Donnerstag, 9. Dezember 2010

Fort von hier

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Zwei Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen gerade eine Bahre an Land, auf der unter einem großen, blumengemusterten, gefransten Seidentuch offenbar ein Mensch lag. Mme G. fühlte sich von dieser Szene derart ungut berührt, daß sie darauf bestand, ohne jeden weiteren Verzug aus Riva abzureisen. Fort von hier, nur fort von hier, rief auch er sogleich mit unangemessener Begeisterung. Du mußt mir nicht sagen, wohin du mich führst. Du führst mich in das Palace Hotel weit oben im Norden. Der Empfangschef erledigt mit der größten Langsamkeit, beinahe so als bewegte er sich in einer dichteren Atmosphäre, ohne ein weiteres Wort die notwendigen Formalitäten, verlangt unsere Visa zu sehen, blättert in den Pässen und in seinem Register herum, macht mit einer kraxligen Schrift einen längeren Eintrag in ein kariertes Schulheft, läßt uns einen Fragebogen ausfüllen, kramt in seiner Schublade nach dem Schlüssel und bringt schließlich durch das Läuten einer Klingel einen krummen Dienstmann herbei, der einen mausgrauen, ihm bis zu den Knien reichenden Nylonkittel trägt und, nicht anders als der Empfangschef des Hauses, geschlagen ist von einer seine Glieder lähmenden krankhaften Müdigkeit. Und nun, wo ist deine Hand, ach ich kann sie im Dunkel nicht ertasten. Du stehst sicher zu meiner Linken, unglücklich über den zu deiner Rechten, also über mich, unglücklich, für mich Gestalt anzunehmen. Hielte ich doch nur schon deine Hand, ich glaube, du würdest mich dann nicht verwerfen. Hörst du mich? Bist du überhaupt im Zimmer? Vielleicht bist du gar nicht hier. Was sollte dich auch hergelockt haben in das Eis und den Nebel des Nordens, wo man Menschen gar nicht vermuten sollte. Du bist nicht hier. Du bist ausgewichen diesen Orten. Ich aber stehe und falle mit der Entscheidung darüber, ob du hier bist oder nicht.

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