Mittwoch, 2. November 2011

In Schönheit

Kafkas Sohn

Was will uns der Dichter sagen: die Schulmeisterfrage ist gründlich desavouiert. Das Krächzen eines Raben soll auf ein dräuendes Unheil hinweisen, der Rabe aber ist frei, er krächzt wie er will, und wenn er sich tatsächlich ganz dem Willen des Dichters fügt, und nur noch des Unheils wegen krächzt, so ist er so gut wie tot und ohne Wert. Wenn also das Was der Dichtung notwendig unscharf bleibt, wie ist es dann um das Wie bestellt? Seine wahren Leser sind sich einig über das Wie, einig darin, daß Sebald, als sei er kein Allgäuer, sondern ein Navaho, in seiner Prosa den Weg der Schönheit beschreitet, aber nicht alle können das sehen. Reich-Ranicki findet bei Sebald Diktion und Satzbau des Gelehrten und ansonsten nichts. Sigrid Löffler und Karasek widersprechen heftig, aber der Meister bleibt hart und unbelehrbar. Michael Hofmann kommt in seinem Aufsatz A Chilly Extravagance sogleich auf die der Sebaldgemeinde so sonnenklare Schönheit des Werkes zu sprechen: The beauty so often reflexively attested to I frankly don’t see. Penible negiert er sodann die einzelnen Komponenten des Schönheitskomplexes und konstatiert the complete and startling absence of humor, charm, grace and touch.

Im weiteren stützt M. Hofmann seine Analysen vorwiegend auf Austerlitz. Viele wahre Sebaldleser haben den Zugang zum Werk über dieses Buch gefunden, waren gleich von den ersten Sätzen berührt, haben die graziöse Eleganz der semantischen Bewegung auf den ersten Seiten tief empfunden und waren spätestens beim Waschbären verzauberter als je Alice im Wunderland. Ruth Franklin notiert bei ihrer Besprechung der Eingangspassage von Austerlitz Symbole so potent that they stop just this side of parody. Damit stößt sie womöglich von der andren Wandseite her auf den Befund, daß über Sebalds Sätzen ein leichtes, ständig changierendes Lächeln liegt, oft rückbezogen selbstironisch, immer wieder auch sich verstärkend zu einem für jedermann wahrnehmbaren Lachen, so beim Lehrer Hilary, der seinen Unterricht in Rückenlage auf dem Boden liegend gestaltet, beim Prediger in Bala, dessen Gemüt sich nur einmal in der Woche für einen kurzen Augenblick erhellt, nachdem er seine vernichtende Strafpredigt auf die erschütterte Gemeinde hat niedergehen lassen oder, nicht ohne Boshaftigkeit, beim Onkel Evelyn Fitzgerald, der das in hartem Geiz Ersparte der Kongomission überweist zur Errettung der nach seiner Einschätzung im Unglauben schmachtenden schwarzen Seelen. Das Lächeln erstirbt freilich auf den Lippen in den Folterkellern der Festung Breendonk, beim Abtransport Agátas aus Prag, bei der Inszenierung des Stückes Der Führer schenkt den Juden eine Stadt im Konzentrationslager Theresienstadt.

M. Hofmann moniert die im Kafka-Ton gehaltene Schilderung des Brüsseler Justizpalastes und läßt als mögliche Erklärung auch Kunstfälschung per Plagiat aufgrund erlahmender eigener Gestaltungskraft gelten. In einem Interview hat Sebald verdeutlicht, daß seine Reisen und Wanderungen immer Reisen zurück in seine künstlerische und kulturelle Erlebniswelt sind, die geographische Ortsveränderung folgt dem nur. Going to Rio de Janeiro or to Sidney is something I find entirely alien. Der Maler Aurach verläßt Manchester nur ein einziges Mal, um in Colmar den Isenheimer Altar Grünewalds zu sehen. Selysses, der sebaldnahe Erzähler im Werk, reist zu Stendhal, Chateaubriand, Giotto, Pisanello, Conrad und vielen anderen mehr. Er reist immer wieder zu Kafka.

Womöglich hat M. Hofmann die Schwindel.Gefühle, ein Buch nicht über aber mit Kafka nicht gelesen, ansonsten müßte ihm bei auch nur geringer Einsicht in Sebalds Arbeitsweise klar sein, daß in einem Buch, dessen Geschehen in Kafkas Stadt Prag beginnt und das für lange Strecken nach Prag zurückkehrt, Kafka in der einen oder anderen Weise vertreten sein muß. Kafka ist Pate bei der Vergabe des Namens an den Titelhelden, er gestaltet die Abfahrt des kleinen Jacques Austerlitz vom Prager Bahnhof, die Schlafenden im nächtlichen London, das Austerlitz durchwandert, sind Kafkas Schlafende. Sofern Agáta das makabre Stück Der Führer schenkt den Juden eine Stadt im Jahre 1944 noch erlebt, überlebt sie es nur knapp. Im selben Jahr 1944 werden Milena Jesenká in Ravensbrück und Julie Wohryzek in Auschwitz ums Leben gebracht, es ist nicht vorstellbar, Sebald habe das nicht vor Augen gehabt. Austerlitz ist nicht nur der Sohn Agátas und Maximilians, nicht nur der Ziehsohn des Predigerpaares in Bala, er ist der immer ersehnte und unmögliche Sohn Kafkas, der sich die Gründung einer Familie immer als den einzig möglichen Zugang zum bürgerlichen Leben hat vorstellen können, die Umkehrung des so schmerzhaften Sohn-Vater-Verhältnisses in ein Vater-Sohn-Verhältnis als die mögliche, ihm aber gänzlich unmögliche Befreiung. – Das ist kaum eine Interpretation im Sinne dessen, was der Dichter uns sagen will, aber auch keine, die er uns ausdrücklich untersagt; und wenn, müßten wir ihm folgen? Eine schwierige Frage.
Was nun den Brüsseler Justizpalast anbelangt, so ist nicht sicher, ob M. Hofmann bis zum Schluß vorgedrungen ist, wo sich alles in die skurrile Heiterkeit kleinbürgerlicher Betriebsamkeit und Geschäftstüchtigkeit auflöst: In dem Justizpalast hätten, aufgrund seiner tatsächlichen Vorstellungskraft übersteigenden Verwinkelung immer wieder in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank sich einrichten können, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein. In einer ähnlichen Volte hatte Sebald Kafkas Jäger Gracchus und Schlag, nach ihrer Unierung, mit einem Dackel namens Waldmann und einer zum Abspielen des Liedes Üb immer Treu und Redlichkeit befähigten Repetieruhruhr ausgestattet. Sebald heitert Kafka auf und lädt ihn ein an die Seite von Hebel und Keller, dabei keinen Augenblick vergessend, wie sehr diese ihrerseits mit Kafka unternäht sind. Das Feuerchen, das der Onkel Evelyn bei großer Kälte unterhält und das von fast gar nicht brennt, ist kein anderes als das der Mutter im Grünen Heinrich, versetzt aus der Welt bitterer Armut in die erbärmlichen Geizes, und die Massakrierung der zu den schmachtenden Seelen gehörenden schwarzen Leiber hatte Selysses erlebt, als er Joseph Conrad in das Herz der Finsternis gefolgt war.
Sebald lesen und mit Freude lesen heißt, ständig untergründige Beziehungen dieser Art zu ahnen und zu entdecken. Es heißt nicht, ein vollständiges Inventar zu gewinnen und zu kontrollieren, auch nicht für den Dichter selbst, ein vollständiges Inventar der unterirdischen semantischen Bewegungen gibt es nicht, sonst wären wir wieder beim eingangs verworfenen dressierten Raben. Wer allerdings nur den äußeren Handlungsverlauf von Austerlitz referiert und zum Ergebnis kommt, er sei trite, hat keinen bedeutenden Beitrag geliefert.

Jeder wahre Sebaldleser sollte sich Rechenschaft darüber ablegen, warum er, obwohl er überwiegend von schrecklichen Dingen ließt, sich so wohl fühlt in dieser Erzählwelt, daß er sie gar nicht mehr verlassen will: The momentum created by the piling of image upon image, of figure upon figure, is so powerful that when one reaches the end of the book - I have experienced this with all of Sebald’s books, and others have mentioned it as well – one feels an irresistible compulsion to turn it over and begin again.

Zwei Antworten bieten sich an, nicht alternativ, sondern einander ergänzend. Die erste Antwort ist die Schönheit der Prosa, ihr freundlicher Humor, ihre graziöse Eleganz, der Zauber, mit dem sie uns einnimmt. Auf ungeahnte Weise erfüllt sich die Verheißung des Rheinländischen Hausfreunds wie auch des Beredten Italieners, eines praktischen Hülfsbuch der italienischen Umgangssprache, die Verheißung, es gebe zu jedem Teil ein Gegenteil, zu jedem Bösen ein Gutes, zu jedem Verdruß eine Freude, zu jedem Unglück ein Glück und zu jeder Lüge auch ein Stück Wahrheit. Dabei sind die schlechten Teile bei Sebald ganz in die Inhalte verbannt, die guten zum größeren Teil in die Form, die ihrerseits vom Schlechten ganz frei ist.
Die andere Antwort verweist auf das in unendlichem Maße mitgeführte Treibgut deutbaren Materials, die jede neue Lektüre zu einem neuen Abenteuer werden läßt. Wenn die Welt kein metaphysisches Abenteuer ist, wird alles trivial, urteilt der einsame Denker. Sebald hat mehrfach die Abwendung des Mainstreams der neuzeitlichen Philosophie von der Metaphysik beklagt. Sebalds Helden sind säkulare Heilige. Der Major Wyndham Le Strange verwandelt sich zunächst in den von Federvieh umschwärmten Heiligen Franz und dann in den im Erdloch hausenden Heiligen Hieronymus. Immer wieder versenkt Selysses sich in die Betrachtung der großen religiösen Bildwerke, Giotto, Pisanello, Grünewald, aber auch in die von ungeschickter Hand gemalten Kreuzwegstationen in der Krummenbacher Kapelle. Seine Wanderungen im Südosten Englands werden ihm zur Wallfahrt. Wie Cioran nimmt er wohl eher einen mauvais démiurge an und es gehört zum Wesen des Abenteuers, daß man ihm ein gutes Ende nicht voraussagen kann, aber es ist gut, solange es währt. Sebald, der immer wieder den endgültigen Untergang im Feuer heraufbeschwört, will sich und uns vor dem Ertrinken im banalen Naß bewahren. Immer wieder steuert Sebalds Prosa auf Situationen zu, in denen Schönheit und Sinn explosionsartig aufeinander stoßen, der Sinn verdampft, die Glut der Schönheit überdauert noch für einen Augenblick und gefriert dann vielleicht zu Eis: Sand Sebolt entfacht im Herd eines um Holz geizenden Wagners ein Feuer aus Eiszapfen. Immer ist diese Geschichte von der Verbrennung der gefrorenen Lebenssubstanz für mich von besonderer Bedeutung gewesen, und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die inwendige Vereisung und Verödung am Ende die Voraussetzung ist dafür, daß man, vermittels einer Art schwindelhafter Schaustellerei die Welt glauben machen kann, das arme Herz stünde noch in Flammen. – A spot of beauty so powerful that it stops just this side of death.

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