Sonntag, 4. September 2011

Liest nicht Foster Wallace

Unendlicher Spaß

Mit der amerikanischen Literatur hat Sebald sich weniger beschäftigt, in der Jugend hat er für eine kurze Frist versucht, die Geistes- und Körperhaltung eines Hemingway-Helden an sich auszubilden, ein Simulationsprojekt, das aus verschiedenen Gründen, die man sich denken kann, so schreibt er, von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Ein Hinweis, daß Sebald David Foster Wallace als Autor noch kennengelernt hätte, ist nicht bekannt, dabei wäre wissenswert, wie er sich zu ihm gestellt hätte, vertreten die beiden Autoren doch gegensätzliche, zugleich aber auch auf seltsame Weise verwandte Formen der Erzählliteratur. Foster Wallace’s riesenhaftes Buch Infinite Jest geht über den Leser hinweg wie ein Gletscher, der unendliches Moränenmaterial ebenso langsam wie beharrlich und völlig unausweichlich vor sich herschiebt, Sebalds Held wandert auf schmalen Pfad auf den Spuren Lebender und Toter durch eine ebenso alemannisch aufgeräumte wie rätselhafte Welt. Wallace's einmal finsteres und dann wieder ungezwungenes Lachen ist nicht vergleichbar mit dem stillen Lächeln der Sätze Sebalds.

Beide Autoren kennen keine die Gesamtkonzeption des Buches haltenden herkömmlichen Romanintrigen, wer mit wem gegen wen &c. Wenn bei Wallace die verbale Geröllawine das Durchhalten einer Intrige nicht zuläßt, so hat Sebald nach eigenem Bekunden den haphazard way des Schreibens, jenseits von Plot und Intrige, bei der Beobachtung der Bewegungen seines Hundes in den Feldern Südostenglands erlernt. Der Foster Wallace in der Uferlosigkeit gleichende Gaddis spielt mit zentralen Systemen der amerikanischen Wirklichkeit, Justiz und Geld, bei Wallace selbst stößt man weder auf die Wall Street noch auf das Pentagon, er bewegt sich in Randbereichen, einer Tennisakademie und einem Heim für den Drogenentzug. Randbereiche unserer Wirklichkeit, wenn auch ganz andere, sind das bevorzugte, wenn nicht einzige Milieu auch in Sebalds Büchern.
In einem Aufsatz setzt Foster Wallace sich scharf ab von der vorausgegangenen Generation der US-Literatur, den Great Male Narcissists, er nennt Mailer, Roth und Updike. Ihr und ihrer unzähligen Epigonen Verdienst war nicht zuletzt, die Welt mit der detailverliebten Schilderung abertausender Blow, Hand, Up the Ass und, notgedrungen, Vaginaljobs beschenkt zu haben. Bei Foster Wallace tritt Sexualität in zum Teil drastischer, immer aber beiläufiger Form auf, und von Hal Incadenza, am ehesten ein Alter Ego des Autors, heißt es, lifetime virginity sei sein conscious goal. Wenn das auch nicht ganz ernst zu nehmen ist, so rückt Hal damit doch in die Nähe Sebaldscher Helden, denen Liebesgeschichten, bis auf wenige, beinahe metaphysische Ausnahmen, grundsätzlich absurd vorkommen und jedenfalls nicht geeignet, eine umfänglichere Erzählung zu tragen.

Im Zentrum des Romans vom unendlichen Spaß aber steht the idea of destruction by entertainement. Bei Ratten wird eine Droge getestet, die unbegreifliche und endlose Glücksgefühle hervorruft. Als man den Tieren beibringt, die Euphorie durch einen Hebeldruck zu erneuern, sind sie an nichts anderem mehr interessiert als an dem Hebel, so daß sie nach kurzer Zeit an, von ihnen nicht registriertem, Durst und Hunger krepieren. Für die Menschen soll, nach dem Willen frankokanadischer Separatisten und Terroristen an die Stelle der Droge die Filmrolle Infinite Jest treten mit einem derart unvergleichlichen Unterhaltungswert, daß sie zum gleichen Ende führt, eine gegenüber Sebald, der in seinen Vernichtungsvisionen noch mit dem mit der überkommenen Vorstellung des Feuers arbeitet, durchaus moderne Form der Apokalypse und zugleich eine wahrhaft groteske Verzerrung des Traums vom Ewigen Frieden. Gegen Kant und mit Kleist, Pascal und eben auch Sebald sieht Foster Wallace, daß dem Menschen in dieser Welt nicht zu helfen ist, am allerwenigsten vielleicht durch Frieden. Wollte man die beiden Autoren auf die niederländische Malerei projizieren, so wäre leicht zu entscheiden, wer eher dem wüsten Rubens und wer eher dem feinen Vermeer nahesteht. Von Rubens allerdings heißt es, er sei ein glücklicher Mensch gewesen. Beide, von Vermeer und Rubens kommend, treffen sich bei Bosch.

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