Donnerstag, 16. Dezember 2010

Eine sehr schwere Aufgabe

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Gut zwei Wochen, bis kurz nach Weihnachten, hatte die Krankheit gedauert, und bis zum Dreikönigstag konnte ich kaum etwas anderes zu mir nehmen als löffelweise etwas Brot und Milch. Der Schulbesuch blieb vorerst weiter ausgeschlossen. Im Frühjahr wurde ich dem Fräulein Dymowa, die inzwischen wieder von dem grauenhaften Hauptlehrer Krol, den sie vertreten hatte, im Amt abgelöst worden war, zwei Stunden täglich in die Obhut gegeben. Das Fräulein Dymowa war die Tochter des Forstverwalters, und ich ging also jeden Tag gegen zehn Uhr ins Forstverwalterhaus hinüber und saß bei schlechtem Wetter neben der sanftmütigen Lehramtskandidatin auf der Offenbank, bei schönen Wetter draußen in dem drehbaren Gartenhaus inmitten des Arboretums. Heute hatte sie mir für den nächsten Tag eine Hausaufgabe mitgegeben. Es war eine sehr schwere Aufgabe und ich fürchtete, sie nicht zustande zu bringen. Auch war schon spät abends, viel zu spät hatte ich sie vorgenommen, den langen Nachmittag auf Rückweg vom Forsthaus in den Gassen verspielt, dem Vater, der mit vielleicht hätte helfen können, das Versäumnis verschwiegen und nun schliefen alle und ich saß allein vor meinem Heft. Wer wird mir jetzt helfen? sagte ich leise. Ich, sagte ein fremder Mann und ließ sich rechts von mir an der Schmalseite des Tisches langsam auf einem Sessel nieder, so wie bei meinem Vater, dem Advokaten, die Parteien sich an der Seite seines Schreibtisches niederducken, stützte den Ellbogen auf den Tisch und streckte die Beine weit ins Zimmer. Ich hatte auffahren wollen, aber es war ja der Lehrer Krol; er freilich würde die Aufgabe, auch wenn er sie in diesem Fall nicht selbst gegeben hatte, am besten zu lösen verstehen. Und er nickte in Bestätigung dieser Meinung freundlich oder hochmütig oder ironisch, ich konnte es nicht enträtseln. Aber war es wirklich mein Lehrer? Er war es äußerlich und im Ganzen vollkommen, ging man aber näher auf Einzelheiten ein, wurde es fraglich. An der Lösung der Aufgabe als solcher war mir aber ohnehin nicht gelegen, war sie doch nur ein zu vernachlässigender in einem Netzwerk von Zeilen und Zahlen, in welches ich das Fräulein Dymowa auf immer einzuspinnen und zu verstricken hoffte. Auch war mir damals, als wüchse ich mit großer Geschwindigkeit und als ei es darum durchaus möglich, daß ich im Sommer bereits mit meiner Lehrerin vor den Traualtar würde treten können.

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