Dienstag, 11. Januar 2011

Tod des Großvaters

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Ich sehe, wie mir der Kinderlehrer im Cheder in einem Dorf in der Nähe von Grodno, den ich zwei Jahre schon besucht hatte, die Hand auf den Scheitel legt. Ich sehe das ausgeräumte Zimmer. Ich sehe mich zuoberst auf dem Wägelchen sitzen, sehe die Kruppe des Pferdes, das weite, braune Land, die Gänse im Morast der Bauernhöfe mit ihren gereckten Hälsen und den Wartesaal des Bahnhofs von Grodno mit seinem freien im Raum stehenden, von einem Gitter umgebenen überheizten Ofen und den um ihm hergelagerten Auswandererfamilien. Ich sehe, Jahre zurück, den Tod des Großvaters, eines Mannes, der eine offene Hand hatte, einige Sprachen kannte, größere Reisen tief nach Rußland gemacht hatte und der einmal Samstag bei einem Wunderrabbi in Jekaterinoslaw zu essen sich weigerte, weil ihm das lange Haar und ein farbiges Halstuch des Sohnes jenes Rabbi die Frömmigkeit des Hauses verdächtig machte. Das Bett war mitten im Zimmer aufgestellt, die Kerzenhalter der Freunde und Verwandten waren ausgeliehen, das Zimmer also voll Licht und Rauch der Kerzen. An vierzig Männer standen den ganzen Tag um sein Bett, um sich an dem Sterben eines frommen Mannes aufzurichten. Er war bis zu seinem Ende bei Bewußtsein und fing im richtigen Augenblick, die Hand auf der Brust, an, die Gebete aufzusagen, die für diese Zeit bestimmt sind. Während seines Leidens und nach seinem Tode weinte die Großmutter, die bei den im Nebenzimmer versammelten Frauen war, unaufhörlich, während des Sterbens aber war sie ganz ruhig, weil es ein Gebot ist, dem Sterbenden den Tod nach Kräften zu erleichtern. Mit seinen eigenen Gebeten ging er hin. Um diesen Tod nach einem so frommen Leben wurde er viel beneidet.

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