Samstag, 8. Januar 2011

Vergangenheit und Zukunft

Aus dem Schattenreich
Kommentar
Kurz nach der Rückkehr des Weltreisenden aus dem Heiligen Land brach der Krieg aus und je weiter er um sich griff und je mehr das Ausmaß der Verwüstungen in unserer abgelegenen Gegend bekannt wurde, desto weniger gelang es ihm, in unserem doch so gut wie unveränderten Leben wieder Fuß zu fassen, Für seinen ehemaligen Freundeskreis wurde er ein Fremder, seine Stadtwohnung verwaiste, und auch draußen auf dem Landsitz zog er sich bald völlig auf sein eigenes Quartier und letztendlich ein entlegenes Gartenhaus zurück. Von einem der alten Gärtner konnte man erfahren, daß er tagsüber oft in tiefem Trübsinn verharrte, wohingegen er in der Nacht in dem ungeheizten Gartenhaus leise klagend hin- und widerging. In irrer Aufgeregtheit soll er bisweilen auch irgendwie mit den Kriegshandlungen in Zusammenhang stehende Wörter aneinandergereiht haben, und bei der Aneinanderreihung solcher Kriegswörter hat er sich anscheinend, als ärgere er sich über seine Begriffsstutzigkeit oder als gelte es, das Gesagte auf ewig auswendig zu lernen, mit der Hand immer wieder vor die Stirn geschlagen. Mehrfach geriet er darüber so außer sich, daß er nicht einmal die engsten Freunde zu erkennen vermochte, so als habe er sie vergessen. Aber Vergessen ist hier kein richtiges Wort. Sein Gedächtnis hat ebensowenig gelitten als seine Einbildungskraft. Aber Berge können sie eben nicht versetzen; er steht nun einmal außerhalb des Gewohnten, außerhalb unserer Menschheit, immerfort ist er ausgehungert, ihm gehört nur der Augenblick, der immer fortgesetzte Augenblick der Plage, dem kein Funken eines Augenblicks der Erhöhung folgt, er hat immer nur eines: seine Schmerzen aber im ganzen Umkreis der Welt kein Zweites, das sich als Medicin aufspielen könnte, er hat nur soviel Boden als seine zwei Füße brauchen, nur soviel Halt als seine zwei Hände bedecken, also um soviel weniger als der Trapezkünstler im Variete, für den sie unten noch ein Fangnetz aufgehängt haben. Uns andere uns hält ja unsere Vergangenheit und Zukunft, fast allen unseren Müßiggang und wie viel von unserem Beruf verbringen wir damit, sie im Gleichgewicht auf und abschweben zu lassen. Was die Zukunft an Umfang voraus hat, ersetzt die Vergangenheit an Gewicht und an ihrem Ende sind ja die beiden nicht mehr zu unterscheiden früheste Jugend wird später hell wie die Zukunft ist und das Ende der Zukunft ist mit allen unsern Seufzern eigentlich schon erfahren und Vergangenheit. So schließt sich fast dieser Kreis, an dessen Rand wir entlang gehn. Nun dieser Kreis gehört uns ja, gehört uns aber nur solange als wir ihn halten, rücken wir nur einmal zur Seite, in irgendeiner Selbstvergessenheit, in einer Zerstreuung einem Schrecken, einem Erstaunen, einer Ermüdung, schon haben wir ihn in den Raum hinein verloren, wir hatten bisher unsere Nase im Strom der Zeiten stecken, jetzt treten wir zurück, gewesene Schwimmer, gegenwärtige Spaziergänger und sind verloren. Wir sind außerhalb des Gesetzes, keiner weiß es und doch behandelt uns jeder danach.

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