Samstag, 13. November 2010

Gesang

Aus dem Schattenreich
Kommentar

Was sich jetzt sauber herausgeputzt als eine sogenannte Stätte gepflegter Gastlichkeit darbot, war seinerzeit ein übel beleumundetes Wirtshaus gewesen, damals eine kleines Gebäude nur, ebenerdig, ringsum war Leere. Die Bauern hockten dort bis tief in die Nacht hinein und tranken, vor allem im Winter, oft bis zur Besinnungslosigkeit in der rauchverhangenen Gaststube, unter deren Decke das verschlungenste Ofenrohr entlanglief, das man je irgendwo gesehen hatte. Eines Abends kam nicht das übliche laute Grölen, sondern ein feiner vielstrophiger Gesang aus dem Wirtshaus, ein Fenster war geöffnet, es war nicht eingehakt und schwankte hin und her. Es kam ein später Gast, schleichend, auf den Fußspitzen, in enganliegendem Kleid, tastete sich vor wie im Finstern und es war doch Mondlicht, horchte am Fenster, schüttelte den Kopf, verstand nicht, wie dieser schöne Gesang aus einer solchen Kneipe kam, schwang sich rücklings auf das Fensterbrett, unvorsichtig wohl, denn er konnte sich nicht oben erhalten und fiel gleich ins Innere, aber nicht tief, denn beim Fenster stand ein Tisch. Die Weingläser flogen zu Boden, zwei Männer, die bei dem Tisch gesessen waren, erhoben sich und warfen kurz entschlossen den neuen Gast, die Füße hatte er ja noch außen, wieder durch das Fenster zurück, er fiel in weiches Gras, stand gleich auf und horchte, aber der Gesang hatte aufgehört.

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