleich, daß ein erster, wahrnehmender Blick in der Gegenwartswelt auf den Protagonisten der Erzählung nicht mehr möglich ist.Paul Bereyters Freitod auf den Bahngleisen eine kleine Strecke außerhalb von S.. wo die Bahnlinie in einem Bogen aus dem kleinen Weidenholz herausführt und das offene Feld gewinnt, erfolgte, so die Erzählung, im Jahre 1984, die nähere Befassung des Selysses mit seinem ehemaligen Volksschullehrer ist in unbestimmter Weise auf die nachfolgenden Jahre verlegt. Im Frühsommer des Jahres 1984 hält sich Selysses, wie wir später erfahren, im Zuge von Recherchen zum Schicksal seines Großonkels Ambros Adelwarth, im Osten der Vereinigten Staaten auf, im April desselben Jahres aber sitzt er im Lesesaal des British Museum, wo er, offenbar in Vorbereitung des Werkes Nach der Natur, der Geschichte der Beringschen Alaskaexpedition nachgeht. Am Nachbartisch sitzt, wie es der Zufall will, der Schulkamerad Fritz, inzwischen ein Koch von Weltrang, und von ihm erfahren wir ein präzises Blickresultat: nicht ein einziges Mal habe er, Fritz, den Paul etwas essen sehen. – Damit ist Paul Bereyter der in Sebalds Werk wichtigen Gruppe der wittgensteinesken Asketen zugewiesen.

Die ersten Versuche des Selysses, die spätere Lebensgeschichte des Paul Bereyter zu verstehen, verlaufen ganz über den inneren Blick, er versucht, sich ihm anzunähern, indem er sich ausmalt, wie er gelebt hat in der großen Wohnung im oberen Stock des alten Lerchenmüllerhauses, solche Versuche brachten ihn jedoch, wie er sich eingestehen mußte, dem Paul nicht näher oder höchstens augenblicksweise, in gewissen Ausuferungen des Gefühls. Es gilt, Erkundigungen einzuholen, authentische Blicke auf Paul Bereyter zu sammeln. – Da wir aber aus dem Bereich fiktionaler Prosa nicht heraustreten, wird unklar bleiben, in welchem Umfang die Erkundigungen ihrerseits Ausmalungen bleiben, die realen Nachforschungen erdichtet sind.

Der naheliegende Gewährsmann des Selysses ist er selbst als ein anderer, als das Kind, das er seinerzeit war. Wir erfahren in der erinnerten Blicken von dem begeisterten und begnadeten Lehrer Paul Bereyter, von seiner Freude und seinen Leiden im Umgang mit den Schülern, von den Kämpfen mit den Kollegen und den katholischen Vertretern der Heilslehre, aber wir erfahren nicht, wer Paul Bereyter war, denn der Blick der Schüler auf den Lehrer ist nicht eigentlich ein Blick auf einen Menschen und in ihm hinein: Es konnte jederzeit geschehen, mitten im Unterricht oder während einer Pause, daß er abwesend und abseits irgendwo saß oder stehenblieb, als wäre er, der immer gut gelaunt und frohsinnig zu sein schien, in Wahrheit die Untröstlichkeit selbst.

Das meiste über Paul Bereyter ergibt sich aus den Besuchen des Selysses bei Mme Landau in der Schweiz im zweiten Jahr nach dem Tod des Pauls, also 1986. Mit dem genialen einen Strich nur zeichnet Sebald die Berufenheit Mme Landaus für die Erkundung der Seelenlagen Paul Bereyters: die Diskretion ihres Kinderfreund Ernest, das jüngste Kind einer vielköpfigen Arbeiterfamilie, sei für ihr Empfinden immer vorbildlich geblieben, später habe sie in ihrem nicht unbeträchtlichen Leben eine ziemliche Anzahl von Männern – des näheren, wie sie mit spöttischem Gesichtsausdruck hervorhob – kennengelernt und ihre Namen, gottlob, größtenteils vergessen, einen umsichtigeren und unterhaltsameren Kompagnon als den von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen Paul (eine ungemein intensivierende Paraphrase für Untröstlichkeit) habe man sich dagegen einfach nicht wünschen können: Mme Landau ist empfindungsstark, erfahrungssatt und urteilsstark. Paul Bereyter lernt sie auf einer Parkbank in der Promenade des Cordeliers kennen, während ihre Augen auf der Autobiographie Nabokows ruhen.

Es geht in der Folge weniger um freihändige Auskünfte Mme Landaus zum späteren Lebensverlauf des Protagonisten, sondern um Rückspiegelungen aus einem Album, über das Selysses und Mme Landau sich gemeinsam beugen, ein großformatiges Album, in dem, von einigen Leerstellen abgesehen, fast das gesamte Leben Paul Bereyters photographisch dokumentiert und von eigener Hand annotiert war. Stück für Stück trat das Leben Paul Bereyters aus seinem Hintergrund heraus. Im weiteren wird die Suche nach Paul Bereyters immer mehr zu einer Suche Paul Bereyters nach sich selbst, von der Mme Landau erzählt. Es ist ganz wesentlich eine Suche mit geschlossenen Augen. Dieses wunderbare Emporium, erzählte Mme Landau, habe der Paul ihr einmal ausführlich beschrieben, als er nach einer Operation am grauen Star mit verbundenen in einem Berner Spital lag und, wie er sagte, mit reinster Traumklarheit Dinge sah, von denen er nicht geglaubt hatte, daß sie noch da waren in ihm.

In der Folge tritt Paul Bereyters Suche nach Klarheit immer mehr in Konkurrenz zum Verlust des Augenlichts. Es ist aber keineswegs ein Wettlauf zwischen Hell und Dunkel um die verbleibende Lebenszeit, der sich einstellt, sondern ein besonderer, offenbar Leben und Tod übergreifender Frieden: Tatsächlich redete Paul in jenen Tagen mit der größten Ausgeglichenheit über den, wie er sich ausdrückte, mausgrauen Prospekt, welcher nun vor ihm sich erstreckte, und er stellte die Hypothese auf, die neue Welt, in die er nun im Begriff sei einzutreten, wäre zwar enger als die bisherige, doch verspreche er sich davon ein gewisses Gefühl des Komforts.

Die Erzählung endet mit einem Bild aus den CERN-Larboratorien: Die aus meinem momentanen Fehlverständnis ausgelöste Beunruhigung, erzählte Mme Landau – heute ist es mir manchmal, als hätte ich damals wirklich ein Todesbild gesehen – war aber nur von der kürzesten Dauer und ging über mich hinweg wie der Schatten eines Vogels im Flug.

Die momentane Erleuchtung erweist sich als Schatten. Die Suche nach Paul Bereyters Leben und Sterben endet im Dunklen, aber das Licht, das die Erzählung darauf geworfen hat, ist nicht verloren. Am Ende der Erzählung können wir nicht sagen, daß wir Paul Bereyter, den wir mit unseren Augen nie gesehen haben, kennen würden, daß wir sein Leben und Sterben verstanden hätten, aber wir kennen ihn besser als manchen, der leibhaftig vor uns gestanden ist, und wir kennen ihn immer dann, wenn wieder einsteigen in die Erzählung, deren Sätze tiefer führen als das Auge reicht.


- nie trwał długo i przemknął po mnie tylko jak cień ptaka w locie.

Dienstag, 22. September 2009

Ambros Adelwarth

Το βλέμμα του Σελυσσέα



Ja sam właściwie mego wujecznego dziadka Adelwartha nie pamiętam.

Erzählt wird von Ambros Adelwarth, einem Großonkel des Selysses, mithin eine Geschichte, so möchte man mutmaßen, wenn schon nicht erster Blicke, so doch erinnerter erster Blicke aus der Kindheit. Doch diese Erwartung wird umgehend aufgehoben. Gesehen habe ich ihn, soweit sich das jetzt noch mit Sicherheit sagen läßt, nur ein einziges Mal, bei einem an die sechzig Personen umfassenden Familienfest. Selbstverständlich ist er mir in dem allgemeinen Trubel kaum aufgefallen. Die folgende Selyssee ist also die Suche nach einem Unbekannten und kaum Gesehenen. Ein Motiv für die lange Suche wird nicht genannt.

Der Familienverband, der sich trifft auf dem Fest, besteht nicht aus denselben Personen, aber doch aus den gleichen Leuten vom gleichen Allgäuer Stamm, wie die Paul Bereyter in der tiefsten Seele zuwideren Einwohner, die er, offenbar im Einverständnis mit dem Dichter, am liebsten zerstört und zermahlen gesehen hätte. Hier ist dieser Menschenschlag so liebevoll dargestellt, wie es liebevoller nicht geht, man nehme nur die Tante Theres, die drei Wochen nach ihrer jeweiligen Ankunft in der Heimat noch aus Wiedersehenfreude weinte, und bereits drei Wochen vor der Abreise wieder vor Trennungsschmerz. Nur wenn sie länger als sechs Wochen bleiben konnte, gab es für sie in der Mitte ihres Aufenthalts eine gewisse, meist mit Handarbeiten ausgefüllte Beruhigung. Bereits in den Schwindel.Gefühlen hatte Sebald die Mitglieder der Seelosfamilie in der Ortschaft W. mit einer ähnlichen, an die niederländische Malerei erinnernden Liebe gezeichnet. Wie der Alltagsmensch Sebald mit diesem Widerspruch umgegangen ist, wissen wir nicht, dem Dichter bereitet er offensichtlich keine Schwierigkeiten.

Der Blick auf Ambros Adelwarth wird über eine lange Strecke der Erzählung ein Blick durch die Augen der Verwandten sein, durch die Augen der Tante Fini und des Onkels Kasimir, die Selysses, die Selysses 1981 in der retirement community in Lakehurst nahe New York aufsucht. Da Ambros Adelwarth um diese Zeit längst tot ist, sind es durchweg erinnernde Blicke und kaum solche, die auf reale Blicke in einer vergangenen Gegenwart zurückgehen, viel aus zweiter Hand, Hörensagen, Annahmen. Der aktuelle Blick muß sich begnügen mit mehreren Photoalben, über die sich Tante Fini und Selysses gemeinsam beugen, an Postkarten und an einem Ölgemälde, das wiederum nur noch als Photospur auf einem Lichtbild vorhanden ist. Ihre Augen benötigt die Tante Fini denn auch kaum: Die Tante schaltete die kleine Leselampe an, behielt aber die Augen weiter geschlossen. Ein erheblicher Teil ihres Berichtes gilt dem Cosmos Solomon, der seinen Lebensunterhalt mit geschlossenen Augen verdient: In einer Art Selbstversenkung versuchte, die inmitten einer sonst undurchdringlichen Nebelhaftigkeit jeweils nur für den Bruchteil eines Augenblicks auftauchende richtige Ziffer zu erkennen. Mit halbgeschlossenen Augen setzte er Mal für Mal auf das richtige Feld. Und es sind nicht nur die Roulettzahlen, die der Cosmo mit geschlossenen oder halbgeschlossenen Augen erblickt: Er habe sich mit der Hand immer wieder vor den Kopf geschlagen und behauptet, in seinem Kopf wahrzunehmen, was in Europa vor sich ging, das Brennen, das Sterben und das Verwesen unter der Sonne auf dem offenen Feld. Schließlich versinkt Cosmo, der Flieger, dem Ambros Adelwarth halb als Diener und halb als Gefährte und Freund über lange Jahre durch die Welt gefolgt war, im Irrsinn seiner inneren Gesichte.

Wenn die Tante aber ihre Augen einsetzen will, dann versagen sie den Dienst: Meiner schwachen Augen wegen habe ich bis auf einzelne Wörter nichts Rechtes herausbringen können. So kommt immer eine zum anderen, lautet Tante Finis Zwischenresümee, eine epische Grundformel, der sich der Erzähler sicher nicht verschlossen hat, denn schließlich kann nur auf dieser Grundlage zur Erfüllung seiner dichterischen Berufung ein Wort das andere geben. Was die Tante nicht gesehen aber vom Ambros Adelwarth gehört hat und wiedergibt, wird von ihr selbst unter den Wahrheitsvorbehalt gestellt: Manche seiner Erlebnisberichte dünkten mich dermaßen unwahrscheinlich, daß ich glaubte, er leide an dem Korsakowschen Syndrom, bei dem der Erinnerungsverlust durch phantastische Erfindungen ausgeglichen wird.

Der Onkel Kasimir resümiert: Je älter der Adelwarth-Onkel geworden ist, desto hohler ist er mit vorgekommen, es war, als werde er bloß noch von seinen Kleidern zusammengehalten; er bestand nurmehr aus Korrektheit, wie die Tante an späterer Stelle ergänzt – bei Paul Bereyter hatte es in Beschreibung eines ähnlichen Sachverhaltes geheißen, er sei von seiner inneren Einsamkeit nahezu aufgefressenen. Was die Erzählung sucht und was wir lesend suchen, ist in gewissem Sinne gar nicht mehr vorhanden. Zweifellos nähern wir uns lesend den Protagonisten an, gleichzeitig aber entfernen sie sich von uns, und besonders in der Adelwartherzählung kann sich der Eindruck einstellen, daß der Titelheld der schnellere ist in seiner Fluchtbewegung. Ist das nicht auch ein Bild unseres Lebens als Odyssee der Suche nach uns selbst, wir glauben uns immer näher zu kommen und werden uns doch immer fremder, bis wir uns dann ganz aus den Augen verlieren, so wie sich die Spur des Adelwarth, wie zuvor schon die des Cosmo, in der Nervenheil- und Geisteszerstöranstalt Ithaca verliert.

1984, also drei Jahre nach dem Ersten Besuch, bricht Selysses erneut auf in die USA , diesmal, um in Ithaca nach den letzten Spuren des Ambros zu suchen. So als sei die dreijährige Unterbrechung und Abwendung vom Ambros Adelwarth noch nicht genug, eröffnet der Erzählstrang über Seiten mit einem ersten Blick, aber natürlich nicht auf Ambros Adelwarth, sondern auf New York State, zeitlupenartige Überholvorgänge auf den Highways, Begegnungen, nach der Art des Selysses mit Empfangsdamen und Hausdienern. In der inzwischen verfallenen Geisteszerstöranstalt Ithaca trifft Selysses auf den unmittelbar von Ambros Adelwarth zur Auswanderung aus dem Leben angeregten Dr. Abramsky, ein Eremit und seltsamer Heiliger vom Schlage des Dr. Selwyn und des Major Wyndham Le Strange, aber soweit noch recht guten Mutes. Vom ihm erfährt Selysses nicht wenig über die Lebens- und Sterbeumstände des Adelwarth, nichts aber, das in dessen Inneres führen würde, aber ein Inneres war nach Einschätzung der Fini und des Kasimir auch schon längst nicht mehr vorhanden.

Die nächste Inkubationsphase, während der sich Selysses nicht erkennbar mit dem Onkel Adelwarth beschäftigt, kein Auge auf ihn wirft, beträgt sieben Jahre. 1991 besucht Selysses Deauville, das ehemalige mondäne Seebad, in dem Cosmo Solomon in der Begleitung von Ambros Adelwarth einen nicht geringen Anteil seiner verzweifelten Spieler- und Lebemannexistenz verbracht hat. Der erste Blick stößt aber nicht auf den Glanz, sondern nurmehr auf den schalen Abglanz der Belle Epoque, in die, in grotesker Übersteigerung und Verdrehung, Selysses sich in einem Traum zurückversetzt. Die Groteske dauert auch noch nach dem Erwachen an, denn ein realer Blick fällt auf die auf das geschmackloseste zusammengerichtete und auf das entsetzlichste geschminkte Person mit einem hoppelnden weißen Angorakaninchen an der Leine und einem giftgrün livrierten Clubman, der immer, wenn das Kaninchen nicht mehr weiterwollte, sich hinunterbeugte zu ihm, um es ein wenig zu füttern von dem riesigen Blumenkohl, den er in der linken Armbeuge hielt.

Vor mir auf dem Schreibtisch liegt das Agendabüchlein des Ambros – Selysses ist endlich für einen Augenblick in der zeitlich nicht näher bestimmten Gegenwart angekommen, um sie aber umgehend wieder zu verlassen zugunsten der kommentarlosen Wiedergabe der in dem Büchlein geschilderten Ereignisse aus dem Jahre 1913.

Die erzählte Erzählzeit reicht von 1981 bis in die neunziger Jahre, die insgesamt erzählte Zeit reicht bis in das neunzehnte Jahrhundert zurück. Der größere Teil der Erzählzeit bleibt unerzählt. Man darf sich sicher auch nicht vorstellen, Selysses sei die gut zehn Jahre vorwiegend mit Adelwarth beschäftigt gewesen. Nicht nur, daß so gut wie kein direkter Blick auf den Protagonisten fällt, auch jede Fixierung auf ihn als Thema wird vermieden. Wer sehen will, sollte die Augen schließen, das meiste in reine Inkubation. Unerzählt, und das Fazit über Ambros Adelwarth bleibt alles in allem die Leere, und doch lebt er in den Sätzen und Absätzen.

Welche Erzählung Sebalds auch immer man gerade liest, es scheint die schönste zu sein. Tritt man aber zurück und entscheidet sich dann für Ambros Adelwarth, sollte niemand widersprechen. Wenn Sebalds Erste Welt die der wittgensteinesken Asketen ist, so ist die proustianische Gegenwelt, das Leben der Ricchissimi, nirgends so üppig vertreten wir hier; hinzu kommen die Gerüche und Farben des Orients. Dabei geht es naturgemäß nicht um ruhigen Nießbrauch der Güter. Beim Major Wyndham Le Strange ist es, wie zuvor schon bei verschiedenen Figuren Thomas Bernhards, das Ausschlagen und die Mißachtung des Reichtums, das Leben des Cosmo Solomon scheint zu erheblichem Anteil der Kapitalvernichtung gewidmet, und am Ende gelingt es ihm, dem seltsamen Messias, zwar nicht die Güter loszuwerden, aber doch als Ärmster der Armen im seinem Inneren elend zu krepieren und dem Ambros Adelwarth, der gewissermaßen ohne sein eigenes Zutun aus dem Kreis der schlichten Allgäuer, der Finis, Kasimirs, Theos, Flossies und Theresen, in diese Welt geraten war, in einer Art Witwenverbrennung ein ähnliches Schicksal aufzuerlegen.

.. z wielkiej wysokości, z jednej z owych wież, które giną w niebiosach.

Montag, 21. September 2009

Max Aurach

Το βλέμμα του Σελυσσέα

Aż do dwudziestego roku życia nie oddalałęm się bardziej od domu niż o jakieś pięć, sześć godzin jazdy pociągiem

Zu Beginn der Erzählung Max Aurach ist Selysses mit sich beschäftigt, hat sich selbst im Blick. Erzählt wird von seiner ersten, seiner Urreise. Welche Schwindelgefühle ihn auf seinen späteren Reisen, auch im weiteren Verlauf dieser Erzählung, auch ankommen mochten, er hatte einen festen Ort im Rücken, zu dem er heimkehren würde. Hier ist er auf seiner Auswanderungsreise, ein Zurück wird es nicht geben. Nachdem das falsche Gefühl der Zuversicht sich gelegt hat, empfindet er ein unbegreifliches Gefühl der Unverbundenheit und sehr leicht hätte er sich aus dem Leben entfernen können. Die erste seiner zahlreichen Wirtinnen, Gracie Irlam, nimmt ihn auf, aber mehr als sie selbst ist es der ihm aufs Zimmer gebrachte Teeapparat gewesen, der ihn durch das nächtliche Leuchten seines Zifferblattes, sein leises Sprudeln am Morgen und sein bloßes Dastehen untertags am Leben festhalten ließ. Die Stimmung der Pension Arosa mit den travelling gentlemen that come and go und den bunten Damen, the travelling gentlemen’s companions ist, verdeckt durch die so ganz anders verlaufende Prosa Sebalds und doch kaum übersehbar, die eines Kafkaschen Gasthofs. Im weiteren Verlauf scheint Gracie Irlam eine Verwandlungskarriere ähnlich der der Rachel bei Proust zu durchlaufen, wenn auch bei weitem weniger hochfahrend, wir treffen sie wieder als das Malermodell G.I. on her Blue Candlewick Cover und als die Flügelhornistin Gracie Irlam.

Wenn der Betrieb unter der Woche das Leben noch auf irgendeine Weise mit sich trägt, so wurde Selysses in dem an den Sonntagen vollkommen verlassenen Hotel von einem solch überwältigenden Gefühl der Ziel- und Zwecklosigkeit erfaßt, daß er, um wenigstens die Illusion einer gewissen Ausrichtung zu haben sich auf den Weg in die Stadt Manchester machte. Schon bei ersten Einfahrt nach Manchester vom Flughafen her war die Stadt so gut wie menschenleer gewesen, auf den sonntäglichen Spaziergängen wirkt sie wie von sich selbst geräumt. Unter dem Blick des Selysses gewinnt Manchester durchaus die Atmosphäre von dunkel futuristischen Endzeitfilmen. Inmitten der Ödnis von Angel Fields bin ich auf einen kleinen Knaben gestoßen, der in einem Wägelchen eine aus ausgestopften alten Sachen gemachte Gestalt bei sich hatte und der mich, also wohl den einzigen Menschen, der damals in dieser Umgebung unterwegs gewesen ist, um einen Penny bat für seinen stummen Gesellen. Im verlassenste Eck der Geisterstadt – so unbegreiflich still war es, daß ich die Seufzer hörte in den leeren Lagertennen und Speicher – findet er den offenbar einzigen Bewohner, den Maler Aurach, der dort seit Ende der vierziger Jahre arbeitete, Tag für Tag zehn Stunden, den siebten Tag nicht ausgenommen; der Maler, dem der Staub viel näher ist als das Licht, die Luft und das Wasser.

Die Frage nach der Besonderheit des Menschen vor aller Kreatur beantworten viele mit dem göttlichen Schöpfungsverlauf, andere mit der Vernunft, wieder andere mit der Sprache. Eine andere ins Feld zu führende, die anderen angeführten Ansätze möglicherweise übergreifende Fähigkeit wäre die, von sich absehen zu können, zurückzutreten auch von der Welt für einen besseren Blick auf sie, auf sich selbst und vor allem auf die anderen. In der Liebe, in der Kunst und in der Erkenntnis wird dieses Vermögen zum Glück und Stolz des Menschen. Da aber nichts ohne Kehrseite ist, wird das Vermögen dem Menschen auch zur Last, denn er kann nicht länger in Ruhe bei sich und einer ebenfalls auf sich beruhenden Welt bleiben.

Verschiedene Erzählungen Sebalds beginnen damit, daß ein mit sich allein gelassener Selysses sich in Schwindel- und noch ärgere Gefühle verliert. Die Welt geht ihm verloren, und sie und sich findet er erst wieder, wenn er seinen Blick auf einen anderen Menschen eingestellt hat, dessen Leben verfolgt und uns von ihm erzählt. Hier ist es der Maler Aurach, dessen Name wie ein leicht verunglücktes Anagramm auf das alte Manchester der rauchenden Schlote wirkt, das er Selysses vor Augen hält, und dessen Rauch fortlebt im Staub seines Ateliers. Selysses folgt Aurach zum Isenheimer Altar und zu Grünewald, diesem seltsamen Mann, dessen Weltsicht sich in den verrenkten Gliedern und den Farben ausbreitet wie eine Krankheit; Selysses sieht ab von sich, indem er auf Aurach schaut, der schaut auf Grünewald und trifft sich dort mit Selysses. Selysses trifft mit Aurach ferner den Butterflyman und lernt Aurachs gesichtsloses Porträt Man mit a Butterfly Net kennen. Er träumt Aurachs Traum und weiß angesichts des gnomenhaften Jerusalemer Tempelchens zum ersten Mal in seinem Leben, wie ein wahres Kunstwerk aussieht. – Wie immer die Hochschätzung des Tempelmodells im einzelnen zu deuten sein mag, in jedem Fall ist es eine Rückwendung von Manchester, dem Neuen Jerusalem der gigantomanen Industrialisierung, über den Jerusalemer Tempel hinaus zu dessen Miniaturabbild.

Die Lange Erzählung Ambros Adelwarth schließt mit dem Blick auf Jerusalem, hier ist eine in sich geschlossene kurze Erzählung zum Ende gekommen, aber noch keine lange. Die vier Langen Erzählungen in den Ausgewanderten definieren sich offenbar weniger durch ihre absolute Länge als durch den Umstand, daß der Erzählfaden abermals und wiederholt aufgenommen wird, so daß wir zwei kurze Lange, Selwyn und Bereyter, und zwei lange Lange Erzählungen, Adelwarth und Aurach, zählen. In Max Aurach wird der Erzählfaden noch dreimal neu aufgenommen, für Aurachs Lebensgeschichte als in Deutschland aufgewachsener und dann nach England ausgewanderter Jude, für das Tagebuch seiner Mutter und für die Spurensuche des Selysses.

Nach Ende dieser kurzen Erzählung verliert Selysses Aurach aus den Augen, Jahre werden übersprungen, in denen auch kein Blick zurück auf Selysses geworfen wird. Selysses trifft Aurach - inzwischen ein arrivierter Maler, ohne daß das an seinen Tagesabläufen irgend etwas geändert hätte - wieder in einem ihm gewidmeten Artikel einer Zeitschrift und studiert auf einer dem Text beigegeben das dunkle, ins Abseits blickende Auge des Malers. Der Zeitschrift entnimmt er auch erste Daten zu Aurachs Leben, denn seinerzeit hatten sie aufgrund unbegreiflicher Hemmungen und Scheu vermieden, das Gespräch auf die Herkunft Aurachs zu bringen. Drei Tage haben die beiden dann geredet und sich berichtet über ihr Leben, wobei die Erzählung ausschließlich den Aurach betreffenden Auskünften folgt.

Alle vier langen Erzählungen münden in eine Finale, das die Vernunft aus ihrer Bahn wirft, und schließen auf der Note eines schönen irrlichtenden Bedeutungsübermuts; in die zu den einzelnen Erzählungen hinleitende kurze Präsentation der Ausgewanderten wurden die vier abschließenden wilden Sätze oder Satzfragmente aufgenommen.

Das Tagebuch des Ambros Adelwarth in der gleichnamigen langen Erzählung, erfüllt von den Farben, Klängen und Parfums des Orients hat das entsprechende surreale Potential, so daß es am Ende der langen Erzählung stehen kann. Das Tagebuch der Luisa Lanzberg, bei dem es sich um den vom Dichter nur wenig retouchierte realen Bericht der Thea G. handelt, besticht dagegen durch seine schlichte Unmittelbarkeit und kann nicht zum Finale der Erzählung führen. Die Erzählung schließt daher mit der Spurensuche und ersten Blicken des Selysses.

Wie in der Erzählung Ambros Adelwarth beginnt die Erkundigung mit einer Reihe unmittelbar von Selysses wahrgenommener Reisebilder. Während die Amerikareisen in der Adelwartherzählung eher angenehme Eindrücke hervorrief, etwa die der Negerfamilie im Nachbarauto auf der Autobahn, wird die Reise nach Kissingen in Deutschland zu einer Schreckensreise ans Ende der Welt. Da ist zunächst der schwer vor sich hin schnaufende Mitreisende, der in einem fort seine unförmige Zunge herumwälzte, auf der sich noch Essensreste befanden, in seinem halboffenen Mund. Die Beine gespreizt saß er da, Bauch und Unterleib auf eine grauenerregende Weise eingezwängt in eine kurze Sommerhose. Dann die alte Frau, die mit ihrem Federmesser, das sie stets aufgeklappt in der Hand behielt, Schnitz um Schnitz ihren Apfel zerteilte, die abgeschnittenen Stücke zerkiefelte und die Schale in ein Papiertuch spuckte, das sie auf dem Schoß liegen hatte. In Kissingen dann die Empfangsdame, die etwas von einer Oberin an sich hatte, und Selysses maß mit ihren Blicken, als befürchte sie von ihm einen Hausfriedensbruch, schließlich das gespenstische alte Ehepaar, das ihn mit einem Ausdruck unverhohlener Feindseligkeit, wo nicht gar des Entsetzens anstarrte.

Gemessen an den Ergebnissen der Adelwarth betreffenden Amerikareisen bleibt die Fahrt nach Kissingen seltsam unergiebig. Meine Erkundungen hatten zwar vieles zur allgemeinen Geschichte der Kissinger Judenschaft eingebracht, zur besonderen Geschichte der Familie Lanzberg hingegen sehr wenig. Zum Ausgleich hat Selysses dann noch die angenehme Begegnung mit der philosophisch bewanderten Saaleschifferin türkischer Herkunft, eine orientalische Wasserfahrt en miniature also. Sie steuert ihn zur Saline, und er verbringt den ganzen Nachmittag mit dem nach außen gerichteten Blick auf das Wasserschauspiel und dem nach innen gerichteten Blick und dem Nachdenken über die langwierigen und unergründlichen Vorgänge, die beim Höhergradieren der Salzlösung die seltsamen Versteinerungs- und Kristallisierungsformen hervorbringen, Nachahmungen und gewissermaßen Aufhebungen der Natur. – In den Schwindel.Gefühlen hatte Stendhal im langwierigen Prozeß der Kristallisation eine Allegorie für das Wachstum der Liebe in den Salzbergwerken unserer Seelen gesehen.

Die surreale Ebene wird gewonnen, als Selysses das heruntergekommene Midland Hotel in Manchester bezieht - ein Pendant zum Besuch in Deauville in der Adelwartherzählung -, wo er den aus dem Leben strebenden Aurach ein letztes Mal besucht. Manchester verwandelt sich in einem Tagtraum in das seinerzeit polski Manczester genannte Lodsch. Die im Köfferchen eines Wiener Antiquars zum Vorschein gekommenen Bilder – Photographien, wie sie in fast allen Erzählungen den Blick des Selysses unwiderstehlich anziehen - des Buchhalters und Finanzfachmanns Genewein aus dem Ghetto Litzmannstadt zeigen unter grauem, wassergrünem oder weißblauen Himmel eine eigenartige Leere, kaum einmal ist jemand zu sehen, obwohl in Litzmannstadt zeitweise bis zu hundertsiebzigtausend Menschen auf einer Fläche von nicht mehr als fünf Quadratkilometern lebten. In den manufakturmäßig aufgebauten Produktionsstätten dagegen überall Gesichter, ungezählte Gesichter, die eigens und einzig für den Sekundenbruchteil des Photographierens aufgeschaut haben und aufgeschaut haben dürfen von ihrer Arbeit.

Die christlichen Heiligen erleben wir bei Grünewald als die Ungeheuerlichkeit des Leidens, das, ausgehend von den vorgeführten Gestalten, die ganze Natur überzog, um aus den erloschenen Landschaften wieder zurückzufluten in die menschlichen Todesfiguren, das jüdische Heiligtum, der Tempel, erscheint in gnomenhafter Verminderung, der islamische Orient hat sein schwaches Leuchten in der türkischen Flußschifferin, am Ende siegen die heidnischen Heiligen, es wird kein Jüngstes Gericht des Höchsten geben, die Geschundenen des Ghettos werden den Faden zertrennen: Die mittlere der drei jungen Frauen hat hellblondes Haar und gleicht irgendwie einer Braut. Die Weberin zu ihrer Linken hält den Kopf ein wenig seitwärts geneigt, während die auf der rechten Seite so unverwandt und unerbittlich mich ansieht, daß ich es nicht lange auszuhalten vermag. Ich überlege, wie die drei wohl geheißen haben – Roza, Lusia und Lea oder Nona, Decuma und Morta, die Töchter der Nacht, mit Spindel und Faden und Schere.

Die Erzählung schließt mit dem Wort Schere, offenbar das Schneidegerät, das im letzten Wort der Schwindel.Gefühle: 2013 - bereits den Faden der Welt abgeschnitten hatte.

Roza, Lusia i Lea czy Nona, Decuma i Morta, córki Nocy, z kądzielą, nicią i nożycami.

Sonntag, 13. September 2009

Sebaldos

Eine Dialogreihe

Zwei Sebaldianer tauschen ihre Eindrücke und Gedanken aus. Bisweilen gesellt sich ein Dritter hinzu.












Σεβαλδος: Schwindel.Gefühle
Ein Dialog

Σεβαλδος: Paul Bereyter
Ein Dialog

Σεβαλδος: Ambros Adelwarth
Ein Dialog


Σεβαλδος: Max Aurach
Ein Dialog

Σεβαλδος: Luftkrieg
Ein Dialog

Σεβαλδος: Nabokow
Ein Dialog

Σεβαλδος: Die Ringe des Saturn
Ein Dialog

Σεβαλδος: Austerlitz
Ein Dialog

Σεβαλδος: Moments musicaux
Ein Trilog

Σεβαλδος: Korsika

Ein Dialog


Samstag, 12. September 2009

Sebaldos: Schwindel.Gefühle

Ein Dialog

Χριστιανος
Angeregt durch Deine Schriften, Περεκράτης, habe ich mich entschlossen, das Werk des Σεβαλδος zur Gänze ein weiteres Mal zu lesen. Die Bände Nach der Natur und Schwindel.Gefühle konnte ich nun schon schließen, nicht ohne ein Glücksgefühl.

Περεκράτης
Das freut mich für beide Seiten, Χριστιανος, denn so wie der Σεβαλδος jeden guten Leser verdient, verdient auch jeder gute Leser den Σεβαλδος.

Χριστιανος
Ich habe die Schwindel.Gefühle jetzt zum dritten Mal gelesen und fühle mich vom Autor gut behandelt, würde ihn sicherlich auch mögen, wenn ich ihm begegnen könnte.

Περεκράτης
Über den Σεβαλδος wissen wir nicht viel, jedes Buch ist natürlich das Werk eines Autors, eines Menschen, aber vom Menschen als Autor können wir nicht ohne weiteres auf den Menschen im Leben schließen, denke ich.


Χριστιανος
In Nach der Natur lese ich, daß die Natur kein Gleichgewicht kennt, sondern blind ein wüstes Experiment macht ums andere und wie ein unsinniger Bastler schon ausschlachtet, was ihr gerade erst gelang Aber es ist ja auch eine Erlösung in der Nähe – die Kranken des Isenheimer Stifts werden in die Nähe der grausamen Bilder gebracht, um heil zu werden. Das ist ein christliches Motiv.

Ich selbst teile heimlich die Autoren nach dem Kriterium auf, ob sie den Glauben des Updeikos an den grundsätzlich guten Urgrund der Welt teilen oder nicht. This world is not a horror-show, hat Updeikos als junger Mann, sich selbst tröstend, ins Tagebuch geschrieben und daraus gefolgert: Therefore God exists. Natürlich würde Σεβαλδος dies nie schreiben. Er läßt sein Schwindel.Gefühle in einem apokalyptischen Großfeuer enden, dessen Beschreibung er dem Tagebuch Samuel Pepys entnimmt. Es handelt sich um das Great Fire of London aus dem Jahr 1666, aber Σεβαλδος läßt die Worte Pepys so in die Schilderung einer 1987 stattfindenden Zugfahrt aus London heraus einfließen, daß man am Ende nicht mehr recht weiß, ob sich hier nicht Vergangenheit und Gegenwart mischen, möglicherweise sogar unter Einbeziehung der Zukunft, denn ganz am Ende steht rätselhaft die Jahreszahl 2013 unter dem Kapitel.

Περεκράτης
Ob der Updeikos sein Lebtag an seiner frühen Setzung unverrückt und unverzagt festgehalten hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Was den Σεβαλδος / Σελυσσες anbelangt, so teilt er auf der Fahrt nach Mailand das Zugabteil mit einer Franziskanerin, die in ihrem Brevier, sowie mit einem jungen Mädchen, das in einem Photoroman liest. Σελυσσες zieht daraufhin seinerseits den Beredten Italiener hervor, ein im Jahre 1878 in Bern erschienenes Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache. In diesem Büchlein ist alles auf das beste geordnet gewesen, so als setze die Welt sich tatsächlich bloß aus Wörtern zusammen, als wäre dadurch auch das Entsetzliche in Sicherheit gebracht, als gäbe es zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge ein Stück Wahrheit. Σεβαλδος schaut, so muß man annehmen, mit Rührung und Sehnsucht auf die in dem Büchlein bewahrte, längst verflossene schlichte Welt und macht sich sogleich an die Arbeit, das schon vergessene Versprechen zu erneuern, an die Stelle des beredten Italieners den äußerst beredten, durch seine Italienreisen geschulten Alemannen Σελυσσες zu stellen, der die Welt in seinen perfekt ausbalancierten Sätzen in der Waage hält. Das könnte ihm nicht gelingen ohne die Hilfe der in der großen christlichen Kunst unzerstörbar für uns aufbewahrten Wahrheiten, wie immer es um die eigene Religiosität des Σεβαλδος bestellt gewesen sein mag.

Χριστιανος
Ganz besonders gefällt mir auch das Netz an Bezügen und Verweisen, das Σεβαλδος spinnt. Ich sah einmal meinem Vetter Χριστόφορος beim Malen zu, und er erklärte mir, daß er die nach meinem Eindruck immer eher zufällig auf der von Farben überquellenden Palette entstehende dicke Farbwurst auf seinem Pinsel oft an drei oder vier unterschiedlichen Stellen des Bildes nacheinander verwendet. Es wächst dann zusammen, sagte er mir.

Περεκράτης
Wobei man bei Σεβαλδος wohl weniger an eine dicke Farbwurst als an feine Fäden denkt. In den Schwindel.Gefühlen heißt es: Ich füllte mit Hingabe meine Schulhefte mit einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen in welches ich das Fräulein Rauch für immer einzuspinnen und zu verstricken hoffte. Der Umstand, daß er bei dem Fräulein Rauch naturgemäß scheitern mußte mit seinem Vorhaben, hat den Σελυσσες nicht weiter entmutigt - so wie ihn auch die Schlichtheit des Beredten Italieners nicht entmutigt hatte - und vielmehr angestachelt, dann eben gleich die ganze Welt und uns alle einzuspinnen und schwindelig zumachen. Σεβαλδος späteres Werk Die Ringe des Saturn ist von vorn bis hinten mit den feinen Fäden des Seidenwurms verwebt.

Χριστιανος
Weil Sebalds Welt beständig von Apokalypsen bedroht ist, sind seine Menschen oft furchtsam und schwermütig. Er müsse „zu den von Haus aus Untröstlichen gerechnet“ werden, wird von dem am Ende freiwillig aus dem Leben scheidenden Dr. Rambousek in Sebalds Heimatdorf berichtet. In diesem Dorf seufzen selbst die Uhren, bevor sie ihr Läuten erklingen lassen, „der Regulator tickte, und immer eh er zu schlagen anhob, ächzte er lange auf, als brächte er es nicht über sich, den Verlust einer weiteren Viertelstunde anzuzeigen“. Auch der untröstliche Franz Kafka erscheint und begleitet über ein Kapitel den Weg Sebalds entlang des Gardasees. Auch hier vermischt sich die Vergangenheit mit der Gegenwart und zwar in einer Weise, daß man beim späteren Nachlesen einzelner Stellen diese erst einmal nicht wiederfindet, weil die Erinnerung sie in einem jeweils anderen Kapitel untergebracht hat.

Auch Kafka ist ja ein klassisch Schwermütiger, aber gerade bei ihm kommen erste Zweifel an der Diagnose einer melancholischen Krankheit auf, die offenbar alle Leute in diesem Buch ergriffen hat. Kafka lacht nämlich auf dem Foto, das in ihm Buch zeigt, und dieses nach meinem Eindruck verräterische Lachen überträgt sich später auf einige der derb-bukolischen Figuren, die da zunächst scheinbar trübsinnig und kaum einer vernünftigen Regung fähig im Wirtshaus von Sebalds Dorf sitzen. Immerhin werden sie von zwei ausgesprochen witzigen, beständig auf Achse befindlichen Motorradfahrern auf das Sorgfältigste betreut – den von außen nicht zu unterscheidenden Herren Dr. Piazolo und Wurmser, Arzt der eine, Pfarrer der andere. Bei Ihnen sehen sich selbst die Rucksäcke so ähnlich, daß eine lustige Vertauschung möglich ist und der Arzt sich mit dem Besteck für die letzte Ölung auf dem Weg macht und der Priester mit dem Arztkoffer. Dies ist also kein Land, in dem es keinen Witz und keine Freude gibt. Selbst der ewig stumme Jäger Hans Schlag bekommt am Ende die Gelegenheit, sich mit der schönen Kellnerin Ramona zu vereinigen, und wie die beiden es unter freiem Himmel und bei knirschender Kälte hinter dem Wirtshaus treiben – der Jagdhund „Waldmann“, am Rucksack des Jägers angebunden, wenige Schritte von den beiden entfernt – das ist ernst und komisch zugleich. Tags drauf hat der Wirt das Mobiliar der eigenen Kneipe zertrümmert, und der Jäger stürzt im verschneiten Wald zu Tode. Da ist die Welt dann wieder in ihrer traurigen Ordnung, allerdings auch nicht ganz, denn der Dr. Piazolo darf sich noch anhören, wie aus des toten Jägers Hose die Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ erklingt, gespielt von dessen Repetieruhr. Über einer Welt, in der solche komödienhaften Situationen möglich sind, steht für mich am Ende schließlich doch noch: „not a horror-show!“ Vielleicht ist es das sogar, was Sebald uns sagen will, wenn alles andere gesagt ist: man kann diese Welt überleben, ja man kann aus ihr sogar unterhaltsame Reiseberichte versenden.

Περεκράτης
Σεβαλδος ist ohne Zweifel ein lächelnder Autor. Wenn es um Stendhal oder Kafka geht, so ist es ein Lächeln der Liebe, das seine Kraft aus deren Schwächen gewinnt und aus dieser Kraft heraus Σεβαλδος/Σελυσσες befähigt, auch über die eigenen Schwächen und das eigene Unglück zu lächeln. Besonders in den Schwindel.Gefühlen finden sich daneben aber auch Elemente des Schwanks nach Art unseres Aριστοφάνης oder auch des Plautus. Du nennst das ärztlich-seelsorgerische Kradfahrergespann, man könnte auch an die Kafkazwillinge im Bus oder an die auf dem Marktplatz in Erwartung Kafkas versammelte Bewohnerschaft Desenzanos denken.

Χριστιανος
Beim Gracchusthema habe ich den Eindruck, daß Sebald sich weitestgehend an die Kafkavorlage hält, die ich übrigens eigenartig kunstlos erzählt finde. Schwieriger wird es mit der Frage nach der Barke bei Stendhal. Ist sie derjenigen Kafkas gleich?

Περεκράτης
Beim Stendhal bin ich auch nicht hinreichend bewandert, um sagen zu können, auf welche Vorlagen Σεβαλδος im einzelnen zurückgegriffen hat. Die karge Art Kafkas fällt naturgemäß im Kontrast zu der durchaus – wenn man gegenüber diesem Begriff keine unangebrachten Vorurteile hat - als manieristisch zu bezeichnenden Schreibweise des Σεβαλδος besonders auf. Ich möchte aber behaupten, wenn von Kafka nur der Tagebucheintrag zur Barke des Gracchus und vielleicht noch die mehr als kurze Erzählung Das nächste Dorf überliefert wäre, wüßten wir doch, daß er ein großer Dichter war, so wie wir vom Ηρακλειτος aufgrund weniger Sätzen wissen, daß er ein großer Philosoph war.

Ich danke Dir von Herzen für dieses Gespräch, Χριστιανος, und will Dich zugleich anspornen, nicht nachzulassen in Deinem Eifer, so daß wir uns schon bald zur Besprechung weiterer Werke des Σεβαλδος wieder hier treffen können.